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Gift für die Statistik: Wie das Umweltbundesamt Medien einen Trend zu immer mehr Pestiziden vorgaukelt

Statistiken zu Pflanzenschutzmitteln: Die einen sagen so, die anderen so
Statistiken zu Pflanzenschutzmitteln: Die einen sagen so, die anderen so

Statistiken sind für Medien oft Futter für publikumswirksame Geschichten. Manchmal machen es sich Medien aber zu einfach bei der Verbreitung von Zahlen. Und offizielle Stellen üben sich ein wenig zu sehr in der Kunst der Verkürzung. Dabei heraus kommt dann möglicherweise ein Zerrbild. Ein Beispiel ist das Medienecho zur aktuellen Datensammlung des Umweltbundesamtes.

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Das Umweltbundesamt (UBA) ist die zentrale Umweltbehörde der Republik und dem Umweltministerium unterstellt. Das UBA soll vor allem die Regierung wissenschaftlich unterstützen, dafür sorgen, dass Umweltgesetze vollzogen werden und die Öffentlichkeit über Umweltschutzthemen informieren. In letztgenannten Aufgabenbereich fällt das Veröffentlichen der Broschüren “Daten zur Umwelt”, deren jüngste Ausgabe zum Thema “Umwelt und Landwirtschaft” kürzlich erschienen ist. In der Broschüre wird angemahnt, dass viele Probleme der Landwirtschaft immer noch nicht gelöst sind. Beispiele sind Monokulturen, hohe Schadstoffbelastungen durch Massentierhaltung und der nach wie vor massive Einsatz von Pestiziden auf Äckern und Feldern.

Laut der UBA-Broschüre ist der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland zwischen 1994 und 2015 von knapp 30.000 auf über 40.000 Tonnen gestiegen. Ein gutes Drittel davon entfalle auf Unkrautgifte, z.B. das allseits berüchtigte Glyphosat. Der angebliche Anstieg bei den Pflanzenschutzmitteln fand Eingang in einen ausführlichen dpa-Artikel zum Erscheinen der aktuellen Datensammlung, der massenhaft in Medien verbreitet wurde, oftmals mit dem Spin, dass “zu viel Dünger” ausgebracht wird bzw. die Zahl an abgesetzten Pflanzenschutzmitteln trotz angespannter Umweltlage (Insektensterben!) erneut dramatisch gestiegen sei.

Nun gibt es mit dieser “Steigerung” zwei grundsätzliche Probleme:

1. Der Vergleichszeitraum wurde vom UBA so gewählt, dass mit 1994 ein Jahr Startpunkt der Betrachtung ist, in dem ein besonders niedriger Absatz an Pflanzenschutzmitteln zu verzeichnen war. Umgekehrt hört die Statistik des Bundesamts 2015 auf, obwohl Zahlen für 2016 bereits vorliegen. Und 2016 ist laut dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wieder ein Rückgang beim Inlandsabsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verzeichnen. Auf diese BVL-Zahlen bezieht sich auch das UBA. Das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung der Uni Essen hat das willkürliche Festlegen von Zeiträumen bei Pflanzengiftstatistiken vergangenes Jahr schon einmal zur “Un-Statistik” des Monats gekürt. Damals ging es um eine Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen, laut der die Gesamtmenge der in Deutschland ausgebrachten Pflanzschutzmittel zwischen 2009 und 2015 um rund 4.600 auf 34.700 Tonnen gestiegen war.

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Laut dem RWI konnte man jeweils gegenläufige Trends feststellen, je nachdem, wie man Anfangs- und Endpunkt der Betrachtung wählt. Das RWI schrieb vom “Trend nach Wunsch”. Die Mengen an verwendeten Pflanzenschutzmitteln schwankt nämlich von Jahr zu Jahr auch aufgrund von äußeren Einflüssen. In feuchten Jahren werden zum Beispiel wegen verstärktem Pilzbefall mehr Fungizide ausgebracht. Warum hört die aktuelle UBA-Statistik nun im Jahr 2015 auf? Das Amt erklärt auf MEEDIA-Nachfrage das Startjahr 1994 damit, dass dieses Jahr bereits bei früheren Auswertungen als “Basisjahr” verwendet worden sei und man aus Gründen der Vergleichbarkeit dabei bleiben wollte. Das Jahr 2016 wiederum sei “aus produktionstechnischen Gründen” nicht berücksichtigt worden und man wolle die aktuellen Daten im PDF der Broschüre “alsbald nachtragen”. Der Kritikpunkt wegen der Wahl des Startzeitpunktes wurde allerdings auch in der dpa-Berichterstattung zu der Umweltbilanz erwähnt.

