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Harter Fragensteller, schwieriger Gesprächspartner: Armin Wolfs Putin-Interview ist ein journalistisches Lehrstück

Armin Wolf (rechts) interviewt Wladimir Putin  im Wintergarten des Großen Präsidentenpalastes in Moskau
Armin Wolf (rechts) interviewt Wladimir Putin im Wintergarten des Großen Präsidentenpalastes in Moskau

Dass Wladimir Putin westlichen Medien Interviews gibt, ist eine Rarität: Dem ORF und dessen Anchor Armin Wolf hat er nun Rede und Antwort gestanden. Nicht nur ist das Gespräch ein Lehrstück in kritischer Interviewführung, die gesamte Berichterstattung zeugt von hoher Transparenz. Das Interview gewährt Einblicke in die Gedankenwelt des russischen Präsidenten und verdeutlicht dabei eins: Putin ist auch ein absoluter Medienprofi.

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“Wenn Sie die Geduld aufbringen, mir bis zum Ende zuzuhören, dann werden Sie meinen Standpunkt erfahren. Gut?”, entgegnet Wladimir Putin auf Armin Wolfs Nachfrage, als es um die Situation in der Ostukraine geht. Insgesamt zwölf mal fordert der russische Präsident ORF-Anchor Armin Wolf während des Gesprächs auf, ihn doch bitte ausreden zu lassen, auch auf Deutsch weist er den Journalisten zurecht. Nachdem Wolf bei einer anderen Gelegenheit eine Zwischenfrage stellt, erwidert Putin: “Sie haben mich übrigens schon wieder unterbrochen. Hätten Sie mich ausreden lassen, würden Sie verstehen, worum es geht. Ich werde also trotzdem zu Ende sprechen.” Was das russische Staatsoberhaupt als Majestätsbeleidigung auffasst, gehört für Wolf zur guten Interviewführung. Und Geduld gehört eben nicht immer dazu, vor allem nicht bei diesem professionellen Interviewpartner und der knapp bemessenen Redezeit.

Zur Vorgeschichte: Aufgrund eines anstehenden Besuchs in Österreich, die erste Auslandsreise in Putins neuer Amtszeit, konnte der ORF mit dem Kreml ein Interview in Russlands Hauptstadt arrangieren. Das Kreml-Pressebüro, so erzählt es Wolf in seinem Blog, stellte diverse Bedingungen: Erstens solle nicht die Moskau-Korrespondentin des ORF das Gespräch führen, sondern ein “Hauptabend-Moderator”. Von den knapp 30 Minuten Interview sollten 15 Minuten im Hauptprogramm am Abend gesendet werden. Außerdem werde der Kreml eine ungekürzte Version des Interviews auf der eigenen Website publizieren. “Standard-Prozedur für internationale Putin-Interviews”, schreibt Wolf. Konkrete Fragen wollte Putins Presseabteilung nicht wissen, dafür aber zumindest die geplanten Themen. Sechs Punkte nannte der ORF-Journalist dem Kreml: Beziehungen zu Österreich, Einmischung in Wahlkämpfe, neuer Kalter Krieg, Ukraine-Krim, Syrien, Demokratie in Russland. Tabuthemen gab es nicht.

Putin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Dass Interviews mit umstrittenen (autoritären) Staatsführern für Politikjournalisten eine besondere Herausforderung sind, war dem erfahrenen Wolf bewusst. Dass es sich in Zeiten eines möglichen neuen Kalten Kriegs, wie ihn viele Politbeobachter prognostizieren, um Russlands Präsidenten handelt, sorgt zwangsläufig für weltweite Öffentlichkeit. Wie viel Bühne möchte man dem Politiker geben? Wie tritt man ihm als Interviewer gegenüber? Welcher Zeitpunkt ist richtig für Nachfragen? Als “heute journal”-Moderator Claus Kleber vor sechs Jahren den damaligen iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad befragte, gingen die Meinungen zu seiner Leistung danach auseinander. Manche hielten seinen Auftritt für journalistisch souverän und einwandfrei, andere warfen ihm vor, den teils haarsträubenden Aussagen, beispielsweise zum Holocaust, zu selten entschieden widersprochen zu haben. Auch das ZDF äußerte sich damals zu dieser Kritik.

Wolf, ein vor allem wegen seiner kritisch geführten Interviews international angesehener Journalist, hat sich mit der ausführlichen Sichtung von Putin-Gesprächen der vergangenen Jahre auf sein “Rendezvous” eingestellt. Während der Vorbereitung kristallisierten sich von Putin genutzte Antwortstrategien heraus, erläutert Wolf im Blog-Eintrag. Zunächst trage der Präsident seine Antworten meist sehr ausführlich vor. Oft werde es grundsätzlich, knappe Antworten seien selten, analysiert Wolf. Und tatsächlich fällt dies auch beim jüngsten Interview sofort auf: Aus den vereinbarten 30 Minuten werden schließlich 54 Minuten. Selbst als Putins Berater von außen anzeigen, dass der ORF-Mann langsam zum Ende kommen soll, bleibt Putin bei seinen langen Repliken. Man habe genug Zeit für alle Fragen und Antworten, betont Putin.

