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Wochenrückblick: Regatta-Rivalen – wie ein Ex-Spiegel-Chef den amtierenden Spiegel-Chef beim Segeln besiegte

Rivalen der Regatta: Mathias Müller v. Blumencron (o.l.) und Klaus Brinkbäumer (o.r.), “Tagesschau”-Chef Kai Gniffke, Jubi-Feier von Bild-Urgestein Alfred Draxler
Rivalen der Regatta: Mathias Müller v. Blumencron (o.l.) und Klaus Brinkbäumer (o.r.), "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke, Jubi-Feier von Bild-Urgestein Alfred Draxler

Ehrgeiz gilt als eine Tugend unter Top-Medienmachern. Beim zweiten Segel Media Cup in Hamburg hatte sich Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer intensiv vorbereitet. Doch dann trat plötzlich sein früherer Chef als Konkurrent auf den Plan. Bei der Bild bekam Alfred Draxler ein Ständchen gesungen. Und "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke hat mal wieder alles richtig gemacht. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Segeln ist in gewissen Medienkreisen, vor allem in Hamburg, ein beliebter Freizeitsport. Dabei soll es gelegentlich vorkommen, dass einige Alpha-Tierchen der Branche ihren beruflich bedingten Ehrgeiz mit aufs Wasser nehmen. Vergangenes Wochenende richtete der Norddeutsche Regatta Verein zusammen mit dem Deutschen Segler-Verband auf der Hamburger Alster den zweiten Segel Media Cup aus, eine durchaus ernstzunehmende und vor allem ernstgenommene segelsportliche Veranstaltung mit J/70 Booten (Hinweis für Nicht-Segler: Die sind nicht ganz klein). Beim ersten Segel Media Cup vor einem Jahr landete die Spiegel-Mannschaft um Steuermann Klaus Brinkbäumer zwar nicht auf dem Treppchen aber im inoffiziellen Rivalen-Ranking knapp vor dem stern-Boot. Der leidenschaftliche Segler Brinkbäumer hätte sich für dieses Jahr möglicherweise eine bessere Platzierung gewünscht. Immerhin hat er “intensiv trainiert”, wie auf der Website des Regatta-Vereins nachzulesen ist. stern-Steuermann Walter Wüllenweber bezichtigte den Spiegel-Chef im Vorfeld der Regatta gar spaßeshalber des “Dopings”: “Letztes Jahr haben wir die letzte Tonnenrundung gegen den Spiegel vergeigt. Aber der Spiegel weiß, dass wir ihnen im Spiegel hängen, deswegen hat sich Steuermann Klaus Brinkbäumer auch ein Boot zum Trainieren gekauft – sowas nennt man Doping.“ Und, hat es was genutzt? Nun, das Newcomer-Boot der Henri-Nannen-Schule, das – für manche überraschend – Segel-As und Ex-Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron am Steuer aufbot, machte das Rennen. Mit Abstand. “Es war ein gigantischer Spaß auf der J/70 mit meinem Team zu segeln.”, wird v. Blumencron zitiert. Glaubt man ihm sofort. Und was war mit dem Spiegel-stern-Duell? Hier hatte der Spiegel genau wie im vergangenen Jahr knapp die Nase vorn. Das Spiegel-Boot erreichte Platz 8, der stern dahinter Platz 9. Immerhin.

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Für die Kommentierung des Beinahe-Rücktritts von Bundesinnenminister Horst Seehofer musste “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke in dieser Woche einiges an Kritik einstecken, zum Teil auch von öffentlich-rechtlichen Kollegen (z.B. beim Deutschlandfunk-Podcast “Der Tag”). Die Sache war so, dass Gniffke noch in der Nacht von Sonntag auf Montag in den “Tagesthemen” so kommentierte, dass man den Eindruck gewinnen konnte, Seehofer sei bereits zurückgetreten: “Endlich, möchte man sagen. Der Rücktritt Horst Seehofer wäre eine Befreiung für Deutschland.” Ja, das Konjunktiv-Wörtchen “wäre” ist da. Man kann es dem “Tagesthemen”-Zuschauer aber nicht verdenken, wenn er nach Ansicht dieser Sendung ein wenig verwirrt zu Bette gegangen ist. Moderatorin Caren Miosga eröffnete die “Tagesthemen” mit den Worten, dies sei “ein Tag für die Geschichtsbücher”, denn: “Horst Seehofer schmeißt als Innenminister und als CSU-Chef hin. Das ist jetzt bestätigt.” Bestätigt war freilich gar nix, was auch der von der CSU-Sitzung zugeschaltete Korrespondent Julian von Löwis in der Sendung klarmachte. Er reportierte, einige würden sagen, Seehofer habe einen Rücktritt als “eine von drei Möglichkeiten genannt”. Andere würde sagen, er habe “den Rücktritt verkündet”. Man trete nun “möglicherweise auf die Bremse”, ein Ergebnis gebe es noch nicht. Von Löwis Fazit: “Wir müssen ein bisschen abwarten.” Im Laufe der Sendung entdeckte auch Frau Miosga den Konjunktiv wieder. Der ARD-eigene “Faktenfinder” beeilte sich, am nächsten Tag festzustellen, dass nicht etwa die “Tagesthemen” für Verwirrung gesorgt hatten, sondern Horst Seehofer (“Seehofer sorgt für Verwirrung.”). Unter der Zwischenüberschrift “Keine Falschmeldung” stellte der “Faktenfinder” den “Tagesthemen” ein lupenreines Zeugnis aus:

Die Meldung, Seehofer tritt zurück, war also keine Falschmeldung, sondern zu diesem Zeitpunkt zutreffend. Der CSU-Chef hatte dies angekündigt, wie er später selbst bestätigte. Allerdings wurde diese Ankündigung selbst unter den Teilnehmern der Sitzung unterschiedlich interpretiert.

Kai Gniffke rechtfertigte sich am Donnerstag in der Zeit. Dort kam er zum Schluss, im Wesentlichen alles richtig gemacht zu haben: “Wir haben in der Sendung immer wieder darauf hingewiesen, dass noch nichts feststeht.” Auf die Frage, ob er etwas anders machen würde, sagte der “Tagesschau”-Chef: “Vielleicht würde ich noch einen Satz dazu sagen, gemäß: ‚Da ist noch nichts sicher, aber wenn…‘. Und dann würde ich genau den Text wieder wählen.“ Tja. Bloß dass die “Tagesthemen” im Vorlauf zu seinem Kommentar schon alles mögliche berichtet hatten: Dass Seehofers Rücktritt bestätigt ist, dass er eine von mehreren Möglichkeiten ist, dass man bei der CSU nun auf die Bremse trete, dass nun aber das Angebot des Rücktritts Fakt ist.

Die “Tagesthemen” waren beileibe nicht das einzige Medium, das in dieser Nacht munter drauflos-spekulierte und im Minutentakt die Kapriolen von Seehofer nachvollzog. Man könnte nun überlegen, ob eine solch atemlose Art der Berichterstattung sinnvoll ist. Aber wenn man sich hinterher sofort selbst bescheinigt wieder einmal alles richtig gemacht zu haben, bleibt eine solche Debatte intern wahrscheinlich wieder einmal aus.

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Der Mann im Hintergrund, mit dem schwarzen Gesicht, ist Bild-Chef Julian Reichelt

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Betriebsjubiläen haben ihre ganz eigene Ästhetik und wer meint, Medienhäuser würden da anders ticken, befindet sich auf dem Holzweg. Das war in dieser Woche zu besichtigen bei den internen Feierlichkeiten zum 40. Dienst-Jubiläum von Alfred Draxler bei der Bild. Vor 40 Jahren begann Draxler als Sportreporter bei der Boulevardzeitung. Er stieg später zum Sportchef, zum stellvertretenden Chefredakteur und Chef der Sport Bild auf. Seit August vergangenes Jahr lautet sein Titel Chefkolumnist und Berater der Chefredaktion. Als Überraschung zur Jubi-Feier präsentierte die aktuelle Bild-Leitung den Knappenchor Rheinland e.V. aus Moers, der das “Steigerlied” (“Glückauf, der Steiger kommt.”) intonierte. Teile der Belegschaft setzten sich Bergmann-Helme auf, der aktuelle Bild-Chefredakteur Julian Reichelt malte sich sogar das Gesicht bergmännisch-schwarz an. Grund: Draxler wurde 1953 in einer Bergarbeiter-Siedlung in Gelsenkirchen-Schalke geboren, der Vater war Bergmann. Bei solchen Gelegenheiten weht auch durch die sonst so abgebrühten Großmedien der Republik stets ein Hauch von Lokaljournalismus. Bild-Mann Alexander von Schönburg hat Teile der Feierlichkeit bei Periscope im Bewegtbild festgehalten. So modern darf’s dann doch wieder sein.

 

Glückauf, das Wochenende kommt!

PS: Für die aktuelle Ausgabe unseres Podcasts “Die Medien-Woche” war ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt bei Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel und Macher des täglichen Checkpoint-Newsletters. U.a. geht es um den schwierigen Berliner Zeitungsmarkt, die Paid-Content-Pläne beim Tagesspiegel, natürlich um das Newsletterschreiben und den damit verbundenen Schlafmangel, die lange Seehofer-Nacht der Medien und die Fußball-WM. Lorenz Maroldt ist ein Freund des runden Leders. Er gehört einem recht exklusiven Club an: den Arsenal-Fans Germany. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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