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Wochenrückblick: der öffentliche Fehltritt eines Zucker-Lobbyisten gegen einen Welt-Reporter

In- und Extrovertierte in diesem Wochenrückblick: Mesut Özil, Christoph Minhoff, Christoph Kramer, Marc Neller
In- und Extrovertierte in diesem Wochenrückblick: Mesut Özil, Christoph Minhoff, Christoph Kramer, Marc Neller

Empörung bis Verwirrung wegen der öffentlichen Schimpftirade eines Verbandsvertreters gegen einen Welt-Journalisten. Mesut Özil macht sich existenzielle Sorgen im heideggerschen Sinne. Und beim ZDF hält man es für eine gute Idee, aktive Spieler die WM analysieren zu lassen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands der deutschen Lebensmittelwirtschaft (BLL) und des Dachverbands der deutschen Lebensmittelindustrie (BVE), veröffentlichte jüngst bei LinkedIn einen wutschäumenden Kommentar gegen den Welt-Autoren und Theodor Wolff-Preisträger Marc Neller. Der hatte in der Wams unter der Überschrift “Die Zuckerkrieger” über den CDU-Abgeordneten Dietrich Monstadt und Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker geschrieben. Monstadt ist an Diabetes erkrankt und kämpft gegen die Zucker-Industrie und -Lobby. Er ist im WamS-Text der Gute. Tissen als Ober-Lobbyist der Zucker-Industrie der Böse. Ob und wer von den beiden “Zuckerkriegern” recht hat, soll hier nicht Thema sein. Über den Artikel kann sich jeder selbst ein Bild machen, der ein Welt+-Abo hat, denn er ist nur hinter der Bezahlschranke der Springer-Zeitung zu lesen. Aus Mediensicht interessant ist, dass der Chef des Dachverbands der Lebensmittelindustrie, Minhoff, sich dazu hinreißen ließ, eine gallige Replik auf diesen Text zu veröffentlichen. Minhoff war vor seiner Zeit in Diensten der Industrie u.a. Programm-Geschäftsführer des Senders Phoenix und er kann, nicht selbstverständlich für einen Verbandsvertreter, schreiben. Seine Replik auf Nellers Artikel ist eine scharfe Polemik. Minhoff selbst schreibt zu Beginn:

Dieser hier von mir verfasste Text stellt eine Verbalaggression da. Nicht, um einen kritischen Artikel zu beweinen und so dem Autoren auch noch einen billigen Triumpf (sic!) zu gönnen. Mir geht es darum, die Methode eines Vorurteilsjournalismus zu entlarven und zu verdeutlichen. Dieser nun folgende Text bedient Klischees, stellt Fakten in falsche Zusammenhänge und nimmt gesellschaftliche Spaltung dabei in Kauf. Eine oberflächliche, an Äußerlichkeiten festgemachte Kritik: undifferenziert, einseitig, bösartig über einen Menschen, den ich gar nicht kenne und über den ich mir kein Urteil erlauben kann: Über Marc Neller, den Autor der „Zuckerkrieger“.

Das ist doch schon mal was, wenn einer seinen eigenen Text als “oberflächlich, undifferenziert, einseitig und bösartig” beschreibt. Minhoff will also den Welt-Journalisten mit dessen eigenen Mitteln entlarven. Das geht aus mehreren Gründen gründlich schief.

Erstens kommt es nie gut an, wenn ein Lobbyist seinen Emotionen so freien Lauf lässt, wie Minhoff in der Zuckersache. Von einem wie ihm erwartet man vornehme Zurückhaltung und nicht schnaubende Wut. Zweitens ist Minhoff als Zucker-Lobbyist automatisch Partei. Wer soll ihm das abnehmen, dass der Herr Tissen in Wahrheit an ganz, ganz Lieber ist? Drittens funktioniert Ironie in schriftlicher Form fast nie und hier schon gar nicht. Dass sein Kommentar absichtlich polemisch und unfair gehalten wurde, um die Schreibmethode des Welt-Mannes zu entlarven, wird von den allermeisten Zeitgenossen schlicht nicht wahrgenommen. Das zeigt sich u.a., wenn der kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük Minhoff in einem Interview immer wieder fragt, wieso er den Journalisten denn verunglimpfe. Die Leute kapieren das Stilmittel Ironie meist nicht, wenn es nicht gerade in der Titanic steht. Die oben zitierte Präambel hin oder her. Nun hat sich auch noch der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall (selten war ein Name treffender) zur Causa Minhoff vs. Neller eingelassen und findet, es gehe nicht an, “dass der Verbandschef uns allen Ernstes vorschreiben will, wie und mit welchen journalistischen Mitteln berichtet werden darf und wie weit Kritik maximal zu gehen hat.” Stimmt. Aber das hat Minhoff ja gar nicht gemeint. Der Lobbyist hat hier versucht, mit journalistischen Mitteln auf einen Artikel zu reagieren, der ihm nicht gepasst hat und die seiner Meinung nach vorhandene Voreingenommenheit sprachlich zu entlarven. Journalismus und Lobbyismus sind aber halt zwei paar Stiefel. Da kann man nicht nach Belieben mal eben hin und her wechseln.

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Dieses Daraufherumhacken, dass Mesut Özil bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft die Hymne nicht mitsingt, ist mittlerweile einigermaßen ermüdend. Das hat der noch nie gemacht und er wird es vermutlich auch nie tun. Hätte Özil nach dem ganzen Erdogan-Gedöns auf einmal angefangen, die Hymne zu singen, hätte man ihm zudem zurecht billigen Opportunismus unterstellen können. Der Özil ist halt, wie er ist. Seine öffentlich zur Schau getragene Verstocktheit aber so zu er- und verklären, wie es die Welt diese Woche getan hat, geht dann vielleicht doch ein bisschen arg weit:

“Introvertierte Melancholie und existenzielle Sorge im heideggerschen Sinne”. Bisweilen gehen mit uns Journalisten schon mal sprachlich die Gäule durch.

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Und sagt mal, Leute beim ZDF: Ist es wirklich so eine super Idee, mit Christoph Kramer einen noch aktiven Spieler die WM in Russland besprechen zu lassen. Glaubt ihr, dass so jemand tatsächlich etwas wirklich Kritisches an Analyse beisteuert oder mal dem DFB ans Bein pieselt, falls es nötig wäre? Ja? Ihr findet den super? Ok, Dann schließen wir den hermeneutischen Zirkel für diese Woche.

Ein wunderbares Wochenende!

PS: Im wöchentlichen Podcast “Die Medien-Woche” sprechen beim Kollege Christian Meier von der Welt und ich diesmal über das Aus für den Musikkanal Viva, die Frage, wie weit Journalisten bei Twitter ihre eigene Meinung offenbaren sollten und den Streit um ein EU-Leistungsschutzrecht. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören.

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