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“Es gibt viele Informationen, die wir aus Rücksicht nicht veröffentlichen”: Bunte-Chef Robert Pölzer im MEEDIA-Gespräch

Seit fast zwei Jahren an der Spitze der Bunte: Im Interview mit MEEDIA spricht Robert Pölzer darüber, wie er Deutschlands größte People-Zeitschrift vorantreiben will
Seit fast zwei Jahren an der Spitze der Bunte: Im Interview mit MEEDIA spricht Robert Pölzer darüber, wie er Deutschlands größte People-Zeitschrift vorantreiben will

Vor bald zwei Jahren hat Robert Pölzer von Patricia Riekel die Chefredaktion von Deutschlands größter People-Zeitschrift übernommen. Im ausführlichen MEEDIA-Interview erklärt der erfahrene Boulevard-Journalist und Ex-Chef der Freizeit Revue, wie er Bunte weiterhin im Markt positionieren will; er spricht über den Umgang mit Influencern, äußert sich über die Becker-Berichterstattung des Online-Ablegers Bunte.de und beschreibt das Verhältnis der Familie Michael Schumachers zu den Medien.

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Das Chefredakteursbüro des obersten People-Journalisten Deutschlands verströmt so ziemlich das Gegenteil von Glanz und Glamour. Selbstverständlich hängt auch bei Robert Pölzer – wie überall bei Hubert Burda Media – Kunst an den Wänden. Fotos mit Prominenten oder zahlreiche Gastgeschenke, wie man es aus Zimmern manch anderer Kollegen kennt, hat der erfahrene Blattmacher aber nicht ausgestellt. Die Einrichtung des Eck-Zimmers, in dem zuvor die langjährige Chefredakteurin Patricia Riekel Hof hielt, ist simpel: In der hinteren Ecke hat sich Robert Pölzer mit einem Schreibtisch mit Rechner eingerichtet, mit Blick in den Raum steht ein weiterer, auf dem vor allem eines herrscht: Ordnung. Hefte wie Unterlagen liegen fein säuberlich sortiert bereit – darunter auch ein paar Schreiben bekannter Promi-Anwälte.

Pölzer lädt zum Interview an seinen runden Konferenztisch, bietet Kaffee an und bestellt bei seiner Vorzimmerdame nach einer Brezel. Zum Essen sei er heute noch nicht gekommen, sagt er und entschuldigt sich dafür zugleich. In zwei Tagen liegt die neue Ausgabe am Kiosk. Am Vormittag ist der stern mit einer Vorabmeldung herausgekommen und hat die Trennung der “Tagesschau”-Moderatorin Judith Rakers von ihrem Ehemann berichtet – auch seine Redakteure waren an dem Thema dran, die Titelseite war bereits gemacht.

Das kann kein erfreulicher Tag für den Bunte-Chef sein – eine mögliche Verärgerung lässt er sich jedoch nicht anmerken. Pölzer, der in Anzughose und Hemd empfängt, nimmt sich fast zwei Stunden Zeit für das Gespräch mit MEEDIA und strahlt über die gesamte Zeit Gelassenheit aus. Spitzen und kritischen Fragen begegnet er zunächst mit einem Lächeln. Pölzer zu provozieren, fällt nicht leicht – auch wenn es um Themen wie die Familie von Boris Becker, Michael Schumacher, das Persönlichkeitsrecht oder die Web-Strategie von Bunte Online geht.

Herr Pölzer, Sie sind vor etwa eineinhalb Jahren bei Bunte angetreten, nachdem das Blatt zuletzt 19 Jahre unter der Führung von Patricia Riekel stand. Was war die erste Maßnahme, die Sie umgesetzt haben?
Wir präsentieren Fotos in Konferenzen digitalisiert und für alle sichtbar auf der Leinwand. Das heißt, wir drucken keine Fotos mehr auf Papier aus.

