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Messerangst in Mitteleuropa – oder: Warum die Kriminalstatistik nur dann nützlich ist, wenn man sie versteht

Thomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau

„Trau‘ keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“, lautet ein gemeinhin Winston Churchill zugeschriebener Spruch. Vermutlich stimmt nicht einmal das, und doch ist die – oft eigenwillige – Auslegung von Daten immer wieder Gegenstand von Medienberichten, vor allem, wenn es um Straftaten geht. Der frühere Bundesrichter und MEEDIA-Gastautor Thomas Fischer über die empirisch ermittelte Angst vor Messerattacken und andere statistische Schräglagen.

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Von Thomas Fischer

Erstens: die Statistik

Kriminologie ist eine sehr interessante Wissenschaft. Viele Menschen denken, dass sie ausschließlich in Hannover betrieben wird; andere verwechseln sie mit der Kriminalistik, die aber keine Wissenschaft, sondern die Kunde von der Kriminal-Ermittlung ist: Kriminalistik beschäftigt sich mit Fingerabdrücken, Kriminologie mit Verbrechensursachen.
Ein sehr nützlicher und äußerst populärer Bereich der Kriminologie ist die empirische Forschung, deren zweitbekannteste Ergebnisse die „neuen Studien der XY-Universität“ sind, von denen man jeden Tag lesen oder hören kann und die in 99 Prozent aller Fälle nicht Studien „der Universität“ sind, sondern Arbeiten von Absolventen oder Mitarbeitern dieser Universität – von Seminar- und Bachelorarbeit bis zur Dissertation. Häufig belegen die “neuen Studien“ die wundersamsten oder überraschendsten Ergebnisse, von denen man dann im Frühstücksradio hören kann. Aus den 10.000 „Studien“, die jede Woche irgendwo erscheinen, suchen Journalisten nach dem Zufallsprinzip irgendeine heraus, die angeblich etwas herausgefunden hat, was die lieben Leser einerseits da „abholt, wo wie sind“, also im Alltag weit weg von jeder Wissenschaft, andererseits in die Wunderwelt der Gelehrten entführt.
So kommt es, dass zum Beispiel eine Studie der Pädagogischen Hochschule Reutlingen montags festgestellt hat, dass Mäuse, die man vier Wochen lang ausschließlich mit Knoblauch füttert, um 7,2 Prozent schneller laufen können als die Mäuse der Käsegruppe. Am Mittwoch hat eine neue Studie der Universität Trollhättan ergeben, dass Kaninchen unter einer hochgradig knoblauchlastigen Diät innerhalt eines Monats 10 Prozent ihrer Fettzellen abbauen, und am Sonnabend kann die Universität Sussex eine neue Studien melden, wonach Mäuse, die 10 Prozent leichter sind als ihre fetten Artgenossen, um 4,8 Prozent schneller rennen. Schließlich kommt dienstags das Gesundheitsmagazin Praxis im DLF und berichtet, dass übermäßiges Knoblauchessen das Risiko der Entstehung eines Nebennierenrindentumors um bis zu 20 Prozent steigern kann, wobei die Ausgangswahrscheinlichkeit nur bei einer Erkrankung pro 100.000 Personen liege. In solchen Fällen des statistischen Overkills hilft den lieben Lesern und Zuschauern nur noch fachkundig vereinfachender Rat; es muss also im Ernährungswesen Herr von Hirschhausen ran und in der Kriminologie Herr Professor Christian Pfeiffer.
Damit komme ich zur Polizeistatistik, genauer: Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Sie ist sehr nützlich, allerdings nur, wenn man sie versteht. Um das zu verhindern, gibt es die Pressereferate der Innenministerien und der Polizeigewerkschaften. Bayerische Innenminister im so genannten Wahlkampf sagen, die Zahl der Vergewaltigungen habe sich verdoppelt, wobei sie allerdings vergessen, dass sie die falschen Delikte gezählt haben und sich außerdem das Recht grundlegend geändert hat. Und Polizeigewerkschafter melden, in Deutschland werde alle dreieinhalb Minuten in eine Wohnung eingebrochen. Das kommt daher, dass das Jahr 525.600 Minuten hat und pro Jahr 150.000 Einbrüche gemeldet werden. Man könnte auch sagen, dass man in einem der 41 Mio. Haushalte in Deutschland durchschnittlich 273 Jahre warten muss, bis jemand versucht einzubrechen. Aber die erste der beiden bescheuerten Zahlen macht für einen Polizisten einfach mehr her, und außerdem benötigt die Quälmaschine der Bild-Zeitung täglich eine Art Quelle für die Nachricht, dass alles immer schlimmer wird außer Manuel Neuers Mittelfuß, und da kommt ein Rumäne alle dreieinhalb Minuten gerade recht.

Zweitens: Angst

Damit sind wir nun endlich beim Thema gelandet: der Angst. Deutschland hat schon wieder Angst, diesmal vor Messern. Es geht die „Messerangst“ um. Das weiß man, weil Bild es uns am 18. März in einem großen, blutroten Messerangst-Report berichtet hat. Seither ziehen die Messer eine Spur der Verwüstung durch die Intensivstationen und durchs deutsche Gemüt, und man wundert sich, in wie vielen Kleinstädten doch tatsächlich schon wieder ein Messer entdeckt wurde, von dem man vorher noch nie etwas hörte oder las. Ich prophezeie, dass diese Angst demnächst im Mahlstrom der jährlich etwa 140.000 angezeigten gefährlichen Körperverletzungen verschwinden wird, zusammen mit den Quarzhandschuhen, den Totschlägern, den Stahlruten, Schlagringen, Pfeffersprays, Schraubendrehern, Baseballkeulen und dem festen Schuhwerk. Das sind lauter „gefährliche Werkzeuge“ im Sinne von Paragraf 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB, deren Verwendung eine „einfache“ (jährlich 500.000) zur einer „gefährlichen“ Körperverletzung macht.
Noch 72 Tage bis zum Anstoß im Luschniki-Stadion! Bela Rethy übt sicher schon fleißig das kurze Bellen saudiarabischer Namen. Vorerst haben wir also noch Zeit für etwas Messer-Angst. 99,9 Prozent der Bevölkerung kennen die Attacken nur vom fernen Hörensagen, aber Bild offenbart das Ergebnis einer wie auch immer hergestellten „Studie“, wonach 50 Prozent der Deutschen das Risiko „junger Menschen, Opfer einer Messerattacke zu werden“, als „hoch“ (38) oder „sehr hoch“ (12) einschätzen. Nicht schlecht!
Wir haben ja inzwischen eine breite „Bewegung“, die stolz darauf ist, sich um objektive Daten erst gar nicht mehr zu kümmern, weil alles, was dem eigenen Gefühl widerspricht, angeblich gefälscht ist von einer großen Verschwörung des so genannten „Mainstream“. Solche Leute „wissen“ einfach mit Hilfe ihres Gefühls, dass die Gewaltdelinquenz es Menschen in Zwickau, Gelsenkirchen oder Bad Tölz praktisch unmöglich macht, abends auf die Straße zu gehen. Sie lesen nun, dass 50 Prozent von allen meinen, man müsse sich fürchten, und möchten gern dazugehören.
Die Angst ist, wie man von Stephen King weiß, immer dann am schönsten, wenn die Gefahr möglichst unberechenbar ist. Deshalb fürchtet sich fast niemand vor Atomkraftwerken, denn da hat ja ein Diplomingenieur vom TÜV Rheinland ausgerechnet, dass es erst in 80.000 Jahren explodiert; aber alle fürchten sich vor siebenjährigen Schwerverbrechern aus Teningen, die ihren Lehrerinnen „Messer in den Bauch rammen“, denn was im kranken Hirn eines Zweitklässler-Killers vorgeht, weiß man nicht. Nun hat zwar die Lehrerin gesagt, so sei es gar nicht gewesen, und die Polizei, es bestehe kein Anhaltspunkt für die Annahme, die Verletzung der Lehrerin sei vorsätzlich entstanden; aber das ist ja denen egal, die per Schlagzeile fragen: „Ist das noch Mitteleuropa?“ Und mit dieser Schlagzeile sind wir dann ja am Ziel angekommen.
Es gab übrigens schon mehrere Messer-Wellen in Deutschland: Ab 1961, als die italienischen „Gastarbeiter“ importiert wurden, explodierte die Zahl der Kreidler-Florett-fahrenden schmalzlockigen Messerstecher ins gefühlt Unermessliche, und in den 70er Jahren kam der Türke mit seiner unangenehmen anatolischen Angewohnheit des Stechens in den Hintern. In Deutschland herrschte jedesmal eine große Angst, weil der Deutsche traditionell nicht sticht, sondern tritt oder mit Eisenketten schlägt. Der deutsche Bub hat, wie wir von Ludwig Ganghofer, Ludwig Thomas und Erich Kästner wissen, in seiner Hosentasche einen Angelhaken, einen Bindfaden, eine Schachtel Streichhölzer, ein blutverschmiertes Taschentuch und ein Messer, dieses allerdings mit Korkenzieher und ausschließlich zum Herstellen von Haselnussstecken und kleinen Flöten, damit er die frisch gefangenen Forellen ausnehmen und nach dem Essen im Wald ein Lied spielen kann.
Etwas später, also etwa zur Zeit der Ablösung der Timex durch die G-Shock, starb das Taschenmesser aus Mooreiche einen langsamen Tod Richtung Manufactum-Katalog, und es erschien uns aus dem Land unserer Träume das Combat-Messer samt Gürteltasche, mit skelettiertem Kohlefaser-Griff, Sägezahnrücken und ergonomisch ausgeklügelten Griffmulden, die das Drehen des Sammlerstücks in der Wunde des Gegners erleichtern. Ein halbwegs gut sortierter Onlineshop oder der mittelständische Kampfmittelhändler ihres Vertrauens halten jederzeit etwa 200 verschiedene Modelle zwischen 20 und 400 Euro bereit.

Drittens: Abhilfe

Menschen mit Messern anzugreifen oder zu verletzen, ist nicht nur verboten (gefährliche Körperverletzung: Freiheitsstrafe bis 10 Jahre; schwere Körperverletzung: bis 15 Jahre), sondern auch gefährlich und hochgradig Eskalations-trächtig. Denn wenn jeder mit einem Messereinsatz rechnen muss, wird auch jeder vorsorglich eines bei sich führen, und die Rundum-Bewaffnung sich fürchtender Bürger führt in Frankfurt so wenig zur Gewalt-Minderung wie in Detroit.
Es besteht daher gewiss kein Anlass, Angriffe und vorsätzliche Verletzungen mit Messern für harmlos oder solche Taten für Lausbubenstreiche zu halten. Ich selbst bin in meinem Leben zweimal Opfer von ziemlich ernst gemeinten Angriffen mit Messern geworden und habe in vielen hundert Strafverfahren entschieden, in den es um schwere Verletzungen oder Tötungen mittels Messern ging. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sollte man, so schlimm auch immer der Einzelfall sein mag, die Kirche im Dorf lassen.
Der Gesetzgeber ist schon länger der Meinung, dass Messer eine nicht ganz unproblematische Sache sind. Er hat deshalb ins Waffengesetz eine Vorschrift geschrieben (Paragraf 52), die eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren androht für das „Erwerben, Besitzen, Überlassen oder Führen“ von tragbaren Gegenständen, die in einer Anlage aufgeführt sind und dort neben vielen anderen „verbotenen Waffen“ bezeichnet werden:

  • Hieb und Stoßwaffen
  • Springmesser über 8,5 cm
  • Fallmesser über 8,5 cm
  • Faustmesser
  • Butterflymesser

