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Neue schwere Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Warum die “Schattenmann”-Affäre ein Pflichtstoff für die Medien ist

Mit dem aktuellen Beitrag “Der Schattenmann” legt die Zeit in ihrer Berichterstattung über Vorwürfe sexueller Übergriffe durch den Regisseur nach und veröffentlicht neue Anschuldigungen
Mit dem aktuellen Beitrag "Der Schattenmann" legt die Zeit in ihrer Berichterstattung über Vorwürfe sexueller Übergriffe durch den Regisseur nach und veröffentlicht neue Anschuldigungen

Der Star-Regisseur und die Gewalt-Vorwürfe: Mit ihren Enthüllungen um lange zurückliegende Vorwürfe der Belästigung bis zur Vergewaltigung durch Dieter Wedel hat die Zeit im doppelten Sinn ein Tabu gebrochen. Schauspielerinnen berichten nach Jahrzehnten von traumatisierenden Erlebnissen – und die Wochenzeitung selbst geriet wegen der Pranger-Wirkung ihrer Veröffentlichung unter Druck. Zu unrecht.

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Ein Kommentar von Georg Altrogge

Wer bislang der Meinung gewesen ist, die am 3. Januar vom Zeit Magazin veröffentlichten Vorwürfe gegen Dieter Wedel seien unnötig aufgebauscht und die viele Jahre zurückliegenden Ereignisse keine Berichterstattung wert, sieht sich mit der Enthüllung weiterer Anschuldigungen eines Besseren belehrt. Wer noch behauptet, für eine Veröffentlichung fehle dem Blatt die medien-ethische Legitimation, sollte das morgen erscheinende Dossier bis zum Ende lesen. Und nicht bloß darüber reden. Denn die Affäre, so ist spätestens jetzt klar, gehört aufgeklärt – und nicht nur im strafrechtlichen Sinn. Dass die bislang bekannten Schilderungen sich auf Geschehnisse beziehen, die fast sämtlich verjährt sind, macht es kompliziert, ändert daran aber nichts.

Im Gegenteil: Sollte Dieter Wedel der (schlimme) Mann sein, den mehrere Schauspielerinnen – nach derzeitigem Kenntnisstand völlig unabhängig voneinander – beschreiben, so handelt es sich um einen sadistisch veranlagten Serientäter, der seine berufliche Machtposition wie sein gesellschaftliches Renommee brutal ausgenutzt hat, um sich an jungen Frauen zu vergehen, sie zu misshandeln und zu demütigen. Und der Entzug der gesellschaftlichen Anerkennung, die er – sofern die Vorwürfe zutreffen – damals wie eine Waffe gegen seine Opfer gerichtet hätte, um diese gefügig oder mundtot zu machen, wäre das Mindeste, was in seinem Fall die Konsequenz sein müsste.

Dass dabei auch für jemanden, der solch schwerer und fortgesetzter Taten bezichtigt wird, die Unschuldsvermutung zu gelten hat, sollte ebenfalls eine Selbstverständlichkeit sein. Wedel dementiert alle ihm unterstellten Handlungen und hat dazu eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Wo liegt die Wahrheit? Die Medien und auch die Öffentlichkeit haben aus dem Fall Kachelmann gelernt. Damals ging es um eine vom Start weg von der Justiz lancierte Vorverurteilung und Medien, die neben dem vor Gericht nicht haltbaren Vergewaltigungsvorwurf auch das Privatleben des früheren ARD-Moderators und seine Beziehungen zu Frauen breittraten. Letzeres dürfte mit dafür ursächlich sein, dass der Meteorologe in seinen Job als öffentlich-rechtlicher Wetter-Ansager trotz Freispruchs nie wieder zurückkehrte.

Doch bei Wedel geht es, anders als der Regissseur zuletzt in einigen seiner Statements glauben machen wollte, auch abseits der strafrechtlich relevanten Vorwürfe nicht um Privates: Die Frauen, die ihn belasten, befanden sich im Zeitraum der strittigen Ereignisse in einem Abhängigkeitsverhältnis – sie drehten mit “dem großen” Doktor Wedel, dem unumstrittenen Star unter den deutschen Filmemachern, einem genialischen und exzentrischen Lieferanten bester Serienstoffe, um den sich lange Zeit die Fernsehanstalten rissen. Der Liebesentzug des mächtigen Herrn am Set konnte für junge Darstellerinnen das Ende ihrer TV-Karriere bedeuten. Und das Geld, das Wedel für seine Projekte und womöglich auch für eine Schreckensherrschaft am Set, benutzte, stammte allzuoft aus den Produktionsbudgets öffentlich-rechtlicher Sender.

Dass inzwischen die Staatsanwaltschaft München in einem aufgrund einer Strafrechtsnovelle von 2015 noch nicht verjährten Fall ermittelt und wohl auch umfangreiche Zeugenbefragungen durchführen wird, ist ein notwendiger, aber nicht der einzige Teil der zu leistenden Aufklärungsarbeit. Der andere, für die Reputation von Dieter Wedel ebenfalls gravierende Aspekt, betrifft die durch viele Zeugenaussagen belegten Vorwürfe der Tyrannei an den Drehorten, der Einschüchterung und des Mobbings Schutzloser, bei dem – was ebenso irritiert wie alarmiert – offenbar alle wegsahen. In jedem Konzern würden solche Verhaltensweisen heute schon aufgrund der dort geltenden Compliance-Regeln die fristlose Entlassung von Führungskräften bewirken, denen man ein solches Fehlverhalten nachweisen kann.

Im Fall Wedel in diesem Zusammenhang von Nachweisen zu sprechen, wäre verfrüht. Man kommt aber nicht um die Feststellung umhin, dass eine Reihe von glaubwürdigen Zeugenaussagen ein bedrückendes Bild zeichnen. Wer dies bestreitet, sollte die neuerliche Veröffentlichung der Zeit genau studieren. Auf drei Seiten wird Jahrzehnte nach den beschriebenen Vorfällen ein akribisch recherchiertes Mosaik an Indizien zusammengetragen, das sich in keinem Fall lediglich auf die Aussage einer Zeugin, nämlich des mutmaßlichen oder angeblichen Opfers stützt. Die fünf Autoren des Artikels haben es sich nicht leicht gemacht: Ihr Stück ist, wenn keine Anklageschrift, so doch eine herausragende investigative Leistung.

Und deshalb sind nicht die darin von drei weiteren Darstellerinnen erhobenen Vorwürfe der sexuellen Übergriffe das wirklich Bemerkenswerte der neuen Veröffentlichung, sondern die Aktennotizen der inzwischen liquidierten und skandalumwitterten Telefilm Saar, die im Auftrag des Saarländischen Rundfunks bei den Wedel-Projekten als Produktionsfirma agierte. Dort wurden im Zusammenhang mit den Tatschilderungen der Schauspielerinnen Verletzungen nicht nur protokolliert, sondern mehrfach auch unübersehbar deutliche Bezüge zu Wedel als Verursacher hergestellt. Nicht einmal die Mühe, schon damals offensichtlich kursierende Berichte über absonderliche Verhaltensweisen des Regisseurs zu kaschieren, machte man sich. Und doch geschah: nichts.

Wer dieses Geflecht aus schon damals bekannten Anhaltspunkten für nicht bloß disziplinarisch zu ahndende Handlungen des Filmemachers betrachtet, ahnt, dass es für Menschen in Wedels Umfeld wohl gute Gründe gab, über das, was man am Set mitbekam, zu schweigen. Und vielleicht auch über das, was einem selbst angetan wurde. Sicherlich zählt der Fakt, dass die jetzt berichteten Vorfälle schon mindestens zwanzig Jahre zurückliegen, zu den größten Schwachpunkten des Bilds, das die Schauspielerinnen nun an Eides Statt von Dieter Wedel zeichnen. Aber es erscheint auch plausibel, dass – wie die Belastungszeuginnen sagen – der Regisseur selbst mit seiner eigenen Opfer-Darstellung im Zuge der #MeToo-Debatte den Anstoß dazu gegeben hat, das lange Schweigen zu brechen.

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“Der Schattenmann”, so der doppeldeutige Titel des Zeit-Artikels in Anspielung an einen der größten Serienerfolge von Wedel, ist indes längst in die Vorwärtsverteidigung gegangen, und er tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Nachdem er Ende vergangener Woche – gerade von der Zeit mit einer weiteren, umfangreichen Frageliste konfrontiert – mit “Herzproblemen” in eine Hamburger Klinik eingeliefert wurde, lehnte er eine Einlassung zu den konkreten Anfragen der Zeitung ab, um danach eine lange Erklärung in eigener Sache abzugeben, in der er Vorwürfe gegen die Medien und die Zeuginnen erhob. Er sei, so der Tenor, hilfloses Opfer einer Rufmordkampagne. Sogar von Erpressung war die Rede. Belege dafür lieferten weder er noch, auf Anfrage, sein Anwalt. Auch für die angeblich fünfstellige Summe, die Medien angeblich Frauen für ihn belastende Aussagen geboten hätten, blieb Wedel bislang den Beweis schuldig.

Bewiesen ist nichts in der Sex-Affäre um Wedel; das kann nicht oft genug betont werden. Aber inzwischen dürfte klar sein, dass hier nicht Lappalien im Raum stehen und wohl kaum späte Racheakte Einzelner. Es geht vielmehr um einzelne, schwere Vorwürfe und ebenso um den Verdacht, dass mit Wissen seiner Auftrag- und Geldgeber ein Regisseur eine Schreckensherrschaft am Set etablieren konnte und keiner ihn stoppte. Ein Produktionsklima, in dem Mobbing zuweilen an der Tagesordnung gewesen sein soll. Und alle aus Angst vor Repressalien schwiegen, obwohl jeder mitbekommen habe, was da ablief. Die Aufklärung der lange zurückliegenden Geschehnisse ist nun punktuell Aufgabe der Staatsanwaltschaft – aber auch eine Pflicht früherer Auftraggeber wie des Saarländischen Rundfunks, in dessen Archiven offenbar brisante Unterlagen der ehemaligen Produktionsfirma lagern.

Den Medien obliegt angesichts der vermutlich langwierigen Spurensuche eine besondere Verantwortung: zu berichten ohne vorschnell zu urteilen. Die Positionen sind dabei diametral: Auf der einen Seite der greise Regisseur, der – gesundheitlich geschwächt und im 76. Lebensjahr – einen nach eigener Aussage aussichtslosen Kampf um die eigene Reputation führt. Auf der anderen Seite Frauen, die ihm vorwerfen, sie misshandelt, missbraucht und traumatisiert zu haben mit zum Teil lebenslangen psychischen Folgen. Der Zeit-Artikel ist bebildert mit Fotos der Schauspielerinnen aus den Jahren ihrer Dreharbeiten mit Wedel – sie zeigen Gesichter mit jungen, fast kindlichen Zügen.

Eine anonyme Zeugin äußerte gegenüber den Journalisten, dass die jetzt erhobenen Vorwürfe keine Einzelfälle und  der Regisseur mit dem ihm unterstellten Gebaren nicht allein sei: “Wedel ist vielleicht der Schlimmste, aber er ist nicht der Einzige.” Auch darum wird es gehen: Haben die nun mehrfach beschriebenen Verhaltensweisen der Einschüchterung und Erniedrigung, unabhängig von strafrechtlicher Relevanz, im deutschen Film-Business System? Gibt es zudem auch geschlechtsspezifische Unterschiede? Wer die Berichte der Schauspielerinnen über schikanöse Behandlung durch den Regisseur liest, mag sich an die Memoiren von Heiner Lauterbach erinnern, einem von Wedel mehrfach mit Hauptrollen betrauten Darsteller. Lauterbach beschreibt darin u.a., wie er in seinen wilden Zeiten übernächtigt und vollgepumpt mit Alkohol und Substanzen zum Dreh erschien. Wedel ließ angeblich Milde walten, zum Eklat kam es nicht.

Auf welcher Seite man in der Angelegenheit auch stehen mag, wem man mehr glaubt oder vertraut: Wer in dieser reichlich spät publik gewordenen Affäre das wahre Opfer ist: Sie oder Er hat sich diese Rolle nicht ausgesucht. Wer immer hier Opfer ist, hat es verdient, dass nun, wo der Geist aus der Flasche ist, die Wahrheit ans Licht kommt. Sollte es am Ende weder zu einer Gerichtsverhandlung kommen noch der zugrunde liegende Sachverhalt trotz aller – auch journalistischen – Bemühungen aufzuklären sein, gilt auch im Fall Wedel der Grundsatz unserer Rechtsordnung: in dubio pro reo. Und genau das ist es, was im Zeitalter der medialen Dauerbeschallung und Echtzeit-Kommunikation uns allen immer schwerer fällt.

 

Update, 25.01.2018: Die Headline des Artikels wurde aktualisiert. Der ursprünglich verwendete Begriff “Sex-Vorwürfe” wurde durch die Formulierung “schwere Vorwürfe” ersetzt. Im Vorspann heißt es nun “Gewalt-Vorwürfe” statt Sex-Vorwürfe. Damit reagiert die Redaktion auf via Twitter und Facebook geäußerte Kritik von Lesern an der zunächst veröffentlichten Wendung. Der Grund für die Änderung liegt darin, dass die Redaktion es vermeiden will, dass statt über den Inhalt des Kommentars über eine einzelne Vokabel gestritten wird. Es sei an dieser Stelle aber auch vermerkt, dass die ursprüngliche Headline eine aus Sicht des Autors im Kern zulässige Verkürzung des Sachverhalts enthielt. Die gegenüber Dieter Wedel erhobenen (und von ihm entschieden bestrittenen) Beschuldigungen reichen in diesem Kontext von sexueller Belästigung, über sexuelle Nötigung bis zu Sexualstraftaten wie Vergewaltigung sowie versuchte Vergewaltigung. In all diesen Fällen spielten nach Aussagen der Zeuginnen sexuelle Motive eine entscheidende Rolle. Dass zumindest von einigen Kritikern unterstellt wurde, der Begriff “Sex-Vorwürfe” verharmlose die beschriebenen Ereignisse, erscheint zudem schwer nachvollziehbar. Dennoch respektiert die Redaktion die Kritik der Leser und hat deshalb die Änderung im Artikel vorgenommen.

 

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