Partner von:
Anzeige

Sind Sportreporter eigentlich Journalisten oder doch eher Entertainer? Ein Anpfiff aus gegebenem Anlass 

Herbert Zimmermann, Gerhard Delling, Waldemar Hartmann (v.l.): drei Generationen von Sportreportern, ein und dasselbe Problem
Herbert Zimmermann, Gerhard Delling, Waldemar Hartmann (v.l.): drei Generationen von Sportreportern, ein und dasselbe Problem

Ein Dauerbrennerthema bei jedem internationalen Fußballturnier ist die Qualität der Berichterstattung. So auch bei der aktuellen Fußball-WM in Russland. Aber sind Sportreporter denn überhaupt Journalisten im eigentlichen Sinne? Oder erfüllen sie eher die Funktion von Unterhaltern? Für MEEDIA diskutiert der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld das Nähe-Distanz-Problem des Sportjournalismus und zeigt, dass es ein ziemlich altes Problem ist.

Anzeige

 Ein Gastbeitrag von Hasso Mansfeld 

Was erlauben Süle? Der junge Abwehrspieler der deutschen Nationalmannschaft sagte nach dem Ausscheiden in der WM-Vorrunde die Medien würden “sowieso versuchen alles schlechtzureden.” Aber auch erfahrene Spieler wie Toni Kroos konnten sich nicht verkneifen in dieses Seitenaus zu schießen, wenn er nach dem glücklichen Sieg gegen Schweden in Richtung Medien kommentierte, “relativ viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir heute ausgeschieden wären”.

Die Neue Ruhr Zeitung fragte sich daraufhin: “Wer hat diese Spieler – Süle ist nur das Sinnbild – so verhätschelt, dass sie im Moment des größtmöglichen Desasters so reagieren?” Und weiter: “Natürlich gibt es gerade im Sportjournalismus Tendenzen, die mitunter bedenklich sind. Sorgfalt sollte immer vor Schnelligkeit gehen. Da geht es um Verantwortung für die eigene Integrität.”

Die Sache mit der Nähe

Offensichtlich haben also nicht nur die Sportler ein Problem mit der Kommunikation, die Sport kommunizierenden Journalisten ebenfalls. Niklas Süle ist jung, sein Unverständnis über die Aufgabe der Medien könnte auf einer Wahrnehmung eines real existierenden Sportjournalismus beruhen. An die Sportjournalisten muss die Frage gestellt werden, ob sie noch guten Gewissens sagen können, sie wären Journalisten, die nicht nur unterhalten wollen, sondern Vertreter einer vierten Gewalt mit einer sogar im Grundgesetz verankerten regulativen Aufgabe. So sind die Sportabteilungen der Öffentlich-Rechtlichen nach wie vor den Nachrichtenabteilungen zugeordnet und nicht der Unterhaltungssparte. Zeit für eine Korrektur? 

Möglicherweise fängt dieses Missverständnis aber schon da an, wo junge Studenten zu Sportjournalisten ausgebildet werden, wenn dieses Fach beispielsweise an einer norddeutschen Fachhochschule in einem Zug ausgebildet wird neben dem zum Sportmarkting-Experten. So führt die Fachhochschule den Studiengang “Sportjournalist” mit folgenden Worten ein: “In der Praxis überlappen sich Sportjournalismus und Sportmarketing häufig.” Weiter heißt es da: “Als Sportjournalist kommen Sie Verantwortlichen im Spitzen-, Breiten- und Lokalsport sehr nahe.” Womöglich zu nahe. 

Kann Sportjournalismus so überhaupt journalistischen Ansprüchen genügen? Jeder kennt ihn, den ausflippenden Kommentator eines Fußballspiels, legendär der Ruf zum Endspiel der WM 1954, als der Sportmoderator Herbert Zimmermann an seiner Parteilichkeit für die Deutsche Elf keinen Zweifel ließ: “Rahn schießt! Tor, Tor, Tor, Tor.” War Zimmermann kein Journalist? Immerhin war er Sportfunkchef des Norddeutschen Rundfunks. Zimmermann nannte den Torwart der deutschen Elf einen “Fußballgott”. Das erzürnte nun aber weniger die Zuhörer, die schon damals keine Neutralität vom Moderierenden erwarteten, sondern einen Berater Adenauers, der diese Äußerung wohl unchristlich fand und so eine öffentliche Entschuldigung Zimmermanns erreichte. Nichtsdestotrotz waren Zimmermanns Hörfunkreportagen im vielfach noch fernsehlosen Land primäre Sport-Informationsquelle der Deutschen. 

Wenn nun aber Zimmermann der Urvater des deutschen Sportjournalismus war, was kann man dann vom Sportjournalisten von heute erwarten? Doch zumindest eine Weiterentwicklung, eine Idee davon, was Journalismus in seinem Kern bedeutet. Jedenfalls nicht, dem Zuschauer seine Kompetenz anhand einer Reihe von öffentlich vorgestellten Duz-Freundschaften mit Spielern und Funktionären zu beweisen. 

Rudi und Waldi
Anzeige

Der Streit zwischen Rudi Völler und Waldemar Hartmann hatte sicher einen unterhaltenden Wert, damit schrieb das Duo Fernsehgeschichte, als Völler aufgebracht vor laufenden Kameras zu Duz-Freund Waldemar sagte: “Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker.” Was die Frage nach dem journalistischen Anteil dieser Sportmoderation angeht, war aber fast noch interessanter, was Völler damals über den zuvor moderierenden Gerhard Delling sagte: Der solle “‘Wetten, dass…?’ machen, soll den Gottschalk ablösen.” Nun ist Delling Sportjournalist und Moderator. Wird Job eins von Job zwei korrumpiert? Sicherlich war auch Völlers “Ausraster” Produkt einer unjournalistischen Nähe zwischen Berichtenden und dem Objekt der Berichterstattung. 

