Partner von:
Anzeige

“Teenies benutzen vulgäre Worte”: Sexualwissenschaftlerin relativiert Kritik der Bild am Kinderkanal

KIKA_2.jpg

Die Bild-Zeitung kritisiert das Programm des Kinderkanals (Kika), vor allem einen Clip mit der Anleitung zum BH-Öffnen und einen "Genital-Spickzettel" mit Blödel-Ausdrücken für Geschlechtsorgane. Für MEEDIA ordnet eine Sexualwissenschaftlerin diese Kritik ein – und betont, dass ein spielerischer Umgang mit sexueller Unsicherheit sowie mit unterschiedlichen sexuellen Sprachebenen sinnvoll sei.

Anzeige
Anzeige

In den vergangenen Wochen sorgte das Programm des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals zu den Themen Sexualität und Aufklärung für Aufregung – vor allem in der Bild-Zeitung. Das Boulevardblatt arbeitete sich in mehreren Texten an den Aufklärungsprogrammen des Kikas ab und titelte dabei zum Beispiel „So versaut der Kinder-Kanal unsere Kinder“ oder “Kika lockt mit Busen-Memory”.

Auslöser für diese massive Kritik der Bild war die Dokumentation über eine Liebesbeziehung zwischen einem deutschen Mädchen und einem Flüchtling. Danach setzte sich die Redaktion der Boulevardzeitung offenbar generell mit der Art und Weise auseinander, wie der Kika Aufklärungs- und Sexualthemen aufbereitet und stieß dabei auf Beiträge, die aus ihrer Sicht unangemessen sind: ein Busen-Memory, ein Spickzettel mit internationalen Ausdrücken für weibliche und männliche Geschlechtsorgane und ein Clip, in dem gezeigt wird, wie drei Jungs spielerisch BHs öffnen. Diese Inhalte wurden bei der Bild mit Zwischenüberschriften wie „Was ist nur beim Kinderkanal los?“ oder „Neuer Wirbel um den Online-Kummerkasten“ zum Skandal hochgeschrieben.

Der Kika-Kummerkasten soll Hilfestellung und Rat geben

Alle oben genannten Beispiele sind in der Rubrik „Kummerkasten“ auf der Kika-Webseite erschienen. Der „Kummerkasten“ ist ein crossmediales Angebot des öffentlich-rechtlichen Senders, das seit 2016 in Zusammenarbeit mit der Diakonie Berlin-Brandenburg entsteht. Das Ziel des Programms ist es nach Angaben des Kikas, „Kindern und jungen Erwachsenen in sensiblen Phasen Hilfestellung und Rat zu geben“. Ein überaus wichtiger Themenkomplex sei dabei die Entwicklungen mit Eintritt in die Pubertät und die damit einhergehenden körperlichen und seelischen Veränderungen.

Zu diesen Veränderungen in der Pubertät gehört auch die Entwicklung der Sexualität, die der Kika spielerisch und mit Humor angehen will. Die Redaktion der Bild-Zeitung kann darüber jedoch überhaupt nicht lachen und lässt in dem Text „So versaut der Kinder-Kanal unsere Kinder“ zwei CSU-Politiker aus Bayern zu Wort kommen, die den Spickzettel als „vulgären Stammtisch-Slang“ einordnen und fordern: „Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder bei Kika ein altersgerechtes und hochwertiges Angebot bekommen“. Ein pädagogischer Mehrwert sei nicht zu finden, urteilen sie.

Die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Schmauch, die vor allem zu Sexualpädagogik, Körper und Sexualität forscht, sieht das anders: Die zwei Schaubilder mit den internationalen Bezeichnungen für die Geschlechtsorgane stuft sie gegenüber MEEDIA als “lustig und altersgerecht” ein. “Die Reaktionen der bayrischen Politiker in der Bild sind aus meiner Sicht daneben”, sagt sie, “die Teenies benutzen vulgäre Worte sowieso, auch ohne Kika.”

Sexualwissenschaftlerin: Es ist wichtig, sexuelle Sprachebenen unterscheiden zu können

Zur Sexualität gehöre auch Vulgärsprache dazu, erklärt Schmauch, genauso wie „sexuelle Privatsprachen, sexualmedizinische Fachsprache, literarische oder poetische Liebessprache“. Es sei durchaus wichtig, diese verschiedenen sexuellen Sprachebenen zu kennen und auch zu unterscheiden.

Eine Ansicht, die auch der Kika vertritt. “Für viele Probleme im Leben kann Humor hilfreich und eine wichtige Bewältigungsstrategie sein. Auch das greift der ‘Kummerkasten’ auf”, erklärt eine Sprecherin gegenüber MEEDIA und erläutert: “So ist eine unverkrampft-spielerische Annäherung an als heikel empfundene Themen eine erprobte pädagogische Strategie, die auflockernd wirkt und auch die Sprach- und Dialogfähigkeit von Kindern fördert und unterstützt.”

