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„Empörungsjournalismus unterschätzt die Kraft objektiver Information“: dpa-Mann Homburger kontert Sascha Lobos Kritik an Trump-Berichterstattung

"Kotze ist kein misslungenes Tellergericht": dpa und ZDF sehen die Vorwürfe von Sascha Lobo (Foto) wegen einer angeblich verharmlosender Trump-Berichte als nicht stichhaltig an

Spiegel Online-Kolumnist Sascha Lobo fürchtet, dass durch eine zu staatstragende Berichterstattung über die politischen Manöver und Ausfälle des US-Präsidenten Donald Trump der Effekt einer Normalisierung von abstrusen Vorgängen eintrete. Von deutschen Medien fordert er mehr Haltung. Redaktionen von der dpa und dem ZDF heute-journal dazu.

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Der Blogger und Journalist Sascha Lobo problematisiert in seiner Spiegel Online-Kolumne “Medien in Trump-Zeiten – Berichterstattung und Haltung kann man nicht trennen” vom vergangenen Mittwoch die deutsche Berichterstattung über den US-Präsidenten Donald Trump. Anlass ist das jüngste Treffen von Trump mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in Helsinki. Dort hatte der US-Präsident öffentlich bekundet, er glaube nicht an eine Manipulation der US-Präsidentschaftswahl 2016. Einen Tag später ruderte er nach massiver Kritik plötzlich zurück, behauptete plötzlich, sich nur versprochen zu haben.

Sascha Lobo beanstandet nun, dass der Journalismus in Deutschland versuche, „mit den Instrumenten politischer Normalität das Aberwitzige zu verarbeiten” oder plump ausgedrückt:

Man kann über Kotze nicht berichten wie über ein misslungenes Tellergericht. Man muss sagen, dass es Kotze ist. Auch außerhalb von Kolumnen und Glossen.

Um seine Sicht der Dinge zu belegen, zitiert Lobo in dem Text beispielhaft drei Überschriften zu dem Thema aus deutschen Medien (ohne das Medium zu nennen oder anzuklagen). Eine davon lautet „Trump muss nach Helsinki-Gipfel Wogen in den USA glätten“ und wurde von der dpa verfasst.

Der Nachrichtenchef der dpa, Froben Homburger, äußerte gegenüber MEEDIA wenig Verständnis für Lobos Sichtweise: “Ich kann Sascha Lobos Fassungslosigkeit über die ohne Zweifel historischen Irrungen und Wirrungen im Weltgeschehen nachvollziehen. Seine Kritik an der Medienberichterstattung über Donald Trump kann ich aber so nicht teilen. Und seine Absage an neutrale und objektive Berichterstattung irritiert mich.”

Zwar müssten nach Lobos Ansicht Berichterstattung und Meinung weiter getrennt werden, er hält es aber für notwendig, der Berichterstattung zumindest eine Haltung zu verleihen und schloss seinen Text mit der Aufforderung, „nicht mehr so zu tun, als könne man neutral und objektiv über Vorgänge berichten, über die sich aus der Perspektive der liberalen Demokratie nicht neutral und objektiv berichten lässt.“

Froben Homburger sieht die Vermischung von Haltung und Berichterstattung kritisch: “Hinter Haltungsjournalismus versteckt sich gerne Empörungsjournalismus, bei dem das Emotionalisieren im Vordergrund steht und nicht das Informieren. Vor allem aber unterschätzt Empörungsjournalismus die Kraft objektiver und nüchterner Information – und er unterschätzt auch die Fähigkeit der Leser, Hörer, Zuschauer und User, für sich selbst das möglicherweise Empörende hinter einer neutralen Information und sachlichen Einordnung zu erkennen.”

Auch den Titel „Trump erklärt und korrigiert sich“, den ein Beitrag aus dem heute-journal trägt, führt Lobo als Beispiel an und bezeicchnet ihn als „ein unabsichtliches journalistisches Geschenk für Trump“.

Wulf Schmiese, Redaktionsleiter beim heute journal des ZDF, sprach mit MEEDIA über die Vorgehensweise seiner Redaktion zur Aufbereitung derartiger Themen: “Solange Trump nicht politisch entmündigt wird, ist er der gewählte Präsident der ältesten und mächtigsten Demokratie der Welt, den USA. Über Aussagen des amerikanischen Präsidenten berichten wir nachrichtlich korrekt zitierend oder ihn im O-Ton zeigend. Wenn auf Aussagen Trumps eine relevante Reaktion folgt, die ihn etwa der Provokation oder Lüge bezichtigt, gehört das auch in eine Nachricht.”

Im Gegensatz zu Sascha Lobo erachtet Wulf Schmiese darüber hinaus den Kommentar zur Äußerung von Haltungs- oder Meinungsbekennungen für ausreichend: „Um zusätzlich Trumps Aussagen einzuordnen, ob als Lügen, Irrsinn oder auch Wahrheit, nutzen wir die Möglichkeit des Kommentars. Und wir führen Interviews mit beobachtenden Fachleuten wie auch erklärten Trump-Anhängern oder Gegnern.“

Die Redaktionen von Welt, Bild, Spiegel Online sowie Deutschlandradio wurden ebenfalls um ein Statement gebeten. Bis Freitagnachmittag haben sie sich jedoch gegenüber MEEDIA nicht dazu geäußert.

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