Gehört zum Start als Chefredakteur in einer Printredaktion mittlerweile dazu, erst einmal unangenehme Dinge umsetzen zu müssen? Es ging Ihnen wie einigen Amtskollegen anderer Redaktionen. Sie mussten Personal abbauen.
Zum einen ist diese Entscheidung nicht kurz nach meinem Amtsantritt gefallen. Es war schon fast ein Jahr vergangen. Und dann war der Abbau mit zehn Stellen auch vergleichsweise gering – das waren weniger als zehn Prozent. Die Posten sind zum Teil der Digitalisierung zum Opfer gefallen. Ein Beispiel: Es gab einen Kollegen, der die gelayouteten Seiten gedruckt, gummiert und aufgehängt hat. Der Vorgang wurde digitalisiert, der Arbeitsplatz ist entfallen. Jeder einzelne Fall ist wirklich sehr bedauerlich. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Bunte ihren Personalstamm die vergangenen 20 Jahre gehalten hat, während woanders massiv gekürzt worden ist.

Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob Maßnahmen wie diese nicht ein, zwei Jahre eher hätten umgesetzt werden können. Und nicht erst dann, wenn gerade ein neuer Chef angetreten ist.
Ich versuche, notwendige Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich, aber auch konsequent umzusetzen.

“Wir denken Geschichten von der Zeile her”

Wir sitzen hier in Ihrem Büro, in dem vorher auch Patricia Riekel gearbeitet hat. Nebenan steht ein angeschlossenes Zimmer leer, das sie zuvor mit benutzt hat, unter anderem zum Lunch. Werden Sie hier umbauen?
Die Pläne dafür sind bereits gemacht. Nicht nur für mein Büro, sondern für die gesamte Redaktion. Bei Bunte wird noch sehr viel in Einzelbüros gearbeitet, was für eine moderne Redaktion einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Unsere Ressorts arbeiten hier über drei Stockwerke verteilt. Das ist mir zu unpersönlich. Der Austausch in der Redaktion soll deutlich intensiver stattfinden. Wir werden auf zwei Etagen gehen, weil viele Räume – wie der nebenan – leer stehen. Wir werden zukünftig in modern gestalteten Gruppen- und Einzelbüros arbeiten.

Was haben Sie bislang inhaltlich bei Bunte verändert?
Bunte hat ein exzellentes Konzept, an dem man glücklicherweise nicht viel ändern muss. Unser Verleger Hubert Burda hat es von seinem Vater übernommen und dann in München zu einem People-Magazin mit internationaler Beachtung entwickelt. Meine Vorgängerin Patricia Riekel hat das Heft und die Marke in ihrer Zeit als Chefredakteurin höchst erfolgreich geführt. Dennoch drehen wir regelmäßig an der einen oder anderen Stellschraube. Ich denke, ich habe das Blatt inhaltlich gestrafft, die Themen werden pointierter präsentiert.

Was heißt das?
Die Headlines fassen den Kern der Geschichte klarer zusammen.

Und was heißt das?
Wir denken Geschichten von der Zeile her. Bevor ich anfange zu schreiben, muss ich wissen, was ich meinem Leser erzählen will. Die Headline hilft und diszipliniert dabei. Darüber hinaus haben wir die Berichterstattung zu den Themen Mode und Beauty verstärkt und ausgebaut. Den Schritt bin ich vor allem gegangen, weil wir festgestellt haben, dass es für Lifestyle nicht nur ein wachsendes Leserinteresse gibt, sondern, dass es uns auch bei der Manifestierung unserer Position als People-Magazin hilft. Stars nutzen ihr Äußeres, um aufzufallen. Stil ist einer der wichtigsten Werte in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wir konnten den Kunden damit demonstrieren, dass Bunte nicht nur ein reines People-Magazin ist, sondern auch eine Fashion- und Lifestyle-Marke. Dazu kommt die Kunst im weitesten Sinne, die wir intensiver thematisieren.

“Dienstreiseanträge abzuzeichnen, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben”

Sie stammen aus einer Künstlerfamilie. Was haben Ihre Eltern und Großeltern getan – und wieso sind Sie Journalist geworden?
Meine Großmutter war Konzertpianistin, mein Großvater war Theater-Intendant. Meine andere Großmutter war Tänzerin, mein anderer Großvater war Opernsänger. Meine beiden Eltern waren Schauspieler, konnten davon alleine nicht leben und sind später in bürgerliche Berufe gewechselt. Ich selbst habe früh Musik gemacht und in Bands gespielt. Aber auch damit lässt sich der Lebensunterhalt nur schwer finanzieren.

 … und dann haben Sie ausgerechnet auf Journalismus gesetzt.
Gesetzt würde ich gar nicht sagen. Ich bin mir im Nachhinein gar nicht mehr so sicher, wie ich zum Journalismus gekommen bin.

Ihr Werdegang jedenfalls ist sehr stringent, ein Knick in der Vita lässt sich nicht finden. Sie waren immer Boulevard-Journalist.
Die People-Karriere hat sich in meinem Fall einfach so ergeben. Durch meine Eltern und die Musik war mir die Bühne nicht fremd. Mein Volontariat habe ich bei einem kleinen Pressedienst gemacht, der sich um die Themen Funk und Fernsehen gekümmert hat. Interviews mit Schauspielern und Regisseuren waren Schwerpunktthemen. Später bei der Bild-Zeitung hier in München war ich tagsüber Polizei-Reporter und abends Kultur- und Gesellschaftsjournalist.

Chefredakteur zu werden, war nie Ihr Ziel?
Nein, das hatte ich nicht vor Augen. Ich habe viel und vielerorts gearbeitet, war nicht nur in München, sondern auch in Düsseldorf, Berlin, lange in Hamburg und noch länger in Offenburg. In Hamburg bekam ich meine erste Chefredakteursposition, ohne dass ich es darauf angelegt hatte. Eines Tages lief Verleger Heinz Bauer an meiner Tür vorbei ins Büro meines Chefredakteurs. Das allein war ja schon etwas Besonderes, weil sich der Verleger eigentlich nie blicken ließ. Danach kam mein Chef zu mir und teilte mir mit, dass ich freigestellt werde, um die Neue Revue zu übernehmen. Ich war 32 Jahre alt und hab’s gemacht. Es war ein Stahlbad. 

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Sprechen wir darüber, was sich im People-Journalismus verändert hat. Kamen Journalisten früher einfacher an Prominente heran?
Einen direkten Draht herzustellen, ist definitiv schwieriger geworden. Das liegt daran, dass heute mindestens ein bis fünf Agenten zwischen Journalist und Protagonist agieren. Manche von ihnen bauen ihre Daseinsberechtigung darauf auf, Dinge auf den Kopf zu stellen – beispielsweise ein Interview. Die persönlichen Kontakte sind deshalb umso wertvoller geworden. Das ist ein Qualitätsmerkmal, in das wir bei Bunte viel Geld investieren. Ein Journalist ohne Kontakte ist nur ein halber Journalist. Dienstreiseanträge abzuzeichnen, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Nur so können wir authentisch aus der Mitte der Gesellschaft berichten und müssen nicht den Beobachter spielen. Das differenziert uns ganz deutlich im Markt, das hebt uns aus der Masse der aktuellen Magazine, der Kopisten und klickgetriebener Online-Portale ab.

Aus der Mitte der Gesellschaft berichten. Was bedeutet das überhaupt?
Bunte ist Teil der Gesellschaft, an der ich als Leser teilhaben möchte, wenn ich das Heft kaufe. Das ist die Gesellschaft der Aufsteiger. Auf- und Abstiegsprozesse in der deutschen Gesellschaft widerzuspiegeln, gehört zur DNA der Bunte. Es geht den Leuten darum, gesellschaftsprägende Menschen besser kennenzulernen. Dazu zählen Schauspieler oder Musiker genauso wie Politiker oder Wirtschaftslenker, die unser Leben auf ihre Art und Weise beeinflussen. Aber auch bildende Künstler und Ereignisse, die wir bei Bunte eng begleiten.

