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Wie die Jusos erfolglos versuchten, eine WDR-Reportage zum SPD-Parteitag zu beeinflussen

#WDR360-Reportage zum SPD-Parteitag

#WDR360 ist ein junges Reportage-Format, das der ARD-Sender ausschließlich für das Internet produziert. Für Irritationen sorgte jetzt eine Ausgabe mit einem Film über den zurückliegenden SPD-Parteitag. Der Reporter erklärt zu Beginn des Films, dass die Jusos den Beitrag beeinflussen wollten. Was steckt dahinter?

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„Der Juso-Bundesgeschäftsführer hat bei mir im Schnitt angerufen und wollte, dass wir einige Szenen, die wir auf dem SPD-Bundesparteitag gedreht hatten, nicht in den Beitrag reinnehmen.“ Das sagt Reporter Florian Gregorzyk gleich zu Beginn des knapp zehnminütigen Films, der bei YouTube zu sehen ist. Eigentlich habe er die stellvertretende Juso-Vorsitzende auf dem GroKo-Parteitag der SPD begleiten wollen, aber dann sei alles ganz anders gekommen.

Die stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende Katharina Andres erfährt in dem Film nämlich, dass sie ihr Parteitags-Mandat wieder abgeben muss. Die Sache ist die: Einige Delegierte reichen offenbar regelmäßig ihre Parteitags-Mandate an Jusos weiter. Sollte es aber zu einer wichtigen Abstimmung kommen, die knapp zu werden droht, fordern sie dann ihr Mandat zurück. Ein absolut legaler Vorgang, der die Juso-Frau im Film nichtsdestotrotz frustriert. Der Delegierte, der sein Mandat nun doch wahrnahm, werde wohl anders abstimmen als sie, erklärt sie vor der Kamera. Man kann sich das unterschiedliche Abstimmungsverhältnis ungefähr denken.

Kurz darauf erzählt eine Mitarbeiterin des Juso-Bundesbüros dem WDR-Reporter noch, dass dies häufiger vorkomme. Bei dem aktuellen Parteitag allein für den Bezirk Hannover acht mal. Welche Passage wollten der Juso-Geschäftsführer nun aber nicht in dem Beitrag haben? Der WDR gegenüber MEEDIA: „Die Jusos wollten, dass wir nur die Interviews mit Katharina Andres, stellvertretende Bundesvorsitzende Jusos und Micha Heitkamp, Jusos Ostwestfalen-Lippe benutzen.“

Die Passage mit der Bundesbüro-Mitarbeiterin hätte man von Seiten der Jusos gerne draußen gesehen. Auf MEEDIA-Nachfrage erklärt die Juso-Pressestelle: „Wir Jusos treten für die Freiheit der Presse ein. Es liegt uns fern, die Ausstrahlung eines Beitrags zu unterbinden oder den Inhalt zu beeinflussen. Wir haben uns an die Redaktion gewendet, weil im Beitrag eine Mitarbeiterin vorkommt, mit der die Verwendung im Vorfeld nicht abgesprochen war. Es handelt sich um eine Mitarbeiterin ohne politisches Amt oder Mandat. Es ging uns darum, die Kollegin zu schützen, die nichts davon wusste, dass dieses Material in einem Beitrag verwendet wird.“

Wobei die Mitarbeiterin im Film klar erkennbar vor einer Kamera zu einem Reporter spricht. Dass eine solche Aussage für ein journalistisches Format verwendet wird, hätte man sich also durchaus denken können.

Der WDR ließ die Passage im Film. Zurecht. Die Praxis des Mandate-Tauschs ist ja auch durchaus interessant und gewiss nicht jedem Zuschauer geläufig. Brisanz erhält das Thema im aktuellen Fall, da die Abstimmung, ob die SPD in Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU eintritt mit 56% Ja-Stimmen tatsächlich denkbar knapp war.

Das WDR-Video machte seither bei Twitter die Runde, u.a. der DJV NRW teilte das Video. Bei YouTube trägt der Film den Titel „GroKo-Frust: Szenen, die die Jusos so nicht wollten“. Der Anruf des Geschäftsführers bei dem WDR-Reporter war wohl keine so gute Idee …

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