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Der Durchmarsch des “Commanders”: Julian Reichelts Weg zum Alleinherrscher bei Springers Bild

Springer-Chef Mathias Döpfner musste durchgreifen: Tanit Koch (l.) und Julian Reichelt (r.) waren kein gutes Führungsduo
Springer-Chef Mathias Döpfner musste durchgreifen: Tanit Koch (l.) und Julian Reichelt (r.) waren kein gutes Führungsduo

Der Februar ist bei Bild ein Schicksalsmonat: Es war der zweite Monat eines Jahres, in dem Tanit Koch 2013 zur Bild-Vize ernannt worden war, im Februar 2014 wurde Julian Reichelt Digital-Chef, im gleichen Monat 2017 schließlich Ober-Boss. Und es ist der Februar 2018, in dem Tanit Koch nun ihren Abschied verkündet. Reichelt, schon seit einem Jahr mächtigster Mann bei Bild, hat damit seine Erzrivalin aus dem Weg geräumt. Über einen Machtkampf und seine Hintergründe.

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In der 16. Etage des Axel-Springer-Gebäudes in Berlin soll in den vergangenen Wochen Dinge vor sich gegangen sein, die für viele in der Belegschaft symptomatisch für die neuen Machtverhältnisse bei Deutschlands größter Tageszeitung waren: Julian Reichelt, seit Februar des vergangenen Jahres “Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen”, hatte darauf warten müssen, das offizielle Bild-Boss-Büro beziehen zu dürfen. Mehr als ein halbes Jahr lang trug er bereits den Titel, der ihn zum Chef aller Bild-Chefs gemacht hat, bis der 37-Jährige tatsächlich samt Hab und Gut – ein Feldbett, eine zerfledderte US-Flagge, ein großer Couchtisch und seine Playstation in Camouflage-Optik – sein neues Lager bezog: das ehemalige Herausgeber-Büro von Kai Diekmann. Dieser hatte das Büro noch bis Mitte September besetzt. Reichelt leitete die Geschäfte aus seinem halb so großen Online-Chef-Büro nebenan.

Im letzten Quartal des Jahres wurde Reichelt dann selbst zum Besetzer. Sein altes Büro wartete Wochen auf einen Nachmieter. Zumindest in der Theorie wäre dieser schnell gefunden gewesen. Seit Mitte 2017 hatte Reichelts Kollegin Tanit Koch einen neuen Büroleiter, der als rechte Hand der Print-Chefredakteurin agierte. Die Vertrauten der Chefredakteure bekommen auf der Führungsetage in der Regel ihre eigenen vier Wände (wenn auch nicht das Ex-Büro eines Chefredakteurs). Der Ex-Unternehmensberater Cecil von Busse bekam sie aber nicht. Koch holte ihn schließlich zu sich ins Büro – so lautet die Geschichte, die sich auf den Fluren des Springer-Hochhauses erzählt wurde. Es ist nur die halbe Wahrheit. Dass Reichelt von Busse in der Zwischenzeit einen eigenen Platz angeboten hat, er den Vorschlag aber ablehnte, ging im Rauschen des Flurfunks unter. In der Bild-Redaktion verbreitete sich hingegen die Ansicht, bei dem Vorgang im 16. Stock handele es sich um “Schikane”.

Viele erwähnen in diesem Zusammenhang auch den Umstand, dass Koch in der Auflistung der Bild-Chefredakteure in der Neuauflage des großen Bild-Bands fehlte. Für das Buch verantwortlich zeichnete unter anderem Reichelt. Von “Mobbing” war auf den Etagen des Springer-Hochhauses sogar die Rede. Daraus, dass die beiden Top-Führungskräfte des Boulevardblatts sich fachlich und in der Folge dann auch menschlich immer weniger grün waren, machten sie selbst unter Vertrauten kein Hehl. Wer aufmerksam zuhörte, war bald überzeugt, dass das Verhältnis kaum mehr zu kitten war. Die Entscheidung lag, so wurde immer klarer, beim Verlag und seinem journalistisch sehr erfahrenen Vorstandschef Mathias Döpfner. An diesem Freitag gab der Axel Springer Konzern die Abberufung der Chefredakteurin bekannt. 

Einen Machtkampf hat es für Reichelt nie gegeben

Zwischen Reichelt und Koch herrschte ein angespanntes Verhältnis. Von Diekmann vor seinem Abgang bei Bild überraschend installiert, rangelten sie – Reichelt als bereits etablierter Digital-Chef, Koch als neue Print-Chefin – zunächst über die Deutungshoheit in der Boulevardredaktion. Im Februar vergangenen Jahres, nachdem Diekmann auch seinen Herausgeberposten abgegeben hatte, wurde das entstandene Machtvakuum “von oben” eliminiert. Döpfner ernannte Reichelt als Primus inter pares – was zunächst alles andere als Ruhe in den Laden brachte. Denn Reichelt regierte durch. Anders als bei einem Herausgeberposten versteht der Vorsitzende der Bild-Chefredaktionen seine Aufgabe als eine operative. Die Belegschaft – und vor allem – Print-Chefin Koch bekamen das zu spüren. Denn in seinen Augen, so war es immer vernehmlicher aus seinem Umfeld zu hören, war Kochs Position schlicht überflüssig. Und damit, so brutal das klingt, auch die Kollegin, mit der Reichelt vor Jahren fast zur selben Zeit als High Potential in die Redaktion von Bild eingetreten war.

Er hätte die Stelle nicht angetreten, wenn er nicht überzeugt davon wäre, der Beste für den Job zu sein, heißt es aus dem Verlag. Gemeint ist damit auch der Beste für die Aufgabe, die laut Impressum Tanit Koch inne hatte. Für Reichelt war in den vergangenen Monaten von “Machtkampf” keine Rede mehr. Der endete für ihn mit dem Tag, an dem er zum Oberboss befördert worden war. Ohne große Diskussionen warf Reichelt das Blatt und die Mannschaft um, wie es ihm gefiel. Die Änderungen sind in den Augen vieler keine schlechten, sie geschahen aber ohne Absprache. Insgesamt werde unter Reichelt mehr über die Seite 1 gesprochen, berichten Mitarbeiter. Der Chef habe wieder Konferenzen eingeführt, in denen regelmäßig über den Titel diskutiert werde. Für etwas Irritation hingegen sorgte eine besondere Umfrage, an der nur ältere Redakteure teilnehmen durften. Via Mail sollten sie gesondert über Schlagzeilen abstimmen. Die Idee dahinter: Ein Gespür dafür zu bekommen, was die alterstechnische Kernzielgruppe der Bild denkt.

Wie in der Redaktion hat der neue Chef auch in der Zeitung neue Saiten aufgezogen. Die beiden augenscheinlichsten Änderungen: Während unter Diekmann Kommentare um die 25 Zeilen lang sein durften, räumt Reichelt der Meinung Platz ein – wenn auch vorrangig seiner eigenen. 52 Zeilen, 60 Zeilen nimmt sich der Chef, wenn er sie braucht. Verändert hat er auch die Struktur. Die Seite 3 der Bild macht unter ihm nicht mehr mit der besten Nachrichten-Geschichte auf, sondern mit der journalistisch wertvollsten. Oft bekommen die Leser nun Reportagen zu lesen – eine Darstellungsform, die Reichelt in der Redaktion fördern will. Dafür hat er extra das Format des “Reportage-Pitch” eingeführt, bei dem Redakteure für ein Thema, das sie gerne angehen möchten, werben können. So sollen Themen gefördert werden, die nicht unbedingt alltäglich sind. Heraus kommen Stücke wie “Der Kampf um den Ostsee-Dorsch”, auch werden Reporterinnen und Reporter wieder vermehrt ins Ausland geschickt. Welche Reportage genehmigt wird, entscheidet der Chef selbst. Dasselbe gilt für Titelgeschichten.

Der endgültige Bruch zwischen dem Gesamt-Boss und der Zeitung-Chefredakteurin kam, als Reichelt Ende vergangenen Jahres begann, die wichtige “Aufriss”-Konferenz an sich zu reißen – darin werden täglich um die Mittagszeit die wichtigsten Themen der Zeitung des folgenden Tages festgelegt. Eigentlich das Hoheitsgebiet der Printchefin, aber nicht mehr unter Reichelt. Man kann davon ausgehen, dass dies – auch – eine gezielte Provokation war, die den leitenden Bild-Redakteuren unmissverständlich klar machte, wer hier den Ton angibt. Und natürlich ein Verhalten, das die Autorität von der Chefredakteurin beschädigte und ihre Handlungsräume einengte.

“Bild ist ein hierarchisches System”

Gemessen an Reichelts eigenen Maßstäben ist seine Machtübernahme nur konsequent. “Bild ist ein hierarchisches System”, heißt es aus der Redaktion. “Und Julian Reichelt ist der Big Boss.” Mittlerweile haben das alle verstanden. Auch der Vorstand. “Die Verantwortungskonstellation in der Chefredaktion war zwar gut gemeint, hat aber in der Praxis nicht funktioniert, weil diese Aufstellung nicht zu Bild passt”, erklärte Döpfner in einer Unternehmensmitteilung. “Bild braucht ganz klare Verhältnisse.” Man könnte ergänzen: Das ist nicht neu, dass hätte der Verlag mit den Erfahrungen seiner illustren Riege früherer Bild-Chefredakteure auch vorher wissen müssen. Offenbar wagte man das Experiment dennoch. Vielleicht auch, um beide Talente im Haus zu halten.

In der Zeit des Machtvakuums bildeten sich geradezu zwangsläufig zwei Lager, deren Fronten als verhärtet bezeichnet werden können. Auf der einen Seite versammelten sich Reichelts Anhänger, die ihren Commander mit “Good Morning, Sir” teilweise salutierend begrüßen, auf der anderen stand das “Team Koch”, das vor allem aus Leuten der “alten” Print-Mannschaft bestand. Wirklich viele seien es aber nie gewesen, berichtet jemand, der sich lange zu ihrem Lager zählte. Während die Belegschaft besonders in den ersten Monaten nach der Diekmann-Ära gespalten schien, sind Teile von Kochs Gefolgsleuten nach und nach übergelaufen.

Die Chefredakteurin, so schien es eine Zeit lang, konnte dies – mal mehr mal weniger gut – wegstecken. Zwar habe es immer wieder Phasen gegeben, in denen sie wochenlang wenig präsent gewesen sei, berichten Mitarbeiter. Phasen, in denen sie abwesend gewirkt habe, obwohl sie körperlich anwesend war. Vor allem zuletzt schien Koch vor allem journalistisch wieder zu Höchstleistungen aufzulaufen. Ihr Interview mit der britischen Premierministerin Theresa May wurde international beachtet, auch das Interview mit dem nun rausgeworfenen VW-Cheflobbyisten Thomas Steg schlug Wellen.

Doch auch in den vergangenen Wochen meinen Mitarbeiter Schikanen ausgemacht zu haben. Zuletzt beim Weltwirtschaftsforum in Davos, von wo aus Tanit Koch berichtet hatte. In der Zeitung erschien aber schließlich kein Kommentar von ihr, sondern einer von Reichelt. Darin erklärte er den Event kurzerhand für überflüssig. Und auch innerhalb der Redaktion setzte Reichelt eher auf Übergehen statt auf Kooperieren. “Sie geht in keine Konferenz mehr, die er leitet. Und er leitet sie alle”, hatte es zuletzt geheißen.

“Bis meine Kompromissbereitschaft an ihre Grenzen gelangte”
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Wie gestört das Verhältnis zuletzt war, wird auch in den offiziellen Bekundungen deutlich. In der außerordentlichen Redaktionskonferenz am Freitagmorgen hatten sich die Führungskräfte nicht mehr viel zu sagen. Koch habe ihren Job “exzellent” gemacht, beteuerte Mathias Döpfner. Dass sie gehe, sei ein Zeichen der Loyalität. “Es wäre am Ende auf eine unklare Struktur hinausgelaufen und das können wir uns nicht leisten”, zitieren Mitarbeiter den CEO. Chefredakteur Reichelt sagte nichts, sie weinte. Es gab eine Umarmung. “Ein unwürdiges Ende”, kommentieren Konferenzteilnehmer.

In einem Abschiedsbrief schrieb Koch nun: “Wenn zwei Menschen professionell nicht harmonieren, lässt sich das eine Zeitlang durch Kompromisse ausgleichen. 2017 war davon geprägt, bis meine Kompromissbereitschaft an ihre Grenzen gelangte.” Dem Offenbarungseid folgte eine Liebeserklärung. “Mein Herz schlägt Bild-rot, es schlägt für Euch, für Eure Leidenschaft, Eure Professionalität, Eure Menschlichkeit und Euren ausgeprägten Sinn für Unsinn.”

Dass zum Schluss bei der sonst so selbstkontrollierten Tanit Koch emotional die Dämme brachen, zeigt, wie schwer ihr der Abschied von der Bild-Zeitung fällt. Es kann aber auch zeigen, wie groß der Druck war, der zuletzt auf der 40-Jährigen lastete. Ihre Strategie, sich zurückzunehmen und abzuwarten, ging dieses Mal nicht auf. Koch galt nie als eine, die sich in Führungsfragen aufgedrängt hatte. Dass sie die Nachfolgerin Diekmanns in der Chefredaktion für die gedruckte Bild wurde, war deshalb auch branchenweit eine Überraschungsmeldung. Auch wenn ihre Berufung stellvertretend für Diekmanns Philosophie in Sachen Personalpolitik steht: Reibung. Wettbewerb, beziehungsweise Rivalität beleben das Geschäft. Das war schon immer die Lieblingsstrategie des Ex-Herausgebers, der es – möchte man meinen – bei seinem Abgang noch einmal wissen wollte. Mit dem Duo Koch/Reichelt hatte Diekmann zwei Charaktere gegenübergestellt, die unterschiedlicher kaum sein können.

Vor allem steht Kochs Wesen im grundsätzlichen Widerspruch zu allen Eigenschaften, die eine Bild-Zeitung verkörpern mag. Koch ist eher leise als laut, eher kontrolliert als emotional, bedacht statt impulsiv. “Mit ihrer sanften Stimme und ihrer intellektuellen Ausstrahlung könnte sie auch Chefredakteurin eines Wissenschaftsmagazins sein”, schrieb mal die Financial Times über sie. Dass Koch aber so gar nicht zum Boulevard passt, sieht sie anders. „Es heißt, ich spreche zu leise. Ich hingegen glaube mehr an die Schwerhörigkeit meines Umfelds”, erwidert sie auf Charakterbeschreibungen wie diese.

Wie es für Tanit Koch weitergehen wird, ist unklar. In den vergangenen Monaten keimten fast wöchentlich neue Gerüchte, Koch könnte das Haus verlassen. Oftmals wurde spekuliert, sie könnte sich – aus privaten Gründen – nach London absetzen. Nach der Bundestagswahl wurde sie auch schon bei einer nicht näher definierten Stelle innerhalb der FDP gehandelt, zuletzt verbreitete sich das Gerücht, die Bild-Chefin wechsle zum Konkurrenten Burda. Zuvor war sie – wie auch im Fall der FDP – zufällig mit einflussreichen Protagonisten gesehen worden. In sensiblen Zeiten reicht ein Drink mit einem Vorstandsmitglied aus, um die Gerüchteküche zum Brodeln zu bringen. Koch dementierte das alles immer wieder. Auch aktuell will sie sich dazu nicht äußern, wie sie auch jeden Kommentar zu den Hintergründen ihrer Trennung vom Verlag ablehnt.

Der Aufstieg der Bild-Chefs und die Rolle Kai Diekmanns

Aus ihrem Umfeld hieß es stets, manche Gerüchte seien – von wem auch immer – aus Böswilligkeit in Umlauf gebracht worden. Enorm gelitten haben soll das Verhältnis darüber hinaus nicht nur nach dem Weggang von Diekmann, sondern vor allem wegen Diekmann. Wer Tanit Koch kennt, weiß das sie lange um ihren Job kämpfte und sich keinen anderen als den der Bild-Chefin wünschte. Auch deshalb soll sie alle Offerten aus der Vorstandsetage dankend abgewiesen haben, eine andere Aufgabe im Konzern zu übernehmen.

