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“Wir wären gerne manchmal lustiger”: Watson.de-Chefin Gesa Mayr über die Ausrichtung des Portals

“Wir sehen uns in Konkurrenz zu anderen Nachrichtenportalen”, sagt Watson.de-Chefredakteurin Gesa Mayr
"Wir sehen uns in Konkurrenz zu anderen Nachrichtenportalen", sagt Watson.de-Chefredakteurin Gesa Mayr

Watson.de ist Ende März als Ableger des Schweizer Nachrichtenportals hierzulande gestartet. Das Angebot der "Generation Mobile", wie es im Werbeclaim heißt, hat einen guten Start hingelegt, zuletzt laut IVW-Zahlen aber gehörig Reichweite eingebüßt. Chefredakteurin Gesa Mayr hat mit MEEDIA über die publizistische Strategie, Konkurrenzportale und die Zukunft von Public Video gesprochen.

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Das Wort Jugendportal mag Gesa Mayr gar nicht. Das habe immer etwas von Kinderjournalismus. “Unsere Zielgruppe ist zwischen 20 bis 36 Jahre alt”, sagt die Watson.de-Chefredakteurin Anfang Juli im Konferenzraum der Berliner Redaktion in der Torstraße, wo sie gemeinsam mit ihrem Team und den Kollegen von t-online.de auf einer Etage sitzt. Die politische Lage ist zum Zeitpunkt des Gesprächs noch angespannter als zur Veröffentlichung dieses Artikels: Im Regierungsviertel geht es für Journalisten gerade darum, den Asylstreit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer zu deuten, Sieger und Verlierer auszumachen sowie die Langzeitfolgen einzuschätzen.

Gesa Mayr ist seit rund drei Monaten Chefredakteurin von Watson.de, dem deutschen Ableger des erfolgreichen Nachrichtenportals aus der Schweiz. Das Unternehmen Ströer hatte sich die Lizenzrechte gesichert und in Berlin Ende März ein mittlerweile 24-köpfiges Team an den Start gebracht. Mayr kennt sich mit der Führung einer jungen Redaktion und der Ausrichtung eines Portals für die junge Zielgruppe bestens aus, hat sie doch als Vize-Chefin von Bento mehr als anderthalb Jahre Erfahrung gesammelt. Als Konkurrenz zu ihrem früheren Arbeitgeber sieht sie Watson.de allerdings nicht. “Wir sind ein Nachrichtenportal für Menschen, die News, Geschichten, Videos konsumieren und das vor allem am Smartphone und über Social Media tun”, erläutert sie im Gespräch mit MEEDIA. Der große Unterschied zwischen Watson auf der einen Seite und Ze.tt und Bento auf der anderen sei, dass das Hauptaugenmerk auf Nachrichten läge.

“Wer meckert und sich beklagt, muss irgendwann liefern”

“Wir sehen uns in Konkurrenz zu anderen Nachrichtenportalen”, betont Mayr deshalb selbstbewusst. Was die Schnelligkeit und Präzision der (Push-) Nachrichten betrifft, will das Watson-Team mit “größeren News-Seiten mithalten”. Im März dieses Jahres machte der für Medieninhalte verantwortliche Ströer-Geschäftsführer Marc Schmitz gegenüber der dpa freilich Bento als Hauptkonkurrent aus. Die IVW-Zahlen des sehr jungen Watson.de-Angebots – das zeigen die ersten drei Monate – sind vorzeigbar. Im April platzierte sich Watson.de mit 6,4 Millionen Visits im Inland (online und mobil) als Neuling auf Platz 34 der deutschen Nachrichtenangebote. Dass 50 Prozent des Traffics durch Verlinkungen auf t-online.de zustande kamen, wie es die Zahlen von SimilarWeb zeigen, schiebt Mayr auf einen Messfehler in der Auswertung. “Die Kritik habe ich auch schon gehört. Dabei hat Similar Web die Zahlen falsch ausgewiesen.” Derzeit komme der Traffic lediglich im einstelligen Bereich von t-online.de.

Einen Monat später wuchs der Traffic um satte 38,8 Prozent auf 8,9 Millionen Visits (Inland); im Mobile-Only-Bereich stieg das Portal, passend zur strategischen Ausrichtung, in die Top 20 auf und lag damit einige Plätze vor Bento. Die aktuellen Zahlen sind dagegen ernüchternd: Das enorme Mai-Plus haben die Berliner fast komplett eingebüßt. Minus 31,8 Prozent bedeuten Rang 40 in Deutschland, im Vergleich zum Premierenmonat sind die Zahlen insgesamt dennoch etwas besser. Die angestrebten mehr als zehn Millionen monatlichen Visits erreicht das Portal damit (noch) nicht. Auf der Homepage von t-online.de hat Watson ein Schaufenster, in dem drei Texte “ausgestellt” werden. Bevor die Nachfrage kommt, spricht sie es selbst an: “T-Online ist nicht unser Haupt-Traffic-Lieferant und es ist auch nicht die Idee, unsere Reichweite dadurch zu sichern, dass wir dort andocken.”

Lustiger, unterhaltsamer und mutiger, so der Plan

Der Werbespruch “News ohne blabla”, vielfach über die öffentlichen Ströer-Videowände gespielt, erklärt Mayr wie folgt. “Unsere drei Säulen sind News, Unterhaltung und Debatte und die finden sich gleichberechtigt auf der Seite.” So weit, so bekannt. Was heißt das nun konkret? “Dass wir wegwollen von diesem Terminjournalismus und der He-said, she-said-Chronistenpflicht”, antwortet sie. Dazu gehören aus ihrer Sicht Erklärungen, Analysen und Einschätzungen aktueller Nachrichtenlagen. “Gleichzeitig wollen wir auch gegen die Kritiker der Unterhaltung angehen und vermitteln, dass man mal in Ruhe lachen darf.” Ein Blick auf den Kasten mit den meistgelesenen Artikeln zeigt, wie das an einem Donnerstagnachmittag (Stand: 12. Juli, Anm. d. Red.) aussehen kann. Dort findet sich unter anderem ein Video mit der Überschrift “Storch verursacht Handyrechnung über 2.300 Euro – und die Story dahinter ist völlig absurd” auf Platz 1, weiter unten auf der Seite gibt es einen Artikel mit dem Titel “Na endlich! Nach 66 Jahren sind die längsten Fingernägel ever endlich ab”.

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Den erwähnten Dreiklang hat das deutsche Team von den Eidgenossen übernommen, dabei eine eigene Handschrift zu finden, wird die Herausforderung von Gesa Mayr und ihrer Stellvertreterin Anne-Kathrin Gerstlauer sein. Beide sind mit einer fast identischen journalistischen Sozialisierung in der Chefredaktion angekommen. Die Stationen: Erste Erfahrungen beim Kölner Stadt-Anzeiger plus dortigem Volontariat, danach gingen sie zu überregionalen Online-Medien. Mayr landete bei Spiegel Online, später Bento; Gerstlauer war Verantwortliche Redakteurin für Zeit Campus. “Wir sind zusammen angetreten, weil wir dachten: ‘Wer oft meckert und sich beklagt, und meint, es besser zu können und zu wissen, muss auch irgendwann mal liefern'”, sagt Mayr hinsichtlich der Motivation. “Was nach den ersten drei Monaten die Erkenntnis ist: Wir wären gerne manchmal lustiger und unterhaltsamer. Wir können uns noch mehr trauen”, erklärt sie.

Schärfung der News und mehr Video-Content

Dazu gehören dann auch die sozialen Medien, zum Beispiel Instagram. Bei IGTV, dem jüngst eingeführten Streamingdienst von Instagram, gibt es mittlerweile verschiedene Formate, unter anderem politische Analysen. Ohnehin ist das soziale Netzwerk relevant für die Strategie beim Thema Public Video, einer Plattform, die bislang lediglich von den Kollegen um t-online-Chefredakteur Florian Harms bespielt wird. Die Schwierigkeiten bestehen aus Mayrs Sicht darin, dass “es sich um kürzere Einheiten ohne Ton handelt, die Inhalte direkt funktionieren müssen und es auch heißt: FSK 0.” Die Nachbarn auf derselben Etage verfügen bereits über einen eigenen Redakteur für die öffentlichen Screens. Und was ist nun mit Instagram? “Die Videos laufen hochkant und deshalb gibt es die Überlegung, wie wir die Instagram-Inhalte irgendwann für Public Video nutzen.” Konkrete Details nennt sie nicht.

Journalistisch gibt es einige Punkte, verrät die Watson.de-Chefin, die es zu bearbeiten gilt. “Wir wollen sowohl unsere Nachrichten schärfen als auch das Spektrum erweitern.” Dabei ginge es dann “im Großen um die Seehofers dieser Regierung, oder im Kleinen um Menschen, die sich für eine bessere Flüchtlingspolitik einsetzen.” Sprich: Das, was die Zielgruppe beschäftigt, wird geliefert. Mayr fordert allerdings auch, dass der Blick häufiger ins Lokale geht. Außerdem habe man vor, den Bereich Leben und Beziehung zu stärken – und natürlich: Video. Neben Instagram spielt da vor allem YouTube eine wichtige Rolle. Durch die Kooperation mit dem Netzwerk 2nd Wave, das mit dem Influencer-Kollektiv DoktorFroid und PietSmiet zusammenarbeitet, veröffentlicht die Redaktion bereits regelmäßig Bewegtbildinhalte.

Inhaltlich soll als letzter Punkt das Ressort Sport weiter an Bedeutung gewinnen. “Unser Anspruch ist es, ein Vollprogramm zu liefern”, betont Mayr. Dort erhalte der Nutzer bereits aktuell ein gutes Angebot und Sport sei ein Bereich, “der bei vielen Portalen für eine jüngere Zielgruppe fehlt.” Die Konkurrenz hat zwar Themen mit sportlichem Bezug in ihrem Portfolio, aber längst nicht in der Hülle und Fülle wie die Berliner. Auch der Stil unterscheidet sich, denn Watson.de konzentriert sich auf Ergebnisberichterstattung, Hintergrund- und Meinungsstücke. Wer sich zur Fußball-Weltmeisterschaft die Inhalte angesehen hat, mag erahnen, wohin das gehen kann. Der Schwerpunkt “WM”? Unübersehbar. Selbst im Logo hat sich das niedergeschlagen: Dort wurde das “o” durch einen Fußball ersetzt.

Um die zahlreichen Projekte bewerkstelligen zu können, soll die bereits gut aufgestellte Redaktion bis Ende des Jahres weiter wachsen. Außerdem ist die Stelle des Nachrichtenchefs derzeit vakant. Wenn es nach Mayr geht, wird der offene Posten schnellstmöglich besetzt. Wohin es für die junge Chefredakteurin und ihre Redaktion geht und welchen Platz Watson.de in der deutschen Medienlandschaft einnimmt, lässt sich derzeit nur erahnen und wird erst zum Ende des Jahres – auch auf Grundlage weiterer Zahlen – deutlicher erkennbar sein. Bis dahin gilt ein Satz, den Ströer-Geschäftsführer Schmitz im März verlauten ließ: “Wir wollen 2018 auf Flughöhe kommen.”

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