Partner von:
Anzeige

Tierversuche für Autokonzerne: das merkwürdige Desinteresse des Medien-Mainstreams am Abgas-Affen-Skandal

Im Vergleich zu vielen anderen Medien, gehen Bild (Chefredakteurin Tanit Koch) und Handelsblatt (Herausgeber Gabor Steingart) sehr engagiert mit dem Thema um
Im Vergleich zu vielen anderen Medien, gehen Bild (Chefredakteurin Tanit Koch) und Handelsblatt (Herausgeber Gabor Steingart) sehr engagiert mit dem Thema um

Im Auftrag einer von VW, Mercedes und BMW finanzierten Lobbyorganisation wurden an Affen Abgas-Versuche durchgeführt. Diese Enthüllung der Bild-Zeitung lieferte durch die darin enthaltenen Keywords “Autokonzerne”, “Tierversuche”, “Gaskammern”, “Vertuschung” eigentlich alles, was bei den Medien einen Recherche-Tsunami hätte auslösen müssen. Doch viele Redaktionen befinden sich angesichts der empörenden Experimente in einem merkwürdigen Dienst-nach-Vorschrift-Modus.

Anzeige

Bereits am Samstag hatte Bild dem Thema die Titelseite gewidmet. Aufmacher-Headline: “Deutsche Autobauer quälten Affen mit Diesel-Tests.”

Dann hoben die Berliner den Skandal am heutigen Mittwoch wieder auf Seite eins. “Der geheime Labor-Bericht über die Abgas-Affen!”, schreibt die Redaktion um die Blattmacher Tanit Koch und Julian Reichelt in großen Lettern über die heutige Ausgabe. Den Berlinern liegt dazu der der 58-seitige Laborbericht vor (Studiennummer: FY14-050), der zeigen soll, “wie die Affen leiden müssten – und vor allem wie der Bericht umgeschrieben werden sollte, weil die Ergebnisse zu vernichtend für die Autoindustrie waren”.

Was dann folgt, ist wahrlich eine Aufzählung von Details, die sich in den Händen von motivierten NGOs schnell zu einem absoluten PR-Desaster für so manch ein Unternehmen entwickeln könnte. Allerdings ist es im Bereich der Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen in diesem Fall noch immer erstaunlich ruhig.

In ihrer heutigen Ausgabe machte die Bild gleich zweierlei, was in diesem Fall nicht alle Medien taten: Sie recherchierte weitere Details und hob den Skandal auch nach ganz oben auf ihre Titelseite. Die FAZ thematisiert die Tierversuche auf der Titelseite in einem dreispaltigen Aufmacher über mögliche EU-Maßnahmen gegen Deutschland aufgrund der Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxidbelastung. Bei der Süddeutschen und der Welt findet sich die Story ebenfalls auf der ersten Seite, allerdings ganz unten. Aufhänger war jeweils die Beurlaubung des VW-Cheflobbyisten Thomas Steg. In den vorangegangenen Tagen berichteten die Qualitätszeitungen durchaus, aber zumindest gefühlt zurückgenommen. Man konzentrierte sich überwiegend auf die Wiedergabe bekannter Fakten und Nachrichtenentwicklungen wie den Rücktritt von Steg. Zu beobachten war bei vielen Medien eine Art Nachrichten-Dienst nach Vorschrift.

Wie die Bild wird sich auch das Handelsblatt des Themas auf seiner Titelseite annehmen, wenn der Leser es denn will. So stellte Herausgeber Gabor Steingart am heutigen Mittwoch zwei mögliche Entwürfe für die Wochenendausgabe am Freitag zur Wahl: Donald Trump und das Wiedererstarken der USA oder eine Beschreibung der Wirtschaftsmaschinerie hinter den Tierversuchen.

Anzeige

Überhaupt sind die Düsseldorfer weit aktiver als viele ihrer Kollegen. So entsandte die Redaktion längst Journalisten, die sich ausschließlich mit den Recherchen zu dem Komplex beschäftigen.

