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Schweden-Sex, Der Postillon und die Qualitätsmedien: der (fast) aussichtslose Kampf der Satire-Seite um eine richtige Berichterstattung

Der Postillon zur Berichterstattung vom ZDF: "Das ist Bullshit!"

Ausgelöst durch die #MeToo-Debatte hat die schwedische Regierung ein neues Gesetz ausgearbeitet. Dabei geht es – kurz gesagt – um die ausdrückliche Zustimmung beider Partner zum Geschlechtsverkehr. Fast alle deutschen Medien berichteten darüber. Wie sie das taten findet der Postillon-Macher Stefan Sichermann jedoch alles andere als lustig und vor allem falsch. Seit über einem Tag versucht er nun die vermeintlichen Qualitätsmedien via Twitter auf ihre Fehler aufmerksam zu machen.

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Doch lange regten sich beispielsweise weder das ZDF noch die Augsburger Allgemeine, der mit ihrer Story “Schweden: Männer müssen Sex-Genehmigung bei Frauen einholen” ein echter Social-Media-Hit gelang.
Im Gespräch mit MEEDIA erklärt der Postillon-Macher, wo der Teufel im Detail steckt und warum er sich so über die Darstellung vieler Medien ärgerte.
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Kein Witz: Seit einem Tag versuchen Sie, also der Postillon, einige Medien auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Um was geht es?
Stefan Sichermann: Es geht darum, dass in Schweden ein neues Gesetz eingeführt wird, das neu regelt, ab wann eine Vergewaltigung vorliegt. Vor allem wird da jetzt genauer differenziert zwischen verschiedenen Formen der Vergewaltigung. Und ein wichtiger Punkt: Eine Vergewaltigung liegt nicht mehr nur noch dann vor, wenn das Opfer vorher „nein“ gesagt hat. Das soll vor allem wohl verhindern, dass die Behörden bislang wenig machen können, wenn jemand eingeschüchtert wird und deshalb aus Angst zustimmt.
Gibt es dazu eine Quelle?
Die schwedische Quelle in Englisch dazu: „If a person has not agreed in words or by their clear actions that they are willing to engage in sexual activity, then forcing or coercing them into a sexual act will be illegal.“ Das bedeutet relativ simpel, dass beide Beteiligten, den Sex wollen müssen. Wie genau das signalisiert werden muss, steht da wiederum nicht. Es muss halt klar sein. Dem kann man eigentlich kaum widersprechen. Und dem widerspricht auch in Schweden so gut wie niemand. Alle Parteien stimmen dafür. Auch die rechte Partei der Schwedendemokraten, die alles andere als glühende Feministen sind. Daran kann man schon erkennen, dass das Gesetz nicht so dramatisch ist, wie in Deutschland dargestellt. Wenn es Kritik gibt, dann, dass das Gesetz nicht viel ändern dürfte, also alles fast gleich bleibt. Kritiker nennen das Symbolpolitik, Verteidiger des Gesetzes sagen, es könnte helfen, die Mentalität zu ändern.
 Welchen Hauptfehler haben die deutschen Medien jetzt gemacht?
In deutschen Medien wird es allerdings so dargestellt, als müssten Männer (obwohl das Gesetz für alle gilt, nicht nur für Männer) jetzt immer vor dem Sex selbst ihre Ehefrau fragen, sonst wäre es automatisch eine Vergewaltigung. Oft heißt es sogar, man muss am besten schriftlich zustimmen. Und das wird geliket und geteilt, weil alle denken, dass die Schweden spinnen. Ich wurde überhaupt erst darauf aufmerksam, weil mich viele anschrieben und fragten, ob das eine Postillon-Nachricht ist.
Lässt sich nachvollziehen, wie der Fehler entstanden ist?
Die meisten völlig falschen Artikel in Deutschland kommen übrigens von einem Autor. André Anwar. Der ist wohl freier Schwedenkorrespondent und hat seinen inhaltlich völlig schwachsinnigen Artikel in der Braunschweiger Zeitung, in den Stuttgarter Nachrichten, in der Augsburger Allgemeinen und in der NOZ untergebracht. Daraus scheint auch eine dpa-Meldung entstanden zu sein. Focus Online schreibt wiederum von der Augsburger Allgemeinen ab und zitiert das und so geht es munter weiter. Am schlimmsten ist das dann bei der Welt, wo es heißt, Schweden ist jetzt mit Saudi-Arabien und dem Iran das unromantischste Land der WeltUlf Poschardt jammert ähnlich. Naja, und noch verrückter wird es dann, wenn auch noch ZDF „heute“ (bei Twitter) und BR24 den gleichen Mist ablassen. Bento hat auch berichtet und sogar einen Link auf thelocal.se gesetzt. Und trotzdem den gleichen falschen Quatsch nachgeplappert.
Hören die betroffenen Medien Sie denn. Hat schon jemand reagiert?
Nein. Poschardt hat ’nen schlechten Witz gemacht. Sonst reagiert niemand. Gehört wird das sicher. Aber ignoriert. Die wollen das halt durchstehen. Halt doch! MEEDIA hat sich gemeldet.
Glauben Sie, die Ignoranz wäre ähnlich, wenn nicht eine Satireseite auf den Fehler aufmerksam machen würde?
Ich glaube, das ist wurscht. Die hätten das auch bei anderen so ignoriert.
Ganz grundsätzlich: Haben Sie das Gefühl, dass die vermeintlichen Qualitätsmedien mittlerweile mehr Fehler machen und mehr Quatschmeldungen übernehmen als früher?
Puh. Schwer zu sagen. Ein Grund könnte aber sein: Der falsche Artikel in der Augsburger Allgemeinen hat bald 10.000 Likes und verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Da haben die sicher nix dagegen.
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Auf MEEDIA-Anfrage antwortete die Chefredaktion der Augsburger Allgemeinen, dass man die Kritik wahrgenommen habe, derzeit den Fall prüfe und gegebenenfalls transparent korrigieren werde.
Die NOZ legte bereits an ihrem Artikel zu dem Thema Hand an. Darunter findet sich nun der Hinweis: „Eine vorherige Version dieses Artikels enthielt sachliche Fehler. Wir haben ihn an entscheidenden Stellen geändert.“
Auch die dpa reagierte auf die Vorwürfe von Sichermann. Gegenüber MEEDIA erklärte ein Sprecher (Anmerkung: am Ende des Textes folgt noch einmal das ganze Statement), dass sich die dpa-Meldung nicht nur mit Schweden, sondern auch mit Dänemark und Norwegen befasst hat und nicht auf einem anderen Artikel beruht. Die dpa zu MEEDIA: „Klar ist aber: Es soll nicht mehr ausreichen, dass der eine Partner irgendwie (passiv) davon ausgeht, dass der andere Partner schon auch will, wenn er/sie einfach nur nicht Nein sagt. Er muss sich vergewissern. Und das hat dpa auch geschrieben. dpa wird das Thema sachgerecht und differenziert auch in den kommenden Tagen noch einmal aufgreifen.“
Die Reaktionen auf die Korrektur-Versuche von Sichermann könnten empörter kaum sein. So kommentiert beispielsweise Thomas Knüwer in Richtung der Redaktionen: “Hey, Klassikmedien! Eine Satireseite korrigiert euch! Eine SATIRESEITE! Muss man noch mehr über euren Zustand wissen?”. Zuvor twitterte Mario Sixtus bereits: “Seit zwei Tagen müht sich die Satire-Seite Postillon, auf eine sich selbst replizierende Falschmeldung in deutschen Qualitätsmedien hinzuweisen.”
https://twitter.com/tknuewer/status/943414645209157632

Update: Hier noch einmal das vollständige Statement der dpa in der Sache:
„Die dpa-Meldung, die sich im übrigen nicht nur mit Schweden, sondern auch mit Dänemark und Norwegen befasst, ist natürlich nicht aus einem anderen Artikel entstanden. Die Passage zu Schweden lautet: ‚Schweden will per Gesetz festlegen, dass man künftig aktiv um Erlaubnis für Geschlechtsverkehr bitten muss. Sonst droht eine Verurteilung wegen Vergewaltigung, auch ohne erkennbare Auseinandersetzung oder Gewalt. Das neue «Einverständnis-Gesetz» soll im Juli in Kraft treten.‘
Schwedens Regierungschef Stefan Löfven hatte wörtlich gesagt: ‚Im Grunde ist die Botschaft einfach: Man erkundigt sich (oder „bringt in Erfahrung“), ob der, mit dem man Sex haben will, auch Sex haben will. Ist das unsicher, lass es sein.‘
Löfven spricht also klar von einem aktiven Handeln. Wie das in der Praxis ernsthaft umgesetzt werden soll, wie genau die einzuholende Zustimmung aussehen soll, diskutieren die Juristen derzeit noch. Das könnte dann ein ausdrückliches ‚Ja, ich will‘ ebenso sein wie eine unmissverständliche Geste o.ä.
Klar ist aber: Es soll nicht mehr ausreichen, dass der eine Partner irgendwie (passiv) davon ausgeht, dass der andere Partner schon auch will, wenn er/sie einfach nur nicht Nein sagt. Er muss sich vergewissern. Und das hat dpa auch geschrieben. dpa wird das Thema sachgerecht und differenziert auch in den kommenden Tagen noch einmal aufgreifen.“

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