Haben Sie ein Beispiel?
Schauen Sie sich die Frieze Art Fair in London an. Da fliegt die Gesellschaft mit Privatjets ein, Gäste werden vom Flughafen zum Ausstellungsgelände mit Hubschraubern befördert. Jeder, der etwas auf sich hält, versucht als erster dort zu sein, schlägt als erster zu und kauft für ein paar Millionen Euro einen Tigerhai in Formaldehyd. Kunst schafft Werte und hat so neben der künstlerisch-kulturellen Bedeutung eine immer größer werdende ökonomische Dimension erlangt. Kunst ist zu einer beliebten Wertanlage für intellektuelle Eliten geworden, wurde zum „Gold des 21. Jahrhunderts“, wie wir es mal genannt haben. Das Wichtigste aber ist der immaterielle und gesellschaftliche Wert der Kunst. Heute definiert sich der soziale Status nicht mehr über eine Yacht oder einen Ferrari. Heute bist du in der Gesellschaft angekommen, wenn du über Kunst mitreden kannst und sie idealerweise auch besitzt. Kunst ist eine Manifestation der sozialen Präsenz und des gesellschaftlichen Aufstiegs. Wir haben den Trend erkannt und werden ihm gerecht.

Wird Bunte jetzt also zur Zeitschrift für Kunstliebhaber?
Das sind wir längst. Wir erreichen 4,6 Millionen Leserinnen und Leser – darunter sind natürlich auch viele Kunstliebhaber. Neu ist, dass wir dem Thema einen größeren Raum und einen festen Platz einräumen, wie die wöchentliche Kolumne „Art News“, in denen wir über Ausstellungen und aus der Welt der Künstler berichten. Zu dieser Society gehören Adelige, Fußballer wie Michael Ballack oder auch Wirtschaftsbosse. Altes und neues Geld, arrivierte und junge Künstler treffen aufeinander. Da schließt sich für uns der Kreis.

In der nicht ganz unumstrittenen Print-MA, die Sie meinen, sind es 4,6 Millionen, an harter Auflage verkaufen Sie laut IVW etwa 296.000 Hefte. Junge beziehungsweise neue Künstler oder Prominente sind aber ein gutes Stichwort: Wie reagieren Sie auf eine neue Generation von Prominenten, die das genaue Gegenteil einer doch immer noch sehr isolierten Gesellschaft auszeichnet: nämlich die bewusst und – vor allem – selbst hergestellte Nähe zu Fans oder Followern?
Wenn Sie darauf hinaus wollen, dass Influencer durch ihre Präsenz in den sozialen Medien eine Nähe schaffen und uns Journalisten gewissermaßen die Arbeit wegnehmen, dann sage ich Ihnen schon einmal, dass ich ganz anderer Ansicht bin.

“Influencer teilen mit, aber sie lassen an ihrem Leben nicht teilhaben”

So weit wäre ich in meiner These nicht gegangen, aber im Kern will ich zumindest darauf hinaus, dass diese Art der Prominenten durchaus weniger abhängig von klassischen Medien ist oder noch unabhängiger werden wird. Wie reagieren Sie darauf?
Ihr Eindruck ist falsch. Influencer teilen mit, aber sie lassen an ihrem Leben nicht teilhaben. Ich bezeichne das als eine Form des Verlautbarungsjournalismus. Sie bekommen in den sozialen Medien schließlich nur transportiert, was transportiert werden soll. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Journalismus als solches in der heutigen Zeit, in der kommuniziert wird oder eben auch nicht kommuniziert wird, die große Aufgabe hat, zu hinterfragen. People-Journalisten haben die Aufgabe, diese Einseitigkeit zu durchbrechen. Es stimmt übrigens auch nicht, dass Influencer nicht mehr auf uns angewiesen sind.

Woran machen Sie das fest?
Nehmen Sie Lena Meyer-Landrut, die sich in den sozialen Netzwerken sehr erfolgreich vermarktet. Sie macht trotzdem acht Seiten Modestrecke in Bunte. Wenn Sie also sagen, dass sie Printmedien gar nicht brauchen, frage ich mich, weshalb sich Lena Meyer-Landrut und auch andere diese Zeit nehmen. Bunte ist ein Leitmedium. Unsere Scoops werden auf allen Kanälen zitiert, auch international. Bunte gilt anderen Journalisten als verifizierte und glaubwürdige Quelle.

Lena Meyer-Landrut ist durch den Eurovision Song Contest, der in einem klassischen Medium läuft, bekannt geworden. Heißt: Sie ist nicht nur in der jungen Zielgruppe bekannt. Es bietet sich für sie an, daraus Geld zu machen. Der Großteil der Influencer ist aber durch neue Medien, die sie selbst bespielen, bekannt geworden. Und zwar, weil sie konsequent den Eindruck vermitteln, Nutzer an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Ich spitze meine Frage noch einmal zu, ohne so weit zu gehen, wie Sie: Ist die Homestory ein aussterbendes Format?
Auch hier lautet meine Antwort: ganz klar nein, ganz im Gegenteil. Die Homestory lebt ja von der Inszenierung der Fotos, nicht von ihrer Abfolge. Die Orchestrierung dessen beherrschen klassische Medien wie Bunte so gut wie niemand anderes. Hinzu kommt: Für die Homestory im Heft sende ich nicht einfach etwas ab. Ich entscheide mich, Teil eines ganzen Konzeptes zu werden, Teil einer Komposition, für die sich ein Leser bewusst Zeit nimmt. Das unterscheidet uns von einer Welt, in der wir uns von mehreren Seiten gleichzeitig beschallen lassen und flüchtig konsumieren. Das ist auch der Grund, weshalb Print-Medien weiterhin unverzichtbar sind. Wenn Ihnen Lena Meyer-Landrut als Beispiel nicht gefällt, nenne ich ihnen ein weiteres Beispiel.

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Ich bitte darum.
Shirin David ist als YouTube-Figur gestartet und in die klassischen Medien sozusagen emigriert. Zuletzt saß sie in der Jury einer Castingshow bei RTL und wurde auch für andere Medien interessant. Diesen Weg hat sie nicht zufällig gewählt oder ist ihn gegangen, um mehr YouTube-Fans zu bekommen.

Das war sicher eine kommerzielle Entscheidung.
Wir können mindestens sagen, dass sie ihre Bekanntheit auf eine breitere Basis stellen wollte, um neue Zielgruppen zu erschließen. Und das ist völlig okay, weil alle davon profitieren. Wir als Heft profitieren davon, wenn wir Frau David auf der Bambi-Gala begrüßen und von ihr ein schönes Foto abdrucken können, weil sie dort einfach das schönste Kleid getragen hat. Wir profitieren davon, wenn Lena Meyer-Landrut ihren Freunden bei Instagram zeigt, dass sie für Bunte vor der Kamera steht.

Nach Shitstorm wegen Artikel über Boris Becker Sohn: “Der Nutzer macht keinen Unterschied zwischen Bunte und Bunte.de”

Wird das in fünf bis zehn Jahren auch noch so sein? Ich denke wir stecken in einer Transformationsphase, in der beide Welten noch aufeinander angewiesen sind. Und es ist, wie Sie bereits gesagt haben, so, dass Journalisten in dieser Welt ihre Rolle überdenken müssen. Beispiel aus dem People-Journalismus: Früher haben sich die Journalisten gefreut, von den Promis exklusive Fotos zu bekommen. Ob bereitgestellt oder vom Paparazzo geschossen. Heute teilen Promis ihre intimen Momente selbst bei Instagram und Co. Heißt für Sie: Sie brauchen im Zweifel eine Geschichte hinter dem Bild. Das Foto alleine reicht nicht mehr.
Das exklusive Foto hat an Wert eingebüßt. Durch die Digitalisierung landen diese Bilder innerhalb weniger Stunden im Netz, oft unter Missachtung sämtlicher Copyrights. Als Verkaufsargument dient heute mehr denn je die Geschichte dahinter. Wobei diese ebenfalls schnell weiterverbreitet oder abgeschrieben wird. Entscheidend ist die Gesamtkomposition und Unverwechselbarkeit des Heftes.

Die Geschichte dahinter zu bekommen oder Fotos richtig einzuordnen, ist dabei offenbar nicht immer einfach, wie wir im vergangenen Jahr anhand von Lilly Becker und ihrem Sohn Amadeus gesehen haben. Lilly Becker hatte ein Foto von sich und ihrem Sohn am Strand bei Instagram veröffentlicht, der Junge war dabei von der Seite zu sehen und nackt. Das war keine Geschichte der Bunte aber eine Story des Online-Ablegers Bunte.de, die durch ihre Überschrift zusätzlich für Wirbel gesorgt hat. Sie teilen sich eine Marke. Hätte Lilly Becker dieses Foto nicht selbst veröffentlicht, sondern es wäre ein Paparazzi-Foto gewesen. Wäre es eine Geschichte für Bunte gewesen?
Damit waren wir nicht einverstanden. Bunte hätte dieses Foto nicht veröffentlicht. Insofern widerspreche ich vehement, dass uns eine Geschichte dadurch verloren gegangen ist, dass Lilly Becker dieses Foto selbst publiziert oder Bunte.de die Geschichte gemacht hat. Im Gegenteil: Die Wut über die Veröffentlichung haben auch wir abbekommen. Der Nutzer macht keinen Unterschied zwischen Bunte und Bunte.de.

