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Bild im Lottoland-Fieber: der seltsame Jubel-Bericht über eine Berliner Putzfrau, die 90 Mio. Euro gewinnt

Wettanbieter “Lottoland” verkündet einen 90-Mio-Gewinn und landet damit in der Bild – da freut sich nicht nur die Gewinnerin
Wettanbieter "Lottoland" verkündet einen 90-Mio-Gewinn und landet damit in der Bild – da freut sich nicht nur die Gewinnerin

Zum Wochenende samt Auslosung des Eurojackpot verkündete Bild jüngst eine glückliche Gewinnerin von 90 Millionen Euro – dabei handelte es sich aber nicht um den eigentlichen Lottogewinn, sondern eine Wette des Anbieters "Lottoland" aus Gibraltar. Nicht nur das sorgt für Irritationen, sondern auch die jubelnde Berichterstattung der Boulevardzeitung. Denn die geht am eigentlichen Thema völlig vorbei.

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Die Geschichte klingt wie der feuchte Traum eines jeden Boulevardprofis: Christiane, 36, wohnt in Berlin, verdient ihren Unterhalt damit, anderen Menschen hinterherzuputzen und erledigt einen Job, der die meisten hart an der Hartz-4-Grenze schrammen lässt. Und plötzlich kommt alles anders: Über Nacht wird sie zur Millionärin. Mit dem Einsatz von (vermutlich) mehr als einer Stunde Arbeit knackt sie den Jackpot. 90 Millionen Euro liegen drin. Ihr Tuch braucht sie jetzt nur noch zum Tränenwischen. Und das alles, obwohl Christiane nicht einmal Lotto gespielt hat. Man kann das Glück kaum in Worte fassen, wobei gerade dann besondere Vorsicht angebracht ist – zumindest bei den mit jubelnden Berichterstattern.

Die Story: Es war das zweite Juni-Wochenende, an dem der Eurojackpot der Westlotterie mit 90 Millionen Euro prall gefüllt war und sogar in der dritten Woche hintereinander unangetastet auf einen Gewinner wartete – eine ungewöhnliche Situation, die nicht nur von Lotto-Spielern mit Interesse verfolgt worden war. Umso größter dürfte der erste Schock-Moment bei ihnen gewesen sein, als die Bild-Zeitung am Freitag mit einer “Berliner Putzfrau”, die “ihr Glück nicht fassen” kann, am Kiosk lag. “Ich habe 90 Millionen gewonnen”, stand in fetten Lettern in der Zeitung. Doch konnte etwas nicht stimmen. Denn erst im zweiten Gedanken wurde klar: Die Ziehung des Eurojackpots ist erst am Tag darauf.

Dass Bild die Gewinnerin mit in die Luft ausgestreckten Armen, mit denen sie einen überdimensionalen Gewinner-Check hält, vor dem Reichstag abdrucken konnte, hängt damit zusammen, dass sie den staatlich anerkannten Eurojackpot gar nicht gewonnen hat. “Lottoland” steht auffällig unter der 90-Millionen-Marke, die sie fest hält. Das Gesicht ist verpixelt, dennoch könnte nicht ausgeschlossen sein, dass die Glückliche von Menschen aus ihrem Umfeld dennoch erkannt würde. Die ganze Szene wirkt irreal – schließlich sind spätestens seit Zeiten des legendären Millionengewinners Lotto-Lothar, der sich anno 1994 via Bild ungeniert mit Bild und voller Namensnennung Millionen Lesern präsentierte, Fälle, in denen sich Glückspilze gegen alle Warnungen und Weisungen der Lotto-Gesellschaften outeten, extrem rar gesät. Für Bild war allein das von Lottoland angelieferte Fotomotiv ein redaktioneller Sechser mit Zusatzzahl.

Bei “Lottoland” ist bereits der Name irreführend. Auch wenn er die Teilnahme an einer Lotterie suggeriert (manche Medien haben den Lottoland-Jackpot natürlich auch direkt damit verwechselt oder bebildern ihn stets falsch), ist er mehr ein digitaler Buchmacher, der auf der Welle der Aufmerksamkeit für die hohen Lotto-Jackpots einfach mit surft: Denn Lottoland “wettet dann auf die Gewinnzahlen und zahlt die Gewinne aus”, erklärt die Bild. Das Geld dafür kommt nicht aus dem Jackpot, sondern, wie es heißt, von einem Rückversicherer. Der Lotto-Jackpot bleibt davon unberührt.

