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Debatte um Tichys Einblick: das flott-riskante Spiel mit dem Etikett des Rechtspopulismus

Roland Tichy

„Haushohen Respekt“ für Friedrich Merz bekundete dieser Tage die renommierte Publizistin Evelyn Roll, die bislang nicht durch besondere Sympathie mit dem Ex-CDU-Politiker aufgefallen war. Anlass war die Entscheidung von Merz, den Ludwig-Erhard-Preis nicht anzunehmen, weil er „um keinen Preis auf einer Bühne“ mit Roland Tichy stehen wolle. Dem Mann hinter dem hochumstrittenen Portal Tichys Einblick.

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Ein Gastbeitrag von Franz Sommerfeld

So jedenfalls wurde die Motive kolportiert, die Friedrich Merz bewogen haben sollen, den Preis zurückzuweisen, und Merz dementierte nicht, sondern ließ die Gerüchteküche schweigend köcheln. Vielleicht hat er auch nur die unverhoffte Zustimmung genossen, die vom SPD-Abgeordneten Karl Lauterbach bis zum FDP-Politiker Alexander Lambsdorff reichte. Letzterer präsentierte sogar eine selbst recherchierte Enthüllung, nach der nämlich “Tichys Einblick nicht zufällig so oft auf den Pulten der @AFD im Bundestag liegt“, allerdings ohne „nicht zufällig“ oder „oft“ zu spezifizieren. Dass dieses Spiel mit flotten Etiketten unernst wirkt, liegt nicht an Twitter, sondern an den Spielern.

Lambsdorff, Lauterbach und andere erheben den Vorwurf des Rechtspopulismus gegen Tichy. Dieser Begriff zeichnet sich dadurch aus, dass er schwer zu charakterisieren und erst Recht nicht abzugrenzen ist. Wer einmal mit diesem Verdacht infiziert wurde, wird ihn nur schwer wieder los. Das Etikett klebt fest und verbreitet sich mit vertrauter Web-Geschwindigkeit. In diesem Fall trifft es mit Roland Tichy jemanden, der zu den großen Begabungen seines Metiers zählt und aus guten Gründen im Jahre 2008 als „Wirtschaftsjournalist des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

Denn unter dem Chefredakteur Tichy präsentierte sich die Wirtschaftswoche als höchst lebendiges und neugieriges Magazin. Früh wurden grüne und ökologische Themen aufgegriffen. Regelmäßig erschienen Texte zu Klimawandel und Energiewende; selbst zum Elektroauto, als das anders als heute noch nicht selbstverständlich war. Tichy, der von alledem wenig hielt, achtete gleichwohl darauf, dass andere Meinungen und Blicke erschienen. Alles in allem konnten die Leser ein publizistisches Feuer im Magazin spüren. Dabei waren Tichys Kommentare oft von einem beinahe dogmatisch marktwirtschaftlichen Geist geprägt, der gelegentlich unpolitisch wirkte und den Konflikt nie scheute. Es mag sein, dass seine temperamentvollen Ausfälle durch Redaktion und vielleicht auch den Verleger ein Stück gebändigt wurden. Auf jeden Fall taten sie dem Magazin gut.

Bei Roland Tichy wirkten die Verletzungen des Abgangs von der Wirtschaftswoche lange nach

Das funktionierte, bis der neue starke Mann der Handelsblatt-Gruppe, Gabor Steingart, sich seiner im Jahre 2014 entledigte, vielleicht weil er ihn als Konkurrenten fürchtete und weil Tichy mit Sicherheit als Chefredakteur schwer zu händeln war. Letzteres wurde unübersehbar, als Steingart dem Scheidenden Unfreundliches nachrief: Es gehe bei der Wirtschaftswoche um einen „publizistischen Neuanfang. Die Wirtschaftswoche ist in unserem Verständnis nicht Teil der nationalen Apokalypse-Industrie, sondern steht für die Fortentwicklung der sozialen Marktwirtschaft und die Erneuerung Europas. Sie pflegt einen Grundton der unternehmerischen Zuversicht.“ Professionell klingt anders. Längst hat Gabor Steingart ein ähnliches Schicksal erlitten, allerdings wirtschaftlich deutlich besser abgesichert. Und immer noch kann er es nicht lassen, Tichy zu verspotten und ihm anlässlich der Merz-Absage vorzuhalten, „nicht mehr gerade denken und schreiben“ zu können.

Der Wechsel von Chefredakteuren kann Redaktionen gut tun, doch keine Regel ohne Ausnahme. Bis heute hat sich die Wirtschaftswoche nicht von Tichys Entlassung erholt, der von Steingart ausgerufene Neuanfang fand nicht statt, die publizistische Spannung ging verloren, die Relevanz schwand.

