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Das wirre Toni Kroos-Interview von Gerhard Delling: keine Konfrontation, nur Stichpunkte und drei Mal gratuliert

Quatscht Toni Kroos von der Seite an: ARD-Reporter Gerhard Delling
Quatscht Toni Kroos von der Seite an: ARD-Reporter Gerhard Delling

Toni Kroos ist die zentrale Figur des WM-Matches Deutschland gegen Schweden. Sein katastrophaler Fehlpass leitete das 0:1 ein und sein genialer Freistoß in der 95. Minute rettete die DFB-Elf. Kurz danach kommt der Held der Zitterpartie nach ekstatischem Jubel direkt zum Live-Interview. Eine Steilvorlage für ARD-Reporter Gerhard Dellling – doch der versiebt die Riesenchance vor Millionen kläglich.

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Der Grimme-Preisträger, der einst zusammen mit Günther Netzer die Spiele der Nationalmannschaft aus dem Studio heraus analysierte, ist jetzt so etwas wie der Embedded Journalist der ARD bei der DFB-Elf. Als Feldreporter spricht er mit den Kickern direkt nach den Partien und auch das traditionelle Trainer-Interview mit Jogi Löw führt er.

Der DFB dürfte sich über diese Besetzung freuen, die Zuschauer allerdings weniger. Denn allzu Kritisches ist von Delling nicht zu erwarten. Der Hamburger hat eine eigentümliche Interview-Technik entwickelt, die darauf fußt, gar keine Fragen zu stellen. Er gratuliert ständig und formuliert gleichzeitig verquere Passivkonstruktionen, die mit Anspielungen gespickt sind. So wirft er den Spielern eher Stichpunkte als Fragen zu, stets in der Hoffnung, dass diese dann etwas Zitierfähiges sagen.

Das Kroos-Interview nach dem Match zwischen Deutschland und Schweden lieferten einen Tiefpunkt dieses wilden Mixes aus distanzloser Gratuliererei und dem fehlenden Mut, kritische Fragen zu stellen.

Die Situation: Kroos kommt gerade vom Feld, er hat das entscheidende Tor gemacht. Zuvor hatte er mit einem bösen Patzer fast für das Ausscheiden gesorgt. Für die DFB-Elf könnte dieses Match zum emotionalen Ausgangspunkt der Titelverteidigung werden. Was könnte Delling nun fragen? Eigentlich gibt es da keine zwei Meinungen: Er müsste erst einmal nach dem Freistoß fragen, er sollte sich erkundigen, wieso Kroos direkt geschossen hat, wo er den Mut hergenommen hat, ob er Angst vor einem Fehlschuss hatte, was er mit Marco Reus davor noch geflüstert hat? Unzählige weitere Fragen wären denkbar gewesen.

Was aber sagt Delling: “Gratulation. Sie schulden uns eine Packung Beruhigungsmittel.”
Antwort von Kroos: “Ja. Was soll ich sagen?”

Natürlich sagt der Kicker dann doch noch was. Das scheint der Delling-Kniff zu sein. Einfach eine Aussage in den Raum stellen und abwarten.

Nächste Frage: “Wenn ich sie so gesehen habe, auch nach dem Tor und wie sie hier rausgekommen sind. Ist das Leere oder totale Freude?”

Offenbar hat Delling ein anderes Spiel gesehen. Selten sorgte ein Schuss für solche eine explosive Begeisterung, wie der gerade verwandelte Freistoß des Deutschen.

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Kroos ist erst perplex und antwortet dann angesäuert, weil er offenbar erwartete, dass der Reporter sich mit ihm freuen würde: “Freude natürlich. Wir wurden viel kritisiert. Teilweise auch zurecht. Man hatte das Gefühl, dass es viele Leute in Deutschland auch gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären. Aber so einfach machen wir es nicht. “

Eine Antwort, die viel über die Selbstwahrnehmung von Kroos und möglicherweise der ganzen DFB-Elf verrät. Delling hätte nachfragen müssen, wie der Mittelfeldmann auf die Idee kommt, dass sich in Deutschland viele über ein Scheitern des Teams gefreut hätten. Wen meint er? Die Bild-Experten, die Journalisten vor Ort, die Menschen auf den Fanmeilen?

Stattdessen wechselt Delling sofort das Thema. Er versucht Kroos auf seinen Fehler anzusprechen. Vor der offenen Konfrontation hat der erfahrene Journalist jedoch offenbar Angst: “Lassen Sie uns auch über das Schlechtere reden. Sie habe so viel Druck aufgebaut und hätten es sich fast selber wieder zerstört. Es kommen dann immer diese Fehler und dann von `nem Toni Kroos. Das kennt man nicht. Was ist los?”

Spätestens jetzt ist Kroos wirklich genervt. Seine patzige Antwort: “Was heißt, was ist los? Natürlich geht das erste Tor auf meine Kappe. Aber wenn Du im Spiel 400 Pässe spielst, dann sind auch zwei mal nicht. Wenn einer zum Tor fällt, ist blöd. Du musst dann aber auch die Eier haben und die zweite Halbzeit nach einem solchen Fehler so zu spielen. Aber das sehen dann nur die wenigsten.”

Auch hier spielt der Real-Profi dem Sport-Journalisten eine wunderbare Vorlage für Nachfragen. Wie führt Delling das Gespräch stattdessen weiter? Er sagt: “Und dann noch das Tor zu machen. Gratulation dazu. Wir haben die Mannschaft gerade gesehen. Ist das jetzt ein Zusatzruck?”

Kroos überfordert: “Weiß ich nicht….” Im Folgenden redet der DFB-Star über das kommende Gruppenspiel gegen Südkorea. Das Interview endet dann, wie es angefangen hat. Mit einem von Delling hingeworfenen Gedankenfetzen: “Das Adrenalin wird es richten. Gratulation.”

Bilanz des Gespräches: Delling stellte keine klare Frage zum Spiel oder zu Kroos, erkundigte sich aber nach Beruhigungsmitteln, Adrenalin, einem Zusatzruck und gratulierte seinem Interview-Partner gleich drei Mal in gut zwei Minuten. Dennoch prägten die Aussagen des Real-Profis später die Schlagzeilen – wohl trotz und nicht wegen des ARD-Manns Delling und seinem Interviewstil, der das wichtigste Recherchemittel am Spielfeldrand zumindest im Fall Kroos ausblendete: die situativ angemessene Reporter-Frage.

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Alle Kommentare

  1. Wenn man Herrn Delling kritisiert – in der Sache zurecht – sollte man sich aber nicht die Blöße geben und ihm zwei Mal im Text als ZDF-Mann bezeichnen. Das wirft auf den Text nicht gerade das beste Licht und schwächt die journalistisch-überlegene Position, die der Autor einnehmen möchte.

    1. Wo gehobelt wird…

      Ich finde die Sache auch richtig gut beschrieben und erklärt. Wie oft wünscht man sich vom Reporter intelligente Fragen und eine knackige Nachfrage, wenn der Interviewpartner eine Vorlage liefert!

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