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Kein Steffen Simon, kein Gerd Gottlob: Warum die “Sportschau” DFB-Pokalspiele von YouTube-Influencern kommentieren lässt

YouTuber als Sportkommentatoren? Die “Sportschau” probiert es aus
YouTuber als Sportkommentatoren? Die "Sportschau" probiert es aus

Sie heißen "Der Ömsen", "Badeschlappen" oder "DerHansus". Einem jüngerem Publikum werden sie als YouTuber bekannt sein, die dort Hunderttausende Fans erreichen. Seit Herbst vorigen Jahres kooperiert die "Sportschau" mit Influencern und lässt diese ausgewählte Spiele des DFB-Pokals auf der Videoplattform kommentieren, so wie in dieser Woche bei beiden Halbfinalpartien. Ein Experiment, das die Abrufzahlen steigen lässt.

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Während Steffen Simon den Einzug ins Finale der Frankfurter Eintracht gegen Schalke 04 live aus der Arena kommentierte, saßen in der “Sportschau”-Redaktion beim WDR in Köln zwei junge Männer vor den Bildschirmen, die sonst eher einem jüngerem Publikum aus dem Gaming-Sektor bekannt sind. Unter ihren Künstlernamen “Badeschlappen” und “DerHansus” erreichen sie auf YouTube mit ihren Inhalten zum Videospiel Fifa regelmäßig mehrere tausende Zuschauer. Nun begleiteten sie die zweite Halbzeit des Pokalspiels auf dem YouTube-Kanal der “Sportschau”, in Abschnitt eins hatten die Macher von “FifaGoalsUnited” die Kommentierung übernommen.

Bereits zum vierten Mal durften unter dem Motto “YouTuber kommentieren live” von Redakteuren der “Sportschau” ausgewählte Influencer den Job von Steffen Simon, Tom Bartels & Co. übernehmen. Das “Experiment”, wie es die “Sportschau” selbst nennt, startete im Oktober vorigen Jahres mit dem Spiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München. Das Prinzip dahinter ist simpel: Jeweils mindestens zwei bekannte YouTuber übernehmen eine Halbzeit der Partie und kommentieren die Geschehnisse auf dem Spielfeld.

Die ausgewählten YouTuber verdienen mit dem Daddeln des Videospiels Fifa und der Schaltung von Werbung ihr Geld. Sie produzieren Videos, in denen sie gegen andere YouTuber in einem sogenannten “Squad Builder Battle” antreten. Dabei stellt jeder der Duellanten mit Hilfe der Karten, die im Spiel zu gewinnen sind, seine erste Elf auf. Oder sie stellen Inhalte zur Verfügung, in denen sie mit einem bestimmten Team den sogenannten Karrieremodus durchspielen. Mit ihren Videos erreichen die Fifa-YouTuber tausend oder gar zehntausende Fans und haben bis zu 500.000 Follower, die sich eben jene Inhalte regelmäßig fleißig kommentieren.

Markenbindung und neue Zielgruppen

An dieser Stelle wird es für eine Redaktion wie die der “Sportschau” interessant. Statt das Spiel von einem einzelnen professionellen Sportkommentator oder einem Redakteur kommentieren zu lassen, der womöglich der jungen Zielgruppe auf YouTube unbekannt ist, möchte man von der Reichweite der Fifa-YouTuber profitieren. Denn sie bringen viele fußballbegeisterte Nutzer mit und ziehen diese  – auch durch ihre Ankündigungen in den sozialen Netzwerken wie Twitter – auf die Live-Übertragung des öffentlich-rechtlichen Angebots. “Die Grundidee entstand dadurch, dass wir in der letzten Saison zwar den “Sportschau”-Live-Stream angeboten haben, dieser jedoch nicht so viele Abrufe hatte wie erwartet. Für diese Saison wollten wir das Angebot plattformgerechter gestalten und haben deshalb YouTuber eingeladen, die sich ohnehin in diesem Kosmos bewegen”, sagt Sebastian Göllner, Digital-Redaktionsleiter der “Sportschau”, im Gespräch gegenüber MEEDIA. So ein Angebot binde eine junge Zielgruppe an die Marke.

Hinzu kommt, dass die Redaktion die Kommentierungen zweitverwertet und Zusammenschnitte der besten Zitate veröffentlicht. So gelangen mit überschaubarem Aufwand erneut zehntausende Zuschauer und mehr auf den YouTube-Kanal der “Sportschau”, wie die Abrufzahlen zeigen.

