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#PoschardtEvangelium: Wie der Welt-Chefredakteur an Weihnachten mit einem Tweet einen absurden Shitstorm lostrat

Bescherte sich an Weihnachten selbst – mit einem Shitstorm: Welt-Chef Ulf Poschardt

Schrille Nacht: Bevor die Zeit der weihnachtlichen Besinnlichkeit richtig begonnen hatte, war sie schon wieder vorbei – zumindest bei Twitter. Den Anlass lieferte Welt-Chef Ulf Poschardt, der die Politisierung der Weihnachtspredigten kritisiert hatte. Der provokante Tweet hatte alles zur Folge, was das Empörungsmedium Nummer 1 zu bieten hat: harsche Gegenkritik, Spott samt eigenem Hashtag, letztlich null inhaltliche Debatte, dafür aber den Vorwurf des Antisemitismus. Halleluja!

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Für eine ganze Reihe von Menschen aus Politik- und Medienbetrieb war es in diesem Jahr offenbar ganz und gar nicht möglich, abzuschalten und die Ruhe sowie Besinnlichkeit der Weihnachtstage zu genießen. Im Gegenteil: Bei Twitter war die Hölle los, und Ulf Poschardt war der Teufel. Der Chefredakteur der zu Axel Springer gehörenden Welt-Gruppe hatte die Stimmung aufgeheizt, nachdem er die Christmette, also der christlichen Weihnachtspredigt, kritisiert hatte. Böswillig wie Luzifer nun mal ist, formulierte es entsprechend provokant:
https://twitter.com/ulfposh/status/945078664445792256?ref_src=twsrc%5Etfw&ref_url=http%3A%2F%2Fwww.huffingtonpost.de%2Fentry%2Fulf-poschardt-tweet-predigten-links-gruen-versifft-weihnachten_de_5a41e796e4b0b0e5a7a31fa1
Der Tweet ließ zunächst einmal mehr Fragen offen, als er beantwortete. Ob sich die Kritik auf Christmetten im Allgemeinen oder auf eine bestimmte bezogen hatte, ließ er genauso offen wie zunächst die Frage, ob er diese für zu linkspolitisch oder für zu politisch im Allgemeinen gehalten hatte. Die Christmette mit der größten Aufmerksamkeit sprach am Heiligabend Papst Franziskus, der in seiner Predigt zu Mitgefühl für Geflüchtete aufrief und an die Menschlichkeit der Christen appellierte.
Doch für Details oder Zwischentöne war trotz des mittlerweile doppelten Zeichenkontingents pro Message bei Twitter weder Platz noch Zeit. Poschardts provokanter Meinungsbeitrag rief unverzüglich jene auf den Plan, die sich angesprochen fühlten: die politische Linke, allen voran Grüne und Sozialdemokraten.
So twitterte mit Konstantin von Notz der erste grüne Spitzenpolitiker in Poschardts Richtung und versuchte den Chefredakteur in einem noch harmlosen Tweet auf Weihnachten als besinnliche Zeit aufmerksam zu machen – selbstverständlich erfolglos.
https://twitter.com/KonstantinNotz/status/945607015769964544
Simone Peters, Bundesvorsitzende der Grünen, sah die Kritik als Grund, selbst mal wieder die Kirche zu besuchen,…
https://twitter.com/peter_simone/status/945213388975681537
… während sich SPD-Mann Ralf Stegner weniger humorvoll äußerte.
https://twitter.com/Ralf_Stegner/status/945290949965557760?ref_src=twsrc%5Etfw&ref_url=http%3A%2F%2Fwww.huffingtonpost.de%2Fentry%2Fulf-poschardt-tweet-predigten-links-gruen-versifft-weihnachten_de_5a41e796e4b0b0e5a7a31fa1
Ebenfalls deutlich reagierte Justizstaatssekretär und SPD-Mann Ulrich Kelber. Er warf Poschardt vor, „ein beängstigend nach rechts unten verschobenes Koordinatensystem“ zu haben und fragte: „Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung stören Sie also als christliche Inhalte? Was wäre Ihnen denn wichtig?“
https://twitter.com/UlrichKelber/status/945234020937412608
Eine Antwort darauf gab es vom Welt-Journalisten nicht. Wie die meisten Tweets mit Gegenkritik reagierte er mit einem kurzen „qed“, was für „quod erat demonstrandum“ steht – was Poschardt allerdings als bewiesen sehen wollte, ließ er ebenfalls offen.
Eine weiterführende Debatte war damit – wie sooft – nicht zu erwarten. Entsprechend reagierte man im sozialen Netzwerk wie sooft: mit Spott. #PoschardtEvangelium lautete schließlich der Hashtag, den sich ein anderer Journalist ausgedacht hatte und unter dem man das Evangelium ins Neoliberale übersetzte.
https://twitter.com/DanijelMajic/status/945269734001594369
https://twitter.com/DanijelMajic/status/945271217317187586
https://twitter.com/Guido_Markus/status/945276531735011328
https://twitter.com/annalog1102/status/945288841862303744
https://twitter.com/marciii04/status/945313659873619968
Poschardt, bei dem die taz nie zu erwähnen vergisst, wie gerne er Porsche fährt, gilt politisch den Liberalen nah und provoziert die politische Linke oft und gerne. Das Verhältnis darf man als angespannt bezeichnen. Deshalb war das #PoschardtEvangelium nicht alles, was in den Folgetagen noch die Runde machen sollte.
Nachdem der Welt-Chef fleißig weiter provozierte, indem er sich über die „Allianz aus SPD, Grüne und Justemilieu-Medien“ freute, von einem „Aufmarsch der Scheinheiligen“ sprach, (zurecht) Unterstützer retweetete und schließlich in der „Opportunismus-Olympiade“ Medaillen an Grüne, Sozialdemokraten und „mediale Trittbrettfahrer, gerne GEZ finanziert“ war es endgültig vorbei mit Spaß.
https://twitter.com/ulfposh/status/945566757112238082
Poschardt, der sich richtig warm gelaufen hatte, traf auch mit seinen weiteren Provokationen ins Schwarze. Grüne hörten einen „AfD-Sound“ heraus, Jürgen Trittin, ehemaliger Bundesminister, empfahl dem Journalisten ein Weihnachtsgeschenk: eine leere „AfD-Krippe“, die Konstantin von Notz zuvor geteilt hatte.
https://twitter.com/JTrittin/status/945678767636312064
Gestrickt war der Vorwurf des Ausländerhassers, des Muslimfeindes und Antisemitisten.
https://twitter.com/Lokoschat/status/945709422801833984
https://twitter.com/nminkmar/status/945701000039497729
Am Ende steht wieder eine Debatte, deren inhaltliche Diskussion womöglich stattgefunden hat aber – wie immer – von lärmendem Populismus aller Seiten übertönt worden ist. Wie absurd das Weihnachtsspektakel beim Kurznachrichtendienst war, hat auch Sascha Lobo in einem kurzen Kommentar zusammengefasst.
https://www.facebook.com/sascha.lobo.3/posts/10156078481381757?pnref=story

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