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Das Daphne-Project: Reporter aus 15 Ländern setzen Mafia-Recherchen ermordeter Journalistin fort

2017 starb die Journalistin Daphne Caruana Galizia nach der Explosion einer Autobombe: 45 Journalisten aus 15 Ländern wollen ihre Recherchen weiterführen
2017 starb die Journalistin Daphne Caruana Galizia nach der Explosion einer Autobombe: 45 Journalisten aus 15 Ländern wollen ihre Recherchen weiterführen

Mit dem Anschlag auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia haben ihre Mörder geglaubt, eine kritische Stimme für immer zum Schweigen zu bringen. Vergeblich. Weltweit haben sich Investigativ-Reporter zusammengeschlossen, um ihre Arbeit fortzusetzen. Ab dem heutigen Dienstag sollen die "Forbidden Stories", an denen auch deutsche Medien recherchiert haben, erscheinen.

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Als Daphne Caruana Galizia am 16. Oktober des vergangenen Jahres in ihr Auto stieg, wusste sie nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Kurz nachdem sie losgefahren war, zündete die Bombe. Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass ihr Kleinwagen über eine Mauer auf ein angrenzendes Feld geschleudert wurde. Die Journalistin und Mutter von drei Kindern wurde nur 53 Jahre alt.

Erst wenige Wochen vor dem Attentat hatte Caruana Galizia zum wiederholten Male Anzeige erstattet. Mehrfach wurde ihr mit Mord gedroht. Zwar sind die drei Täter bekannt, allerdings noch nicht verurteilt. Und vor allem die Hintermänner sind nicht bekannt. Denn eines ist klar: Caruana Galizia zählte zu den bekanntesten Journalistinnen Maltas und mit ihrer kritischen Arbeit hatte sie sich viele Feinde gemacht. In der Politik, in der Wirtschaft, in der Mafia. Für Betroffene und Beobachter ist klar: Wer auch immer die brutale Attacke zu verantworten hat, er oder sie wollte eine unbequeme Stimme für immer verstummen lassen – erfolglos.

Denn ein Konsortium von Journalisten hat sich zur Aufgabe gemacht, Caruana Galizias Arbeit fortzusetzen. Weltweit haben sich 45 Reporter aus 18 Medienorganisationen zusammengeschlossen, um die Recherchen der Journalistin aufzugreifen und ihr weiter eine Stimme zu geben. Auf ihrer Website geben die Journalisten an, in den vergangenen Monaten mehr als 750.000 Dokumente zusammengetragen und ausgewertet zu haben. Was sie darin gefunden haben und wen ihre Recherchen belasten, wollen sie ab dem heutigen Dienstag präsentieren.

Medien wie die Nachrichtenagentur Reuters, die New York Times, der Guardian, die französische Tageszeitung Le Monde, die italienische La Repubblica oder der Schweizer Tagesanzeiger werden nach und nach die Ergebnisse des “Daphne Project” veröffentlichen. Aus Deutschland hat neben dem Recherchenetzwerk aus NDR, WDR und SZ auch Die Zeit an den Recherchen mitgewirkt.

“Ihr habt den Boten getötet. Die Nachricht werdet ihr aber nicht töten”, schreibt der französische Journalist Laurent Richard, der das Projekt federführend verantwortet. Er ist Gründer der Plattform Forbidden Stories, die nicht nur die Recherchen von Caruana Galizia weiterführen will. Das Konsortium folgt damit einem Beispiel von vor mehr als 40 Jahren: Nachdem der US-Journalist Don Bolles ebenfalls ermordet worden war, reagierten 38 Journalisten  aus 28 Redaktionen mit der Fortführung seiner Arbeit.

Richards Motive sind klar: “Kooperationen sind ohne Zweifel der beste Schutz. Was bringt es, einen Journalisten zu töten, wenn zehn, 20 oder 30 weitere darauf warten, die Arbeit fortzuführen?”, erklärt er in einem Beitrag für den Guardian. Sein Projekt ist eine Kampfansage: “Ob Diktator, Anführer eines Drogenkartells oder korrupter Geschäftsmann: Die Enthüllung eurer Verbrechen ist eure größte Angst. Journalisten sind der Feind eurer korrupten Ökosysteme. Was geschieht, wenn diese Enthüllungen um die Welt gehen. Wo auch immer ihr hingeht, werdet ihr von der Presse hinterfragt werden.”