Ohne die Person Diekmann lässt sich der Werdegang von Koch wie auch der von Reichelt nicht erklären. Beide lernten ihr Handwerk an der Axel Springer Akademie, kamen danach zu Diekmanns Bild. Reichelt wurde Politik-Reporter, reiste in Krisen- und Kriegsgebiete, bevor der heute 38-Jährige im Februar 2014 die Verantwortung für die digitalen Aktivitäten von Bild übertragen bekam. Während Reichelt als Reporter in die Welt hinauszog, machte Koch Karriere in der Chef-Etage. 2007 ernannte Diekmann sie zu seiner Büro-Leiterin, nach einem kurzen Ausflug zur Welt wurde sie zunächst Textchefin bei Bild und nur wenig später Leiterin der Hamburg-Ausgabe, bevor Diekmann sie 2013 zurück nach Berlin holte und als stellvertretende Chefredakteurin sowie als Chefin der Unterhaltung installierte.

Die Bestätigung des obersten Chefs war beiden immer wichtig. Ohne Kai Diekmann hätten sie ihren Karriere-Weg so nicht gemacht, wiederholte Reichelt auch am Freitag in einer auf den Abschied folgenden Redaktionskonferenz. Dass Reichelt nach Diekmanns Abschied dennoch nicht sofort auch zum Print-Chef ernannt worden war, habe er nur schwer verkraften können, hatte es aus Redaktionskreisen geheißen. Zudemso wird es im Verlag kolportiert – habe Reichelt später erfahren, dass der Herausgeber nicht ihn, sondern Koch als neue Vorsitzende favorisiert habe. Wie so oft gibt es bei solchen Flurfunk-Erzählungen von keiner Seite eine Bestätigung, und es fällt von außen schwer, zwischen Wahrheit und Legende zu unterscheiden.

Wie Julian Reichelt Bild in Zukunft aufstellen will

Wie es bei Bild ohne Tanit Koch weitergehen wird, dürfte hingegen bereits längst geklärt sein. Seit Monaten schmiedet Reichelt Pläne für den Umbau der Organisation. Dem Vernehmen nach will er sich langfristig aus vielen Bereichen des Tagesgeschäfts zurückziehen und sich vermehrt darauf konzentrieren, die große Bild-Redaktion zu managen und die Marke für die Zukunft aufzustellen. An oberster Stelle stehen für ihn die Entwicklung der Digital-Aktivitäten, die Bild inklusive Video-Offensive zum medialen Powerhouse machen sollen. Die Investitionen gelingen aber nach wie vor nicht ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Print-Geschäft. Genauso wichtig ist deshalb die Aufgabe, den Auflagenverlust so weit wie möglich auszubremsen. Bislang ist es der Bild-Chefredaktion nicht wirklich gelungen, wie auch eine aktuelle Analyse von MEEDIA zeigt.

Das alles heißt nicht, dass Reichelt – vor allem nach dem Abgang von Tanit Koch – kein Blattmacher mehr sein wird. Bereits während ihrer Anwesenheit hat er der Zeitung einen neuen Stempel aufgedrückt, was er auch weiterhin tun werde, wie es heißt.  In vielen Bereichen will er sich zukünftig aber auf die Kompetenzen anderer verlassen – aber nur eben jenen, die er selbst bevollmächtigt hat. Dafür schart der Bild-Boss aktuell eine Gruppe von Vertrauten um sich, denen er ruhigen Gewissens Verantwortungsbereiche bei Bild übergeben kann und will. Von zehn bis 15 Leuten in der neuen Führungsmannschaft ist die Rede.

Organisatorisch werden die beiden bislang gegründeten “Verticals” Schule machen. Damit gemeint sind “Kompetenzzentren”, die marken- und plattformübergreifend arbeiten sollen. Eine weitere Zusammenführung, wie sie zuletzt bei Sport und Auto/Motor unter den Reichelt-Vertrauten Matthias Brügelmann und Tom Drechsler gegeben hat, könnte als nächstes in der Unterhaltung stattfinden. Auch Themen wie Gesundheit werden für zentralisierungsfähig gehalten.

Umstrukturierungen wie diese, die auch auf Vorstandsebene geplant werden, betreffen nicht nur die Redaktionen von Bild, sondern auch die von Bild am Sonntag mit Chefredakteurin Marion Horn. Zuletzt hatte es auch hier Gerüchte über ein vergiftetes Klima gegeben, die durch einen Bericht von kress pro im Juni dieses Jahres befeuert worden waren. Darin hatte das Magazin von einem gescheiterten Versuch Reichelts berichtet, Horn abzusetzen. Der Bericht sorgte intern für Furore, wurde in seiner Form aber von allen Beteiligten ohne weitere Infos dementiert. Dennoch gab es Krach. Nach MEEDIA-Infos handelte es sich aber vielmehr um Gerangel über die Position des BamS-Vize. Horn habe jemanden berufen wollen, mit dem Reichelt nicht einverstanden gewesen sei. Bis heute ist die Stelle Drechslers nicht nachbesetzt. Wann und ob es dazu kommen wird, ist unklar. Klar hingegen ist, dass auch Reichelt und Horn nicht im besten Verhältnis zueinander stehen. Die wichtigste Machtfrage im Bild-Imperium ist mit dem Abgang von Tanit Koch beantwortet – die Ordnung des neuen Gesamtreichs durch den Alleinherrscher Julian Reichelt steht aber wohl noch bevor.

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Alle Kommentare

  1. Bild wird sich nicht mehr lange unter diesem Meinungsdiktator halten… Gut für das Land!

    1. julian reichelt – der “senkrechtstarter” im stil von TRUMP – wird es wie der SPD gehen – je größer die lippe, je schlechter die umfragen… konzernlenker m. döpfer wird bald die notwendige notbremse ziehen müssen, um BILD wieder auf spur zu bringen. Denn ohne BLUT – kein leben.

      1. Na ja.

        Glaskugel das alles, was hier orakelt wird.

        Die Zukunft ist noch nicht geschrieben und Totgesagte leben ja bekanntlich extra lang.

        Ich wünsche ihm Erfolg.

  2. Also, ehrlich gesagt: der Artikel ist nicht nur lang, sondern vor allem lang w e i l ig, ohne – so weit ich ihn gelesen habe – greifbare Information für Leser außerhalb der höchsten Etage bei BILD. Nichts über Ziele, Linie, evtl. verändertes Niveau. Naja, ich les’ Ihre Zeitung sowieso nicht, weil sie mich abstößt.

  3. Es gibt sicherlich noch einen anderen Grund für Kochs Abschied: die nicht enden wollende Serie irrelevanter Verbraucherthemen als Titelgeschichten: “So schützen Sie sich vor Handy-Fallen”, “Diese Rechte haben Sie als Miete”, “So erhöhen Sie Ihre Rente”, “Das droht Ihnen bei Bahnfahrten”, “So halten Sie Ihr Gewicht” usw. Wer zum Kuckuck will soetwas als Titelgeschichte lesen? Nicht umsonst ging die Auflage zuletzt um 10 Prozent zurück.

  4. er wird grandios scheitern. Kein Charisma und zu viele Feinde im eigenen Haus. Als Redaktionsdirektor in nur einem Jahr minus 10 Prozent. Da war er ja schon Chef von Koch und hat das zu verantworten. Mal sehen ,wer danach übernimmt.

  5. „Mein Herz schlägt Bild-rot”:
    Romantischer kann eine zartfühlende Dame von „intellektueller Ausstrahlung” ihrer emotionalen Verwundung nicht Ausdruck verleihen.

    Alles andere wäre auch stillos gewesen, zum Beispiel: „
    „Mega-Zoff in der Latrine: Macht deine Sch***se ohne mich”.

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