Ein weiteres beliebtes Stilmittel des russischen Präsidenten ist die Gegenfrage. “Ich erkläre es Ihnen und Sie sagen dann Ja oder Nein: Es waren ein verfassungswidriger, bewaffneter Staatsstreich und Machtergreifung. Ja oder Nein?”, fragt Putin, als es um die Annexion der Krim geht. Wolf erwidert, dass er kein ukrainischer Verfassungsexperte sei. “Ah, Sie wollen ausweichen…”, konstatiert Putin spöttisch und fährt mit seiner Antwort fort. Lediglich an einer Stelle verliert der Journalist seine Konzentration. Nachdem Wolf sein Gegenüber danach fragt, ob er nach der Präsidentschaft in der Politik bleibt oder sich zurückzieht, fragt Putin mit einem erneut spöttischen Lächeln zurück: “Was hätten Sie denn gerne?” Wolf reagiert leicht verdutzt und antwortet erst nach einer kurzen Pause. Er betont, dass seine Sicht keine Rolle spiele. “Mich interessiert, was Sie sich wünschen.”

Dass Putin ein “ungewöhnlich schwieriger Gesprächspartner” werden würde, liegt ebenfalls am Hang für den so genannten Whataboutism des gebürtigen Sankt Petersburgers. Wolf hatte erwartet, dass Putin von den eigentlichen Fragen und Themen ablenken wird oder aus seiner Perspektive wichtige Punkte ansprechen wird. Hier schließt sich der Kreis zu Wolfs zwölf Unterbrechungen, die allen voran auf Putins Ablenkungstaktik zurückzuführen sind. “Herr Präsident, wir müssen nicht über Douma sprechen, weil dort die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist”, sagt der 51-Jährige und versucht das Interview wieder in die richtige Richtung zu führen, nachdem Putin auf eine Syrien-Frage mit ausweichenden Fakten antwortet. Oder ein anderes Mal, als der Präsident von der russischen Schwarzmeerflotte spricht, die in der eigentlichen Frage bezüglich des Ukraine-Konflikts nicht erwähnt wurde. “Herr Präsident, ich unterbreche Sie so ungern, (…) aber es ging um diese Kämpfer in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen.”

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ORF setzt auf volle Transparenz

Der Beitrag ist ein Lehrstück für hochrangige Politiker-Interviews: Wolf ist gut vorbereitet, hakt beharrlich nach, stellt kritische Fragen und kann Argumente seines Gegenüber mit eigenen Fakten entkräften. Der Moderator lässt sich vom ebenso professionell auftretenden Putin nicht in die Irre führen. Umgekehrt zeigt dieser, was für eine hart zu knackende Interview-Nuss er ist. Von den Unterbrechungen des Journalisten lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen, kommt immer wieder auf seine Sicht der politischen Geschehnisse zurück und weist jegliche Vorwürfe bezüglich der berühmten Trollfabrik in St. Petersburg, der Krim-Annexion und dem Oppositionellen Alexej Nawalny zurück. Dessen Namen spricht er zwar öffentlich nicht aus, nennt den Politiker aber indirekt einen Clown. Gleichwohl merkt der Zuschauer, dass ihm das ständige Nachhaken von Wolf nicht recht ist.

Der ORF, der in Österreich vor allem durch Politiker Heinz-Christian Strache und dessen FPÖ unter Dauerkritik steht, setzt bei der Berichterstattung zum Putin-Interview auf volle Transparenz: Der Sender strahlte am Montagabend ein ZiB-Spezial (“Zeit im Bild”) aus, bei dem zwei Journalistinnen das gekürzte Gespräch im Nachgang analysierten. In der Mediathek ist zusätzlich die 54-minütige Langfassung abrufbar.

Ob das Interview gelungen sei, müssten die Zuschauer selbst entscheiden, schrieb Wolf im Anschluss der Ausstrahlung auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Persönlich sei er in mehr als drei Jahrzehnten erst mit einem Interview zufrieden gewesen und glaube nicht, dass das Gespräch mit Putin das zweite sein werde. Das Interesse jedenfalls, so viel ist am Tag nach der Ausstrahlung klar, war riesig. Auf ORF 2 haben im Durchschnitt 843.000 Zuschauer das Interview verfolgt, zumindest einen Teil des ZiB-Spezials haben rund 1.244.000 Menschen gesehen. Auf orf.at und der dortigen Mediathek sollen es am Dienstagmittag bislang 300.000 Zugriffe gewesen sein.

Kritische Stimmen gibt es in den Sozialen Medien derzeit vor allem von Putin-freundlichen Nutzern, die den russischen Präsidenten loben und Wolf vorwerfen, dreiste Fragen gestellt zu haben. Das Nachrichtenportal Sputnik, das zu den Kreml-Medien zählt, widmete Wolfs Ungeduld einen eigenen Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass Putin den ORF-Moderator sogar auf Deutsch zurechtweisen musste.

Das gesamte Interview mit Wladimir Putin gibt es hier auch im Wortlaut

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