Partner von:
Anzeige

„Ein Unternehmen braucht keine Hierarchien.” Können Mitarbeiter ohne Führung effizient arbeiten?

Brauchen Mitarbeiter wirklichen einen Boss?
Brauchen Mitarbeiter wirklichen einen Boss?

Viele Unternehmen werben mit flachen Hierarchien. Doch warum schaffen sie diese nicht ganz ab, oder benötigt der Mensch Führung – gerade in dieser schnelllebigen Welt? Unsere Autorin hat Wissenschaftler und Branchenkenner zu diesem Thema befragt.

Anzeige
Anzeige

Es gibt da ein Unternehmen, das selbst den Chef wählt (wir haben darüber schon einmal berichtet). Beim Software-Unternehmen Haufe-Umantis geht es jedes Jahr aufs Neue um eine wichtige Wahl: die der Führungsriege. Bei der jährlichen Veranstaltung bestimmen Mitarbeiter und Management gemeinsam die Strategie des Unternehmens und legen die Aufgaben für das kommende Geschäftsjahr fest – und wählen ihre Chefs. Doch warum braucht man eigentlich einen Chef? Auf Nachfragen erklärt das Unternehmen, dass sie der Meinung sind, „dass Hierarchien in manchen Unternehmensbereichen (zum Beispiel in der Produktion) durchaus sinnvoll sind. Und wenn dies der Fall ist, dann sind gewählte Vorgesetzte besonders zielführend, weil sie unter anderem einen ganz anderen Rückhalt im Team haben. Haufe ist aber auch der Meinung, dass in bestimmten Bereichen Hierarchien auch eher hemmend wirken (zum Beispiel Forschung & Entwicklung) und dass dort agile Strukturen ohne jede Hierarchie oft sehr viel passender sind. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Unternehmen flachere Organisationshierarchien und flexiblere Führungsmodelle entwickelt.

Die Innovationsberatung Innoki hat zum Beispiel keinen Chef. Frederike Engelhardt, Co-Founder, erklärt, warum ihre Firma keinen formalen Boss benötigt. „Es bedeutet nicht, dass wir ohne Struktur oder im Freiflug arbeiten. Ganz im Gegenteil: Für unser Organisationsmodell sind Strukturen besonders wichtig, da sie es uns ermöglichen, uns selbst zu führen. Je nach Aufgabenfeld und Bereich arbeiten wir in verschiedenen Gruppen zusammen, in denen es jeweils entscheidungsberechtigte Personen gibt. Wichtig ist es, Prozesse und Prinzipien zu definieren, die uns dabei helfen, Aufgaben, die nicht explizit einer Rolle zugeordnet sind, in das Team zu leiten.” Es gibt also in dieser Firma Mechanismen, die Aufgaben abdecken, für die klassischerweise eine Führungskraft zuständig wäre. Für Engelhardt können flache Hierarchien effizient sein, weil die Entscheidungswege oft kurz sind. Trotzdem müssen Entscheidungsräume klar definiert sein. „Fragen, die wir uns stellen, sind: Wer ist für welchen Bedarf der/die Richtige? Welche Fähigkeit braucht es in welcher Situation? Welche Fähigkeit braucht eine Person, um selbstsicher entscheiden zu können? Auf welche Weise wird eine Entscheidung getroffen? Es geht also um den Inhalt, nicht um den Titel einer entscheidenden Person.“ 

Anfänger und Problemfälle brauchen Führung
Anzeige

Wissenschaftlich lässt sich allerdings erklären, warum manche Mitarbeiter eine Führung benötigen, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Weil technologische Möglichkeiten mit beispielloser Geschwindigkeit auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden, benötigen Unternehmen eine sehr flexible und dezentrale Entscheidungsfindung. Gianluca Carnabuci ist Associate Professor für organisatorisches Verhalten und seit 2016 bei der European School of Management and Technology (ESMT) Berlin angestellt. Er ist der Meinung: Das Ende der Hierarchie wird nicht kommen. „Die Forschung hat gezeigt, dass sich hierarchische Führungsstrukturen auch in egalitären, flachen und stark dezentralisierten Organisationen immer wieder bilden. Mehr noch, Hierarchien erfüllen fundamentale Funktionen: Einerseits erleichtern sie die Zusammenarbeit, indem sie für allgemein akzeptierte Ziele und Konfliktlösungen sorgen. Zum anderen ermöglichen sie es, das individuelle Eigeninteresse und Kontrollbedürfnis mit den übergreifenden Zielen der Organisation in Einklang zu bringen.“  Eine hierarchiefreie Arbeitsumgebung ist also nicht erstrebenswert? Anscheinend ist es wichtiger, den menschlichen Einfallsreichtum, unabhängig von der formellen Position, immer wieder zu fördern und auch in Konflikte und Diskussionsgespräche mit dem Chef treten. Zum Schluss hat aber dieser das letzte Wort.

Teile dieses Artikels sind in der aktuellen Ausgabe der Absatzwirtschaft (3/2018) erschienen.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia