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Kritik am Internet-Pranger für Rechte: „Jan Böhmermann zeigt, wie totalitäres Denken wieder cool werden kann“

Jan Böhmermann rief die Bewegung "Reconquista Internet" ins Leben

Jan Böhmermann will das Internet „zurückerobern“ und hat dafür die „Bewegung“ Reconquista Internet ins Leben gerufen. Die Aktion ist umstritten. Im Zentrum der zum Teil harschen Kritik steht eine Liste mit Twitter-Profilen aus dem „rechten Spektrum“, die Böhmermann online veröffentlichte. Mit seinen namhaften Kritikern sprechen will der Satiriker jedoch nicht und verweigert sich jeder Diskussion.

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„Man hätte wirklich gerne gewusst, wer im Team von Jan Böhmermann die geniale Idee hatte, Orwells 1984 als Massenbewegungssatireaktion im echten deutschen Leben loszutreten“, schreibt der Journalist Jochen Bittner in einer Kolumne auf Zeit Online. Damit bezieht er sich auf Böhmermanns Aktion „Reconquista Internet“, die seit einigen Tagen für Furore im Netz sorgt. Die Initiative soll eine Antwort auf „Reconquista Germanica (RG)“ sein, ein Online-Bündnis von Rechtsradikalen, das sich selbst verharmlosend als „satirisches Internet-Projekt ohne Bezug zur Wirklichkeit“ bezeichnet.

Mit „Liebe und Vernunft“ gegen den Hass im Netz

Tatsächlich koordinieren die „Reconqusita Germanica“-Akteure gezielt Online-Attacken auf Medien, Institutionen und politische Gegner. In seiner „Neo Magazin Royale“-Sendung von 28.04.2017 setzte sich Jan Böhmermann in einem rund 20-minütigen Beitrag mit „Reconquista Germanica“ auseinander und erklärte darin unter anderem: „Was die Rechten da im Internet machen, hat nichts mit politischer Werbung oder politischem Diskurs zu tun. Das sind organisierte Volksverhetzungen, gezielte Einschüchterungsversuche und Manipulation mit illegalen Mitteln. Und weil die deutschen Strafverfolgungsbehörden leider immer noch so ein langsames Internet haben, sollten zuallererst wir Profi-Satiriker den Amateur-Satirikern von ‚Reconquista Germanica‘ eine Kraft entgegensetzen, mit der sie in Zukunft rechnen müssen.“

Noch in der Sendung kündigte er die Gegenbewegung „Reconquista Internet“ an. Mittlerweile beteiligen sich etwa 50 000 Menschen an dem Projekt, deren Ziel es nach eigenen Angaben sein soll, dem Hass im Netz „Liebe und Vernunft“ entgegen zu setzen. Auf der re:publica 2018 sagte Böhmermann: „Wir haben aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen.“

Listen mit über 1000 Twitter-Nutzern

Eine der von Jan Böhmermann und „Reconquista Internet“ angeleierten Aktionen ist die Veröffentlichung zweier Listen auf Google Drive mit insgesamt über 1000 Twitter-Profilen: auf Liste Nummer 1 finden sich Accounts, die an mindestens zwei Aktionen von „Reconquista Germanica“ beteiligt gewesen sein sollen. Auf Liste Nummer 2 wurden die IDs von Twitter-Nutzern veröffentlicht, die, wie es in einem Video von „Reconquista Internet“ heißt, mit „mindestens zehn Accounts des rechten Spektrums“ vernetzt seien. Was genau als „rechtes Spektrum“ definiert wird, wird nicht weiter ausgeführt. Gemeinsam mit dem Video wird außerdem eine Anleitung verbreitet, wie diese Listen genutzt werden können, um alle dort aufgelisteten Profile gleichzeitig bei Twitter zu blockieren. Böhmermann selber twitterte die Links zu den Listen sowie zu der Anleitung ebenfalls, löschte entsprechenden Tweet jedoch kurz darauf wieder (im Twitter-Archiv ist er allerdings noch abrufbar).

Vor allem zweitere Liste, die von Twitter-Nutzern aus dem „rechten Spektrum“, löst bei Kritikern großes Unbehagen aus, denn offenbar werden dort Neonazis mit Personen wie Erika Steinbach oder Roland Tichy zusammengewürfelt. Erstellt wurde diese Liste vermutlich durch einen Algorithmus, was sie außerdem besonders heikel macht.

So schreibt Medienjournalist Stefan Niggemeier auf Übermedien.de: „Alles an den Listen ist problematisch: Die unklaren Kriterien, nach denen sie mit Hilfe eines Algorithmus erstellt wurden. Die Vermischung von zwei sehr unterschiedlichen Gruppen, die gleichermaßen irgendwie bekämpft oder für sich stummgeschaltet werden sollen: eine Organisation von extremistischen, anonymen Trollen einerseits und sehr unterschiedlichen rechten Einzelpersonen und Medien andererseits. Die Idee, statt auf eine Auseinandersetzung mit rechten Inhalten zu setzen, die Nicht-Auseinandersetzung zu propagieren.“

„Fertig ist die Diskurserstickung“

Jochen Bittner schreibt auf Zeit Online: „Twitter-Accounts wie die von, sagen wir, Emma Richter, Dushan Wegner oder Roland Tichy sind hingegen hochgradig diskursiv; sie sind provokant, bisweilen emotional und pauschalierend, aber sie verstoßen gegen keine Gesetze. Niemand muss sie mögen. Nur: Ihre Freiheit, sich zu äußern, die muss man in einem von Kant und Grundgesetz geprägten Land halt, ja, lieben. Wer, wenn nicht Jan ‚Be Deutsch‘ Böhmermann wüsste das.“

Bittner geht noch einen Schritt weiter und wirft Böhmermann vor, jeglichen Diskurs abzuwürgen:

Seine erschreckend erfolgreiche Log-in-Aktion, die schnell mehr als 50.000 Mitglieder gewann, führt gerade der jüngeren Generation, die weder die vorletzte noch die letzte deutsche Diktatur erlebt haben, vor Augen, wie einfach und schnell totalitäre Trends cool werden können: Definiere böses Denken weit und gutes Denken eng und behaupte, es gebe viel, viel mehr Feinde einer besseren Menschheit, als man so glaube. Fertig ist die Diskurserstickung.

Auch für einen Diskurs mit seinen Kritikern scheint Jan Böhmermann nicht bereit zu sein – obwohl es in dem „Reconquista Internet“-Video heißt: „Wir reichen jedem Menschen auf diesen Listen unsere Hand. Wer etwas dagegen hat, dass wir diese Listen veröffentlichen, kann jederzeit mit uns sprechen. Wir sind ab sofort überall.“ Sowohl Stefan Niggemeier für Übermedien als auch Jochen Bittner für Zeit Online hatten Böhmermann und auch der „Neo Magazin Royale“-Produktionsfirma bildundtonfabrik Fragen zu den Listen gestellt – und bisher offenbar keine Antworten bekommen.

Auf Twitter reagierte der Satiriker auf Bittners Text mit den Worten: „Ich fände es als leser cool wenn @JochenBittner eine große reportage über die reise von kollegah und farid bang nach @AuschwitzMuseum für die @DIEZEIT machen könnte (3. juni) – aber bitte auch wirklich echt selber mitfahren“. Bittner veröffentlichte daraufhin die von Böhmermann unbeantworteten Fragen:

ZDF-Programmchef: „Wir haben damit nichts zu tun, und wir hätten das auch nicht gemacht“

Die Kritik richtet sich nicht nur gegen Jan Böhmermann und sein Team; auch vom Muttersender des Satirikers, dem ZDF beziehungsweise ZDFneo, werden von zahlreichen Twitter-Nutzern Erklärungen gefordert. Die Antwort: „Das ZDF und ZDFneo haben zu keiner Zeit in den Sozialen Netzwerken Listen mit Twitteraccounts öffentlich gemacht und auch nie zur Denunziation aufgerufen.“

Im Gespräch mit Übermedien erklärte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler „Wir haben damit nichts zu tun, und wir hätten das auch nicht gemacht.“ Das ZDF habe von der Veröffentlichung auf Böhmermanns privatem Account nichts gewusst. „Das ist nicht in der redaktionellen Verantwortung des ZDF geschehen.“ Die Idee mit den Listen sei, so Stefan Niggemeier, offenbar bei der Planung für die „Neo Magazin Royale“-Show aufgekommen, aber von den Senderverantwortlichen abgelehnt worden.

Ob diese Erklärung des ZDF auf der einen und das provokante Schweigen Böhmermanns auf der anderen Seite ausreichen, um Kritiker und Betroffene zu zu besänftigen, ist mindestens fragwürdig.

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