Einzige Ausnahme in den vier Übertragungen bildet bislang das Spiel Bayer Leverkusen gegen Bayern München vom Dienstag dieser Woche. Dort saßen “MontanaBlack”, “Achi der Entertainer” und “Der Ömsen”, die mit Gaming- und Unterhaltungsvideos ihre Community beliefern und sich im Gegensatz zu ihrer Anfangszeit von den reinen “Let’sPlay”-Fifa-Inhalten entfernt haben. Dabei hat “MontanaBlack” allein 1,38 Millionen Fans auf der Plattform (im Vergleich dazu die “Sportschau”: 143.000). Dessen Videos schauen sich teils über eine halbe Millionen Nutzer an. “Mit der Auswahl haben wir versucht verschiedene Charaktere abzubilden”, kommentiert Göllner die YouTuber-Riege vom Dienstag. Dabei habe es sich auch um einen Versuch gehandelt, “auch unterhaltende Elemente einzubauen.”

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Auf dieses Modell der Influencer-Netzwerke setzen ebenfalls andere Redaktionen wie Watson Deutschland. Zusammengeschlossen hat man sich deshalb mit der Firma 2nd Wave, die Influencer wie PietSmiet oder Lefloid unter Vertrag hat. Sie werden für das Ströer-Angebot eigene Formate entwickeln. PietSmiet hat mit seinen Gaming-Videos rund 2,2 Millionen Abonnenten bei YouTube. Er wolle bei Watson „Formate ausprobieren möchte, die mein Team und ich auf YouTube aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung nicht umsetzen können“, erklärte er auf der OMR-Bühne Mitte März.

“Möglichst viele Menschen auf der Plattform erreichen”

Die Abrufzahlen der DFB-Pokal-Übertragungen bei YouTube sind – gemessen an anderen Videos der “Sportschau” – beachtlich: Die erste Kommentierung im Oktober hat nach aktuellem Stand (20. April, Anm. d. Red.) rund 456.000 Aufrufe,  Ende Dezember bei der zweiten Übertragung waren es 360.000 Aufrufe. Die Videos von Dienstag und Mittwoch haben bislang 258.000 bzw. 230.000 Nutzer aufgerufen. “Auch bei den YouTube-Trends waren wir zuletzt unter den Top 3 gerankt”, erläutert Göllner. Das sei ungewöhnlich, weil die Redaktion sonst eher klassische TV-Inhalte auf ihrer Plattform anbietet.

“Bei den Kommentaren der Nutzer gibt es einige kritische Stimmen, die sich dagegen aussprechen”, sagt der Journalist. “Aber es gibt ebenfalls sehr viele positive Stimmen.” Auch innerhalb der ARD werde das Experiment intensiv diskutiert. “Weil es ein neuer Weg ist”, glaubt Göllner. “Unterm Strich herrscht jedoch Einigkeit, dass wir möglichst viele Menschen mit unseren Inhalten auch auf YouTube erreichen wollen.”

 YouTuber versprühen Couch-Feeling

Vor allem für die Allzeitkritiker von Steffen Simon, Gerd Gottlob und weiteren bekannten Kommentatoren dürfte sich der Stil der YouTuber als Abwechslung erweisen. Göllner betont im Interview mit MEEDIA jedoch: “Wenn man das journalistisch einordnet, geht es hier um einen unterhaltenden Faktor. Die journalistische Reportage wird damit nicht ersetzt, genauso wenig wie die jahrelange Erfahrung professioneller Kommentatoren und deren Analyse.”

Anders als bei gängigen Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder beim Bezahlsender Sky, bei denen die Journalisten in der Regel solo kommentieren, treten die YouTuber im Doppel- oder Dreierpack auf. “Zum einen wird es dadurch dialogischer und interaktiver”, erklärt der “Sportschau”-Digital-Redaktionsleiter. “Zum anderen sollen die Kommentare und Fragen der Nutzer während des Spiels aufgegriffen werden. Alleine wäre das einfach zu viel, gerade für einen YouTuber, der erstmalig ein Live-Spiel kommentiert.”

Sprachlich sind die YouTuber nicht annähernd so stilsicher und bemüht objektiv-distanziert wie die erfahrenen Vertreter, dafür haben sie Mut zur Meinung und lassen ihren teils flapsigen Sprachstil, den sie in ihren Videos fast alltäglich nutzen, in die Berichterstattung einfließen. Ein Beispiel: “Der Elfer war aber auch brutal geschossen” würde man im Hauptprogramm genauso wenig zu hören bekommen wie die Zitation der Liedzeile “Jetzt gibt’s Heckmeck” des Offenbacher Rappers Haftbefehl, wenn sich gerade eine Rudelbildung unter den Spielern anbahnt.

Ob derartigen Kooperationen auch in der neuen Saison stattfinden, ist noch nicht entschieden. Das DFB-Pokalfinale zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München wird jedenfalls auf YouTube kommentiert. “Es wird ein etwas bekannterer Creator von Funk (Angebot von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene, Anm. d. Red.) sein”, sagt Göllner. Um wen es sich dabei handelt, “steht aber noch nicht fest.”

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