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“Kannste dir nicht ausdenken”: Facebook lehnt Richard Gutjahrs Werbeposting für Vortrag über Hatespeech ab

Wollte seinen Vortrag über Hatespeech bewerben, Facebook ließ ihn aber nicht: Blogger Richard Gutjahr
Wollte seinen Vortrag über Hatespeech bewerben, Facebook ließ ihn aber nicht: Blogger Richard Gutjahr

Bei der re:publica 2018 hielt Richard Gutjahr einen Vortrag über seinen Kampf gegen Trolle und Verschwörungstheoretiker. Er berichtete von Schikanen, Lügen bis hin zu Morddrohungen gegen ihn. Der Vortrag ist Pflichtprogramm für jeden, der verstehen will, wie die fiese Seite des Internet funktioniert. Deshalb wollte der Journalist die Video-Aufzeichnung u.a. bei Facebook bewerben. Doch das Netzwerk lehnte Werbung für den Anti-Hatespeech-Vortrag ab. Wegen Hatespeech.

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Was – wenn es in diesen Zusammenhängen auch besonders zynisch klingt – unter dem Begriff des “Reporterglücks” bekannt ist, entpuppte sich für Richard Gutjahr als Hölle auf Erden. Der Journalist und Blogger war zufällig vor Ort, als am französischen Nationalfeiertag 2016 ein LKW in eine Menschenmenge in Nizza raste und zahlreiche Menschen tötete. Und er war zufällig vor Ort als wenige Tage später ein Attentäter im Olympiazentrum in München um sich schoss, neun Menschen tötete und weitere verletzte.

Er tat, was ein Journalist in diesen Situationen eben macht: Er sammelte Informationen und berichtete. Was da noch nicht absehbar war: Er hatte keine Ahnung, dass er deshalb monatelang von Verschwörungstheoretikern und Trollen verfolgt würde.

Denn für diese war Gutjahrs “Reporterglück” alles andere als Zufall, sie begannen die Anschläge als Fake zu bezeichnen und endeten bei der Verfolgung von Gutjahr selbst wie auch seinen Angehörigen. Es gab sogar Morddrohungen.

Von dieser unglaublichen Geschichte berichtete Gutjahr in diesem Jahr auf der re:publica. Nach langem Schweigen hatte er in diesem Jahr den Entschluss gefasst, über seine Erlebnisse zu sprechen. Teil der Geschichte ist auch das unglaubliche Verhalten sozialer Medien. So hatte Google, Mutter der Videoplattform YouTube, den Journalisten im Stich gelassen, als er gegen falsche Behauptungen und Hetze gegen Vlogger vorgehen wollte. Es kam sogar so weit, dass YouTube den Tätern die Privatadresse des Journalisten ausgehändigt hatte.

Nun spinnt sich die Geschichte über die Skrurrilitäten im Umgang mit sozialen Netzwerken weiter. Im Nachgang der re:publica erschien der Vortrag als Video. Gutjahr hatte sich offenbar vorgenommen, seinen Auftritt in den sozialen Medien zu verteilen und dafür sogar Werbegeld in die Hand zu nehmen. Die Rechnung aber hatte er ohne Facebook gemacht.

“Kannste Dir nicht ausdenken”, twitterte er am Donnerstagabend. Denn Facebook hatte seine Werbeaktion abgelehnt. Die Begründung: Die verbreiteten Inhalte verstießen gegen die “Werberichtlinien”. Es seien “keine Werbeanzeigen zulässig, die vulgäre Ausdrücke enthalten, sich auf Charakteristika des Betrachters beziehen (z.B. Hautfarbe, ethnische Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung, Name) oder jemanden schikanieren”. Auf diese Richtlinien verwies Facebook auch auf Anfrage. In Gutjahrs Posting findet sich der Begriff “Shit” wieder, der maschinell erkannt worden sein könnte.

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“Facebook hat die Bewerbung meines Anti-Hatespeech-Vortrags von der abgelehnt – weil er Hatespeech enthält”, fasste Gutjahr kurz und knapp zusammen.

Sein Fall zeigt erneut, wie schwer es Facebook fällt, mit sensiblen Inhalten umzugehen. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz zwingt das Unternehmen dazu, innerhalb kürzester Zeit auf strafrechtlich relvante oder persönlichkeitsrechtsverletzende Inhalte zu reagieren und diese im Zweifel zu entfernen. Kritiker hatten bereits vor Erlass des Gesetzes gewarnt, Facebook könnte zu Kurzschlussreaktionen neigen und Inhalte löschen, die gar nicht erst gegen das Gesetz verstoßen.

Facebook beschäftigt in Deutschland zwei Dienstleister mit Tausenden Mitarbeitern, die rechtswidrige Inhalte im Social Web kontrollieren, löschen und sanktionieren sollen. Zudem will das Unternehmen mit künstlicher Intelligenz arbeiten, um sensible Inhalte schneller zu erkennen und zu verarbeiten.

An der Umsetzung hapert es offensichtlich noch. Immer wieder kommt es zu Fehlern, bei denen Facebook beispielsweise Satire-Inhalte löscht und damit auch die Meinungs- und Kunstfreiheit einschränkt. Erst nach Beschwerden schaltet das Netzwerk die Inhalte wieder frei.

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