Bereits am gestrigen Dienstag hatte das Handelsblatt ein 88-seitiges Protokoll aus dem Diesel-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages ausgegraben, aus dem hervorgeht, dass dort zwei Experten über Tierexperimente im Zusammenhang mit den Abgasuntersuchungen der Autoindustrie berichtet hatten.

Steingart fasst zusammen: “Die deutsche Autoindustrie weiß, wie man das Publikum schockt. Nach der Diesel-Affäre schieben sich die drei großen Automobilhersteller erneut in die Schlagzeilen – diesmal mit Abgastests an Affen.” Weiter schreibt er: “Der Vorgang wird in seiner Erbärmlichkeit nur überboten von der gespielten Ahnungslosigkeit der Berliner Verkehrspolitiker und einiger Auto-Manager.”

 

Update, 01.02.: In der ersten Version des Artikels hieß es mit Bezug auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung, diese habe im Zusammenhang mit den Tierversuchen im Auftrag der Autokonzerne am Mittwoch “völlig” auf eine Berichterstattung auf der Titelseite. Das ist falsch. Die Redaktion bedauert den Fehler und hat den Text entsprechend geändert.

 

 

 

MEEDIA ist Teil der Verlagsgruppe Handelsblatt

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Und jetzt ..?

    Warum werden noch immer für Kosmetik-Artikel Tierversuche durchgeführt?

    Das Thema “Dieselgate” war ein hochgejazztes Medienthema, dass an der Öffentlichkeit vorbeiging. Wenn man als Benziner an der Ampel steht, wundert man sich schon seit Jahren, wie man einen Diesel als “Sauber” deklarieren kann, vor allem wenn der Fahrer Gas gibt (auch bei Neuwagen = graue Rauchwolke).

    Das Dieselthema erinnert an das Thema Digitalisierung, ein Thema für die „Liste Lindner“ und die Medien, obwohl jeder SPIEGEL-Titel zum Thema floppt. Scheinbar haben viele Medien nicht den „Draht“ zu den Themen, die die Bevölkerung interessieren, sondern zu irgendwelchen gehypten „Eliten-Themen“. Wie wäre es mal, über Themen der Mittelschicht zu berichten, Themen die ca. 60% der Bevölkerung interessieren. Und das sind nicht die Jubelarien über den Grünen-Parteitag!

    1. Ich halte Dieselgate nicht für hochgejazzt, Betrug, systematische Gesundheitsgefährdung der Bürger, aber sehr abstrakt und statistisch, es erklärt sich nicht von selbst.
      Gut, das Dieselthema kam nicht so überraschend, denn man konnte nach investigativen Reportagen erahnen, dass da etwas im Argen liegt. Ein unterschätzter Skandal ist, wie autohörig das Bundeskraftfahrzeugamt ist.

      Manche Aussagen von Politikern waren hysterisch und im höchsten Grad heuchlerisch.
      Die Skandal dahinter halte ich für durchaus wichtig. Wie sehr manipuliert die Wirtschaft mit ihrem Geld die wissenschaftlichen Erkenntnisse?

      Eine Versachlichung der Debatte tut aber Not.

  2. Danke, Meedia, für die Wahrnehmung. Einer der profansten Erklärungsversuche ist vielleicht ein ganz persönlicher: Die meisten Medienvertreter fahren mit Journalistenrabatt eines dieser deutschen Modelle. Ist der bemerkenswerte deutsche Film “Finsterworld” bekannt, die Szene, als Corinna Harfouch mit der Autovermietung telefoniert und sagt: “Kein Naziauto.”

    Der Tagesthemen-Moderator ist der bisher einzige Medienmensch, den ich gehört habe, der am Montagabend den Gedanken gewagt hat, dass “…man allein beim Dreiklang der Begriffe Menschenversuch/Abgas/Firmen aus Deutschland an historischen Bezügen hierzulande kaum vorbeikommt.”

    Das Philosophie-Magazin Hohe Luft betitelt dieses nicht Fassbare “Das Böse im System” und stellt dem Thema naturgemäß die Ethik gegenüber. Angesichts der unbegreiflichen medialen Ignoranz wirkt dieser Versuch wie heiße Luft.

