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SXSW Reporter-Diary, Tag 2: “Es ist hart, in diesem an Geschwindigkeit gewinnenden News-Zyklus zu leben”

Ezra Klein, Editor at Large bei Vox, sprach auf der SXSW
Ezra Klein, Editor at Large bei Vox, sprach auf der SXSW

Tag eins der South by Southwest (SXSW) ist gelaufen, und das Tech-Festival bot zum Start ein hochkarätiges Programm auf. Der ehemalige Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders kam nach Austin und hielt im Gespräch mit CNN-Anchor Jake Tapper mit Medienkritik nicht zurück – ähnlich verhielt es sich bei Ezra Klein, dem Co-Founder des US-Mediums Vox, der ein düsteres Bild des Mediensystems zeichnete.

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Dass die South by Southwest nicht nur Bühne für Musik-, Film-, Tech- und Web-Größen bietet, sondern auch für Hochkaräter aus der Politik, ist spätestens seit dem Auftritt von Barack Obama im Jahr 2016 klar. In diesem Jahr war zu Beginn der Konferenz jemand zu Gast, der vor nicht allzu langer Zeit noch ein heiß gehandelter Kandidat für den Posten des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten war: der eigentlich parteilose – und noch nicht abgeschriebene – Bernie Sanders. Dem prominenten Gast entsprechend setzten ihm die Veranstalter mit Jake Tapper einen Journalisten auf Augenhöhe gegenüber. Doch Sanders war Profi genug, dem CNN-Anchor und gestandenen Politik-Journalisten die Gesprächsführung direkt abzunehmen – mit einer gezielten Spitze gegen die aktuelle Berichterstattung des Nachrichtensenders, die sogar einen Namen hat: Stormy Daniels.

Nichts ist derzeit so präsent in den Medien wie die Pornodarstellerin, die vor mehr als zehn Jahren eine Affäre mit dem US-Präsidenten gehabt haben will und nun wegen einer Verschwiegenheitserklärung Klage gegen Trump erhoben hat. Und für wohl nichts hat Sanders derzeit weniger Verständnis. Um das zum Ausdruck zu bringen, bediente er sich sogar eines Vokabulars, das man sonst nur von Trump und seinen Anhänger gewohnt ist.

Er wolle die Gelegenheit nutzen, unterbrach er Tapper bereits in seiner Einleitung, um darüber zu sprechen, was die “Mainstream-Medien” für gewöhnlich ausblendeten. “Ich bin nicht Donald Trump und ich glaube nicht, dass Jake oder der Großteil der Journalisten zu den ‘Fake News’ gehören, Menschen hassen oder sie zerstören wollen. Er arbeitet sehr hart und macht einen guten Job”, begann Sanders seinen Einstiegsmonolog. Aber, führte er fort, vor allem das Fernsehen schüre momentan Konflikte und verfalle in Sensationalismus. “Und wir sprechen nicht über wichtigsten Probleme, die die arbeitenden Menschen betreffen: den Kollaps der Mittelschicht, Ungleichheit und reiche Eliten, die versuchen, Wahlen zu erkaufen.” Es ist eine geballte Ladung an Medienkritik, die Sanders an diesem ersten Tag der SXSW in Austin mitgebracht hat, und sie fand ihr Publikum: Wer es in den wegen Überfüllung geschlossenen Saal geschafft hatte, hielt sich mit Jubel nicht zurück – genauso wenig, wie Sanders mit Kritik am umstrittenen Präsidenten.

Als Politiker, erzählt er, reise er derzeit gezielt durch die Südstaaten Amerikas, in die Regionen, in denen die Republikaner und besonders Trump großen Zuspruch erfahren haben. Er wolle Überzeugungsarbeit leisten, für seine Überzeugungen – eine Reform für schärfere Waffengesetze, mehr Zusammenhalt gegen Hass und Rassismus, größere soziale Sicherheiten. Auch Kritik am Finanzsystem äußerte er. Hier in Austin, einem linksliberalen Fleck auf der texanischen Landkarte, wo die Menschen im Gespräch auf der Straße den Tag der Wahl von Trump zum Präsidenten mit der Trauer um den Tod der eigenen Eltern gleichsetzen, hat Sanders ein Heimspiel. Bei dem er aber Zuhörer aus aller Welt erreicht. Es ist Populismus der anderen Art, für den es am Ende stehende Ovationen gibt.

