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AfD-Tonalität statt Medienkritik: Wirbel um die Merkel-Rücktrittsforderung eines ARD-Journalisten

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Malte Pieper, Brüsselkorrespondent des MDR, forderte in einem Kommentar, der unter anderem bei tagesschau.de veröffentlicht wurde, den Rücktritt von Angela Merkel – eine drastische Forderung, die man eher aus AfD- statt aus ARD-Reihen kennt. Über Position und Form lässt sich definitiv streiten. Stattdessen jazzen zahlreiche Medien – allen voran Bild – die Meinung eines einzelnen hoch.

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Räumen Sie das Kanzleramt für einen Nachfolger, dessen Name nicht so belastet ist, wie es der Ihre ist. Dem in Europa noch zugehört wird. Dem man zutraut, wirklich die Interessen aller im Blick zu haben! Lassen Sie uns den Neuanfang wagen!

Der letzte Absatz des Kommentars, den der Brüssel-Korrespondent Malte Pieper am Montag im Radio des Mitteldeutschen Rundfunks und im Deutschlandradio gesprochen hat, ist drastisch. Er richtet sich an Angela Merkel, von der Pieper den Rücktritt vom Amt der Bundeskanzlerin fordert, weil sie in Europa ihr Vertrauen verspielt habe. “Nach fast 13 Jahren Kanzlerschaft gibt es auf europäischer Ebene für Sie, außer spürbarer Abneigung, nichts mehr zu gewinnen”, sagt er.

Isoliert betrachtet (der Kommentar fällt insgesamt deutlich sachlicher aus als die Forderung am Ende), könnte der Absatz einer Rede der AfD-Fraktion entstammen, die regelmäßig die Kanzlerin zum Rücktritt auffordert. Klar, dass Piepers Kommentar von anderen Medien aufgegriffen wird und auch im Social Web hohe Wellen schlägt. Über die Meinung selbst lässt sich streiten und diskutieren. Zahlreiche Portale nehmen den Kommentar zum Anlass, die Position uneingeordnet und unbeantwortet wiederzugeben. “ARD-Kommentator rechnet mit Merkel” oder “ARD-Kommentar rechnet mit Merkel ab”, heißt es dann. Auch Bild hat das Thema erkannt und am heutigen Dienstag sogar in großer Aufmachung in der Print-Ausgabe thematisiert.

Die Veröffentlichung in Deutschlands größter Boulevardzeitung sorgt ebenso für Wirbel wie der Kommentar an sich. “Tagesschau rechnet mit der Kanzlerin” ab, heißt es bei Bild. “Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Rücktrittsforderung”, steht im ersten Satz des Artikels. Dass der Kommentar gar nicht im Fernsehen gesprochen wurde – geschenkt.

Anhängern der öffentlich-rechtlichen Medien aber auch Beobachtern stößt die Aufmachung der Bild auf.

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Eine einzelne Meinungsäußerung in einem Kommentar wurde von Bild zur allgemeinen Haltung der Nachrichten-Institution “Tagesschau” hochgejazzt. Dabei erklärt “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke im Bild-Text sogar das Selbstverständliche, nämlich dass Kommentare die Meinungen einzelner Redakteure abbilden. Was auch sonst? Und schließlich ist es auch Teil des Pluralismus, möglichst unterschiedliche Meinungen auch innerhalb eines Mediums abzudecken.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass es sich vor allem für ein Springer-Medium verbieten sollte, einen Text, der in weiten Teilen aus der Zusammenfassung eines Fremdtextes besteht, hinter die Bezahlschranke zu stellen (Leistungsschutzrecht!), wird hier nicht klar, was die Bild bezweckt.

Noch übergeigter geht die Huffington Post in der Kombination mit AOL vor. Dort ist von einem ARD-Journalisten, der die Kanzlerin “stürzen” wolle, die Rede.

Die Medien hätten die politische Debatte weiterdrehen können, mit einer weiteren Meinung auf den Kommentar reagieren können. Auch hätte sich das Stück für Medienkritik geeignet, denn immer wieder wird in Redaktionen über den Umgang mit AfD-nahen Positionen diskutiert – ob und wie man sie transportiert, wie sie einzuordnen sind.

Stattdessen lehnten sich Bild aber auch andere an der AfD-Tonalität an, was deren Anhängern durchaus gefallen dürfte, wie die morgendliche Social-Media-Analyse #trending von MEEDIA anhand des Kommentars bei tagesschau.de bereits gezeigt hat. Ein Großteil der tagesschau.de-Interaktionen kam von Seiten wie “Wir Frauen für die AfD”, die den Beitrag mit Kommentaren wie ““Es ist soweit: Der Staatsfunk lässt Merkel (endlich!) fallen!” weiterverbreitet hatten.

Offen ist auch, wie die “Tagesschau” gedenkt, die Debatte rund um den Kommentar weiterzudrehen. Eine Nachfrage von MEEDIA, ob die Redaktion nun plane, weitere und Gegenpositionen zu veröffentlichen, blieb bislang unbeantwortet.

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Alle Kommentare

  1. “Eine Nachfrage von MEEDIA, ob die (tagesschau)Redaktion nun plane, weitere und Gegenpositionen zu veröffentlichen, blieb bislang unbeantwortet.”

    NEIN, natürlich nicht, Genosse. Das war ein einmaliger Ausrutscher. tagesshow bleibt tagesshow.

    1. Ist doch so. Alle anderen Parteien stehen doch fest hinter Merkel. Naja, vielleicht mit mittlerweile deutlichen Abstrichen die CSU, aber der wird dafür auch AFD-Tonalität vorgeworfen.

      1. Merkel wird nicht freiwillig gehen, obwohl sie bereits abgewählt ist. Die Throngehilfen, dass eigentlich sind alle bis auf die AfD, werden das auch nicht zulassen, weil mit ihr das Kartenhaus der sicheren Dotierungen wegfallen würde.
        Merkel ist nicht nur Merkel, sondern Merkel ist ein korruptes System.

        Aber keine Angst: Der Spuk geht bald verrüber.

  2. Da brechen wohl immer mehr Regierungstrommler aus der vorgegebenen Linie aus. Es ist auch zu blöd, wenn man der letzte Wendehals sein sollte, das fällt zu sehr auf. Mal sehen, wann weitere bisher bedingungslose Merkelunterstützer merken, dass der Sturz der Alternativlosen nicht mehr aufzuhalten ist. Sie hat diesem Land so viel Schaden zugefügt, dass die Folgen medial nicht mehr schönzuschreiben sind. Auch das völlige Versagen der Medien in den letzten Jahren muss aufgearbeitet werden.

  3. Meine Güte: Ihr dürft Euch doch nicht wundern, wenn Medien in Deutschland zur großen Lachnummer werden. Nur noch wenige Menschen vertrauen den Medien. Stellt Euch mal die folgende Frage: Ist Kritik oder sind Rücktrittsforderungen also stets AfD-nahe Positionen? Darf man die Kanzlerin gar nicht mehr kritisierten, ohne in Verdacht zu kommen, ein Nazi zu sein. Was soll alleine so eine Andeutung?

    1. „Nur noch wenige Menschen vertrauen den Medien.” Aha. Und all die fünf, sechs, sieben Hanseln, die ihnen nicht vertrauen, treiben sich jetzt alle hier herum?

  4. Der Aufreger kommt wohl daher, dass die TS bisher eher als direktes Sprachrohr aus dem Kanzleramt wahrgenommen wurde. Abweichende Meinungen gab es bisher nicht. Das kam vollkommen unerwartet für alle in einer Sendung, in der laut Gerücht als einzige neben Nordkorea die Nachrichten noch vom Blatt abgelesen werden.
    Hinzu kommt, dass Kritik an der Regentin unzulässig ist. Dem wird gleich mit der AfD Keule begegnet. Erinnerst sich noch jemand an “Stoppt Strauß”? Damals ging das noch, auch wenn es in Bayern damals teilweise Karrieren zerstörte

  5. Eine kritische Meldung zu Frau Merkel in 13 Jahren und die mediale Lückenpresse rastet komplett aus. Jetzt ist eine Rücktrittsforderung schon eine AFD Position. Wie durchgeknallt der Mainstream mittlerweile ist und Sie merken es nicht einmal.