  3. Alles vollkommen übertrieben – es hängt einem zum Hals raus. Das Theater um den Diesel, den Millionen Leute fahren.. das Theater um von irgendwem, irgendwie, irgendwann festgelegte “Grenzwerte”, die offensichtlich kaum erreichbar sind… und so vieles mehr an Über-Aufregung und die Moral und Werte-Welt der Deutschen und/oder Europäer, die sie allen anderen aufzwingen wollen (während sie in die Bordelle Deutschlands strömen, um Frauen zu gebrauchen)… und so weiter. Die wirklich wichtigen Themen interessieren weder die BILD noch andere Medien weitgehend. Und dranbleiben – jenseits von Diesel und Abgas-Kacke – ist auch nicht mehr das, was Medien mal wichtig und stark gemacht hat. Die AfD hat mal – zur Empörung aller – von “jagen” gesprochen. Wenn man in Erinnerung hat, wie die Politiker früher “gejagt” wurden… und dann oft zu Recht zurücktreten mussten… dann war und wäre mir dieses alte System viel lieber als das heutige, aufgeregte Gegacker ohne jeden Sinn und ohne jede Konsequenz. Das Thema “Frauendiskriminierung mit Gebühren der Bürger im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen” hat BILD & Co. überhaupt nicht interessiert.. außerhalb des kurzen Auftritts der Frau Furtwängler. Frage an Meedia? Warum empört das die BILD und offensichtlich auch Euch bei den Diesel-Tests mit Affen Warum nicht, als die Studien von ARD und ZDF und FFA rauskamen.. Wissen Sie, mir wären die Affen weniger wichtig als “die Frauen”. Den Medien offensichtlich nicht oder wie muss man das verstehen?

  4. Wirtschaftskrieg und Anwaltsabzocke made in USA: Ein derart verbreitetes Produkt muss getestet werden – das wäre hiezulande Pflicht der Regierung gewesen, so etwas zu veranlassen.

    Oder soll es an der gesamten Bevölkerung getestet werden?

    Das einzige was mich stört ist, dass die Versuche ergeben haben, dass moderne Diesel tatsächlich viel schädlicher als alte sind und das auf uns losgelassen wird.

    Wurde das Thema bei Meedia nicht ganz verstanden?

    1. Das war eine dpa-Meldung, die die Stuttgarter Zeitung – wie andere Medien auch – veröffentlicht hat. Und die dpa-Meldung basierte auf der „New York Times“.

  5. Wie soll man denn sonst herausfinden, ob eine Abgas-Reduzierungsmaßnahme negativ oder positiv auf Tier und Mensch wirkt? Die früher erhobenen Referenz-Werte reichen dafür nicht aus. Um einen realistischen Mess-Versuch “wie im richtigen Leben” durchzuführen, darf die Abgasbelastung nicht wesentlich höher sein als im täglichen Straßenverkehr, den hier alle Leser schadlos täglich erleben. Für die Erkrankungs-Grenze (Dauer-Betrieb in geschlossener Garage hingegen kann man sich “state art” auf die bereits bekannten Werte beziehen.

    Es ist höchste Zeit, die einfach “so mal” hochgerechneten Panik-Zahlen, die in den Zeitungsarchiven ungeprüft schlummern und bei Sensationsbedarf hervorgeholt werden, zu überprüfen. Bei dem Affen- und Menschenversuch wird vermutlich herausgekommen sein: “Keine Gefahr” – wie wir es ja täglich im Verkehr er- und auch überleben.
    So ein objektive Mess-Ergebnis ist von den Autokritikern unerwünscht, von der Autoindustrie aber erwünscht. Das Ergebnis sollte man erst mal wissenschaftlich widerlegen, bevor in den Redaktionen gegen jeglichen Tierversuch dieser Art erstmal rumgedroschen wird – weil die Leser ja soo tierliieb sind. Aber Autofahren tun sie schon alle, und dann Tier-Schnitzel essen…

  6. Alles ein Sturm im Wasserglas. Ich hatte eher den Eindruck, das zumindest TV-Sender und Politik sich einmütig total entrüstet gaben. Zumindest im Radio war dann mal was aus der Realität zu hören: Versuche an Tieren und Menschen sind doch Gang und Gäbe. Man kann vielleicht darüber diskutieren, ob sie unverhältnismäßig waren, aber sie gleich, ohne zu reflektieren, reflexartig als »empörende Experimente« anzuprangern, ist eher opportunistische Aufmerksamkeitshascherei, die bei Licht betrachtet, dem Journalismus eher schadet als nützt, zudem der journalistische Aufschrei unisono mit der Empörung der Politiker erfolgte. (Das könnte wieder den »Lügenpresse«-Vorwürfen in die Hände spielen).
    Der Bildzeitung mag man zubilligen, das Scheuklappen aufgesetzt werden, um fette Schlagzeilen für die Titelseiten zu bekommen, ein Journalist, der etwa auf sein Berufsethos hält, sollte jedoch alle Fakten berücksichtigen.
    Vielleicht es ja das, was die im Vorspann angeklagten Redaktionen auch tun. Sie recherchieren noch, oder sind – nach Abwägung aller Fakten – zu der Ansicht gekommen, das die Experimente eventuell in einer Grauzone waren, aber beileibe kein Riesen-Skandal, wie von anderen hingestellt.
    Man muss sich aber auch fragen, wie weit wir im Journalismus schon gekommen sind, wenn Journalisten, die nicht sofort auf einen Empörungszug aufspringen, deswegen diskreditiert werden.

  7. Jetzt lobt Meedia als Teil der Verlagsgruppe Handelsblatt also die Berichterstattung im Handelsblatt. Und kritisiert, dass nicht alle im gleichen Tempo und mit gleicher Aufgeregtheit diesem Thema hinterherjagen. Und morgen heißt’s dann vermutlich selbstkritisch bei einem anderen Thema, dass die Medien ihm im wieder mal Gleichklang hinterherjagen. Der Job von Journalisten ist, Themen zu durchleuchten und zu bewerten. Ich empfehle dazu: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/menschenversuche-der-autoindustrie-was-steckt-dahinter-a-1190384.html

  8. Die sogenannten “Menschen-Versuche” waren, wenn man der RWTH Aachen glauben will, ganz simple Tests innerhalb der Grenzwerte: http://bit.ly/2E1j2lx – Es ist doch eigentlich erfreulich, wenn nicht alle Medien gleichzeitig in Hysterie verfallen, ohne vorher zu prüfen, worum es überhaupt geht.

  9. Handelsblatt hin – Bild her: es ist schon erstaunlich (und deshalb richtig, dass meedia sich dem Thema widmet), dass ausgerechnet die sonst so investigativen Medien zum Thema Tier- und Menschenversuche der Auto-Konzerne im Rahmen des Diesel-Gate schweigen. Solche Untersuchungen schrieben wir bis dato einem Herrn Mengele und seinen Kohorden während der Nazizeit zu. Die SZ sitzt in München wie BMW, die beiden Stutgarter Blätter sind Nachbar eines schnautzbärtigen Herrn Zetsche; die FAZ hatte immer etwas übrig für die Autolobby; und VW? dort gewinnt nicht einmal mehr der VfL – Gesocks alles. Klingt vulgär – muss aber mal sein. Was sagen eingentlich die sonst so aufklärerisch beflissenen Journalistenverbände zu dieser medialen Aufklärungspleite

  10. Alle Kommentare die meedia biher unter diesem Artikel veröffentlichte treffen nicht den Punkt.

    VW ist der vermutlich größte Werbepartner der Medien in Deutschland, also praktisch deren Arbeitgeber. Als Arbeitnehmer würde ich mich da mit Kommentaren auch zurückhalten oder mich gleich ganz enthalten. So einfach ist das. Oder etwa nicht?

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia