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“Alles gehört auf den Prüfstand – auch Löw”: Deutschlands Presse diskutiert nach WM-Debakel über die Zukunft des Bundestrainers

Die deutsche Presse bespricht die Gründe des Scheiterns und Jogi Löws Zukunft
Die deutsche Presse bespricht die Gründe des Scheiterns und Jogi Löws Zukunft

Nach dem historischen WM-Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft sucht die Presse nach Ursachen für das Scheitern. Das Fußball-Magazin 11Freunde ruft das "Ende des goldenen Zeitalters" aus und der Kicker sieht alles auf dem Prüfstand. Insbesondere Löw steht bei den Analysen im Zentrum der Kritik. Andere Kommentare bringen das Debakel auf dem Rasen mit der europäischen Asylpolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Verbindung. Eine Übersicht.

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“Hilflos, blutleer, mittelmäßig”, bewertet Zeit-Online-Autor Oliver Fritsch den Auftritt der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Russland. Im Angesicht des historisch bislang einmaligen Ausscheidens in der Gruppenphase trete zutage, dass die schwäche der deutschen Mannschaften auf Klubebene und die Mittelmäßigkeit der Bundesliga auch das Niveau der Nationalmannschaft verwässere. Er konstatiert: “Vielleicht hat das Vorrundenaus auch eine gute Seite. Nein, nicht die ersparte Klatsche in der K.-o.-Runde gegen Brasilien. Sondern den Stunde-null-Moment, den es auslösen könnte. Das war ja auch immer typisch für den deutschen Fußball: aus der Niederlage die richtigen Schlüsse ziehen.”

Im Gegensatz zu Zeit Online geht das Fußball-Magazin 11 Freunde verstärkt auf die Rolle von Bundestrainer Joachim Löw ein. Dessen Autor Christoph Biermann schreibt über den 58-Jährigen:

“Löw wirkte das ganze Turnier über seltsam. Vor dem ersten Spiel gegen Mexiko fahrig und genervt von den ganzen Holprigkeiten der Vorbereitung mit der Affäre um Özil und Gündogan oder der Debatte um das deutsche Lager in Vatutinki. Vor dem Spiel gegen Schweden schien er dann in demonstrativen Bestimmtheit fast zu überdrehen. Erst am Tag vor dem Südkorea-Aus erreichte er wieder Normalmodus. Aber offensichtlich hatte er seine Mannschaft da erneut nicht richtig gelesen.”

Entrückt hätte Löw gewirkt, so als würde er nicht mehr unter den Irdischen weilen, schreibt Biermann. “Seine demonstrative Lässigkeit, gelehnt an eine Laterne auf der Strandpromenade von Sotschi war fast eine Selbstparodie des bohemistischen Espressotrinkers.” Den Rücktritt des Schwaben fordert Biermann zwar nicht, aber er appelliert an Löw, dass dieser ehrlich mit sich selbst sein müsse.

“Das Unternehmen braucht einen Reset und wird abrüsten müssen. Es gibt zu viele Claims und Hashtags, zu viel Gedöns und zu vielen Mauern um die Spieler. Die Nationalmannschaft muss dringend zurückgeführt werden zum eigentlichen, zum Fußball.” Ob dies mit Löw oder ohne ihn geschieht, beurteilt Biermann nicht. Fest steht nur: “Kazan ist ein tiefer Einschnitt.”

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kicker-Chefreporter Oliver Hartmann kommentiert: “Der ideenlose, kraftlose und zunehmend hilflose Zeitlupenfußball-Auftritt gegen Südkorea markiert das peinliche Ende einer zuvor acht Jahre glanzvollen Ära.” Er fordert einen radikalen Umbruch in der Mannschaft. Dass dieser mit Jogi Löw vollzogen werde, sei kaum vorstellbar. “Alles gehört auf den Prüfstand – auch Löw”, schreibt der Journalist. “Daran ändert auch die von DFB-Präsident Reinhard Grindel unmittelbar vor dem Südkorea-Spiel in der Frankfurter Allgemeinen-Zeitung ausgestellte Jobgarantie nichts.” Als Gründe für das Fußball-Debakel macht dieser das Personalmanagement Löws aus, da dieser sich zu sehr um seine Routiniers wie Manuel Neuer und Mats Hummels gekümmert habe. Auch sportlich sieht er Defizite: “Er hat mit seinem ganzen aufgeblähten Scouting- und Trainerstab das Auftaktspiel gegen Mexiko vercoacht.” Überhaupt sei in allen drei Spielen kein Ergebnis der langen gemeinsamen Vorbereitung zu sehen gewesen. Für einen sportlichen Leiter, so Hartmann, “sind das arg viele Mängelleistungen.”

Die Süddeutsche Zeitung spricht online von einer Beherrschtheit Löws, die “zwar auch Ausdruck seiner Professionalität und seines nicht eben überschäumenden Temperaments” sei. Sie habe auch “diese seltsam emotionslose und beinahe taube Mentalität der Deutschen bei diesem WM-Turnier” aufgezeigt. Löw müsse nun darüber nachdenken, ob er als der Bundestrainer weitermachen wolle, der für das historische Scheitern des DFB-Elf in der WM-Vorrunde verantwortlich ist. Der Aussage von Teamchef Oliver Bierhoff, dass “Jogi im September die Sachen richtig angehen wird”, schenkt die SZ wenig Glauben. “Im September spielt die Nationalelf in München gegen Frankreich. Weltmeister ist sie dann nicht mehr, und dass Jogi Löw dann noch ihr Trainer ist, das wird auch Bierhoff kaum für möglich halten.”

Stefan Kuzmany von Spiegel Online stellt die sportliche Misere in Verbindung mit der deutschen Politik und Merkels europäischer Asylpolitik. “Die Verfasstheit der Fußballnation wird gerne mit der politischen Stimmung in Verbindung gebracht, und vielleicht ist ja tatsächlich was dran: beide sind getragen von Volksseele. Eine Politik, die keine Mehrheit hat, kann sich nicht durchsetzen. Und eine Mannschaft, die keine Begeisterung spürt, in sich und außerhalb, auch nicht.” Deutschland verliert gegen Südkorea und die Bundeskanzlerin wird beim EU-Gipfel vermutlich ähnlich schlechte Ergebnisse erzielen. Doch Resignation sei nun keine Lösung.

Der Kommentar appelliert viel mehr an den Willen, sowohl der DFB-Elf als auch an den der Nation. “Vielleicht brauchte es so einen Schock wie das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft, um sich daran zu erinnern, dass es harte Arbeit braucht, um etwas Gutes zu erreichen. (…) Die Behäbigkeit jedenfalls, die damit einherging, Weltmeister zu sein und als Führungsnation Europas das Zentrum der freien Welt, sie sollte spätestens jetzt restlos verschwunden sein.”

(tb)

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