Die Liste potentieller Feinde der Journalistin ist lang. Caruana Galizia berichtete kritisch über die Justiz, wurde 2013 sogar kurzzeitig festgenommen, weil sie vor den Parlamentswahlen in Malta den “Burgfrieden” verletzt haben sollte, in dem sie den Oppositionsführer Joseph Muscat belastet hatte. In Lybien machte sie sich während des Arabischen Frühlings Feinde durch ihre kritische Haltung gegenüber dem totalitären Gadaffi-Regime, gegen das sie auch Demonstrationen veranstaltete. Und auch an den Recherchen zu den Panama Papers, die die Frau des maltesischen Premierministers belasteten, wirkte die Journalistin mit.

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Die Betroffenheit zahlreicher Kollegen ist groß, die Fortführung ihrer Arbeit teils ein persönliches Anliegen. “Ich war, wie so viele, geschockt von der Ermordung Daphnes, ich kannte ihren Sohn Matthew seit Jahren, wir haben bei allen ICIJ-Leak Recherchen zusammengearbeitet”, erklärt SZ-Investigativ-Chef Bastian Obermayer gegenüber MEEDIA. “Ich habe ihm eine SMS geschickt, das Verbrechen verflucht und Hilfe angeboten. Sein einziger Wunsch war: ‘People need to know. You have to tell them’.”

Obermayer, Teil des Boards von Forbidden Stories, ist ein Freund des Gründes Richard Laurent. “Als wir gesprochen haben, war sofort klar: Daphne könnte die erste wichtige Recherche für Forbidden Stories werden.” Zunächst im persönlichem Umfeld und über das ICIJ erkundigt, wuchs der Kreis der potentiell interessierten Medien darüber hinaus. “Wir haben – anders als bei den bisherigen Kollaborationen – bewusst auch konkurrierende Medien eingeladen: Wir wollten ein Zeichen setzen, dass das Thema wichtiger war als Konkurrenz.”

So stieß auch Die Zeit mit ihrem Investigativ-Chef Holger Stark dazu, der parallel mit einigen weiteren Journalisten ebenfalls Recherchen plante. „Die Recherche im großen Verbund hat eine überragende Botschaft: Wir als Journalisten sind nicht bereit, einen Anschlag auf die Pressefreiheit oder gar die Demokratie tatenlos hinzunehmen”, sagt er im Gespräch mit MEEDIA.

Das Motiv der Recherchen gehe aber über persönliche Betroffenheit hinaus. “Was in Malta geschieht, hat direkte Auswirkungen auf jeden Europäer. Als Teil des Schengenraums haben die direkten Mörder und Hintermänner Reisefreiheit und können sich innerhalb der EU überall bewegen. Wenn in Malta zudem Pässe an Nicht-EU-Bürger verkauft werden, dann wird die Insel auch für dubiose Persönlichkeiten zum Einfallstor nach Europa.“

Ihre ersten Ergebnisse veröffentlichen die beiden deutschen Zeitungen am Mittwoch (SZ) und Donnerstag (Die Zeit). „Wir haben uns innerhalb des Konsortiums rund um bestimmte Themen organisiert und unsere Ergebnisse über verschlüsselte Server untereinander zugänglich gemacht. Die Ergebnisse der Recherche beschreiben ein Milieu aus Vetternwirtschaft und Korruption, zu dem auch die Clique rund um Premierminister Joseph Muscat zählt. In einer funktionsfähigen Demokratie hätte es längst Rücktritte geben müssen”, sagt Stark.

Unklar bleibt offenbar jedoch auch nach den Recherchen, wer für den Tod der Journalistin verantwortlich gemacht werden kann. “Wer auch immer den Mord beauftragt hat, wo auch immer sie sein mögen; sie haben verloren”, schreibt Laurent Richard in seinem Text.

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