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“Der hat doch den letzten Schuss nicht gehört!”: Polizei streitet mit Böhmermann über mediale G-20-Fahndung

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Es ist die aktuell wohl hitzigste Mediendebatte: Am Montag rief die Polizei Hamburg die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Identifizierung von 104 mutmaßlichen G20-Randalierern auf. Bild, Mopo und auch das Abendblatt druckten die Fahndungsfotos auf ihren Titelseiten. Die Folge: eine heftige Diskussion um die Verantwortung der Medien, beim Presserat trudelten bislang sechs Beschwerden ein, und die Polizei Hamburg lieferte sich einen Twitter-Streit mit Jan Böhmermann.

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Der Auslöser: Am Montag hatte die Hamburger Polizei Fotos von insgesamt 104 Verdächtigen sowie Videosequenzen der Ausschreitungen veröffentlicht. Die Fahndung, die unter dem Titel „Soko Schwarzer Block“ läuft, wurde gerichtlich angeordnet, erklärt die Polizei Hamburg auf ihrer Facebookseite. Den Personen auf den Fotos werden jeweils „erhebliche Straftaten vorgeworfen“, wie Oberstaatsanwalt Michael Elsner erklärt. In den meisten Fällen gehe es um gefährliche Körperverletzung, schweren Landfriedensbruch oder Brandstiftung. Ein erster Verdächtiger habe sich der Polizei bereits gestellt, nachdem die neuen Fahndungsfotos veröffentlicht wurden, berichtet die Bild am Dienstag.

Die Hamburger Morgenpost und das Hamburger Abendblatt von Dienstag

Die Folge: Die Bild-Zeitung, die Hamburger Morgenpost oder auch das Hamburger Abendblatt brachte die Fahndungsfotos, die von der Polizeit extra zur Medienveröffentlichung von der Polizei freigegeben wurden auf ihren Titelseiten.

Die Bild von Dienstag

Wie kaum anders zu erwarten, sorgte vor die Bild mit ihrer Titelseite für einige Empörung. Auch weil sofort Erinnerungen an den höchst umstrittene Aufmacher direkt im Anschluss an den G20-Gipfel geweckt wurden. Damals hatte Bild auf eigene Faust Fotos von mutmaßlichen Randalierern gedruckt und die Leser dazu aufgerufen, sachdienliche Hinweise zu den gezeigten Personen der Polizei zu melden. Dafür hatte der Presserat damals eine Missbilligung ausgesprochen: Es gehöre nicht zur Aufgabe der Presse, selbstständig nach Bürgern zu fahnden:

Die Berichterstattung ist daher nicht mit dem Ansehen der Presse gemäß der Präambel des Kodex vereinbar, entschied der Presserat und sprach eine Missbilligung aus. Folgen einer selbst inszenierten „Verbrecherjagd“ sind nach Auffassung des Presserats nicht mehr zu kontrollieren und können auch Selbstjustiz Vorschub leisten.

Und auch diesmal werden sich die Medienwächter wieder mit den Titelseiten beschäftigen müssen. So bestätigte der Presserat am Mittwochmorgen gegenüber MEEDIA, dass mittlerweile sechs Beschwerden wegen des Bild-Covers vom Dienstag vorliegen würden. An den Aufmachern der Mopo oder des Hamburger Abendblattes störte sich dagegen niemand – bislang.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Medienwächter diesmal entscheiden. Denn im Vergleich zum Sommer liegt diesmal ja die Bitte der Polizei um Mithilfe der Bürger und die bewusste Einbeziehung der Medien in die Fahndung vor.

Die Bild sucht auch am Mittwoch weiter. Allerdings nur innerhalb der Zeitung und nicht via Titelseite

Ganz grundsätzlich kritisierte der Politikchef der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl, das Vorgehen der “Soko Schwarzer Block”: „Dieser Internet-Pranger ist gesetzeswidrig.“ Bei dieser Präsentation der Verdächtigen handele es sich um die Aufforderung an die Bevölkerung, Hilfssheriff zu spielen und um die Aufforderung, eine Vielzahl von Menschen zu jagen, deren Tat oder Tatbeitrag völlig ungeklärt sei, so Prantl.

Die Vorwürfte des SZ-Kollegen konnterte Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bereits am Dienstag via Twitter.

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Zudem sah und sieht sich der Bild-Chef selbst auch heftiger Kritik via Twitter ausgesetzt.

Ebenfalls über Twitter lieferten sich zudem die Polizei der Hansestadt und TV-Moderator Jan Böhmermann eine hitzige Debatte. So kommentiert der Polizistensohn Böhmermann in Richtung der Ordnungshüter: “Hoffentlich täuscht der Eindruck, dass die unseriöse #G20FAHNDUNG der @PolizeiHamburg politisch statt strafrechtlich motiviert ist.”

Die Antwort der Polizei Hamburg ließ nicht lange auf sich warten: “Da können wir Sie beruhigen: All diesen Personenfahndungen liegt ein richterlicher Beschluss gemäß des Strafprozessrechts zugrunde. Das Wort “unseriös” ist daher unpassend.”

Konter Böhmermann: “Auch ich kann Sie beruhigen: richterliche Beschlüsse und polizeiliches Handeln sind – Rechtsstaat sei Dank – nicht von der sehr menschlichen Kategorie „unseriös“ ausgenommen. 104 Verdächtige per Öffentlichkeitsfahndung zu suchen ist auffällig unverhältnismäßig.”

Die Polizei antwortete darauf nicht mehr. Dafür allerdings der wortgewaltige Hamburg-Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, Joachim Lenders: “Der hat doch den letzten Schuss nicht gehört!”, zitiert die Hamburger Morgenpost den Funktionär. Via Facebook ätzt Lenders dann noch etwas weiter über den “Strafrechts- und Strafprozessrechtsexperte Jan Böhmermann”.

#G20-Öffentlichkeitsfahndung: Strafrechts- und Strafprozessrechtsexperte Jan Böhmermann meldet sich zu Wort -…

Posted by Deutsche Polizeigewerkschaft Hamburg on Dienstag, 19. Dezember 2017

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