Auch bei Tichy wirkten die Verletzungen dieses Abganges lange nach. Aber er rappelte sich auf. Publizistisch hatte er immer das Unternehmertun hochgehalten und wurde nun selbst einer. Er gründete das Portal tichyseinblick.de und später einen papiernen monatlichen Ableger. Als gewiefter Unternehmer fand er dafür eine Marktlücke, nämlich die von der Politik Angela Merkels Enttäuschten und durch Zuwanderung, Globalisierung und Digitalisierung Verunsicherten, viele von ihnen zählten zur schnell anwachsende Anhängerschaft der AfD. Die zerfallende Hegemonie rot-grüner Vorstellungen, die lange Politik und Gesellschaft prägten, erleichterte ihm das Geschäft.

Aber die Marktlücke blieb eben auch nur eine Lücke, ein begrenztes Segment. Diese Kunden wünschen eine klare Bestätigung ihres Weltbildes, da ähneln sie durchaus den radikalen Linken in früheren Zeiten. Die Lust am Widerspruch ist ihre Sache nicht. Dem kam Tichy anfangs entgegen, doch der Ton vieler Autoren erwies sich schnell als zu laut und durchsetzt mit billiger Polemik. Bettina Röhl schmähte die Bundeskanzlerin als „kinderlose Mutter“ und Fall für die Psychatrie („Borderlinerin“). Die Forderung, „die Merkel Partei, eine Partei von Schlappschwänzen, Duckmäusern, von amtsgierigen Opportunisten und Jasagern, zu zerbrechen“, erinnerte eher an die Pamphlete der RAF als an ernsthaften Journalismus. Anfang letzten Jahres forderte ein Autor, man müsse grün-linke „Gutmenschen“ aufgrund ihrer „psychischen Erkrankung behandeln“.

Die öffentliche Empörung darüber zwang Tichy schließlich, von seiner Nebentätigkeit als Herausgeber von „Klartext“, einem Forum des Karriere-Netzwerks „Xing“, zurück zu treten. Ein Aufruf zum Anzeigenboykott lief allerdings ins Leere, der Initiator verlor seinen Job. Tichy nahm den Text aus dem Netz und entschuldigte sich.

Das wiederum brachte seine Anhänger aus dem AfD-Milieu gegen ihn auf. Sie kritisierten, dass „das Magazin zwar durchaus kritisch berichtet und kommentiert, dass die Kritik vielleicht nicht gerade an der Oberfläche bleibt, aber auch nicht ans Eingemachte geht. In dieses Bild passt wohl auch eine gewisse AfD-Feindlichkeit, nicht Kritik, sondern extreme Ressentiments. Sie hielten ihm vor, den Schritt heraus aus dem bürgerlichen Lager nicht zu wagen; letztlich würde er eben doch CDU und FDP nahe stehen.

So wurde die AFD zur Scheidelinie seines Portals, die Tichy bislang nicht überschreitet. In einem brillanten Porträt analysiert er am Beispiel des Vogelschiss-Auftritts das politische Kalkül von AfD-Chef Alexander Gauland:

Wer jemals über einen der vielen Soldatenfriedhöfe ging, die Europas Wunden von Nord bis Süd, von Ost bis West zeigen, oder über eine der Gedenkstätten der Opfer des Terrors gegen Juden und andere Gruppen, von Gauland muss er sich verhöhnt fühlen: „Vogelschiss“… Damit stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Gauland zerstört bewusst den Konsens, dass Verbrechen nicht verharmlost werden, und dass nicht aufgerechnet wird. Die Bilanz des Todes ist immer wieder nur der Tod. Denn wenn aufgerechnet wird, gibt es keine Versöhnung, nur noch Rache. Er eröffnet die große Rechnung, auch wenn er so tut, als meinte er die „guten“ Zeiten der deutschen Geschichte, er weiß genau, auf welchen Gefühlen er spielt: Auschwitz gegen Dresden, Vertreibung gegen Massenmord an der Zivilbevölkerung in allen von der Wehrmacht besetzten Ländern. Er verwischt damit Verantwortung und stellt Ursachen und Wirkung auf den Kopf.

Ähnlich gerät sein Plädoyer gegen Identitätspolitik:

Leben und leben lassen, und jeder soll auf seine Weise beten oder es auch bleiben lassen – dieser gewaltige kulturelle Fortschritt wird gerade 200 Jahre zurückgedreht. (…) Es wird unerbittlich bis zur Lächerlichkeit: Veganer gruseln sich vor Fleischessern (denen man auch mitteilt, dass sie den Planeten vernichten), Raucher sind eine tatsächlich verfolgte Minderheit, das sage ich als Nichtraucher. Radfahrer fühlen sich beim Kampf gegen den Klimawandel auf einem heroischen Feldzug gegen Autofahrer, bis sie wiederum selber einer sind, ganz nach Opportunität. Ein SUV wird zum Statement. Die Überschreitung der Grenze zur Lächerlichkeit wird nicht erkannt, aber richtig: Es gibt ja keine Grenzen mehr. Darf keine mehr geben. Nur um den eigenen Vorgarten. Der ist heiliges Land.

