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Verdeckte PR im SWR? Demenz-Doku des ARD-Senders verbreitet falsche Fakten und Heilversprechen der Industrie

TV-Doku über Demenzerkrankung, SWR-Medizinexperte Dr. Lothar Zimmermann: Lobbyarbeit für die Pharmakonzerne statt seriöser Aufklärung über eine gefürchtete Krankheit?
TV-Doku über Demenzerkrankung, SWR-Medizinexperte Dr. Lothar Zimmermann: Lobbyarbeit für die Pharmakonzerne statt seriöser Aufklärung über eine gefürchtete Krankheit?

Für die beste Sendezeit hatte sich der Südwestrundfunk Großes vorgenommen. „Vergesslich oder schon dement?“ lautete der Titel des 45-Minüters in der Doku-Reihe „betrifft:“. Glaubte man der SWR-Ankündigung, erwartete den Zuschauer eine echte Sensation, nämlich „Hoffnung auf Therapien gegen Demenz“. Doch wer Antworten auf Fragen zu einer der meistgefürchteten Krankheiten erhofft hatte, lag falsch.

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Von Cornelia Stolze

Keine Frage. Mit der Wahl des Themas hatte der Sender ins Schwarze getroffen. Denn Demenz ist das Schreckensbild unserer Zeit. Fast jeder hat inzwischen Angst davor, selbst einmal daran zu erkranken. Je älter, desto mehr. Gleichzeitig herrscht große Verwirrung, wenn es um Konkretes geht. Was genau ist eigentlich Alzheimer? Was ist Demenz? Wie viel Schusseligkeit ist noch normal? Wann ist sie krankhaft? Wie kommt es zu der merkwürdigen Veränderung und geistigen Umnachtung zahlreicher älterer Menschen? Welchen Informationen in Zeitungen und im Internet kann man trauen? Und vor allem: Was kann ich verdammt nochmal tun, um meine Liebsten und mich davor zu schützen?

Genau hier hätte der SWR ein Glanzlicht setzen und fundierte Aufklärung leisten können. So, wie es dem Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders entspricht. So, wie es der Zuschauer von einem gebührenfinanzierten Sender erwarten darf und wie es in einem Beitrag mit 45 Minuten Länge sehr gut möglich ist.

Doch der Film enthält falsche Fakten und zeichnet ein völlig verzerrtes Bild von Demenz. Schlechte Recherche und irreführende Informationen wären schlimm genug, wenn es um eine Sendung über Autos, Fußball oder Banken geht. Ein Beitrag mit irreführenden Informationen über ein medizinisches Thema aber berührt das kostbarste Gut: der Gesundheit hunderttausender Menschen.

Ganz offensichtlich ist Lothar Zimmermann, dem Autor des Beitrags, nicht bewusst, dass er mit seinem Bericht nicht die Interessen der Zuschauer und Bürger, sondern die bestimmter Mediziner und Forscher vertritt, die eng mit der Arzneimittelindustrie verstrickt sind. Mit wissenschaftlich fragwürdigen Tests versuchen sie derzeit gemeinsam, Präparate gegen Demenz auf den Markt zu bringen. Dass sie damit gutgläubige Freiwillige täuschen, weil sie Hunderte von Menschen ins Blaue hinein behandeln, verrät der Beitrag des SWR nicht.

Vielmehr treibt Zimmermann das Vorhaben mit falschen Fakten voran. In seinem Beitrag gibt er zum Beispiel vor, dass man Demenz schon bei den ersten Anzeichen von Vergesslichkeit „mit einem Test, der nur zehn Minuten dauert“, feststellen kann. Ein weit verbreiteter Irrglaube, der jedes Jahr zu vorschnellen Demenz-Diagnosen führt. Fakt nämlich ist, dass selbst hinter massiver Verwirrtheit, Vergesslichkeit und Halluzinationen oft eine behebbare Störung des Körpers wie etwa Natriummangel oder Medikamentennebenwirkungen steckt. Und es gibt kein Verfahren, mit dem sich ein solcher Zustand anhand der Symptome von einer Demenz unterscheiden lässt. In der Tat lässt sich Demenz bis heute nicht direkt, sondern nur indirekt durch den Ausschluss anderer Krankheiten feststellen, die als Auslöser infrage kommen.

