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#trending: (k)ein Busfahrer schmeißt ein 10-jähriges Mädchen raus, die Champions-League-Auslosung als Social-Media-Event und die Wende im Mobbing-Fall Keaton Jones

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Guten Morgen! Zwei Fälle ließen mich am Montag wieder einmal darüber grübeln, was die sozialen Netzwerke mit der Gesellschaft anstellen. Da war zunächst ein Busfahrer aus dem Rheinland, der an den Pranger gestellt wurde, weil er ein 10-jähriges Mädchen aus dem Bus geschmissen habe - was sich inzwischen als offenbar falsch heraus stellte. Und dann gab es den inzwischen um die Welt gegangenen Mobbing-Fall des 11-jährigen Keaton Jones, dessen große Aufmerksamkeit nun in einen großen Gegenwind für die Familie zu werden scheint - wegen angeblicher rassistischer Posts der Mutter und Vorwürfen gegen Keaton. Wahrheit oder Lüge - in den sozialen Netzwerken wird alles leider immer schwammiger.

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#trending // News & Themen

Während Der Postillon am Montag mit der Satire “Sachschaden von 100 Euro: Einbrecher räumen komplette Primark-Filiale aus” rund 50.000 Facebook- und Twitter-Interaktionen einsammelte und damit den erfolgreichsten Artikel des Tages veröffentlichte – und bei den journalistischen Texten die Bild-Story über die Verbrennung der israelischen Flagge bei einer Demo in Berlin vorn lag (dazu gleich mehr bei #trending // Wahljahr 2017) möchte ich an dieser Stelle lieber davon erzählen, wie Stories in den sozialen Netzwerken durch die Decke gehen, womöglich gar nicht korrekt waren, die Auflösung dann aber kaum noch jemanden erreicht.

In der vergangenen Woche beschwerte sich auf Facebook der Vater eines 10-jährigen Mädchens darüber, dass ein Busfahrer die Tochter “bei Dunkelheit” im “Nachbardorf” aus dem Bus geschmissen hätte, statt sie zu ihrem Zielort zu bringen, wie die Busroute es eigentlich vorsah. Am Sonntag gipfelte die Story in dem Bild-Artikel “Warf Busfahrer autistisches Mädchen (10) raus?“, der zum großen Aufreger wurde. Über 7.000 Reaktionen gab es auf Facebook und Twitter.

Doch das Fragezeichen am Ende der Headline wurde am Montag größer: Die Rheinbahn, zu der der Bus gehörte, meldete sich mit der Aussage, dass die Überprüfung der Tachoscheibe kein Indiz liefere, das “den Vorwurf stützen würde. Auch an der Wunsch-Haltestelle des Mädchens habe der Bus allerdings nicht gehalten, weil kein Haltewunsch angefordert worden sei.” Der Fahrer könne sich zudem “an kein einzelnes Mädchen im Bus erinnern, dabei befördere er täglich Schüler”. All das berichtet wiederum auch Bild unter der Headline “Fahrtenschreiber stützt Aussage des Busfahrers“.

Interessiert hat die Auflösung oder zumindest Gegenrede leider kaum noch jemanden. Statt 7.000 Interaktionen gab es für den neuen Bild-Artikel nur noch 52! Genau das ist das Unangenehme, das Schlimme an den sozialen Netzwerken. Geschichten werden zu riesigen Aufregern, die das Weltbild von tausenden oder gar Millionen Menschen prägen – aber wenn sie sich als falsch heraus stellen, dann interessiert sich niemand mehr dafür – oder die Auflösung erreicht die Empörten gar nicht erst.

#trending // Social Media

Manchmal denke ich, die Auslosung der Champions-League-Partien ist ein größeres Social-Media-Event als die Spiele selbst. Am Montagmorgen fieberten wieder Fans von 16 europäischen Top-Clubs – und deren Hasser – einer solchen Auslosung entgegen. Medien profitieren von einem solchen Fieber gar nicht so stark, denn die Informationen sind ja auch minimal, kein Medium kann sich hier gegenüber Otto-Normal-Twitterer absetzen. So sammelte sport1 als Nummer 1 mit diesem Thema auch nur 1.800 Facebook- und Twitter-Interaktionen ein. Im Ausland sah es nicht viel anders aus.

Auf Twitter jedoch gab es laut Talkwalker am Montag allein 386.000 Tweets mit dem offiziellen Auslosungs-Hashtag #UCLdraw. Die sicher auch hunderttausende Tweets ohne den offiziellen Hashtag sind da gar nicht mitgezählt. Das größte Land unter diesen 386.000 Tweets war mit 60.000 interessanterweise die Türkei. Dazu passt auch, dass das englischsprachige Account des FC Bayern für den erfolgreichsten Tweet aller Clubs und Spieler sorgte: “Merhaba @Besiktas!” gefiel offenbar auch vielen türkischen Fans.

Insgesamt sorgte aber das vorweg genommene Finale zwischen Real Madrid und Paris St. Germain für das größte Aufsehen. Das zeigte sich u.a. bei den Likes und Retweets der acht Auslosungs-Tweets des @ChampionsLeague-Accounts. Der zur Partie Madrid-Paris sammelte 36.000 Interaktionen ein – die meisten. Real-Spieler Toni Kroos erreichte mit “nice draw” über 59.000 Likes und Retweets. Auf Facebook sammelte Paris St. Germain mit einem direkt initiierten Real-Eintrittskarten-Gewinnspiel die meisten Reaktionen ein: fast 250.000. Allerdings war ein Bestandteil des Spiels auch ein Kommentar unter dem inzwischen gelöschten Post: 213.000 gab es. Ehrlicher kam Real Madrid mit “We’ll face PSG – Paris Saint-Germain in the last-16 of the Champions League!” auf rund 184.000 Likes & Co., Chelsea erreichte mit dem Post zur Auslosung (man spielt gegen den FC Barcelona) 200.000. Am langweiligsten scheinen die Fans die Partie Shakhtar Donezk – AS Rom zu finden. Sie erntete wiederum im @ChampionsLeague-Twitter-Account die wenigsten Likes und Retweets.

#trending // Wahljahr 2017

Ganz große Koalition beim Thema Antisemitismus: Nachdem am Freitag bei einer Demonstration am Pariser Platz in Berlin von pro-palästinensischen Demonstranten israelische Flaggen angezündet wurden, gab und gibt es zahllose Empörungs-Tweets und -Posts von Politikern vieler Parteien. Von den Grünen über SPD und CDU bis zur AfD. Auch der Geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel äußerte sich auf Facebook: “Bei aller verständlichen Kritik an der Jerusalem-Entscheidung der USA gibt es keinerlei Recht und auch keine Rechtfertigung israelische Fahnen zu verbrennen, zu Hass gegen Juden aufzuwiegeln oder das Existenzrecht Israels infrage zu stellen! Wer das trotzdem in Deutschland tut, stellt sich nicht nur gegen Israel, sondern gegen die verfassungsmäßige Ordnung unseres Landes. Unser Rechtsstaat darf und wird das nicht tolerieren.” Die meisten Interaktionen gab es aber für Alice Weidel. Sie teilte einen Link zu einem entsprechenden Bild-Artikel mit dem Wort “Abschaum”. 5.500 Likes & Co. waren die Folge.

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#trending // Entertainment

Eine Traumhochzeit in der Toskana sorgte am Montag für Begeisterungsstürme in Indien – in den sozialen Netzwerken messbar in Form von Millionen Likes, Reactions, Shares, Kommentaren und Tweets. Die Schauspielerin Anushka Sharma heiratete den Kapitän der indischen Cricket-Nationalmannschaft Virat Kohli. Zahllose indische Medien berichteten, zeigten die offiziellen Fotos und ernteten in wenigen Stunden jeweils zigtausende Interaktionen auf Facebook. Allen voran News18 mit 84.000, die India Times mit 64.000 und ABP News mit 55.000. In Deutschland würde man wahrscheinlich nichtmal 55.000 Leute finden, die wüssten, wer Anushka Sharma und Virat Kohli überhaupt sind.

IT'S OFFICIAL — Virat Kohli and Anushka Sharma are now married.(Images Courtesy: Twitter/ Virat & Anushka)

Posted by News18 on Montag, 11. Dezember 2017

#trending // Worldwide

Keaton Jones ist am Wochenende zu einer Art Social-Media-Star geworden. Der 11-jährige Junge aus Knoxville, Tennessee, war von seiner Mutter gefilmt worden, als er weinend von Mobbing gegen sich erzählte. Seine Mutter stellte das Video auf Facebook, dort wurde es über 22,5 Millionen mal abgerufen. Es verbreitete sich rund um die Welt. Auch am Montag sammelte Unilad noch 9 Millionen Views mit dem Clip ein – und die Daily Mail 5 Millionen. Die große Aufmerksamkeit sorgte für eine gigantische Welle von Mitgefühl. Zahlreiche Schauspieler, Musiker, Sportler von Katy Perry und Justin Bieber bis Nickelback und Chris Evans meldeten sich, machten Keaton Mut und boten ihm Geschenke und Einladungen wie z.B. einen Premieren-Besuch des kommenden “Avengers”-Film an.

Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn die Facebook-Seite von Keaton Jones’ Mutter ist inzwischen leer. Alle Posts sind gelöscht. Auch das Video ihres Sohnes. Wie u.a. Newsweek und Deadline ausführlich berichten, tauchten zahlreiche angebliche Posts von Kimberly Jones mit rassistischen Inhalten auf. Zudem Vorwürfe gegen Keaton: Er wäre gemobbt worden, weil er seine Mitschüler ebenfalls rassistisch beleidigt hätte. Was auch immer an den Vorwürfen dran ist: Für die Familie Jones ist aus dem Social-Media-Traum vom Wochenende längst ein Alptraum geworden. Und mittendrin ein elfjähriger Junge. Traurig.

#trending // Deutsche Tops des Tages

Story nach Social-Media-Interaktionen: Der Postillon – “Sachschaden von 100 Euro: Einbrecher räumen komplette Primark-Filiale aus” (50.000 Interaktionen bei Facebook und Twitter)

Story nach Likes & Shares bei Twitter: Bild – “Demonstration in Berlin – Israel-Hasser verbrennen Davidsterne” (2.000 Retweets und Likes)

Story bei Blendle (nach Likes): Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – “Rennt nicht sofort zum Therapeuten!

Google-SuchbegriffMax Born(2.000.000+ Suchen) [wegen eines Google-Doodles]

Wikipedia-SeiteMax Born (117.600 Abrufe) [wegen eines Google-Doodles]

Youtube-Video: SPACE FROGS – “Na, Neugierig? – Ehrliche Werbung

Song (Spotify): Bausa – “Was du Liebe nennst” (416.500 Stream-Abrufe aus Deutschland am Sonntag)

Musik (Amazon): Ed Sheeran – “Divide (Deluxe Edition)” (Audio CD)

DVD/Blu-ray (Amazon): “Ostwind – Aufbruch nach Ora” (DVD)

Game (Amazon): “FIFA 18 – Standard Edition” (PlayStation 4)

Buch (Amazon): Albert Espinosa – “Die roten Geheimnisse: Hör auf nur zu leben, fang an zu genießen” (Broschiert) [Autor des “Club der roten Bänder”]

#trending // Feedback und Teilen

Anmerkung: Alle in #trending genannten Zahlen beziehen sich wenn nicht anders vermerkt auf den Vortag der Newsletter-Veröffentlichung (Stand: 24 Uhr)

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