Sie bei Hubert Burda Media machen diesen Unterschied erstaunlicherweise schon. Die Trennung von Bunte und Bunte.de wird regelmäßig betont, die Redaktionen sind auch gesellschaftsrechtlich voneinander getrennt.
Wir arbeiten alle an einer Marke – und die wird nicht geteilt oder getrennt. Es gibt ja keine Marke namens Bunte Magazin oder namens Bunte.de. Unsere Marke heißt Bunte. Und die ist auf ganz vielen Wegen erlebbar. Zwei der wichtigsten Wege sind das Magazin und das Online-Portal. Bei deren operativer Erstellung arbeiten wir getrennt, aber mit Verbindungsredakteuren, stehen also im ständigen Austausch. Diese Konstellation hat Vor- und Nachteile. Sie haben das Beispiel mit Amadeus Becker genannt. Guter People-Journalismus wird auch im Netz wichtiger. Wir wollen auch den Austausch von Informationen intensivieren, um Missverständnisse, aber auch Doppelrecherchen zu vermeiden.

Wie soll das funktionieren?
Indem wir uns regelmäßig austauschen. Dabei beschäftigt uns die Frage, wie wir alle unseren Erfolg noch weiter steigern können. Ich denke, wir haben gelernt, dass Quantität im Sinne der Reichweite allein nicht den ausschlaggebenden Punkt für finanziellen Erfolg darstellt.

People-Journalisten begehen eigentlich ständig die Gratwanderung zwischen öffentlichem Interesse und dem Recht auf Privatsphäre. Wie weit darf ein People-Journalist in ein Privatleben eindringen?
Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, weshalb sich regelmäßig deutsche Gerichte mit dieser Frage befassen, wie Sie wissen. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und Einfluss auf eine Gesellschaft nehmen, müssen sich immer wieder mit ihrer Glaubwürdigkeit befassen. Ich muss mich an dem, was ich sage und öffentlich vertrete, auch messen lassen. Das gilt für Prominente und noch mehr für Politiker. Dass das nicht nur in Interviews geschieht, die auch schon eine Menge verraten können, liegt in der Natur der Sache. Wenn ich also in einer Beziehung lebe, die nach außen die innige und wundervolle Liebe propagiert, während hinter verschlossenen Türen häusliche Gewalt herrscht, darf ich dann überrascht sein, wenn das jemand berichtet? Darüber können wir stundenlang philosophieren.

Ich denke, hier sind wir möglicherweise der gleichen Auffassung und haben noch das gleiche Verständnis von Pressefreiheit. Nehmen wir ein anderes Beispiel, über das zwar schon viel gesprochen wurde, das aber auch entsprechend besonders ist: Familie Schumacher. Michael Schumachers Unfall und die Folgen sind nichts, was er selbst verschuldet hat oder auf das er noch Einfluss nehmen kann. Trotzdem dringt auch die Bunte regelmäßig in sein Privatleben ein, im vergangenen Jahr musste der Verlag eine hohe Geldsumme für das „Weihnachtswunder“ bezahlen. Bunte hatte behauptet, Schumacher könne wieder laufen. Bei allem Verständnis dafür, dass es viele Menschen gibt, die das Leben von Michael Schumacher interessiert – wie weit will man es noch treiben?
Zu diesem speziellen Fall, was den Artikel „Er kann wieder gehen“ angeht, muss ich anmerken, dass er vor meiner Zeit gewesen ist.

Auch unter Ihrer Führung sind Geschichten rund um Familie Schumacher gefragt. Im Dezember landeten Michael und Corinna Schumacher wieder auf der Titelseite. Nachrichten gab es aber keine.
Ich stehe hinter jeder Berichterstattung der Bunte, seit ich ihr Chefredakteur bin. Was Schumacher generell angeht: Er ist einer der berühmtesten Deutschen und Volksheld, viele Menschen haben über Jahrzehnte mit ihm mitgezittert und mitgelebt. Entsprechend viele Menschen haben nach wie vor eine emotionale Bindung zu Michael Schumacher. Wenn dann noch ein Schicksalsschlag wie dieses Schädelhirntrauma hinzu kommt, dann berührt das noch mehr. Die Menschen leiden mit ihrem Helden. Sie wollen wissen, wie es ihm geht. Damit will ich nur einmal das Interesse an ihm beschreiben. Wir versuchen die Fragen, die wir und auch unsere Leser sich stellen, zu beantworten.

“Frau Kehm kann in ihrer Position eigentlich nichts richtig machen”

Wir lesen nicht nur, an welchen Kabeln Schumacher angeblich hängt oder welche Maschinen ihn angeblich am Leben halten, sondern zusätzlich, wie seine Frau damit zu kämpfen habe, dass die Familie zerbricht. Dabei erfährt der Leser zum Teil nicht einmal Neues. Reicht es nicht, sich im Auftrag des öffentlichen Interesses auf die reine Nachricht, ob er möglicherweise schon wieder gehen kann, zu konzentrieren?
Da kann man sich drehen und wenden, wie man will. Es treffen zahlreiche Interessen aufeinander. Wir versuchen, einige davon zu bedienen. Gewiss nicht alle. Es gibt viele Informationen, die wir aus Rücksicht auf das Persönlichkeitsrecht nicht veröffentlichen.

Die ganze Debatte hat aber auch eine andere Seite: Wie beurteilen Sie die PR-Strategie des Hauses Schumachers, die man ebenfalls kritisch sehen kann. Managerin Sabine Kehm hat eine kommunikative Chinesische Mauer gebaut.
Frau Kehm kann in ihrer Position eigentlich nichts richtig machen. Würde sie regelmäßig ein Update über seinen Zustand geben, dann befeuert sie damit gleichzeitig Spekulationen – was ist anhand des Fortschritts oder des Rückschritts möglich, was nicht mehr? Die Medien würden auf die Suche nach Antworten auf diese Fragen gehen. Sie finden zahlreiche Mediziner, die ihre Meinung dazu gerne verbreiten. Sagt Kehm hingegen gar nichts, wird ebenfalls spekuliert und recherchiert. Im dritten Winkel dieses Bermuda-Dreiecks will die Familie ja, dass weiter über ihn berichtet wird und sein Andenken erhalten bleibt.

Das ist eine interessante Aussage. Spekuliert wird also so oder so.
Es ist ja auch nicht so, dass wir gar nicht miteinander sprechen. Es besteht Kontakt zwischen der Bunte und Frau Kehm, auch ich spreche mit ihr. Ich versuche die Thematik Schumacher respektvoll und zurückhaltend zu gestalten und gleichzeitig dem Interesse der Öffentlichkeit gerecht zu werden.

Höre ich da heraus, dass Sie selbst ein bisschen zu mehr Sensibilität mahnen?
Das muss ich gar nicht, weil ich sensibel bin.

Es ist schon eigenartig, das vom heutigen Bunte-Chef zu hören, der auch schon andere – ich sage mal: kreativere – Redaktionen wie die Freizeit Revue geleitet hat.
Das eine kann man mit dem anderen nicht vergleichen. In beiden Redaktionen wird professionell gearbeitet. Es sind aber zwei Medien mit unterschiedlicher Temperatur und unterschiedlichem Temperament.

Und unterschiedlichen Definitionen davon, was Fakt und was Wahrheit ist?
Es gibt stets nur eine Wahrheit.

Sie erwecken den Eindruck, als seien Sie als Chefredakteur wie ein Chamäleon, dem es gelingt, in kürzester Zeit die Färbung des jeweiligen Blattes anzunehmen. Ist das für Sie der Anspruch eines modernen Blattmachers?
Ein guter Journalist sieht sich seinen Lesern verpflichtet. Wer nicht für seine Leser da ist, schreibt nur für sich selbst. Oder wie die sogenannten Rudel-Journalisten, die oft schreiben, um anderen Journalisten zu gefallen. Ein Chamäleon macht sich unsichtbar. Das darf uns Blattmachern nie passieren. Es ist doch selbstverständlich, dass man sich mit der Marke identifiziert, die man nach außen vertritt.

Sprechen wir über Gerichtsverfahren: Ich frage mich regelmäßig, ob gewisse Auseinandersetzungen wirklich sein müssen. Am Ende nimmt jeder einen Imageschaden mit. Das alles hat eine Wirkung.
Wenn Sie die Gerichtsberichterstattung ansprechen, muss man sich schon fragen, wer davon wirklich etwas mitbekommt. Sie als Medienjournalist und ich als Betroffener vielleicht. 

Mal ja, mal nein.
Zum größten Teil geht es um die Auslegung des Persönlichkeitsrechts. Dann wird gestritten, ob einzelne Behauptungen zulässig sind oder eben auch nicht. Die Wahrheit der Berichterstattung wird dabei selten angezweifelt. Dann entscheidet ein Richter nach seinem Ermessen – auch wenn wir nicht jede Entscheidung nachvollziehen können. Solche Gerichtsverfahren werden aber selten von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Die ist schon eher gegeben, wenn sich Prominente über ihre eigenen Kanäle äußern, bestimmte Medien kritisieren oder beschimpfen. Da kann dann bedauerlicherweise tatsächlich mal ein Fehler zugrunde liegen, oft ist es aber auch einfach eine persönliche Verletztheit.

“Ich verstehe mich als Drei-Säulen-Chefredakteur”

Wenn Sie sagen, dass die Öffentlichkeit so etwas gar nicht mitbekommt: Ist bei ihrer Berichterstattung dann Kalkül dabei?
Es gibt überhaupt kein Kalkül. Wir respektieren das Persönlichkeitsrecht. Entweder es gibt eine Geschichte oder es gibt eben keine. Es ist natürlich klar, dass eine Geschichte so interessant sein muss, dass der Leser das Heft kauft. Und vor allem, dass er es wieder kauft.

In der früheren Welt des Journalismus war es so, dass der People-Journalist selbst eine Prominenz war. Patricia Riekel ist das beste Beispiel, Paul Sahner war ein ebenso prominenter Kopf über die Grenzen der Branche hinaus. Ist dieser Typus verloren gegangen?
Nein, die gibt es nach wie vor. Mit Patricia Riekel haben Sie bereits eine Person genannt. Sie ist ja nach wie vor auch im Namen der Bunte präsent, beispielsweise als Herausgeberin unserer Jubiläums-Chronik. Sie ist in der deutschen Gesellschaft nach wie vor eine anerkannte und wichtige Persönlichkeit. Da wachsen auch wieder junge Leute nach, wie unser Society-Reporter Oliver Fritz. Je länger diese Journalisten dabei sind, desto bekannter werden sie. Es kommt übrigens immer auch darauf an, wie sehr man sich selbst inszeniert. Ich könnte auch öfter in einer Talkshow sitzen oder ich arbeite eben in der Redaktion und mache eine gute Zeitschrift.

Sie sind öffentlichkeitsscheu?
Als Chefredakteur muss ich natürlich auch bei gesellschaftlichen Ereignissen präsent sein, mich zeigen und mit Prominenten sprechen. Ich glaube aber nicht daran, dass man als Chefredakteur selbst ein Promi sein muss. Man hat eine besondere Stellung. Die ist aber an dem Tag vorbei, an dem der Posten des Chefredakteurs weg ist. Ich verstehe mich als Drei-Säulen-Chefredakteur. Ich möchte eine Redaktion erfolgreich führen, ein gutes Heft komponieren und ein guter Repräsentant der Marke in der Öffentlichkeit und der Branche sein. Das mache ich in persönlichen Gesprächen wie auch als Repräsentant der Bunte bei öffentlichen Auftritten. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass man ein beruflich erfolgreicher Mensch ist, wenn man ein erfolgreiches Familienleben führt. Das ist mir bislang ganz gut gelungen.

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