Partner von:
Anzeige

In drei Jahren geht das Geld aus, “Krawallo” und Artikel für einen Euro pro Stück – der irre taz Innovations-Report

taz-report.jpg

Die links-alternative Tagezeitung taz aus Berlin hat einen Innovationsreport veröffentlicht und frei zugänglich ins Netz gestellt. Das Ergebnis ist schonungslos bis skurril. Die taz analysiert massive Defizite im Digitalen und der Monetarisierung. Wenn sich nichts ändert, gehe der Zeitung in drei Jahren das Geld aus, um den bestehenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig werden radikale Vorschläge gemacht, die freilich teils eher wie eine Parodie auf den Medienbetrieb klingen.

Anzeige
Anzeige

So ist im taz Report unter der Rubrik “Wir erweitern das Sortiment” von “radikal neuen Produkten” die Rede. Einmal ist das “Krawallo – das neue Portal für junge Linke”. Dazu heißt es im Report wörtlich:

“Die taz muss dringend jeden Hype mitmachen. Bento und ze.tt setzen wir etwas Eigenes entgegen. Krawallo – das taz-Portal für junge Linksradikale. Mit Themen wie:

  • Pro & Contra: Sex mit Nazis
  • Fernbeziehung mit einem Öko: Mein Freund fährt immer mit dem Fahrrad von Stuttgart nach Berlin
  • Getroffen vom Wasserwerfer: Dieses Make-up hält garantiert
  • Zehn Gründe, warum man Netflix gucken darf, obwohl das alles Kapitalistenarschlöcher sind
  • Warum GoT antifeministischer Bullshit ist (trotz Arya Stark)
  • Darf man AfD-Kommiliton*innen K.-o.-Tropfen ins Bier kippen und ihnen dann mit Edding ein Hakenkreuz auf die Stirn malen?
  • Fairtrade bei H&M – darf ich da wieder kaufen?
  • Zehn Tipps, wie man nervige Leute auf MDMA beleidigt
  • Und überhaupt: taz2 soll das einfach machen”

Ein weiteres “radikal” neues Produkt, das beschrieben wird, ist “Platin – die radikal reduzierte taz”. Dazu ist im Report zu lesen:

taz platin​ ​ist​ ​die​ ​neue​ ​App​ ​der​ ​taz,​ ​die​ ​im​ ​besten​ ​Sinne​ ​radikal​ ​ist.​ ​Sie​ ​löst​ ​die​ ​bisherige taz-App​ ​nicht​ ​ab,​ ​sondern​ ​ergänzt​ ​die​ ​Produktangebote​ ​der​ ​taz​ ​um​ ​ein​ ​weiteres​ ​Angebot. ​„Drei​ ​Texte,​ ​drei​ ​Euro.​ ​Lohnt​ ​sich.“

taz platin​ ​ist​ absolute​ ​Reduktion,​ ​absolute​ ​Qualität​ ​und​ ​absolute​ ​Fokussierung​ ​auf journalistische​ ​Texte.​ ​Auf​ ​taz platin​ ​gibt​ ​es​ ​keine​ ​Schnörkel,​ ​nur​ ​Texte.​ ​Platin-Texte sind​ ​die​ ​besten​ ​Texte​ ​aus​ ​der​ ​Redaktion​ ​der​ ​taz.​ ​Auf​ ​taz platin​ ​gibt​ ​es​ ​jeden​ ​Tag​ ​nur​ drei neue​ ​Texte.​ ​Jeder​ ​Platin-Text​ ​kostet​ ​in​ ​der​ ​App​ ​einen​ ​Euro. ​Die​ ​App​ ​besticht​ ​durch​ ​minimalistischstes,​ ​aber haptisches​ ​Design.​ ​Sie​ ​ist​ ​auf​ ​Android​ ​und​ ​Apple​ ​verfügbar.​

(…)

Platin-Nutzer*innen​ ​sind​ ​turbosolidarisch.​ ​Sie​ ​wissen,​ ​dass​ ​sich​ ​das​ ​lohnt.​ ​Sie​ ​zahlen​ ​mehr als​ ​alle​ ​anderen​ ​für​ ​Texte​ ​der​ ​taz.​ ​Platin-Nutzer*innen​ ​erhalten​ ​daher​ ​auch​ ​eine​ ​besondere Aufmerksamkeit​ ​der​ ​taz.​ ​Wer​ ​100​ ​Platin-Texte​ gekauft ​hat,​ ​erhält​ ​ein​ ​Geschenk​ ​aus​ ​dem taz-Shop.​ ​Wer​ ​500​ ​Platin-Texte​ gekauft ​hat,​ ​erhält​ ​einen​ ​persönlichen​ ​Brief​ ​aus​ ​der Redaktion.​ ​Wer​ ​1.000​ ​Platin-Texte​ gekauft ​hat,​ ​erhält​ ​eine​ ​Mitgliedschaft​ ​in​ ​der Genossenschaft.

Anzeige

Während “Krawallo” eigentlich – zumindest in der beschriebenen Form – nicht ernst gemeint sein kann, ist das bei “taz Platin” weniger sicher. Auf den ersten Blick liest sich die Beschreibung fast wie eine Parodie auf Premium-News-Apps von Verlagshäusern. Andererseits ist nicht ausgeschlossen, dass die taz die Idee von einem Euro pro Artikel bei “turbosolidarischen” Lesern sogar ernst meint. Auf die Frage, ob “Krawallo” und “taz Platin” ernst gemeint oder auch scherzhaft zu verstehen sind, sagte die stellvertretende taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk: “Der Report ist ein Denkanstoß mit vielen Zukunftsideen, die wir jetzt im Haus und mit unseren Leser*innen diskutieren werden.”

Wie auch immer. Geld könnte die taz jedenfalls gut gebrauchen. Laut der Analyse des Reports gehen der Zeitung bis 2021 die finanziellen Mittel aus, um den Betrieb im bisherigen Maß aufrecht zu erhalten. Grund sind wegbrechende Einnahmen durch sinkende Zahlen bei den täglichen Abos, die durch Wochenend- und E-Paper-Abos nicht kompensiert werden können. Online setzt die taz auf ein freiwilliges Bezahlmodell “taz zahl ich”, das zwar in der Vergangenheit gut gewachsen ist, dessen Dynamik aber auch eine gewisse Schwäche zeigt. Zumal die taz feststellt, dass ihre Online-Reichweite im Gegensatz zu anderen Medienhäusern seit 2012 sinkt. Zitat aus dem Report: “Die Seiten von Tagesspiegel, FAZ, Morgenpost oder Zeit haben im gleichen Zeitraum zugelegt. Wir spielen laut AGOF-Zahlen vom Dezember 2017 mittlerweile bei Desktop-Klicks von der Reichweite her in einer Liga mit der Heilbronner Stimme und Hallo-Eltern.de.” Dass die Monetarisierung von Digital-Inhalten schwierig ist, ist ein branchenweites Problem. Beständig sinkende Online-Reichweiten hat die taz dagegen wohl ziemlich exklusiv. Das ist sehr, sehr bedenklich.

Gleich zu Beginn des Reports heißt es: “Alles, was in der taz mit Digitalem zu tun hat, ist schwierig. Schwierig zu planen, schwierig umzusetzen. Personen, die sich bei uns mit Digitalem beschäftigen, werden aufgerieben. Die Strukturen dafür sind sich mühsam durch das Zeitungshaus schlängelnd gewachsen und funktionieren nicht in der Schnelligkeit, in der wir sie brauchen.”

2011 prognostizierte Karl-Heinz Ruch, Geschäftsführer der taz, dass es in zehn Jahren unter der Woche keine gedruckte taz mehr geben werde und es deshalb einen Fokus auf die Wochenendausgabe und die taz im Netz geben müsse. Nun unterzieht die Redaktion diese These mit dem Report einem “Realitätscheck”, wie sie das nennt. Die Ergebnisse dieses Checks sind in Summe doch ziemlich erschreckend.

Hier geht es zum taz Report 2021.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia