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Wochenrückblick: die Woche des anschwellenden Talkshow-Bocksgesangs

“Olaf Schulz”, Bademeister Gauland, Islam-Talk bei “Maischberger”, Karikatur-Doublette
"Olaf Schulz", Bademeister Gauland, Islam-Talk bei "Maischberger", Karikatur-Doublette

Die ARD-Talkshow bekamen diese Woche mal wieder ihr Fett weg. Die Frage, ob man AfD-Chef Alexander Gauland in Badehose zeigen und darüber Späße reißen darf, spaltete die Medien. Spiegel-Chef Brinkbäumer ertappte die Zeit bei einer Tiel-Doublette und manche Medien haben Probleme mit dem Namen Olaf Scholz. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Dass eine Zeitschrift einen Titel hat, der dem einer anderen Zeitschrift frappierend ähnlich sieht, kommt immer mal wieder vor. Sei es, dass die Titelbild-Gestalter zufällig eine ähnliche Idee hatten. Sei es, dass zwei Redaktionen auf dieselben Stock-Fotos zugegriffen haben. Sei es, dass tatsächlich voneinander abgekupfert wurde. Früher mal haben die Medienmacher des “Originals” dann gerne bei Mediendiensten durchgeklingelt und den Titelklau als “heiße” Story feilgeboten. Seit den Mediendiensten das zu blöd geworden ist, müssen die Macher das Anprangern nun selbst erledigen. Dank Social Media ist das auch kein Problem, wie Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer diese Woche zeigte:

Die Zeit lieferte auch gleich ein Sorry. Der Zeichner hatte wohl eine ähnliche Karikatur einfach wiederverwertet. Interessant nebenbei, dass sie bei der Zeit den Spiegel offenbar nicht allzu aufmerksam anschauen. Sonst hätten sie das ja “auf dem Schirm” gehabt …

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Die Talkshow-Menschen haben es nicht leicht. In dieser Woche mussten “Hart aber fair” und “Maischberger” reichlich verbale Prügel einstecken, weil sie angeblich zu viel über Flüchtlinge und den Islam debattieren, bzw. in der Titelwahl ihrer Sendungen ungut “framen”. Framing ist ein Begriff aus der Soziologie, der sei einiger Zeit in Mode ist und kurz gesagt bedeutet, dass verschiedene Begriffe mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen werden, indem man sie in Beziehung zueinander setzt. Also etwa, wenn das Thema bei “Hart aber fair” vom Montag lautete “Flüchtlinge und Kriminalität”, werden “Flüchtlinge” und “Kriminalität im Kopf der Zuschauer in Verbindung gebracht. Es entsteht automatisch das Bild des “kriminellen Flüchtlings”. Am Mittwoch dann wollte “Maischberger” über das Thema sprechen: “Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?” Sofort gab es wieder Kritik, u.a. von der SPD-Politikerin Sawsan Chebli:

Die Kritik weitete sich im Laufe der Woche zu einem anschwellenden Bocksgesang in Bezug auf die ARD/ZDF-Talkshows aus (dabei hatte Maybrit Illner am Donnerstag im ZDF doch superseriös über die Regierungskrise in Italien debattieren lassen!). Auf Twitter machte eine Grafik die Runde, die zeigen soll, dass die öffentlich-rechtlichen Talkshows eindeutig das Thema Flüchtlinge in den Vordergrund spielen:

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Der Deutsche Kulturrat forderte reichlich quatschig, eine einjährige Sendepause, damit die Talkshows ihre Konzeption überarbeiten. Vielleicht, so der Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann in der WAZ, werde eine solche Pause ja “der Integration in unserem Land nützlich sein”. Was für ein hanebüchener Unsinn! Gerade so, als ob die Integration in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet, wenn ARD und ZDF keine politischen Talkshows mehr zeigen. Über allem schwebt die olle Unterstellung, die Medien im Allgemeinen und die Talkshows im Besonderen hätten “die AfD großgemacht”. Dabei haben AfD-Anhänger jede Möglichkeit, sich ihr Weltbild im Internet bei teils kruden Alternativmedien bestätigen zu lassen. Es ist doch geradezu die Aufgabe der Medien im Allgemeinen und der öffentlichen-rechtlichen im Besonderen, hier ein ausgewogenes Bild zu zeigen. Ich bin auch gerne dabei, wenn es darum geht, Talkshows für Formatschwächen oder inhaltliche Fehltritte zu kritisieren. Aber dieses allgemeine Pauschal-Bashing ist total daneben.

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Einer, den wir in nächster Zeit höchstvermutlich nicht mehr in ARD/ZDF-Talkshows sehen werden, ist AfD-Chef Alexander Gauland. Der hat sich mit seinem unsäglichen Vogelschiss-Holocaust-Vergleich zu recht ins Debatten-Aus befördert. “Hart aber fair” hat bereits ein striktes Gauland-Verbot ausgesprochen, Anne Will äußerte sich differenzierter, erklärte aber auch, vorerst keine Fragen an den Herrn Gauland zu haben. Man darf wohl davon ausgehen, dass es Sandra Maischberger und Maybrit Illner ähnlich sehen. Durfte man aber Gauland seine Klamotten klauen, während er an der Badestelle “Das Grüne Ei” in Potsdam einer Erfrischung nachging? Das Foto, das Gauland mit karierter Badehose in Polizeibegleitung zeigte, ging durch die Medien, soziale wie sonstige. Und unter dem Hashtag #Badespaß machten sich sogleich auch die üblichen Netz-Clowns lustig über den ollen Gauland. Darf man das? Soll man das? Ich persönlich finde die Antwort auf solche Fragen einigermaßen schwierig. Nach reiflicher Überlegung denke ich: Man darf das Foto zeigen, da Gauland eine prominente Person ist und er sich an einem öffentlichen Ort aufhielt. Da der Dieb (oder die Diebin?) zudem gerufen haben soll “Nazis brauchen keinen Badespaß!” bekommt die Klau-Aktion auch eine politische Dimension. Ich finde es aber auch verständlich und sogar begrüßenswert, wenn man das Bild nicht zeigt. Ein bisschen mehr Zurückhaltung als unbedingt notwendig hat noch nie geschadet. Und soll man nun seine Späße über den badebehosten Gauland reißen? Dürfen darf man sicher, es ist ein freies Land. Der Gauland wird das schon aushalten, er ist ja selbst auch recht gerne dabei beim Austeilen und Provozieren. Aber bitte, liebe Online-Witzbolde, schaut’s, dass es dann auch wirklich wenigstens a bisserl lustig ist, gell? Diese öden-blöden “Haha, der hat ‘ne hässliche Badehose an”-Postings, braucht nun wirklich kein Mensch.

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Fehler machen wir alle immer mal. Und bei der SPD kann einem schon mal ein “Olaf Schulz”, statt dem korrekten Scholz rausrutschen. Scholz, Schulz, wer soll da noch durchblicken? Der Namens-Lapsus passierte diese Woche ZDF-Talkerin Maybrit Illner. Wie gut, dass die Bild aufgepasst hat und wie gut, dass der großen Bild-Redaktion solche Fehlerchen nicht unterlaufen:

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Folge des Podcasts “Die Medien-Woche” geht es auch um das aktuelle Talkshow-Bashing und Gauland in Badehose. Außerdem spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der WELT über das Putin-Interview von ORF-Anchor Armin Wolf und das potenziell folgenreiche EuGH-Urteil zu Facebook-Fanseiten. Ich würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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