Anzeige

Fall Skripal und die Russen: Wie sich Qualitätsmedien ein Wettrennen um die schnellste falsche Eilmeldung lieferten

Eine falsche Agenturmeldung machte die Runde

„OPCW bestätigt russische Herkunft des Gifts im Fall Skripal“, konnte man gestern so oder ähnlich bei Zeit Online, Spiegel Online, Süddeutscher Zeitung, FAZ und vielen weiteren Newsportalen lesen. Nur stimmte diese Eilmeldung nicht. Ausgerechnet RT Deutsch machte einige Qualitätsmedien auf den Fehler aufmerksam. Aber es gab auch positive Beispiele wie Tagesschau.de, die korrekt berichteten.

Anzeige

„OPCW bestätigt – Anschlag auf Spion Skripal mit Gift aus Russland“, titelte etwa Bild am Donnerstagmittag auf Twitter mit dem Verweis auf „Breaking News“. Fast zeitgleich meldeten Online-Redaktionen der Zeit, der Süddeutschen Zeitung, des Deutschlandfunks, der FAZ, von n-TV, des Tagesspiegels oder der Welt ähnlich lautende Überschriften zum Fall Skripal und dem kurz zuvor von der Organisation für ein Verbot chemischer Waffen (OPCW) präsentierten Bericht. Indes, wer sich am Abend erneut auf den hiesigen Nachrichtenseiten aufhielt, erblickte nun eine inhaltlich abgeschwächte Überschrift im Stile von „Gutachter im Fall Skripal bestätigen Nervengift“.
Was war passiert?
Die OPCW hat am Donnerstag ihre Untersuchungsergebnisse im international brisanten Vergiftungsfall um den ehemaligen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia veröffentlicht. Der zweiseitige Kurzbericht bestätigt darin die Ermittlungsergebnisse der britischen Regierung. Diese hatte ein Militärlabor beauftragt, das Gift zu untersuchen. Ergebnis: Es handelt sich um das in der Sowjetunion entwickelte, hochgefährliche Nervengift Nowitschok. Woher das Gift im aktuellen Fall kommt und wer den Anschlag verübt hat, konnten die Toxikologen jedoch nicht nachweisen.
Gegen Donnerstagmittag kamen die ersten Eilmeldungen deutscher Medien.
https://twitter.com/BILD/status/984387774030561281
https://twitter.com/zeitonline/status/984388932124250112
https://twitter.com/WELTnews/status/984391272499728386
https://twitter.com/DLFNachrichten/status/984393499771637760
Auch Spiegel Online, die FAZ und viele weitere Online-Medien meldeten die Ergebnisse mit ähnlich lautenden Überschriften. Das Gift im Fall Skripal stammt also aus Russland, hieß es fast unisono. Im für die Öffentlichkeit zugänglichen OPCW-Bericht wird jedoch weder die Herkunft des Giftes noch dessen chemische Struktur oder dessen Name genannt. Lediglich im vollständigen Bericht, heißt es laut OPCW, werde der Name des Giftes sowie die genaue Struktur des Giftes aufgeführt. Dieser ist nur für die Mitgliedsstaaten zugänglich.
Ausgerechnet die zu den Kremlmedien zählende Nachrichtenredaktion RT Deutsch agierte dann als Aufklärer. „Wir haben uns die Original-Quelle genau angeguckt und festgestellt, dass Ihre Meldung nicht stimmt“, twitterte diese an einige der betroffenen Redaktionen. In der Zwischenzeit hatten zudem andere Leser ihre Zweifel geäußert. FAZ, Welt & Co. korrigierten daraufhin die Meldungen im Laufe des Tages. Beim Tagesspiegel steht unter dem Artikel „In einer früheren Version hieß es, die OPCW habe die russische Herkunft bestätigt. Das geht aus dem veröffentlichten Kurzbericht nicht hervor.“; die FAZ stellte unter ihren Bericht zum Fall Skripal etwas detaillierte Korrekturen. Dort steht nun:

„In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise erklärt, dass das Nervengift Nowitschok nach Ansicht der OPCW aus Russland stamme. Die OPCW hat jedoch lediglich die Ergebnisse britischer Untersuchungen bestätigt, wonach es sich bei dem Gift auf jeden Fall um Nowitschok handelt – was in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt wurde. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.“

Der Deutschlandfunk veröffentlichte eine verbesserte Fassung auf Twitter mit dem Hinweis „Wir korrigieren unsere Meldung. Hier folgt die aktualisierte Fassung.“ Zeit Online twitterte die ursprüngliche Eilmeldung, in der die OPCW die russische Herkunft des Giftes bestätige, mit dem Hinweis „Präzisierung der Meldung“.
https://twitter.com/zeitonline/status/984406526923300864
RT Deutsch griff am Donnerstagabend die Eilmeldungen in einem eigenen Beitrag auf und unterstellte den deutschen Medien die bewusste Verbreitung von Falschnachrichten. Das Portal titelte „Skripal und die Fake-News-Phalanx“. Um bewusst verbreitete Desinformation handelt es sich allerdings keineswegs. In diesem Fall haben wohl gängige redaktionelle Arbeitsweisen gegriffen. Denn es gilt: Nachrichtenagenturen wie die dpa, Reuters und die AFP sind vertrauenswürdige Quellen, deren Material bedenkenlos verwendet werden kann. Dass die dort arbeitenden Journalisten Fehler machen, schließt das freilich nicht aus. Im vorliegenden Fall war der Ausgangspunkt der Eilmeldungen und Überschriften ein von der Nachrichtenagentur AFP verbreiteter Artikel mit dem Titel „OPCW bestätigt russische Herkunft des Giftes im Fall Skripal“. So verwies n-TV in seiner Korrektur auf die Meldung der Agentur. Unter dem Artikel steht nun:

„In einer früheren Fassung des Artikels haben wir anhand einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP verbreitet, die OPCW hätte die ‚russische Herkunft‘ des Gifts bestätigt.“

Auch bei der Welt nahm man Bezug auf die AFP. Dort steht unter dem Artikel mit dem ursprünglichen Titel „Skripal-Fall: OPCW – Vier Labore bestätigen russische Herkunft des Giftes“ nun folgendes:

In einer ersten Version des Textes und der Überschrift schrieben wir aufgrund von Informationen der Nachrichtenagentur AFP, dass laut OPCW die russische Herkunft des Giftes bestätigt sei. Das ist nun korrigiert.

Positive Beispiele gab es auch: So ließ sich unter anderem Tagesschau.de mehr Zeit mit der ersten Meldung und schrieb „OPCW bestätigt britische Erkenntnisse im Fall Skripal“. Sie lieferte damit schon früh die einzig korrekte Überschrift, die aus den Informationen des OPCW-Berichts hervorgehen kann.
https://twitter.com/tagesschau/status/984402313157791744

Anzeige