Wer einmal die Sportjournalisten-VIP-Räume der großen Vereine gesehen hat, ahnt, was hier schief läuft. Nun mögen die besten Plätze mit dem besten Blick aufs Spielfeld noch Sinn machen für die Berichterstattung. Aber welchen Zweck die oft umfangreiche Bewirtung dieser Journalisten in den Katakomben der Stadien mit Gratis-Getränken, Snacks, Currywurst, Kuchen, Obst und allem, was der Verein von ausgewählten jungen Hostessen auffahren lässt, welchen Zweck diese Zuwendungen haben, muss nicht kommentiert werden. Hier ist die Distanz weggebrochen, so wie das Duzen demonstrativer Ausdruck von Nähe in sportjournalistischen Interviews geworden ist – sonst typisch für das Genre der Unterhaltung, eben für den Sofa-Gottschalk-Talk. 

Nun ist Gottschalks langjähriger Sidekick Günther Jauch ein gutes Bespiel für diese Verquickungen. Jauchs Vater war renommierter katholischer Journalist. Und Wikipedia zitiert eine Bemerkung über den prominenten Sohn: „Was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt. Kein Mensch weiß, warum.“ Eine liebenswerte Spitze gegen den Sohn, der die Journalistenschule abschloss, dann Sportreporter beim bayrischen Rundfunk wurde, das aktuelle Sportstudio moderierte, für die Moderation des Champions-League-Spiels Real Madrid gegen Borussia Dortmund mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, heute “Wer wird Millionär?” moderiert und zwischendurch eine Weile den politischen ARD Talk am Sonntagabend moderierte, bevor er wieder an Anne Will zurückgab, weil die Arbeit dort “nicht mehr seinem Verständnis von journalistischer Unabhängigkeit entsprochen” hätte. Angesichts seines munteren Hin- und Her in den verschiedenen Genres  eine überraschend konkrete Positionierung. 

Als einige Personen des DFB-Betreuerstabes zur WM 2018 nach dem denkbar knappen Sieg über Schweden die gegnerische Bank anpöbelten, taten sich einige Medien denkbar schwer, darüber zügig und umfassend aufzuklären. Hatte man Angst, es sich mit dem DFB zu verscherzen? Fürchtete man am Ende gar, vom Informationsfluss ausgeschlossen zu werden oder die begehrten Rundumsorglos-Plätze in den Stadien nicht mehr reserviert zu bekommen? 

Der Sportjournalismus krankt heute an seinem Selbstverständnis. Nun hat der Verband Deutscher Sportjournalisten sogenannte “Leitlinien des Sportjournalismus” vor ein paar Jahren runderneuert wurden. Hier heißt es zunächst in der Präambel, dass sich der Sportjournalist “jeder nationalistischen, chauvinistischen, rassistischen, religiösen und politischen Verleumdung und Ausgrenzung” widersetzen soll. Sicher macht das Sinn. Aber für welche gesellschaftlich relevante Gruppe würden solche Forderungen keinen Sinn machen? 

Interessanter ist da schon Punkt 4, wo es heißt: “Sportjournalisten lassen sich von niemandem vereinnahmen und instrumentalisieren, wahren ihre journalistische Unabhängigkeit und lehnen Einladungen und Geschenke ab, die diese in Frage stellen könnten.” Aber kann man das trainieren? Wenn dem so wäre, dann stehen bei den deutschen Sportjournalisten vor dem nächsten Anpfiff sicher ein paar schweißtreibende Trainingseinheiten extra an. Jedenfalls dann, wenn man Sportjournalismus mit den selben strengen Maßstäben betreiben würde, wie etwa den politischen Journalismus. Dann, wenn man Journalist sein will und nicht Sportmoderator. Oder man löst die Sportredaktionen (im öffentlich-rechtlichen Rundfunk) auf und schlägt sie dann eben konsequent der Unterhaltungssparte zu. 

Über den Autor:

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte unter anderem für Unternehmen der Tabak-, Glücksspiel-, Finanz- und der Chemiebranche. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem viermal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Mansfeld trat 2014 als Kandidat der FDP für die Europawahl an.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Sind Straßenschläger mit Presseausweis der Otto-Brenner-Stiftung überhaupt irgendwie journalistisch tätig?
    Das Fass wird die deutsche Journaille sicher nicht aufmachen wollen.

    1. Es gibt viele Themen und viele Fässer und nach der WM drängt sich eben das im Beitrag beschriebene auf. Dass Sie gerne andere Themen ganz oben auf der Agenda sehen möchten, ist Ihr Ding. Das eine sollte das andere aber nicht grundsätzlich ausschließen. Journalismus ist nicht monothematisch, auch wenn er von ahnungslosen Branchenfremden wie Ihnen als Journaille verunglimpft wird.

    2. „Straßenschläger mit Presseausweis“ ist schon unterirdisch, aber was hat die Otto-Brenner-Stiftung damit zu tun? Kleiner Tipp: Das Wort „Dauerbrennerthema“ ganz oben im Beitrag hat nichts mit selbiger zu tun!

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia