Partner von:
Anzeige

Facebooks journalistische Ausbildungs-Initiative: Warum der Pakt mit der HMS für alle Beteiligten ein schlechter Deal ist

Facebook sponsored der Hamburg Media School ein Ausbildungsprogramm
Facebook sponsored der Hamburg Media School ein Ausbildungsprogramm

Facebook und die Hamburg Media School wollen Journalisten die Chancen der Digitalisierung aufzeigen und ihnen Wissen und Werkzeug für ihre Arbeit an die Hand geben. Angesichts der weiterhin ausbaufähigen Digitalkompetenz in der Branche ein ehrenwertes Vorhaben. Nur ist gerade das soziale Netzwerk nicht der richtige Absender dafür – und der Deal ein Grenzgang für alle Beteiligten. Ein Kommentar.

Anzeige
Anzeige

Das Engagement sei ein “globales Pilotprojekt” für Facebook, erklärte Partnership-Manager Guido Bülow gegenüber MEEDIA. Das war untertrieben. Das “Digital Journalism Fellowship” der Hamburg Media School sucht auch über die Unternehmensgrenzen hinaus seinesgleichen. Das soziale Netzwerk ist alleiniger Finanzier des am Donnerstag verkündeten Weiterbildungsangebotes für Journalisten. Es ist ein ungewöhnliches wie auch in jeglicher Hinsicht einmaliges Vorhaben: einmalig eigenartig, eher aber einmalig vermessen. Und ein schlechter Deal für alle Beteiligten.

Facebook hat Vertrauen verspielt

Mit dem Engagement, das Facebook innerhalb seines Journalism Projects umsetzt, überschreitet das weltweit größte Netzwerk eine Grenze. Das Bildungsprogramm soll das “gesamte Spektrum des Digitalen Journalismus abdecken”, von Storytelling bis hin zu Medienethik. Vor allem letzteres klingt im Zusammenhang mit Facebook zwar ulkig, ist es aber nicht. Facebook, das nach eigener Aussage Qualitätsjournalismus und damit die Gesellschaft “stärken” will, maßt sich an, in die Ausbildung von Journalisten, deren Unabhängigkeit das größte Gut ist, einzugreifen.

Es mag zwar nicht ungewöhnlich sein, dass Wirtschaft Wissenschaft unterstützt, Stipendien, Lehrstühle oder auch ganze Studiengänge finanziert und manchmal sogar so erst große Fortschritte ermöglicht hat. Facebook aber finanziert keine Forschung, sondern Ausbildung. Und das in einem Segment, das generell höchst sensibel ist und um dessen Vertrauen es mal besser stand. Ein Unternehmen, das selbst das Vertrauen von Milliarden von Nutzern riskiert hat, ist womöglich nicht der richtige Partner.

Facebook hat alles Recht der Welt, aus Sicht mancher sogar die Pflicht, Medienkompetenz zu fördern. Das Unternehmen ist – auch mit seinen Diensten Instagram und WhatsApp – ähnlich wie Google zum Synonym für Internet geworden, arbeitet daran, mehr und mehr Teile des virtuellen Lebens in sein Netzwerk zu integrieren. Es hat (wenn auch nicht allein) zudem die Aufgabe, den verantwortungsvollen Umgang mit seinen Diensten zu lehren, weshalb es in Berlin das Digitale Lernzentrum eingerichtet hat. Allein dieser Aufgabe verantwortungsvoll nachzukommen, dürfte Facebook personell wie auch monetär ausfüllen.

Facebook hat ein gestörtes Verhältnis zur Journalismus

In seinem Lernzentrum bringt Facebook auch Journalisten bei, wie sie mit dem sozialen Netzwerk arbeiten können und Inhalte dafür aufbereiten. Das ist nicht nur in Facebooks primärem Interesse, sondern aufgrund der gegenseitigen Bedeutung füreinander legitim. Dass Facebook darüber hinausgeht und journalistische Aus- beziehungsweise Weiterbildung finanziert, ist hingegen absurd. Die eigene Kommunikationsstrategie des Konzerns verdeutlicht, wie gespalten das Verhältnis zum Journalismus ist. Facebook kommuniziert nur, wenn und was es will. Oder wenn es wie im Fall von Cambridge Analytica nicht mehr umhin kann, sich auf bohrende Fragen öffentlich zu erklären. Der oft fehlerhafte Umgang mit journalistischen oder künstlerischen Inhalten (Stichwort Netzwerkdurchsetzungsgesetz) zeigt, dass Facebook den Aufbau von Medienkompetenz selbst dringend nötig hat.