Tichys Problem ist, dass es Stücke von solcher Qualität fast nur von ihm gibt, einige wenige von anderen. Es fehlt ihm an brillanten und jungen Autoren; manche scheuen sich wegen des rechtspopulistischen Rufes. Die anderen versuchen, fehlende Begabung durch Lautstärke auszugleichen. Das verleiht dem Webportal einen Grundton der Empörung. Die monatliche Papierausgabe wirkt gelassener und ist in ihrem grafischen Auftritt irgendwo zwischen Spiegel und Wirtschaftswoche angesiedelt, ohne auch nur annähernd über deren Potenzial zu verfügen. Detlev Esslinger hat in der Süddeutschen Beispiele für die redaktionellen Schwächen zusammen getragen. Aber interessanter ist, dass es ihm nicht gelingt, seine These von Tichys Einblick als „Forum für rechtspopulistische Beiträge“ zu belegen.

Der für das Marketing so geliebte Verfolgten-Status geht verloren

Es sei denn, man hält Tichys zentrales Anliegen, die Zuwanderung zu begrenzen und Angela Merkels Politik rabiat abzulehnen, schon für rechtspopulistisch. Denn das ist der rote Faden für Tichys Einblick. Damit werden die meisten Texte so berechenbar wie die Leitartikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen. Man weiß, was zu erwarten ist und muss sie eigentlich nicht mehr lesen. Darin liegt der schärfste Unterschied zu Tichys Wirtschaftswoche, die immer für eine Überraschung gut und selten ein Selbstbestätigungs-Organ war.

In dieser engen thematischen Fokussierung liegt für Tichy die größte Gefahr. Angela Merkel ist spätestens bei der nächsten Bundestagswahl nur noch ein Thema für zeitgeschichtlich Interessierte. Der Konflikt um die Zuwanderung wird zwar bleiben, aber gerade hier nähert sich der öffentliche Grundton eher den Vorstellungen von Tichy an. Damit wird die Verantwortung für Fehlentwicklungen bald nicht mehr den Anhängern offener Grenzen zugerechnet werden, sondern denen, die sie abzuriegeln versuchen. Zugleich zerfällt Tichys Opfer- und Heldenerzählung, nach der Tichys Einblick das berichtet, was andere verschweigen. Und schließlich kann er sich nicht länger als tapferen Kämpfer gegen eine grün-liberale Hegemonie inszenieren, wenn seine Vorstellungen längst zum öffentlichen Mainstream gehören. Der für das Marketing so geliebte Verfolgten-Status geht verloren.

Doch im Grunde ist das alles schon Vergangenheit. Um darum hängt der Aufregung um Tichy und der Merz-Absage auch etwas Verblichenes an, wie einem Spiel aus alten Zeiten. Denn die neuen Konfliktlinien verlaufen zwischen den weltweit vordringenden Autoritären und den verbleibenden klassisch demokratischen Gesellschaften. Die jüngste Allenbach Studie wirft die Frage auf,  „inwieweit eine Demokratie auf Dauer die zunehmende Komplexität der Politik aushält, die mühsame Suche nach Kompromissen, auch die zahlreichen Misserfolge, ohne Gefahr zu laufen, bei Autokraten Zuflucht zu nehmen. Die Beispiele demokratisch legitimierter Politiker, die auf die Unlust am Konsens und das Bedürfnis nach starker Führung bauen, daher Institutionen schwächen und die demokratische Kultur beschädigen, nehmen in Europa und außerhalb auffällig zu. (…) Dies stimuliert die Sehnsucht nach starken, durchsetzungsfähigen Führungsfiguren. 60 Prozent der Bevölkerung meinen, es werde in Deutschland zu sehr auf Kompromisse gesetzt; notwendig seien starke politische Führungsfiguren, die eine klare Richtung vorgeben und sich durchsetzen.“

Demokratischer Kompromiss oder autoritäre Entscheidung  – in dieser Auseinandersetzung wird sich erweisen, welchen Weg „Tichys Einblick“ nimmt. Es macht keinen Sinn, ihn bereits vorsorglich den Autoritären und Rechtspopulisten zuzuordnen. Im Gegenteil: Jede kluge Stimme wird gefragt sein, die republikanischen Errungenschaften zu verteidigen. Spätestens dann entscheidet sich, ob Roland Tichy ein Forum für Rechtspopulisten heraus gibt.

Über den Autor: Franz Sommerfeld, Jahrgang 1949, Studium der evang. Theologie, Redakteur, Reporter, Chefredakteur verschiedener Zeitungen von den „roten Blättern“ des Marxistischen Studentenbundes Spartakus bis zum „Kölner Stadt-Anzeiger“, Vorstand der Mediengruppe DuMont. Publizist, Mitglied des Kuratoriums des Theodor-Wolff-Preises und der Jury für die „Journalisten des Jahres“. Verschiedene Veröffentlichungen, 2008 „Der Moscheestreit“ bei Kiepenheuer und Witsch.

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