Drei Jahre Freiheitsstrafe für das Besitzen (In der Schublade liegen reicht!) oder Führen (im Handschuhfach liegen reicht!) eines Butterfly-Messers ist schon mal ein Wort; viel Abschreckungsluft nach oben scheint mir da nicht mehr gegeben, vor allem weil keiner der hochgradig abgebrühten Combat-Kämpfer aus Merseburg und Idstein ja ernsthaft glaubt, drei Jahre nehme er gern in Kauf, aber bei drei Jahren drei Monaten schmeiße er das Ding lieber weg.
Was hat die gemeinsam mit Bild aufgeregte Polizei noch zu bieten? Die Forderung „Messerangriffe bundesweit erfassen!“ (GdP) ist ein netter Ansatz. Er bedeutet, dass man in die Polizeiliche Kriminalstatistik unter der Ziffer für „gefährliche Körperverletzung eine Unterrubrik „… mit Messern“ aufnehmen sollte. Gute Idee; man kann ja angeblich nie genug wissen. Bei dieser Gelegenheit könnte man auch die anderen der üblicherweise verwendeten gefährlichen Werkzeuge aufnehmen. Mich würde zum Beispiel sehr interessieren, wie viele Unterkiefer pro Jahr mit Hilfe von Quarzhandschuhen gebrochen und wie viele Schädelbrüche mit Schuhen der gängigsten Marken in Bayern verursacht werden. Das klingt ironisch, ist aber wahr.
Aber was soll man machen, nachdem man die Statistik ergänzt hat? Bislang hört man das eine oder andere wispern: Ein Gewerkschafter aus Niedersachsen will „das Training für das Verhalten bei Einsätzen“ verbessern, und dafür müsse er wissen, „wo vermehrt solche Taten begangen werden“. Diese Konstruktion scheint mir logisch nicht völlig überzeugend, denn entweder man trainiert oder man trainiert nicht, und für die Prognose, ob samstags nachts hinter dem Hauptbahnhof von Dortmund „vermehrt Taten vorkommen“ könnten, braucht man das BKA eigentlich nicht.
Andere, vor allem die Ministerien, wollen erst mal schauen. Das ist immer gut, und bis man geschaut hat, hat die Bild schon wieder zehn neue Angstwellen hochgeplantscht.
Einer geht immer: „Schulterschluss der Justiz mit der Polizei“ fordert die Polizei. Was das nun wieder soll und was mit „Schulterschluss“ gemeint ist, kann nur verstehen, wer bei „Polizei“ immer nur an das eine denkt, und zwar leider zu Recht: „Täter sollten vor Gericht viel öfter die Härte des Gesetzes zu spüren bekommen“, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow, „wir setzen auf die abschreckende Wirkung spürbarer Strafen.“ Eine echt innovative Idee!
Kriminologisch ist die Forderung bekanntlich ausgesprochen zweifelhaft; aber diese Wissenschaft interessiert die Polizei an der so genannten Front ausschließlich dann, wenn sich mit ihr begründen lässt, dass ein Schulterschluss unbedingt erforderlich sei und wenn sie Zahlengrundlagen für Meldungen liefert wie „Alle 36 Minuten ein Angriff auf Polizisten in NRW“.
Der Fraktionsvorsitzende des CDU Niedersachsen hat eine Abwehrmaßnahme ins Spiel gebracht, die mit der schon erwähnten „Mitteuropa“-Frage in einen Doppelpass einsteigt: „Der Angriff auf offener Straße sollte allen zu denken geben, die den Familiennachzug als liebgewordenes Mittel für die Integration ansehen,“ sprach Herr Toepfer, und meinte damit den Nachzug von Ausländern. Die Beteuerung der Stadt Großburgwedel, „trotzdem“ an der Integrationsförderung festhalten zu wollen – abwegig genug –, musste wegen massiver Beschimpfungen durch die messerfreie und nachzugsabgeneigte Großburgwedelner Bevölkerung gelöscht werden.
Das wichtigste Kampfmittel gegen die Messerflut aber ist bislang so geheim, dass überhaupt noch niemand darauf gekommen ist es vorzuschlagen, obwohl es des deutschen Sicherheitsfreunds treuester Begleiter ist: Messer einfach verbieten!
Nun gut, man kann dem volksdeutschen Grill-Spezialisten nicht kurz vor der Saison seine Santokus und Gyotus aus den Händen reißen, und auch die Milliarden von Wellenschliff- und Obstmessern, von Tomaten-, Fleisch-, Fisch-, Gemüse-, Vorspeisen- und Kuchenmessern, die auf uns gekommen sind, kann man unmöglich durch vegane Produkte ersetzen. Aber man könnte doch vielleicht alle Shops für die Freunde des schönen Hobbies des Kampfmesser-Sammelns schließen, alle amerikanischen Messerimporte mit 5.000 Prozent Strafsteuern belegen und Razzien bei allen Jagdscheininhabern durchführen, um dem Abstechen auch insoweit einen Riegel vorzuschieben. In jedem Jagdverein finden sich ja zwei oder drei Chirurgen, und das Aufbrechen der Strecke könnte man auch mittels Skalpell würdevoll gestalten.
Statistisch könnte man noch die Frage klären, wie es kommt, dass die Zahl der Messerattacken ins Unendliche wächst, während die Zahl der angezeigten gefährlichen Körperverletzungen nicht recht mithalten kann (2010: 142.000; 2016: 140.000). Sind Pfefferspray und Schlagring auf dem Rückzug? Aber vorerst man weiß man noch gar nichts. Es ist ja nur so ein Gefühl mit den Messern. Ob Ausländer mehr Verletzungen mit Messern begehen als Deutsche, weiß man leider auch nicht. Aber man kann ja vorsorglich schon mal das Ende Mitteleuropas verkünden.
 
Über den Autor: Thomas Fischer war Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Bei Zeit Online schrieb er die viel beachtete Kolumne „Fischer im Recht“, die teilweise auch als Buch veröffentlicht wurde. Hier geht es zu Fischers Texten bei der Zeit.

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