Das alles lässt Zimmermann unerwähnt. Stattdessen gaukelt er dem Zuschauer falsche Gewissheit über die Ursachen geistiger Umnachtung vor. „Eines weiß man bereits genau“, teilt er dem Zuschauer mit, „es gibt ein giftiges Eiweiß, das Amyloid heißt und Demenz verursacht“. Auch diese Theorie kursiert immer wieder durch die Gazetten der Welt. Doch einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es nicht. Im Gegenteil. Zahlreiche Befunde sprechen längst gegen sie. Das hätte Zimmermann bei sorgfältiger Recherche in der einschlägigen Literatur problemlos erfahren. In der sogenannten S3-Leitlinie Demenzen zum Beispiel, die als Handlungsanleitung für alle Ärzte auf diesem Gebiet gilt, steht: „Die Alzheimer-Krankheit ist eine Krankheit mit unbekannter Ätiologie“, wobei Ätiologie das medizinische Synonym für Ursache ist.

Fakt ist aber, dass mehrere Pharmakonzerne seit Jahren Milliarden von Euro in die Entwicklung von Medikamenten investieren, die auf der Amyloid-Theorie basieren. Mehrere solcher Wirkstoffe wurden inzwischen in aufwändigen Studien an Menschen getestet. Doch alle erwiesen sich bisher als Flop. Tatsächlich sind in vergangenen 20 Jahren klinische Versuche mit mehr als 120 Wirkstoffen gegen Alzheimer gescheitert. Immer mehr Forscher gestehen daher inzwischen ein, dass man mit der Amyloid-Theorie wohl auf dem Holzweg ist.

Doch die Hersteller stehen vor einem Dilemma. Entweder, sie schreiben ihre Milliarden-Investitionen ab. Oder aber, sie versuchen sie zu retten und irgendwann doch noch Gewinne einfahren zu können. Das Problem ist nur: Sie müssen einen Weg finden, wie man die Präparate irgendwie doch an den Patienten und auf den Markt bringen kann.

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Das geht zum Beispiel so: Man behauptet in der Öffentlichkeit, dass das Ziel der Therapie und die Medikamente durchaus richtig sind. Man behauptet weiter, dass man die Mittel in den bisherigen Tests einfach nur viel zu spät eingesetzt habe. Dazu verbreitet man die Nachricht, dass die Alzheimer-Krankheit schon 20 oder 30 Jahre vor Ausbruch der ersten Symptome beginnt und später, wenn die ersten Beschwerden auftauchen, schon zu viel Schaden entstanden ist. Um wirklich helfen zu können, verkündet man weiter, müsse man das Gehirn folglich schon behandeln, bevor die ersten Symptome einer Demenz aufgetreten. Sprich: Jeder, der sich für gefährdet hält oder für gefährdet erklärt wird, soll bereits in jungen Jahren und als Gesunder von den Segnungen der Industrie profitieren. Genau diese Strategie verfolgen nach Auffassung von Kritikern die führenden Arzneimittelhersteller auf diesem Gebiet, insbesondere Eli Lilly, Avid Pharmaceuticals und Roche.

Dass diese Strategie für die allermeisten Demenzkranken nicht passt, erwähnen sie freilich nicht. Tatsächlich geht die Mehrzahl aller Fälle von Demenz nicht auf ein rätselhaftes „giftiges Eiweiß“, sondern auf massive Schädigungen des Gehirns wie etwa durch wiederholte Schlaganfälle, Hirnverletzungen oder exzessiven Alkoholmissbrauch zurück.

Auch darüber verliert Zimmermann in seinem Beitrag kein Wort. Stattdessen vermittelt er dem Zuschauer den Eindruck, dass man Demenz heute bereits im Voraus erkennen kann. So zeigt er in seinem Film einen Mann, der angeblich in einem frühen Stadium der Krankheit ist.  In der Tat weist dieser Mann eine neurologische Störung auf, die sich durch Probleme mit der visuellen Wahrnehmung zeigt. Doch wer die international gültige Definition und die strengen klinischen Kriterien für die Diagnose einer Demenz kennt, stellt fest, dass dieser Patient zwar krank und kognitiv eingeschränkt, aber geistig ziemlich klar und nicht demenzkrank ist.

All diese Fehler, so scheint es, sind dem Autor des Beitrags nicht bewusst. Offenbar ahnt er auch nicht, dass einige Forscher und Pharmafirmen auf genau diese Falschinformationen durch Journalisten angewiesen sind. Denn um neue Wirkstoffe testen und so ihre Karriere oder ihr Geschäft voranzubringen, benötigen sie Hunderte von freiwilligen Probanden. Menschen also, die bereit sind, sich monate- oder gar jahrelang Wirkstoffe verabreichen zu lassen, obwohl sie nicht krank sind und obwohl sich diese Mittel in allen bisherigen Studien als nutzlos erwiesen haben. Und nur durch die Massenmedien erreicht man genug Personen, um ausreichend Freiwillige zu finden. Anreiz dafür gibt Zimmermann, indem er mitteilt, dass es das ersehnte Mittel gegen Demenz „bereits als Tablette gibt“ und zum Abschluss des Beitrags einen Experten sagen lässt, dass „sehr wahrscheinlich in fünf bis zehn Jahren“ ein wirksames Medikament gegen geistige Umnachtung zur Verfügung steht.

Unklar ist, ob Zimmermanns Irreführung allein auf mangelnder Recherche basiert. Fest steht nur: In dem gesamten 45-minütigen Beitrag kommt kein einziger unabhängiger Experten zu Wort. Alle Mediziner und Forscher, die Zimmermann interviewt und um die Vermittlung von Patienten gebeten hat, weisen enge Verbindungen zur Pharmaindustrie und damit massive Interessenkonflikte auf. Der Biochemiker Christian Haass zum Beispiel erhält Geld von der Firma Roche und verfügt über zahlreichen Patente auf dem Gebiet. Der Neurologe Johannes Levin ist beteiligt an einem großen Forschungsprojekt namens DIAN, dessen Finanziers die Pharmakonzerne Eli Lilly, Hoffmann-La Roche und Avid Radiopharmaceuticals sind. Ebenso testet der von Zimmermann interviewte Mediziner Timo Grimmer Wirkstoffe im Auftrag von Eli Lilly und Roche. Der Böblinger Neurologe Felix Bischoff, der im Beitrag zu sehen ist, testet ebenfalls Medikamente gegen Demenz und wirbt im Internet, auf Infoabenden und über die lokale Presse um Freiwillige, die bereit sind, Versuchskaninchen zu spielen, obwohl sie im Kopf gesund sind und frei von jeglichen Demenz-Anzeichen sind. Sie alle hoffen, dass es ihnen mit Hilfe einer ausreichenden Zahl von Probanden gelingt, die von ihnen entwickelten Wirkstoffe so bald wie möglich auf den Markt zu bringen.

Der SWR teilte auf MEEDIA-Anfrage mit, es sei “nicht Ziel des Films gewesen, die Krankheit in all ihren Facetten darzustellen”. Und weiter: “Das Thema wurde intensiv recherchiert und die Protagonisten und Ärzte sorgfältig ausgewählt.” Man habe dabei das in den Vordergrund gerückt, was „von der Mehrheit der Wissenschaftler und Ärzte vertreten wird“. Ob deren Behauptungen den Fakten entsprechen und wissenschaftlich haltbar sind, hat offenbar keine Rolle gespielt oder wurde nicht überprüft. Wenn es danach geht, könnten Journalisten auch führenden Politikern, katholischen Priestern, Fussball-Funktionären und Automobilherstellern blind vertrauen.

 

Über die Autorin: Cornelia Stolze ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie hat zwei Sachbücher zum Thema Demenz veröffentlicht und schreibt u.a. für Die Zeit, den stern und die WirtschaftsWoche.

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Alle Kommentare

  1. Mag sein, dass der SWR Film über Demenz Schlagseiten hat. Aber die Autorin dieses Beitrags und Autorin von „Vergiss Alzheimer“ und „Krank durch Medikamente“ ist voreingenommen und hat sich mit abstrusen Thesen einen zweifelhaften Ruf erworben.

  2. Sehr geehrte Frau Rubner,
    warum ist jemand, der sich mit Alzheimer beschäftigt und ein Buch über Medikamente, die krank machen (eine Behauptung, die auch nicht soooo abstrus ist), “voreingenommen”?

    Sie könnten so eine Journalistin ja auch als Expertin bezeichnen – da sie sich ja wohl intensiv mit den Sachverhalten auseinandergesetzt hat. Und das, was die Dame in den Artikel schreibt, finde ich recht überzeugend – schließlich sind die Argumente, die sie anführt, nachprüfbar.
    Dass Sie diese Argumente einfach als “abstruse Thesen” abtun, könnte auch ein Indiz dafür sein, dass da jemand aus dem Social-Media-Team der genannten Unternehmen ganz schnell diese Fakten desavouieren möchte.
    So kann man jemanden – ohne dessen Argumente widerlegen zu müssen – ganz schnell in einen “zweifelhaften Ruf” bringen.
    Wie wäre es stattdessen mit ein paar überprüfbaren Gegenargumenten?

  3. Zu fast jedem medizinischen Thema gibt es auseinander gehende Meinungen. Auch zu Demenz. Doch die Häme der Autorin macht mich misstrauisch und stutzig. Was treibt sie an, mit so viel Schaum vor dem Munde zu schreiben? Seriöser Journalismus sieht anders aus. Schade!

    1. Es geht nicht um Meinungen, sondern Fakten. Und ja, auch zu Alzheimer/Demenz gibt es Fakten. Und sei es nur, dass man etwas nicht weiß (wie die Ursachen von Alzheimer).
      Und wo erkennen Sie “Schaum vor dem Munde”? Die Autorin regt sich zurecht über einen inhaltlich furchtbaren und mangelhaften Film auf, der so tut, als sei er eine Doku, aber dabei allein die z.T. faktisch falschen Behauptungen der Pharma-Industrie wiedergibt. Das zu verstehen ist eigentlich keine große Leistung.

    1. Ich würde mal darauf tippen, dass es etwas damit zu tun hat, dass Frau Stolze a) Biologin ist und b) sich intensiv mit der Thematik beschäftigt, was man daran erkennen kann, dass sie zwei Sachbücher zu dem Thema geschrieben hat.

      Und vieles von dem, was Frau Stolze schreibt, ist sehr leicht nachprüfbar und korrekt. Beispielsweise dass Demenz eine Ausschlussdiagnose ist oder die Ursachen von Alzheimer nicht bekannt sind.

      1. Sachbücher, die ihre Tendenzen deutlich werden lassen: „Krank durch Medikamente“. Zu sagen, dass die Ärzte die befragt wurden durch die Pharmaindustrie befangen sind, ist genauso, als ob man sagt, dass ein Mechaniker von der Mineralöl-Industrie befangen ist. Ein Arzt kann nicht ohne Medikamente und ein KFZ-Mechaniker nicht ohne Motoröl.

  4. Genau, Herr Hampp, wie bei der Klimaerwärmung, den Auswirkungen des Rauchens oder ob Volkswagen mit seiner Software nun betrogen hat oder nicht.

    Frau Stolze kritisiert im übrigen genau das: dass im Beitrag in geschlagenen 45min keine abweichende Meinung zu Wort kommt.
    Und das völlig ohne Schaum vorm Mund und Häme.

  5. Wenn Menschen OHME fachliche Expertise andere Menschen MIT einer solchen angreifen und eigene BEHAUPTUNGEN gegen recherchierbare FAKTEN stellen, dann weiß ich, was ich davon zu halten habe … 😉

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