    1. Hä, wer rastet denn hier aus? Sachverhalt ist doch: Ein einzelner ARD-Journalist verbreitet online in einem Kommentar seine Meinung – alles okay, dazu dürfen auch gerne mit entsprechender Begründung Rücktrittsforderungen gehören. Die Boulevardmedien, allen voran die Bild, greifen das genüsslich auf und ziehen, wie so oft, das knackigste Zitat aus dem Zusammenhang heraus, um es als allgemeine ARD-Rücktrittsforderung der Kanzlerin erscheinen zu lassen. Journalistisch ist das unsauber und daher auch Ansatzpunkt für eine Kritik auf dieser medieninternen Plattform namens Meedia. Wenn Sie, liebe Jihad, diesen Zusammenhang nicht verstehen und daraus ein “komplettes Ausrasten der medialen Lückenpresse” machen, haben Sie hier schlichtweg nichts verloren. Für Ihre Form der Meinungsäußerung gibt es sicherlich besser geeignete Foren für Medien-Laien.

    1. Kleiner Tipp: Nicht nur das Lesen, was einem gefällt, oder das Gelesene uminterpretieren. In der Überschrift steht nämlich „Kommentar“ und nicht „Analyse“, wie Sie es hier wiedergeben!

  6. Was sind denn alles afd-nahe Positionen, die man nicht laut aussprechen oder schon gar nicht vertreten darf. Die Liste gibt’s wo u wer hat die erstellt?

    Und wo gibt es die (mediale) zentrale Meldestelle, wenn man jemanden faktisch das Hackl ins Kreuz hauen möchte?

  7. Die ARD ist nicht mehr brav,
    sagt, was sonst nur Satire darf.
    Trotz üpp’ger Gelder
    denkt man jetzt selber.
    Das Land erwacht aus seinem Schlaf.

    1. Gute Frage, würde mich auch interessieren. Haben die bei Springer etwa schon einen Packt mit dem designierten Nachfolger geschlossen?

      1. Das ist jetzt spekulativ. Ich vermisse bei Meedia öfter den Ehrgeiz, solchen auf der Hand liegenden Fragen nachzugehen. Dafür genügt es natürlich nicht, die jeweilige Pressestelle zu kontaktieren.

  8. Es muss dringend gegengesteuert werden, könnte ja jeder kommen und das großartige Wirken unserer ewigen Führerin mal ganz nüchtern betrachten – wo kämen wir da hin?

    Die Herrschaften der “meinungstarken autoren” sollten jetzt schnell polemische Gegenposionen in die Einheits-Gazetten der SPD Medienholdings absondern – sonst müsste sie sich womöglich nach einem neuen Job umschauen, da niemand diesen Lobhudel-Quark mehr lesen will.

    Staatsjournalismus muss doch Staatsjournalismus bleiben!

  9. Ich nehme doch an, daß zukünftig darauf hingewiesen wird, wenn Zeitungs- und TV-Kommentare eine “grüne” oder antideutsche Tonalität haben.

    1. Keine Chance. Dafür gibt’s in Kürze “Upload-Filter” und sogenanntes “Hate-Speech” darf nun von Medienanbietern “reguliert” werden (man definiere Hate-Speech präzise, bitte).

      Ende der Meinungsfreiheit, alles klar zum Mainstream-Denken. Abweichler sind Pädos/Nazis/Linke Zecken etc. pp – man suche sich die passende, abwertende Bezeichnung heraus. Sowas will doch niemand sein, also brav mainstream denken.

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