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Zoff beim Verbrauchermagazin Öko-Test: Ex-Chefredakteur Jürgen Stellpflug zieht gegen Kündigung vor Gericht

Jürgen Stellpflug: Der Geschäftsführer und Chefredakteur von Öko-Test konnte die Auflage steigern. Mit der Online-Strategie waren die Eigner jedoch unzufrieden
Jürgen Stellpflug: Der Geschäftsführer und Chefredakteur von Öko-Test konnte die Auflage steigern. Mit der Online-Strategie waren die Eigner jedoch unzufrieden

Vor zwei Monaten wurde der langjährige Öko-Test Chefredakteur Jürgen Stellpflug abberufen. Als Grund hierfür diente die fehlgeschlagene Digitalstrategie. Doch der ehemalige taz-Journalist sieht dies als vorgeschoben. Er wollte angeblich einen angedachten Konzeptwechsel nicht mitmachen, der die Unabhängigkeit des Verbrauchermagazins erschüttert hätte.

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Er gilt als journalistisches Urgestein bei Öko-Test. 33 Jahre arbeitete Jürgen Stellpflug für das 1985 gegründete Verbrauchermagazin – zuletzt als Chefredakteur, Geschäftsführer und Vorstand. Doch Mitte April ist für ihn abrupt Schluss: Überraschend wird der gebürtige Westfale vor die Tür gesetzt. Der Aufsichtsrat der Öko Test AG entbindet ihn aller seiner Aufgaben.

Doch der ehemalige taz-Journalist will seinen Rauswurf nicht sang und klanglos hinnehmen. Er ist vor das Arbeitsgericht Frankfurt gezogen und hat hier Kündigungsschutzklage eingereicht, um gegen seine Entlassung als Chefredakteur anzugehen. Ein erster Gütetermin scheiterte, Ende August soll nun ein zweiter Anlauf folgen. Ob sich jedoch der studierte Betriebswirt und Politologe zuvor außergerichtlich mit seinem langjährigen Arbeitgeber einigt, darf bezweifelt werden. Denn der frühere Chef des Verbrauchertitels ist sauer auf Ökotest-Aufsichtsratschef Jens Berendsen, der zugleich Geschäftsführer der SPD-Medienholding ddvg ist. Der hatte den Abgang von Stellpflug in einer Mitteilung an die Presse mit einem Streit über die Ausrichtung des Web-Auftritts begründet. Wörtlich erklärte Berendsen dazu: „Leider gab es bezüglich der zukünftigen Digitalstrategie unterschiedliche Vorstellungen zwischen dem Aufsichtsrat und Herrn Stellpflug und ein konstruktiver, vertrauensvoller Dialog war nicht mehr möglich.“

Stellpflug sieht dies nur als vorgeschoben. Er war vielmehr nicht bereit, einen angedachten Konzeptwechsel mitzumachen, der die Unabhängigkeit des traditionsreichen Verbrauchermagazins gefährdet hätte. Einzelheiten will er hierzu nicht öffentlich nennen, um keine weitere fristlose Kündigung wegen des Verrats von Geschäftsgeheimnissen zu riskieren. Und dies aus gutem Grund: denn dem Vernehmen nach hatte die ddvg als Hauptaktionärin der Öko-Test AG dem Beratungshaus Fast Company den Auftrag erteilt, um für das Blatt neue Erlösquellen auszuloten. Einer der Ideen war ein so genannter „Öko-Check“. Dabei sollte das Blatt im Auftrag von Unternehmen und gegen Gebühr Siegel für deren Produkte vergeben. Die Crux: die Auftraggeber hätten jeder Veröffentlichung zustimmen müssen. Ungünstige Ergebnisse von Produkttests wäre somit wohl unter den Tisch gefallen.

Mit Stellpflug an der Spitze des Heftes wäre ein solcher Öko-Check nicht machbar gewesen. Dies hätte nach seinen Vorstellungen die journalistischen Grundfesten des renommierten Magazins erschüttert. Denn die Zeitschrift verdankt ihren Aufstieg im hart umkämpften Zeitschriftenmarkt gerade dem Fakt, dass sie Produkte ohne Einfluss der Hersteller testet. Doch auch ein anderer Vorschlag des Beratungshauses kam offenbar für den ausgeschiedenen Chefredakteur nicht infrage. So sah das Konzeptpapier vor, Regale mit „Öko-Test Top Produkten“ gegen eine Nutzungsgebühr in Supermärkten aufzustellen. Auch dadurch wäre die Unabhängigkeit des Magazins gefährdet gewesen.

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Der Öko-Test-Aufsichtsratschef wiegelt die Vorwürfe auf MEEDIA-Anfrage ab. Der Konzeptvorschlag bilde nicht die zukünftige Ausrichtung des Magazins. Das sei „nicht unsere Strategie. Und das ist hier auch allen klar.“ Damit gingen für Berendsen auch Stellpflugs Argumente ins Leere, dies sei ein Beweggrund für seine Kündigung gewesen. „Es gibt keinen Konzeptwechsel, deshalb kann dieser auch gar keinen Grund für eine Trennung geliefert haben“, erklärt Berendsen gegenüber MEEDIA.

Der wiederum sieht weiterhin vor allem die fehlgeleitete Online-Strategie als Grund für die Abberufung des Unternehmenslenkers, für die Stellflug eben auch verantwortlich war. Das sieht der ehemalige Öko-Test-Chef ganz anders. Stellpflug behauptet gegenüber MEEDIA, dass er zwar für den Web-Auftritt mitverantwortlich gewesen sei, aber „eben nicht zuständig”. Dies war Sache von Co-Geschäftsführer Patrick Junker. Stellpflug verteidigt zudem die neue Web-Strategie „Mobil First“, die vor allem auf Smartphones ausgerichtet war. Sie habe den Nutzern den Kauf von Produkttests deutlich erleichtert, einer der wichtigsten Einnahmequelle des Frankfurter Unternehmens. „Wenn man vor dem Relaunch bis zu 10 Seiten anklicken musste, bis man beim Kauf eines Tests war, kommt man jetzt mit wesentlich weniger Klicks dorthin“, beschreibt Stellpflug das Prozedere. Dennoch gesteht er, dass durch die gesunkenen Klickzahlen das Anzeigengeschäft nachgab. „Allerdings beeinflusst der Rückgang der PIs die Werbeeinnahmen über Google und die Nachverkäufe von nicht mehr im Handel erhältlichen Heften“, erklärt er. Die Redaktion habe daher umgehend darauf reagiert und mehr Inhalte kostenlos auf die Seite gestellt – beispielsweise politische Geschichten aus dem gedruckten Heft.

Der Öko-Test-Aufsichtsratschef sieht den ausgeschiedenen Firmenchef für die fehlgeleitete Online-Strategie durchaus in der Pflicht: „Herr Stellpflug war Chefredakteur der Zeitschrift Öko Test, Geschäftsführer des entsprechenden Verlags, der Öko-Test GmbH, sowie Vorstandsvorsitzender der Eigentümergesellschaft Öko-Test Holding AG. Aus dieser umfassenden Stellung ergibt sich eine Führungs- und Pflichtenverantwortung, auch juristisch. Und im Übrigen hat es unter seiner Führung ja ein Digitalprogramm gegeben, das allerdings – wie vom Aufsichtsrat von vornherein befürchtet – erfolglos war“, erklärt er gegenüber MEEDIA.

Der Streit zwischen Stellpflug und Berendsen könnte sich in die Länge ziehen. Denn die Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht Frankfurt ist möglicherweise der Auftakt für weitere juristische Schritte seitens des Geschassten – gegebenenfalls in Bezug auf seine Abberufung als Vorstand und Geschäftsführer. Dazu hält sich aber Stellpflug bedeckt. Doch eins steht für den zweitgrößten Aktionär der Öko-Test AG wohl schon jetzt fest. Er will nichts mehr mit seinem einstigen Lebenswerk zu tun haben und einen sauberen Schnitt. So plant er, sich von seinen Anteilen an Öko-Test zu trennen. Stellpflug: „Ich werde meine Aktien verkaufen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt“.

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