Bei Bild darf sich Christiane, die gemeinsam mit ihrer Mutter gespielt haben will, dann noch über den riesigen Gewinn freuen und von ihren Plänen schwärmen. Erzählt hat sie das zwei Bild-Reportern in Gibraltar. Dort macht die 36-Jährige nicht ihren ersten Urlaub, sondern soll ihre 90 Millionen abholen. Das sagen die AGBs so. Auf der Halbinsel an der Südspitze Spaniens liegt die Niederlassung des Wettbüros, das in Deutschland nicht zugelassen ist.

Ist die Gewinnerin wirklich echt?

Das allein erweckt womöglich schon den Eindruck, dass gewisse Dinge nicht ganz recht zugehen, ist allerdings mit dem umstrittenen Glücksspielmonopol in Deutschland zu erklären. Es erschwert privaten Anbietern das Geschäft. Dass sich Lottoland in Gibraltar niedergelassen hat, liegt neben Steuergründen auch daran, dass die Halbinsel Teil der Europäischen Union ist und damit einen gewissen Graubereich für sich nutzt.

Denn rechtlichen dürfte Gibraltar durch seinen Sitz im Ausland in Deutschland eigentlich gar nicht aktiv sein. „Lottoland und andere Wetten auf Lotterien sind eindeutig illegal“, erklärte dazu jüngst Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim, dem Tagesspiegel. „Die vorsätzliche Beteiligung an unerlaubten Glücksspielen ist strafbar“, sagte zusätzlich ein Sprecher der Berliner Innenverwaltung. Anbieter wie Lottoland halten dagegen, berufen sich auf die in der EU verankerte Dienstleistungsfreiheit, wie jüngst der nicht unbekannte Lottoland-Mitgründer David von Rosen im WiWo-Interview. Dazu gibt es mittlerweile auch Aussagen des europäischen Gerichtshofes.

Der Wettbewerb setzt staatliche Lotto-Anbieter zudem unter Druck. Damit machen sich von Rosen und sein Partner Nigel Birell alles andere als Freunde – weshalb sie wiederum eine Kampagne gegen sich wittern.

Experten weisen im Umgang mit im Ausland sitzenden Anbietern ebenfalls darauf hin, im Zweifel keinen rechtlichen Anspruch auf Durchsetzung der Forderungen zu haben. Entscheidet sich der Zweitlotterieanbieter gegen eine Auszahlung, geht der Spieler leer aus.

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Lottoland behauptet, die versicherten Gewinne zuverlässig auszuzahlen. Ob das im Fall der ominösen 90-Millionen-Gewinnerin geschehen ist, kann oder will aber niemand so wirklich beantworten. Eine Anfrage von MEEDIA an Lottoland blieb ohne Reaktion. Nachdem im Bild-Bericht bereits nicht erklärt wurde, ob es letztlich zur Auszahlung kam, gibt es auch auf Nachfrage keine eindeutige Antwort. Es bestehe aber der Wunsch, die Geschichte weiter zu verfolgen, wie es heißt.

Nicht zweifelsfrei geklärt ist auch, wie authentisch die Gewinnerin und ihre Geschichte überhaupt sind. Fraglich bleibt auch, weshalb die Bild-Zeitung beim Foto überhaupt auf das PR-Material zurückgegriffen hat, wo schon eigene Reporter vor Ort waren. Stattdessen verwendete man das von Lottoland platzierte Bild. Darauf ist die Gewinnerin aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert. Ganz offensichtlich handelt es sich aber auch um keine realitätsgetreue Aufnahme, der Lotto-Scheck wie auch die Szene vor dem Deutschen Bundestag sehen grob montiert aus. “Die für uns angefertigten Bilder der Gewinnerin haben unseren fotografischen Anforderungen nicht entsprochen, daher haben wir zur Illustration der Geschichte auf das Handout-Foto zurückgegriffen”, lautet die Antwort darauf. Der Standard hier kann nicht besonders hoch sein, wenn das insgesamt grotesk wirkende Reichstagsmotiv dem Anforderungsprofil der Redaktion entspricht. Es wirkt eher wie die Übergabe eines Sponsoren-Schecks bei einem Charity-Event, großformatiges und werbewirksames Logo des Wohltäters inklusive.

“Wir haben die Geschichte mehrere Tage geprüft”, erklärt ein Sprecher der Bild-Zeitung. Neben dem persönlichen Treffen habe man sich eine eidesstattliche Versicherung des Geschäftsführers ausstellen lassen. Auch habe eine “unabhängige Prüfung” durch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) stattgefunden. Darauf wies Bild auch ohne Nennung des Dienstleisters am Rande seines Artikels hin. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass die Prüfung im Auftrag von Lottoland stattgefunden haben soll. Eine Bestätigung für die Tätigkeit liegt MEEDIA nicht vor. Eine Sprecherin von PwC Deutschland erklärte auf Nachfrage, dass Lottoland hierzulande kein Kunde sei. Eine Anfrage an die Niederlassung in Gibraltar blieb bislang unbeantwortet.

Eine gewisse Skepsis Lottoland gegenüber ist nicht neu. Als das Unternehmen 2016 einen Gewinner von 16 Millionen Euro aus Chemnitz verkündete, hakte die dortige Regionalzeitung mehrfach nach, um sich der Identität des Gewinners zu versichern. Lottoland legte eine Beglaubigung eines Notars aus Gibraltar vor, von der die Redaktion allerdings nur das Deckblatt erreicht hatte. Zudem, hieß es in den Bericht, hätten die ausgewiesenen Gewinnsummen nicht gepasst.

Einige Tage nach der Berichterstattung taucht Christina erneut in Bild auf: dieses Mal in einer Anzeige

Die Eigenartigkeit der Geschichte, das schlecht montierte Bild sowie das zweifelhafte Image, gegen das Lottoland anzukämpfen versucht, lässt an der Authentizität der Geschichte zweifeln. Auch wenn man bei Bild nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert haben mag, stellt sich die Frage, ob die Story, die von Lottoland massiv promotet und aktiv vermarktet wird, für die (jubelnde) Berichterstattung geeignet war. Die Motive des Anbieters beziehungsweise seine Bedürftigkeit sind offensichtlich, der Plot auf nach ungewöhnlichen Geschichten gierenden Medien ausgelegt. “Ein Lottogewinn in einer derartigen Höhe durch einen Menschen mit einem normalen Durchschnittseinkommen ist weltweit für viele Medien immer wieder Anlass für eine Berichterstattung, wie wir sie auch in diesem Fall für redaktionell relevant gehalten haben”, erklärt es der Bild-Sprecher. Das mag sein. Aber hätte Bild besonders in diesem Fall nicht abwarten sollen, bis die Überweisung der Gewinnsumme tatsächlich bestätigt werden kann?

Hinzu kommt: Die auch in Bild vorgenommene Flankierung durch teils ganzseitige Anzeigen mit demselben Motiv oder weitere Native Ads der Lottoland-Schwester Lottohelden sind geeignet, Leser zu irritieren. Ein Sprecher dazu: “Wir nehmen das Trennungsgebot sehr ernst, die genannte Anzeigenschaltung von Lottoland erfolgte vollkommen unabhängig von jeder redaktionellen Berichterstattung.” Auch diese Beteuerung kann niemand wirklich überprüfen. Eine differenzierte Berichterstattung oder gar der Verzicht auf den Jubel-Artikel angesichts uneindeutiger Quellenlage hätte indes dazu beigetragen, das Vertrauen in die redaktionelle Marke zu stärken.

Bild hingegen sieht die eigene Pflicht, Lottoland einzuordnen und über Risiken bei privaten Wettanbietern aufzuklären, als erfüllt an. Dabei ist der Umgang mit privaten Wettanbietern nicht nur wegen der möglichen Gewinnverweigerung risikobehaftet, sondern auch rechtlich. So wurde ein Nutzer 2015 beispielsweise vom Amtsgericht München zu einer Geldstrafe verurteilt, nur weil er gespielt hatte. Ob die Teilnahme an sich illegal oder erlaubt ist, daran scheiden sich die Geister. Das Urteil wurde in zweiter Instanz wieder kassiert. Für den Nutzer kann es erst einmal aber unangenehm und teuer werden. Vorfälle wie diese und Ergebnisse, nach denen viele Nutzer nicht einmal wissen, dass sie womöglich illegal spielen, zeigen, dass der Aufklärungsbedarf deutlich größer ist als eine unkritische Berichterstattung.

Man möchte jedenfalls nicht darauf wetten, dass der Lottoland-Artikel nicht doch eines Tages mal zum Fall für den Ombudsmann der Zeitung wird.

 

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Alle Kommentare

  1. Die Dame hält keinen „Gewinner-Check” mit „in die Luft ausgestreckten Armen”, sondern einen (symbolischen) Scheck. Es ist auch nicht so, dass die Bildzeitung sie „vor dem Reichstag abdrucken konnte”, vielmehr wurde eine Fotomontage veröffentlicht. Und beides, Check und Reichstagshintergrund, „hängt damit zusammen”, dass die Raumpflegerin den „Eurojackpot gar nicht gewonnen hat”?

    Ein leider ganz schlecht und hölzern geschriebener Beitrag.

    1. Da wurde zur Buchung einer 1/1 Seite (völlig sinnfrei für so Kunden) noch ein PR Artikel obendrauf gepackt, der nicht als solches gekennzeichnet wurde.
      Da die Bild unter Reichelt ohnehin nur noch das jounalistische Niveau eines Anzeigenblättchens erreicht, ansich nicht weiter tragisch. Die Ausreden und die ganzen Quatsch Statements von Bild sind aber das Lesen allemal wert gewesen. Danke dafür!

  2. “Experten weisen im Umgang mit im Ausland sitzenden Anbietern ebenfalls darauf hin, im Zweifel keinen rechtlichen Anspruch auf Durchsetzung der Forderungen zu haben. Entscheidet sich der Zweitlotterieanbieter gegen eine Auszahlung, geht der Spieler leer aus.”

    Diese “Experten” seien darauf hingewiesen, dass es auch im Ausland – insbesondere in der EU – funktionierende Gesetze und Gerichte gibt. Weshalb soll also ein eindeutig bestehender Rechtsanspruch am Sitz des Anbieters nicht durchsetzbar sein?

  3. Also Lottoland ist auch kein Buchmacher! Ein Buchmacher muss nämlich ein Buch machen also Quoten festlegen, die für den Spieler fix sind. Lottoland kopiert aber einfach die Quoten der Lotterie, was es eben zu einer Lotterie mit Jackpot usw. macht. Es kann sich also gar nicht um eine “Wette” auf eine Lotterie handeln.

    Lottoland macht das so, um in Deutschland weder Lotteriesteuer noch Zweckabgaben abführen zu müssen und sich das Geld so in die eigene Tasche zu stecken! Klingt für mich eher nach Steuerhinterziehung, bei welcher dann mit Axel Springer halbe-halbe gemacht wird… eigentlich ein all für die Staatsanwaltschaft: Betrug, Steuerhinterziehung, illegales Glücksspiel, illegale Werbung für illegales Glücksspiel usw….

  4. Bild-Online hat in den letzten Jahren noch mindestens zwei weitere Male sehr positiv über Lottoland berichtet. Lottoland und der zu Lottoland gehörende Anbieter Lottohelden schalten auch fleißig Bannerwerbung bei Bild.de. Es ist fraglich, ob Lottoland/Lottohelden tatsächlich in der Lage wären, größere Gewinne auch auszuzahlen.
    Lottoland und Lottohelden bewerben ihre Produkte beide über de.-Domains und ziehen die Spielbeiträge per Einzugsermächtigung von deutschen Bankkonten ein. Wäre der deutsche Staat wirklich der Ansicht, dies sei illegal, könnte er beides problemlos unterbinden. Auch der börsennotierte britische Konkurrent tipp24.com (ZEAL Network SE), ebenfalls ein Anbieter von Zweitlotterien mit deutschen Wurzeln, zieht die Spielbeiträge per Einzugsermächtigung von deutschen Bankkonten ein.

    1. Sowohl Lottoland/Lottohelden als auch Tipp24 schalten Fernsehspots im deutschen Privatfernsehen. Wären die deutschen Staatsanwaltschaften oder die Medienaufsicht davon überzeugt, dass für illegale Dienstleistungen geworben würde, hätten sie sich längst eingeschaltet.

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