Dabei gebe es jedoch eine Bedingung, erklärt Ulrike Schmauch weiter: Zum einen müsse gezeigt werden, dass Worte auch verletzen können und zum anderen, wie die Sexualorgane korrekt beziehungsweise in der Fachsprache heißen. Auch müsse die Darstellung für beide Geschlechter ausgewogen sein. Die korrekte Bezeichnung der Geschlechtsorgane hat der Kika in der Tat genannt und die beiden Spickzettel mit den Worten „Brüste und Vagina/Vulva international“ beziehungsweise „Penis und Hoden international“ überschrieben. Auch, dass es sich bei den Ausdrücken um Blödelei handelt, wird durch die Erklärung „ganz ehrlich: ein bisschen Spaß muss sein“ deutlich.

Anzeige

Clip zum BH öffnen muss im großen Kontext betrachtet werden

Neben dem Genital-Spickzettel hat sich die Bild-Redaktion vor allem über einen anderthalbminütigen Clip aufgeregt, in dem drei Teenager-Jungs an einer Schaufensterpuppe üben, einen BH zu öffnen. Der Clip war Teil der Sendung “Alles klar im BH!”, die sich mit den Fragen von vor allem 10-13-jährigen Mädchen rund um das Thema Brüste auseinandersetzt. “Unter Einbeziehung der Perspektive von Jungs und spielerischen Ansätzen geht es um die Botschaft, wie unterschiedlich Brüste sein können. Dass das alles normal ist, ist eine wichtige und auch sicher tröstliche Erkenntnis für Mädchen, die gerade in der Pubertät beginnen, sich mit anderen zu vergleichen und sich durch Unterschiede verunsichern lassen”, erklärt der Kika. Und: “Mädchen fragen sich auch, was Jungen denken und umgekehrt. Daher empfinden es unsere Zuschauerinnen und Zuschauer als bereichernd, wenn bei Mädchenthemen auch Jungen zu Wort kommen und bei Jungenthemen Sichtweisen von Mädchen einbezogen werden.”

In diesem größeren Kontext sei das “Busen-Legespiel” und eben auch der Clip zum BH-Öffnen zu betrachten, so die Sprecherin des Kinderkanals weiter. Von diesem Zusammenhang isoliert könnten einzelne Angebote aus Sicht der Erwachsenen sicher kritisch diskutiert werden – wie grundsätzlich jedes Element der Aufklärung. Doch: “Nimmt man Kinder und ihre Sorgen und Fragen ernst, ist es eine Notwendigkeit, auch diese Themen für sie im TV und auf den begleitenden Onlineseiten aufzubereiten.”

Ulrike Schmauch erklärt zum BH-Clip, dass es generell völlig in Ordnung sei, Schüchternheit oder Unsicherheiten vor sexueller Annäherung beziehungsweise dem ersten Mal spielerisch und mit einem Lachen zu thematisieren. Doch es sollte unbedingt im Gesamtkontext auch die andere Seite gezeigt und geübt werden: das heißt, wie die Kleidung von Jungen geöffnet werden kann. “Sonst wird eine einseitige Botschaft daraus: Mädchen als Objekte, Jungs als handelnde Subjekte”, gibt die Wissenschaftlerin zu Bedenken. “Auch sollte der Kika auf dem Schirm haben, dass solche Szenen ausgewogen hetero- wie homosexuelles Begehren zeigen sollten.”

Kika sieht keine Verbindung zum Thema Migration oder sexueller Belästigung

Mittlerweile hat der Kinderkanal den BH-Öffnen-Clip als Reaktion auf die Kritik aus der Mediathek genommen – nach eigenen Angaben zum “Schutz der minderjährigen Protagonisten”. Denn die Bild hatte nicht nur den Beitrag an sich moniert, sondern auch die Tatsache, dass die jungen Teenager in dem Clip alle drei einen “offenbaren Migrationshintergrund” hätten. Diese Auswahl habe das Signal, Jungs mit Migrationshintergrund würden besonderen Nachhilfeunterricht beim BH-Öffnen benötigen, heißt es in dem Bild-Artikel.

Diese Aussage, gepaart mit der Überschrift “Hier lernen Jungs, wie man Mädchen an die Wäsche geht”, sorgte vor allem in den rechten Reihen für große Aufregung. So twitterte die AfD beispielsweise: “Auf Kika lernen Migranten das öffnen von BHs und Mädchen, dass das völlig in Ordnung ist”. Und weiter: “Hände weg von unseren Töchtern!” Zu diesem Vorfall betont die Kika-Sprecherin: “Wir haben zurückgewiesen, dass das Thema Migration oder sexuelle Belästigung oder gar eine Verbindung von beidem in irgendeiner Form gesetzt oder auch nur berührt wurde.”

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Meedia

Meedia