2. Problem: Bei der aktuell vom UBA festgestellten Steigerung von 30.000 auf über 40.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel sind die so genannten inerten Gase mit eingerechnet. Das sind Mittel, die bei der Vorratshaltung (z.B. in Silos) eingesetzt werden, um die Ernte zu schützen. Häufig kommt dabei Kohlendioxid zum Einsatz. Mit Gift, das auf Feldern verspritzt wird, haben diese Gase jedoch wenig gemein. Nun ist der Anteil dieser Gase am Gesamtaufkommen der Pflanzenschutzmittel in jüngerer Zeit gestiegen, während die Menge an klassischen Herbiziden (wie etwa Glyphosat) seit 2012 eher gesunken ist (was nicht bedeuten muss, dass die Menge in den Folgejahren nicht wieder steigen kann). Beide Kritikpunkte wurden von der Lobbyvereinigung Industrieverband Agrar als “Statistik-Schwindel von Amts wegen” bezeichnet. Die Pressemitteilung eines Lobbyverbandes findet naturgemäß aber kein so breites Medienecho wie Zahlen eines neutral auftretenden Bundesamtes oder gar eines Artikels der dpa, der bei vielen Online-Medien sogar automatisch veröffentlicht wird.

In den Grafiken der UBA-Broschüre kommt die Thematik der inerten Gase auch zum Ausdruck, und zwar auf Seite 54. Solcherlei Feinheiten finden in dem dpa-Bericht und den folgenden Medienberichten freilich keine Erwähnung, ebensowenig wie in der Presseerklärung des UBA. Was beim breiten Publikum hängenbleibt ist die Schlagzeile, dass zu viel Gift auf den Äckern versprüht wird und die Menge an ausgebrachten Pflanzenschutzmitteln steigt, obwohl dies streng genommen gar nicht stimmt. Auf die Frage, warum die inerten Gase in die Gesamtmenge der Pflanzenschutzmittel eingerechnet wurden, sagte ein UBA-Sprecher zu MEEDIA, dass die Zahlen in der Broschüre ausführlich graphisch dokumentiert seien. Jeder könne sich dort ein “differenziertes Bild” machen.

Der Haupt-dpa-Text, in dem diese Unterscheidung nicht vorkam, erschien in zahlreichen Print- und Online-Publikationen mit einer potenziellen Millionenreichweite. Wie viele Menschen haben die Original-Broschüre des UBA heruntergeladen und bis zur Seite 54 gelesen, um sich ein “differenziertes Bild” zu machen? Weder das UBA, noch die dpa, noch die verbreitenden Medien haben in diesem Fall Falsch-Informationen verbreitet. Es reicht manchmal aber eben schon das bloße Weglassen, Vereinfachen oder eben das Wählen eines bestimmten Ausschnitts, um eine mediale Berichterstattung zu beeinflussen. Eine staatliche Stelle wie das Umweltbundesamt sollte eigentlich einer gewissen Neutralität und Vollständigkeit auch bei Pressemitteilungen verpflichtet sein. “Die Öffentlichkeit über Umweltthemen zu informieren, ist gesetzlicher Auftrag des UBA”, heißt es auf der Homepage des Amtes. Die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu schubsen, sollte nicht zu diesem Auftrag gehören.

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Alle Kommentare

  1. Danke für diesen informativen Bericht. Der leider strellvertretend für viele Beispiele steht, dass das Umweltbundesamt mittlerweile zu einer Art Propagandaministerium verkommen ist – vor allem in Sachen “Energiewende”.

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