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Nach massiver Kritik an Netflix-Serie: Acht Gründe, warum “Tote Mädchen lügen nicht” so wertvoll ist

Die zweite Staffel “Tote Mädchen lügen nicht” handelt von einem Gerichtsprozess
Die zweite Staffel "Tote Mädchen lügen nicht" handelt von einem Gerichtsprozess

Seit zwei Wochen ist bei Netflix die zweite Staffel der umstrittenen Serie "Tote Mädchen lügen nicht" zu sehen. Dieses Mal fordern Kritiker sogar, das Format komplett aus dem Programm zu streichen. Tatsächlich hinterlässt die Fortsetzung der Geschichte den Zuschauer einmal mehr verstört, frustriert und verzweifelt. Und trotzdem oder gerade deswegen ist die so wertvoll – MEEDIA nennt acht Gründe.

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“Die Kassetten waren erst der Anfang”, heißt es in dem Trailer zur zweiten Staffel der Netflix-Erfolgsserie “Tote Mädchen lügen nicht” (im Original “13 Reasons Why”). Und tatsächlich: Die Geschichte um Hannah Baker, eine Schülerin, die Selbstmord begeht und ihren Mitschülern 13 Kassetten mit den Gründen für ihre Entscheidung hinterlässt, wird in den neuen Folgen noch verstrickter, undurchsichtiger – und schmerzhafter. Im Vordergrund der Handlung steht der Gerichtsprozess zwischen Hannahs Eltern und der Schule, auf der ihre Tochter von Mitschülern gemobbt wurde. Gleichzeitig wird das System der Liberty Highschool gnadenlos entlarvt als ein System aus Machtspielen, Unterdrückung und Gewalt. Die Serienmacher hatten im Vorfeld der Ausstrahlung bereits angekündigt, dass sie sich auch dieses Mal “nicht zurückhalten wollen”. Mit dem Ergebnis: verstörende Szenen, die gezielt die Grenze des Erträglichen übertreten und den Finger gleich in mehrere Wunden der (amerikanischen) Gesellschaft legen.

Bereits die erste “Tote Mädchen lügen nicht”-Staffel sorgte für Proteste von Jugendschützern; mehrere US-Behörden warnten vor dem Konsum der Serie und ihren “gefährlichen Inhalten”. Hannahs Selbstmord würde als ein heroischer und romantischer Akt inszeniert werden, hieß es außerdem. Auch die neuen Folgen, die seit dem 18. Mai 2018 bei Netflix zu sehen sind, sorgen wieder für Aufsehen. In einer Pressemitteilung warnt der amerikanische Parents Television Council (PTC), Netflix habe Teenagern und Kindern mit der Serie eine tickende Zeitbombe geliefert. “Die inhaltlichen und thematischen Elemente der zweiten Staffel sind noch schlimmer, als wir erwartet hatten“, so PTC-Präsident Tim Winter und weiter: „Wir hätten nach dem drastischen Selbstmord der weiblichen Hauptdarstellerin gerne 13 Gründe für Hoffnung und Erlösung gehabt. Aber anstatt einen Weg nach vorne aufzuzeigen, bietet die Staffel nur Anlass zur Verzweiflung.“ In dem Statement fordert der PTC-Präsident Netflix sogar auf, beide Staffeln der Serie aus ihrem Programm zu streichen.

Dass die Serie durchaus intensiv besprochen wird, und zwar unbedingt auch kritisch, ist wichtig. Dass Netflix eine Altersfreigabe von 16 Jahren empfiehlt, auch. Und dass immer wieder empfohlen wird, dass Jugendliche sie mit ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten gemeinsam schauen, erst recht. Denn allein gelassen mit derart drastischen Inhalten sollten Schülerinnen und Schüler mitnichten. Und dennoch gehört die TV-Serie zu den wichtigsten und wertvollsten Coming-of-Age-Geschichten der vergangenen Jahre.

8 Gründe, warum die Serie auf jeden Fall gezeigt werden muss. Vorsicht, Spoiler!

1. Das Handwerk
Auch wenn die Dialoge der zweiten Staffel hier und da etwas zu stark an kitschige Sprüche auf romantischen Postkarten erinnern und die 17-jährigen Hauptcharaktere stellenweise zu penetrant als Moralapostel mit erhobenem Zeigefinger daherkommen, ist “Tote Mädchen lügen nicht” eine überragend produzierte Serie mit einer grandiosen Storyline: Die Spannung braut sich langsam, leise und bedrohlich über dem Zuschauer zusammen, bevor sie in den letzten drei Folgen voller Gewalt eskaliert und das zuvor verwirrend dicht gespannte Handlungsnetz aufs Brutalste zerschlägt. Wer die Serie bis zum Schluss gesehen hat, dürfte im Anschluss großen Redebedarf haben. Und das muss TV-Storytelling erst einmal schaffen: den Zuschauer mit Emotionen und Empathie auf eine Art und Weise zu fesseln, die ihm keine andere Wahl lässt, als immer wieder zu besprechen, was er gerade gesehen hat.

2. Die Charaktere
Die Serienmacher lieben ihre Charaktere. Hier bleibt kein für die Handlung entscheidender Protagonist zu flach gezeichnet, im Gegenteil: Während in der ersten Staffel konsequent aus Hannahs Sicht erzählt wurde, öffnet sich die Story nun für eine breitere Perspektive und damit für tiefere und realistischere Persönlichkeitsentwicklungen. Besonders beeindruckend ist dabei die Charakterstudie des ewigen Außenseiters und potenziellen Amokläufers Tyler Down. Bei Tyler ist nichts vorhersehbar, die Autoren bedienen kein Klischee. Vielmehr steht die Verkettung von Ereignissen im Vordergrund, die ihn zu der Person werden lässt, die am Ende der Staffel mit mehreren Waffen vor der Sporthalle seiner Highschool steht.

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3. Der geplante Amoklauf
“Tote Mädchen lügen nicht” schaut an vielen Stellen kritisch auf das amerikanische Gesellschaftssystem, unter anderem auf das Waffengesetz. Einer der größten Erzählstränge der zweiten Staffel ist der Amoklauf von Tyler Down, auf den die Handlung der Serie scheinbar unausweichlich zusteuert. Nicht nur wird gezeigt, wie einfach es für Tyler ist, an unzählige Waffen zu kommen. Die Message ist außerdem: Niemand wird ‘mal eben so’ zum Gewalttäter. Am Beispiel des Protagonisten wird detailliert ein vertracktes Hin und Zurück beschrieben; ein ständiges Suchen nach Gründen, es doch nicht tun zu müssen, das am Ende – ausgelöst durch die Vergewaltigung Tylers durch drei Mitschüler – dann doch von dem Gefühl abgelöst wird, keine Alternative und keine andere Wahl mehr zu haben. Um Tylers Geschichte zu erzählen, zitieren die Serienmacher den Amoklauf an der Columbine High School am 20. April 1999: Zum einen sieht Tyler am Ende der Serie einem der beiden damaligen Attentäter optisch auffallend ähnlich. Zum anderen wird das Datum seines geplanten Amoklaufs in der Serie ebenfalls auf den 20. April gelegt. Darüber hinaus erinnern die Szenen, in denen Tyler mit einem Freund im Wald auf leere Dosen schießt, stark an die realen Videoaufnahmen der beiden Columbine-Attentäter, auf denen ebenfalls zu sehen ist, wie sie im Wald Schießübungen machen.

4. Die (US-amerikanische) Justiz
Auch wenn sich der Zuschauer immer wieder wünscht, dass es anders ausgeht, war das Ende des Prozesses mit dem Freispruch der Schule erwartbar. Ebenso die lasche Strafe für den Vergewaltiger Bryce Walker, der durch den mächtigen Einfluss seiner reichen Eltern geschützt wurde: drei Monate auf Bewährung. Vor allem dieses zweite Urteil ist verstörend und dennoch realistisch. Strafen von Sexualtätern fallen – vor allem aus Sicht der Opfer beziehungsweise der Angehörigen – nicht selten (zu) gering aus.

4. #MeToo
“Ich kenne keine einzige Frau, die noch nie Opfer von Sexismus oder gar sexueller Gewalt geworden ist”, sagt Hannahs Mutter, Olivia Baker, in der letzten Folge. Anschließend erzählen alle weiblichen Protagonistinnen der Serie von ihren persönlichen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Damit trifft die Serie den Kern der aktuellen #MeToo- und Sexismus-Debatte und zeigt darüber hinaus einfühlsam, wie schwer es für viele Opfer ist, überhaupt über ihre Erfahrungen zu sprechen und welche Steine ihnen nach wie vor in den Weg gelegt werden.

5. Die eine Wahrheit gibt es nicht
Es gibt keine allgemeingültige und objektive Wahrheit. Das ist die vermutlich wichtigste und lauteste Botschaft dieser zweiten Staffel. Hannahs Geschichte wird durch die Aussagen ihrer Mitschüler vor Gericht aufgebrochen und um zahlreiche neue subjektive Wahrheiten erweitert. Das ist mitunter frustrierend und anstrengend, doch es zeigt: Niemand ist ausschließlich gut oder böse, kaum jemand nur Opfer oder nur Täter.

6. Mobbing ist komplex
Vor allem beim Mobbing unter Teenagern sind die Übergänge zwischen Opfer und Täter fließend. So stellt sich beispielsweise im Verlauf der Serie heraus, dass auch Hannah ein anderes Mädchen auf perfide Art und Weise gemobbt und außerdem mit ihren hinterlassenen Kassetten wiederum zahlreiche Mitschüler ins Unglück gestürzt und an den Pranger gestellt hat. Wenn man von den eindeutigen Gewalt- und Straftaten absieht, wirft die Serie beim Thema Mobbing bewusst mehr Fragen auf als sie beantwortet, um damit die Komplexität und Wichtigkeit einer Debatte zu verdeutlichen: Wo hören Streitigkeiten unter Schülern auf und wo fängt systematisches Mobbing an? Müssen die Opfer gestärkt oder die Täter bestraft werden? Wieviel Verantwortung kann die Schule übernehmen? Was sehen die Lehrer überhaupt? Müssen Eltern noch aufmerksamer sein? Und wie kann das funktionieren, wenn die Kinder nicht mit ihnen sprechen?

7. Identifikation und Trost
Für viele Schülerinnen und Schüler ist Mobbing Alltag. Und die meisten leiden dabei allein. Ihnen kann eine solche TV-Produktion Trost und damit neue Kraft spenden. So schreibt beispielsweise Kathrin Weßling dazu in einer bento-Kolumne: “Meine Schulzeit war die Hölle. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, Angst vor der Schule zu haben, Angst vor den anderen.” Eine Serie wie diese hätte ihr helfen können, die Zeit zu überstehen, so Weßling und erklärt weiter: “Hätte es damals ‘Tote Mädchen lügen nicht’ gegeben, hätte ich zumindest gewusst, dass ich nicht alleine bin mit all dem. Dass es andere gibt, denen es genau so geht. Dass es nicht wahr ist, wenn Menschen dir sagen, dass du hässlich und nicht liebenswert bist. All das hätte ich verstehen können. All das hätte mir vielleicht ein wenig Mut gemacht. Die suizidalen Gedanken, sie waren so oder so da. Aber ich wäre damit nicht ganz so allein gewesen.”

8. Kommunikation
Ein großes Problem von Mobbing ist die Sprachlosigkeit. Auch in “Tote Mädchen lügen nicht” wird gezeigt, wie schwer die Kommunikation fällt und wie häufig offene Worte hätten helfen können, das Unglück abzuwehren oder mindestens erträglicher zu machen. Immer wieder scheitern Dialoge und Kontaktversuche, immer wieder hängt das Schweigen wie ein schwerer Vorhang über der Handlung. Eltern und Schüler sowie Lehrer und Schüler haben in fast jeder Protagonisten-Konstellation den Bezug zueinander nahezu komplett verloren. Wenn diese Serie nun zur Diskussion anregt, wenn Eltern beziehungsweise Lehrer sie gemeinsam mit den Jugendlichen schauen und im Anschluss darüber reden, dann besteht zumindest die Hoffnung, das Schweigen überwinden zu können.

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