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Die Gefährdung der Menschenwürde – warum man für das „Pro&Contra“ zu privater Seenotrettung in der „Zeit“ dankbar sein sollte

Zeit Autorin Mariam Lau wurde viel kritisiert für ihren Beitrag zur privaten Seenotrettung in der Zeit – nun ist sie für den Theodor-Wolff-Preis nominiert

Die Zeit hat für ein „Pro&Contra“ in der aktuellen Ausgabe, das Motive und Handlungen privater Seenotretter im Mittelmeer diskutiert, massive Kritik aus Medien- und Politikkreisen erfahren. Für Franz Sommerfeld, Ex-Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers und ehemaliger Publizistik-Vorstand bei DuMont, gehören solche Fragen und Kritik aber zum Wesen des Journalismus. Man müsse ihr danken, dass sie die Motive der Seenot-Retter kritisch hinterfragt.

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Ein Gastbeitrag von Franz Sommerfeld

Offensichtlich muss man Mariam Lau ausdrücklich dafür danken, dass sie im Pro und Contra der aktuellen Zeit Offensichtliches ausspricht wie die Feststellung, dass „die (Seenot-)Retter längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper sind“.

Und dafür danken, dass sie die Motive und Begründungen der Seenot-Retter kritisch hinterfragt: „Viele Retter begründen ihr Handeln unter anderem damit, dass jeder Mensch das Recht habe zu fliehen, wohin er will. Weil es so ein Recht juristisch nicht gibt, begründen sie es moralisch. Europa stehe, so sagt es zum Beispiel Ruben Neugebauer, Sprecher der Rettungsorganisation Sea-Watch, obendrein wegen „kolonialer und postkolonialer Ausbeutungsprozesse“ in der Schuld der Migranten. Sie holten sich also nur einen Bruchteil dessen zurück, was man ihnen weggenommen habe. Diese fragwürdige Kausalkette geht nicht nur davon aus, dass die Bewohner ehemaliger Kolonien für nichts verantwortlich sein können – nicht mal für ihr eigenes Unglück –, sondern sie geht auch mit einer gewaltigen Selbstüberhöhung einher: Manche Seenotretter vergleichen sich unerschrocken mit den Fluchthelfern der DDR oder gar mit jenen, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben.“

Denn solche Fragen und solche Kritik machen das Wesen von Journalismus aus. Journalisten haben auch die Beweggründe und Begründungen der vermeintlich „Guten“ zu prüfen. Wer allerdings den Shitstorm liest, der seit Tagen über die Journalistin hinein bricht, kann erkennen, wie die weltweite Konterrevolution der Autoritären im Lager der Liberalen eine Schützengraben-Mentalität auslöst, die einem offenen Streit nicht zuträglich ist und stattdessen die Freiheit, zu fragen und hinterfragen, einer „liberalen Selbstzensur“ unterwirft. So hält Heribert Prantl von der Süddeutschen der Zeit empört vor, schon allein durch das Pro und Contra die Menschenwürde zu verletzen.

Als besonders schändlich gilt den empörten Kritikern die Frage von Mariam Lau danach, wie die Akzeptanz für Flüchtlinge in den demokratischen Gesellschaften des Westens zu sichern ist. Wer die Demokratie respektiert und schützen will, hat sich mit ihren Fragen auseinander zu setzen: „Stellen wir uns für zwei Minuten vor, wo Europa jetzt stünde, wenn man dem Drängen der Menschenrechtsorganisationen nach Legalisation aller Wanderungsbewegungen, ob Flucht oder Armutsmigration, nachgegeben hätte. Nach einem Europa ohne Grenzen. Eine Million, zwei Millionen, drei Millionen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die letzte demokratische Regierung fällt?“

Dass Mariam Lau heftigen Widerspruch erfährt, wird sie gewusst haben. Ihre Überlegungen brauchen den Streit. Doch die Schrillheit der Empörung verrät viel von der Defensive der Demokraten und der Gefährdung der Menschenwürde.

Diesen Beitrag hat Franz Sommerfeld auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. MEEDIA publiziert ihn mit seiner freundlichen Genehmigung.

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