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Mehr als nur Nerd-TV? Washington Post startet Video-Offensive bei Amazon-Plattform Twitch

Die Washington Post versucht sich auf dem Videodienst Twitch
Die Washington Post versucht sich auf dem Videodienst Twitch

Twitch.tv, das Streamingparadies für Gamer, weckt nun auch das Interesse von Medienhäusern. Die renommierte Washington Post hat in dieser Woche zwei Formate darauf gestartet, eines davon ist eine Interviewreihe, in dem der Journalist Dave Weigel mit Politikern Videospiele zockt. Trotz schwacher Abrufzahlen birgt der von Amazon übernommene Videodienst Potenzial für journalistische Inhalte.

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Für den Start von “Playing Games with Politicians” auf der Streamingplattform Twitch.tv hat sich die Redaktion der Washington Post gleich ein komplexes Videospiel rausgesucht: die American-Football-Simulation Madden 18. Dem Politikjournalisten Dave Weigel war, wie er im Nachgang der Übertragung verriet, von Beginn an klar, dass er gegen seinen Gast, der direkt neben ihm auf der Couch Platz genommen hatte, keine Chance haben würde. Matt Gaetz, Republikaner und Vertreter des Bundesstaates Florida im US-Repräsentantenhaus, hatte sich zur Premiere der Interviewreihe zur Verfügung gestellt. Während Gaetz also sein Gegenüber im Nationalsport der Amerikaner abservierte, ließ er sich von Weigel über die heimische Politik und seine Ambitionen ausfragen. Zusätzlich reichte Sidekick Gene Park, der den Werbeclaim des Hauptstadtblattes “Democracy Dies in Darkness” auf der Brust präsentierte, Fragen der Community weiter.

Für alle, die Twitch nicht kennen: Die Live-Streaming-Plattform ist 2011 an den Start gegangen und bedient seitdem vor allem den Videospiel- und eSports-Sektor. Drei Jahre später schnappte sich Amazon das Unternehmen für 970 Millionen US-Dollar. Bei Twitch tummeln sich Nutzer, die ihre Spiele zum Beispiel in Fifa, Minecraft oder Fortnite streamen und sich dabei wahlweise selbst aufnehmen. Diese erhalten über ein dreistufiges Abomodell zudem weitere Features für den Dienst. Aber auch auch professionelle Anbieter wie die Electronic Sports League oder der deutsche Web-Sender RocketBeansTV sind auf der Plattform vertreten. Twitch investiert zudem massiv in professionell produzierte Streams großer eSports-Veranstalter. Medienberichten zufolge zahlte das junge Unternehmen im Januar 2018 für die Übertragungsrechte der sogenannten Overwatch League 90 Millionen US-Dollar. Eine Auswertung des Marktforschungsinstituts Statista zeigt, wie stark das Portal allein von Oktober 2016 bis Dezember 2017 gewachsen ist. Die Zahl der weltweit monatlich aktiven Streamer ging in diesem Zeitraum von 216.000 auf 551.000 rauf.

Dave Weigel (links unten) und Matt Gaetz haben während des Interviews gedaddelt

Dave Weigel (im Bild unten links) und Matt Gaetz während des Interviews

Die Redaktion der Washington Post, 2013 von Amazon-Gründer Jeff Bezos gekauft, sieht in Twitch jedenfalls eine Plattform mit Potenzial. Über sein eigenes Blog kündigte der Verlag an, künftig Formate darauf zu übertragen. Das Experiment mit der Anhörung von Facebook-CEO Mark Zuckerberg im April habe gezeigt, dass bei den Nutzern ein generelles Interesse an Nachrichten und Analyse vorhanden sei. Die Redaktion freue sich über neue Formen des Storytellings, wird Video-Chefin Phoebe Connelly zitiert, und die Möglichkeit, die politische Expertise mit neuen Nutzern zu teilen. Gegenüber dem Branchendienst Digiday betonte Connelly, dass die Entscheidung für Twitch einzig und allein mit dem Publikum zu tun habe; nicht damit, dass Bezos die Post und den Streamingdienst besitzt. Dieses sei in der Kernzielgruppe zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Neben dem bereits vorgestellten Interviewformat stehen in Zukunft Live-Übertragungen von “must-watch news and political events” im Zentrum. Den Anfang machten dabei Libby Casey und Gene Park, die in “Live with Libby Casey” eine politische Analyse zum Treffen von US-Präsident Donald Trump und seinem russischen Pendant Wladimir Putin in Helsinki lieferten. Unterstützt wurden sie vom Weißen-Haus-Korrespondenten David Nakamura. Trotz über 14.800 Abonnenten (Stand 20. Juli 2018, Anm. d. Red.) sind die Abrufzahlen der Analysen überschaubar. Die Folge von Montag hat bislang lediglich 117 Aufrufe. Einzelne Videos aus der Testphase erreichten dagegen nach Ende der Live-Übertragung – also auf Abruf – bis zu 7.500 weitere Zuschauer.

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Potenzielle Werbepartner können, wie von anderen Plattformen gewohnt, vor der Übertragung Clips schalten. Twitch gibt aus den Einnahmen dann einen Anteil weiter an den Publisher. Die Washington Post selbst bewirbt darüber hinaus derzeit vor allem das Digital-Abo mit einer simplen Grafik unter dem Video.

Mobile Nutzung steigt enorm

Besonders über die mobile Nutzung generiert das Angebot eine enorme Reichweite. Während sich Online-Visits in einem niedrigen zweistelligen Millionenbereich entwickeln, im Juni dieses Jahres waren es hierzulande rund 31 Millionen (davon knapp 28 Millionen Zugriffe im Inland), steigen die mobilen Zugriffe über die App rasanter. Mitte 2014 lag die Reichweite bei 81 Millionen Visits, im November 2017 schon bei 238 Millionen und im Juni 2018, das zeigt die IVW-Auswertung für den Monat Juni, bei 357,4 Millionen Visits (gesamt). Die Zahlen belegen aber auch, dass gerade in Deutschland die Nutzung im weltweiten Vergleich abfällt. In die Top 20-Angebote im mobilen Bereich (nur Inland) schafft es der Streamingdienst mit 19,3 Millionen Visits nämlich nicht. Addiert man Online- und Mobil-Zahlen zusammen, nimmt es das Portal bei der Reichweite durchaus mit publizistischen deutschen Größen wie bild.de, Spiegel Online oder t-online.de auf.

Dass es für bestimmte Medienmarken ohne Twitch nicht mehr geht, zeigt das Beispiel von Entertainment-Sender RocketBeansTV. Nachdem sie im Sommer 2016 angekündigt hatten, ihre Inhalte nur noch auf Googles YouTube zu veröffentlichen, kehrte der Internetsender nach nicht einmal zwölf Monaten zurück zu Twitch. Als Begründung sagte damals Programmdirektor Michael Petrescu über die Entscheidung: “Wir verfolgen so weiter unsere Strategie, RocketBeansTV möglichst auf den Plattformen anzubieten, auf denen unsere Zuschauer unterwegs sind.” Im Live-Betrieb läuft seitdem auf allen Kanälen dasselbe Programm, als Video-On-Demand-Mediathek liegt der Fokus weiter auf YouTube.

Für die Washington Post wird es nun darum gehen, den Kanal bekannter zu machen und mehr Zuschauer anzulocken. Das erste Interview hatte während der Live-Übertragung in der Spitze magere 250 Zuschauer. Immerhin: Die größte journalistische Sorge von Journalist Dave Weigel, dass er an der Multitasking-Aufgabe aus Daddeln und Gesprächsführung scheitern würde, bewahrheitete sich nicht. Wie konzeptionell angelegt verlief das rund 45-minütige Live-Video zwar anders als ein klassisches Interview. Es hatte beispielsweise viel mehr Unterbrechungen durch die Ereignisse im Videospiel und auch der rote Faden fehlte gelegentlich. Dem eigentlichen Anlass, nämlich über die US-Politik zu diskutieren, blieben Weigel und Gaetz treu. Geplant sind mindestens zwei weitere Ausgaben mit dem demokratischen Senator Cory Booker und der ebenfalls demokratischen Kongressabgeordneten Suzan DelBene.

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