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Medienmacher diskutieren Doppelmoral bei Thailand-Rettung: „Warum interessieren zwölf Jugendliche mehr als tausende Ertrunkene?“

Monitor-Redaktioneleiter Restle und Bild-Chef Reichelt diskutieren auf Twitter über die Doppelmoral der Berichterstattung.

Das Interesse der Medien an der dramatischen Höhlenrettung in Thailand ist enorm. Dass sich Medien so detailliert mit den Vorfällen aus Fernost beschäftigen, während vor den Grenzen Europas Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, finden einige Twitter-Nutzer „pervers“. Den Kritikern wird wiederum „Selbstprofilierung“ und „Heuchelei“ vorgeworfen. Dabei liegt das Problem in der Natur der Sache.

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Das Thema des Wochenendes war zweifelsohne das Schicksal einer Nachwuchs-Fußballmannschaft in Thailand. Seit dem 23. Juni sitzen zwölf Jungs und ihr Fußballtrainer in einer verwinkelten Höhle fest, von einer Überflutung eingeschlossen. Am Sonntag starteten Taucher eine erste Rettungsaktion und befreiten vier Kinder. Derzeit werden weitere aus der Höhle geholt.

Medien aus aller Welt schauen gebannt zu, berichten in Livestreams und Tickern zum Teil im Stundentakt über die gefährliche Rettung. Auch auf Twitter ist die Anteilnahme groß. Unter dem Schlagwort #ThailandCaveRescue verschicken tausende Nutzer Unterstützungsbekundungen. Tesla-Chef und SpaceX-Chef Elon Musk bot auf dem Sozialen Netzwerk sogar technische Hilfe an.

Zugleich zeigen sich einige Nutzer und auch Medienmacher verärgert darüber, wieviel Raum die gefährliche und bisher einzigartige Rettung in der (deutschen) Berichterstattung einnimmt. Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle teilt auf Twitter einen Bericht von Spiegel Online über die vermeintliche Ignoranz der Gesellschaft gegenüber dem Elend der Flüchtlinge und fragt: „Warum interessieren uns die zwölf Jugendlichen in Thailand mehr als tausende ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer?“. Er trifft damit den Kern der Kritik.

Unterstützt wird Restle zum Beispiel vom Social-Media-Chef des stern, Swen Thissen. Auf Twitter schreibt er: „Wenn unsere Gesellschaft, unsere Politik und die Gesamtheit unserer Medien mit den Ertrinkenden im Mittelmeer so viel Mitgefühl wie mit den armen Jungs in Thailand hätten, wäre unser Land ein besseres.“

Ähnlich äußerten sich andere Nutzer:

Der Vorwurf klingt stets gleich: Warum generiert die Rettung einiger weniger Jungen in Thailand so ein starkes Medieninteresse, während der Tod von tausenden Flüchtlingen in der öffentlichen Debatte nicht ständig oben auf den Titelseiten der Zeitungen steht?

Für Bild-Chef Julian Reichelt ist die Kritik an der Berichterstattung nicht gerechtfertigt. „Der diffuse, kollektive Vorwurf, ‚uns‘ würden die eingeschlossenen Kinder mehr interessieren als das Leid von Flüchtlingen, ist ein neuer bitterer Höhepunkt.“, antwortete er auf den Tweet von Restle. „Wie kann man nur ohne Beleg implizieren, dass das Schicksal welcher Kinder auch immer irgendwie zu wichtig genommen wird?“

Bild-Chefreporter Peter Rossberg bezichtigte die Kritiker sogar der „Selbstprofilierung“ und spricht von „Heuchelei“: „Der Hass auf BILD ist groß genug, um auf Kosten von Kindern, die dem Tode nahe sind, Selbstprofilierung zu betreiben und ein paar Herzchen einzusammeln. Diese Heuchler sind mir die Liebsten“.

Neu ist solche Kritik an Medien freilich nicht. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Reporter auf Einzelschicksale und Ereignisse konzentrieren – zumal die Dynamik der Höhlenrettung eine längere Berichterstattung auch zulässt. Hinzu kommt, dass in Thailand 12 Jugendliche festsitzen und die Rettung dramatisch und gefährlich ist. Der freie Journalist Richard Gutjahr versucht die Geschichte in einem Tweet einzuordnen: „Warum Menschen weltweit gebannt die Höhlenrettung in Thailand verfolgen? Vielleicht weil es eine simple Story ist, mit einer überschaubaren Anzahl an Opfern und weil es einen klaren Gegenspieler gibt, auf den wir uns alle einigen können: Höhere Gewalt.“ Die Umstände erzeugen Interesse bei den Menschen und damit zwangsläufig in der Berichterstattung.

Natürlich wissen auch die Portale selbst über die Doppelmoral bei diesen Themen. Ähnlich wie der Spiegel hat auch die Süddeutsche der Debatte einen eigenen Kommentar gewidmet. Der Autor Matthias Drobinski analysiert darin die Gründe für das „zweierlei Maß von Mitleid“ in Gesellschaft und Medien. „Die Flüchtlinge sind den Europäern nahegerückt mit ihrem Elend und ihrer Not; die thailändischen Jungs sind ihnen unschuldig fern geblieben. Und aus der Nähe betrachtet, verlieren Elend und Not schnell ihre Unschuld.“ Drobinski sieht in dem Ganzen gar etwas Positives: „Mit jedem Menschen mitleiden zu können, auch mit dem, der seine Unschuld verloren zu haben scheint, ist keine Schwäche – sondern eine wahre Stärke des Abendlands.“

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