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„Wir brauchen ein Netflix für Journalismus“: Digitalexperte Gutjahr fordert Medien-Allianz für Paid Content

Digitalvordenker Richard Gutjajhr: "In Zukunft werden nicht Redakteure, sondern Entwickler in Medienhäusern das Sagen"

„Sei der Erste oder sei der Beste“ – auf diese simple Formel reduziert der ARD-Reporter und Digitalexperte Richard Gutjahr die Überlebensdevise der Verlagshäuser. Er ist überzeugt: „Wofür kein Platz mehr sein wird in der Medienwelt der Zukunft, ist Mittelmaß.“ Im Interview mit MEEDIA äußert sich Gutjahr zum Stand der medialen Innovationskultur und der Notwendigkeit einer digitalen Content-Allianz.

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Vor zwei Jahren waren Sie in einem Vortrag in Wien, der den Titel „Sterben, um zu leben“ trug, sehr skeptisch für die Zukunft des Journalismus. Was hat sich seitdem getan: Wie fällt Ihr Fazit des Journalismus-Jahres 2017 aus?
Richard Gutjahr:
Ähnlich desaströs wie damals. Der Unterschied ist, dass sich viele inzwischen damit abgefunden haben, dass die fetten Jahre vorbei sind und dass sich keiner mehr der Illusion hingibt, dass sie so bald wiederkommen. Der Schmerz ist chronisch geworden, man hat gelernt, damit zu leben.
Sind Verlage bei ihrer digitalen Bezahlstrategie vorangekommen? Ist Paid Content selbstverständlicher geworden? Welche Angebote funktionieren am besten?
Es wird mehr experimentiert. Endlich. Aber: Was für die New York Times oder die Washington Post funktioniert, muss nicht zwangsläufig auf jedes heimische Angebot übertragbar sein. Ich habe Zweifel, dass der Leser dazu bereit ist, mehrere digitale Abos parallel abzuschließen. Was wir bräuchten, wäre eine Content-Allianz, ähnlich wie das auf dem Gebiet der Ad-Alliance schon stattfindet. Ein Abo, ein Passwort, verlagsübergreifend für mehrere Titel. Eine Art Netflix für Journalismus.
Fake News, Donald Trump und der Umgang mit der AfD sind die beherrschenden Medien-Themen des Jahres. War der Qualitätsjournalismus den neuen Herausforderungen in der Berichterstattung gewachsen – was wurde versäumt, was ist gelungen?
Unser Problem sind nicht Fake News. Brexit und Trump sind nur die Symptome für ein viel tiefer sitzendes Phänomen, mit dem wir es zu tun haben: ein weit verbreitetes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber einer Elite, die sich zu weit von den Menschen entfernt hat. Parteien, Wirtschaft und Medien haben nicht gemerkt, dass die Digitalisierung und Vernetzung das Kräfteverhältnis innerhalb der Gesellschaft verändert hat. Die Macht verlagert sich weg von den Institutionen hin zum Individuum. Deshalb reicht es heute nicht mehr, unsere Weltanschauung von der Kanzel herab zu verkünden. Auch wir müssen uns erklären, die Nachrichtenauswahl, die Prozesse hinter unserer Berichterstattung transparent machen. Weniger predigen, mehr in den Dialog treten mit den ‚people, formerly known as audience‘.
Die Debatte um die Wechselbeziehung der Digital-Giganten Facebook, Google & Co zu journalistischen Angeboten wird seit Jahren leidenschaftlich geführt. Wem nutzt die Präsenz auf Google News und Facebooks Fanpages mehr – den Verlagen oder Social Media-Riesen? Und gibt es für Verlage einen Weg aus der Reichweitenabhängigkeit?
Was da in den letzten Jahren passiert ist, ist bemerkenswert: Erst haben wir bei Facebook auf unsere Homepage verlinkt. Dann haben wir Bilder und Teaser-Texte dazugegeben. Dann haben wir unsere Inhalte komplett auf Facebook gestellt und der Plattform obendrein auch noch die Vermarktung überlassen. Der reinste Irrsinn! Die wenigsten Nutzer konnten sich später überhaupt daran erinnern, welche Medienmarke hinter einem Beitrag stand. Da heißt es dann nur noch: „Habe ich auf Facebook gelesen!“ Hier offenbart sich das eigentliche Problem: Dass unsere Inhalte austauschbar geworden sind und es den Nutzern egal ist, woher sie stammen. Hier sollten wir ansetzen. Weniger Copy & Paste-Journalismus, sondern originelle, hochwertig produzierte Inhalte. Und ja, das kostet Geld. Das wusste auch Jeff Bezos, als er vor vier Jahren die Washington Post übernahm. Darum beschäftigte er seitdem nicht nur 100 neue Entwickler, sondern genauso viele neue Reporter und Redakteure.

„Content-Marketing? Analoger Wein in digitalen Schläuchen“

Content Marketing und Native Advertising wurden in den vergangenen Jahren als neue Erlösmodelle gefeiert. Welche Bedeutung hat die neue Werbeform für Verlage?
Analoger Wein in digitalen Schläuchen. Mein erster Artikel, den ich Mitte der 90er-Jahre für eine große deutsche Tageszeitung geschrieben habe, war für eine Sonderbeilage der Süddeutschen Zeitung. Look und Feel dieses Supplements war identisch mit den redaktionellen Seiten. Wo bitte ist der Unterschied?
Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht der Journalismus des Jahres 2030 aus – für Verlage und Leser? Wie konsumieren wir die Nachrichten der Zukunft – und wie arbeiten Journalisten in gut einer Dekade?
Die Konsolidierung wird weitergehen, sowohl was die Anzahl der gedruckten Titel betrifft, wie auch die Anzahl der klassisch arbeitenden Journalisten. Was wir dagegen mehr sehen werden, ist der Einzug von Robo-Journalismus und intelligenten Systemen, die uns dabei helfen werden, die immer komplexeren Redaktions-Prozesse zu automatisieren. In Zukunft werden nicht die Redakteure, sondern die Entwickler in den Medienhäusern das Sagen haben. Das bedeutet nicht, dass Journalisten nicht mehr gebraucht werden. Im Gegenteil. Eine schlechte Geschichte wird nicht besser, nur weil sie dann vielleicht 360-Grad auf einer Holo-Lense erzählt wird. Ob in der Nische oder auf der ganz großen Bühne, ich bleibe bei meiner Prognose: Sei der Erste oder sei der Beste. Wofür kein Platz mehr sein wird in der Medienwelt der Zukunft, ist Mittelmaß.
 
Richard Gutjahr ist vielfach ausgezeichneter Journalist und Blogger (gutjahr.biz). 2011 nannte ihn Zeit Online „Netz-Journalist des Jahres“. Im gleichen Jahr kürte ihn das Medium-Magazin zum „Journalisten des Jahres“ in der Katgorie Newcomer. Für seine Recherchen über den Lobbyismus in Brüssel wurde er 2013 zusammen mit dem Team von Open Data City mit dem World Summit Award der Vereinten Nationen ausgezeichnet. Gutjahr war Kolumnist für die Münchner Abendzeitung und den Berliner Tagesspiegel. Aktuell arbeitet er als Reporter und Moderator für die ARD. Daneben schreibt er für die Rheinische Post sowie für diverse Fachmagazine. Außerdem gibt er Workshops für Social Media und Mobile Journalism in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Das Interview mit Richard Gutjahr wurde per E-Mail geführt.

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