Sanders, dessen Wahlkampfteam ihn damals gezielt auch im Social Web zu inszenieren wusste, klammerte das eigentlich alles beherrschende Thema aber aus: die Digitalisierung. Das tat der Sache keinen Abbruch, sind es doch Exkurse wie diese, die eines der größten und wichtigsten Tech-Festival der Welt international so beliebt machen. Fans des Events schwärmen regelrecht von dem “Flow”, der sie regelrecht über den eigenen Horizont hinaustreibt.

Und doch ist es Trump mit seiner aggressiven Politik und dem gestörten Verhältnis zur Realität und den Medien, der neben den großen Tech-Themen rund um künstliche Intelligenz und Blockchain auch in diesem Jahr die Diskussionen und Debatten prägt. So schließlich auch in einem zum Nachdenken anregenden Vortrag von Ezra Klein, Co-Founder des zu Vox Media gehörenden US-Mediums Vox.com. Der Journalist ist nicht nur zur SXSW gekommen, um am Wochenende Melinda Gates zu interviewen, sondern auch um über kontraproduktive Strukturen in unserer Gesellschaft zu sprechen. In seinem Vortrag “How to break the Industry” zeichnete er ein beinah depressives Bild des Status quo und der Zukunft, in der sich die Menschheit bewegt – durchaus selbstkritisch, weil seiner Auffassung zufolge auch die Medien dazu beitragen, dass Menschen in ihren Gewohnheiten gefangen bleiben.

Er sei gekommen, um über dieses Gefühl zu sprechen, dass alles grundsätzlich schlecht sei. Als Journalist könne er über viele Institutionen und Systeme berichten, die sich in Vergangenheit unbeliebt gemacht haben oder zunehmend unbeliebter werden. Klein zählte die Politik, die Wall Street, aber auch Mediensysteme auf, ebenso wie Tech und Social Media. Dabei hielt er mit Kritik an der eigenen Branche nicht zurück. So seien es auch die Medien, die das Bedürfnis des Menschen befriedigten, lieber Geschichten über andere Menschen zu erfahren, als sich mit Systemen zu befassen. Dabei seien es nicht die Menschen, die Systeme am Laufen hielten, sondern andersherum.

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Im Web, so der Vox-Gründer, zeigten sich zudem Probleme wie Clickbaiting, Polarisierung oder Geschwindigkeit vor Tiefe deutlich. Dabei ging er sogar mit seinem Digital-Medium, das tiefergehende Recherchen und Erklärjournalismus im Web als Markenkern versteht, hart ins Gericht. Man habe zwar ehrenhafte Ziele, führte der Editor at large aus, aber erwische sich die Redaktion regelmäßig dabei, diese aus den Augen zu verlieren. “Es ist schwer, sich in einem an Geschwindigkeit gewinnenden Wettbewerb zurückzunehmen”, so Klein.

Unter anderem dieses führe bei ihm zu pessimistischen Erwartungen für die Zukunft und auch zu Ängsten. So zeigte sich Klein über den zunehmenden Wettbewerb im Nachrichtengeschäft besorgt, befürchtet er dadurch doch zunehmenden Populismus in den Medien und damit eine kontraproduktive Entwicklung.

Auch in Kleins Vortrag war an Trump kein Vorbeikommen. Auf die Frage, ob ihn die Berichterstattung aus Washington als Journalisten nicht belustige, fand er eine zunächst knappe Antwort: Nein. Es gäbe sicher Journalisten, die sich an Chaos belustigten, so Klein. Er aber gehöre nicht dazu. Was in Washington passiere, sei kein Spiel, die Lage sei ernst. “Die schlimmsten Worte und gruseligsten Geschichten über Trump kommen von seinen eigenen Mitarbeitern”, betonte er. Es sei besorgniserregend wie auch belastend. “Ich finde es mittlerweile wirklich hart, in diesem News-Zyklus zu leben.” Aussteigen sei aber keine Lösung. “Wenn wir aufhören, uns damit auseinanderzusetzen, dann hören wir auf, es zu registrieren.”

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