Auch die Hochschule mit ihrem branchenweit bekannten Leiter und Netzwerker Stephan Weichert ist mit der Kooperation nicht gut beraten. Er habe schon lange die Idee für dieses Bildungsangebot gehabt, sagte er jüngst im Interview mit MEEDIA. Dann erst sei die Kooperation mit Facebook zustandegekommen. Das mag sein, und aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten vieler journalistischer Häuser ist es gewiss nicht einfach, genügend Geld aus der Medienwirtschaft zu sammeln.

Anzeige

Doch stellt sich – auch wenn die Macher beispielsweise in der Zusammensetzung der Bewerber-Jury um Objektivität bemüht sind – die Frage, ob ein einziger Finanzier den Eindruck der Unabhängigkeit gewährleisten kann. Zumal das Programm üppiger ausgestattet zu sein scheint als vergleichbare Bildungsangebote: Neben 20 Studienplätzen zahlt Facebook auch Reisekosten in die USA. Wie viel das Unternehmen dafür locker macht, behält es – natürlich – für sich.

Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, ob es das Programm überhaupt braucht. Die Hamburg Media School richtet sich bereits mit einem eigenen, staatlich anerkannten Studiengang, dem das Programm sehr ähnlich ist, an berufserfahrene Journalisten. Das Angebot kann ebenfalls berufsbegleitend angenommen werden und wird mithilfe von Stipendien finanziert (Anmerkung d. Red.: Auch MEEDIA tritt hierbei als Förderer auf).

Der Deal ist offensichtlich: Die Hochschule bekommt ein neues Programm, und Facebook steigert das eigene Ansehen unter dem Deckmantel einer Bildungsoffensive für mehr journalistische Kompetenz mit einem renommierten, in der Branche gut vernetzten Partner. Denn die Intention des Journalism Project ist klar, auch wenn Facebook sie anders kommuniziert: Es geht um die Verbesserung der komplizierten Beziehung zwischen Konzern und Medien – und letztlich darum, das Image des durch internationale Kritik gebeutelten Netzwerks aufzupolieren.

Denn Facebook steht auch aus ökonomischer Sicht in der Kreuzfeuer wie nie. Medienhäuser sehen sich für die Leistung, die sie für das Netzwerk erbringen, nicht ausreichend vergütet. Die Monetarisierung der bei Facebook ausgelagerten Inhalte entwickelt sich weitgehend schleppend, und auch das Journalism Project gilt Kritikern angesichts der zwölf bis 13 Milliarden Dollar Umsatz, die Facebook vierteljährlich erzielt, als Tropfen auf dem heißen Stein.

Teilnehmer sollten im Kurs Medienethik zuerst sich selbst hinterfragen

Nicht zuletzt ist die Kooperation auch für die Redaktionen, die Journalisten entsenden, ein schlechter Deal. Die erste Frage, mit der sich die Teilnehmer im Kurs Medienethik auseinandersetzen sollten, sollte sein, ob die Teilnahme mit dem eigenen Berufskodex vertretbar ist. Dabei geht es weniger darum, ob durch das Fellowship gleich die ganze Unabhängigkeit einer Redaktion gefährdet ist (ist sie nicht), vielmehr aber darum, ob die Häuser hier in bester Absicht nicht auf einen PR-Schachzug eines im Bild der Öffentlichkeit angeschlagenen US-Konzerns hereinfallen.

Dass Facebook überhaupt auf die Idee kommt, Journalistenbildung finanzieren zu wollen, ist dabei auch Schuld der Verlage. Das Netzwerk stößt in eine Lücke, die Medienhäuser selbst geschaffen haben. Schließlich haben Axel Springer, Qualitätsallianzen von Gruner + Jahr, Zeit und Spiegel oder regionale Zeitungshäuser eigene Journalistenschulen mit namhaften Dozenten im Haus. Keine von diesen hat sich bislang dadurch hervorgetan, Journalisten der Generation 40 plus in der Breite digital zu schulen. Es wäre in ihrem eigenen Interesse gewesen.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia