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Doku über Helmut Kohl und den "Bimbes": ARD und Spiegel liefern eine journalistische Meisterleistung ab

Langzeit-Kanzler Helmut Kohl, Spekulation über Parteienfinanzierung durch schwarze Kassen: ARD und Spiegel zerpflücken das Bild von anonymen Großspendern

Nein, Helmut Kohl hat die Namen der Spender nicht mit ins Grab genommen, in Wahrheit hat es sie wohl nie gegeben. Zu diesem Ergebnis kommt die Dokumentation „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“, die heute um 22.45 Uhr in der ARD läuft. Flankiert wird die Doku durch einen Artikel im Spiegel, denn die Macher von Text und Film haben gemeinsam recherchiert. Das Ergebnis ist beeindruckend.

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Dass die ARD Journalisten verbietet, vor einem festgelegten Zeitpunkt über einen Film zu schreiben, ist äußerst ungewöhnlich. Man stellt vielleicht mal einen „Tatort“ nicht in den digitalen Vorführraum, weil Til Schweiger wieder Allüren hat. Doch warum das Verbot, nicht vor dem 2. Dezember um 00.01 Uhr über die Dokumentation „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ zu berichten? Die erste Vermutung, dass so die beliebte einstweilige Verfügung durch das Landgericht verhindert werden soll, weil selbst eine klägerfreundliche Pressekammer am Wochenende nicht arbeitet, trifft nicht zu.
Der wahre Grund lautet: Am 2. Dezember um 00.01 Uhr ist die Print-Ausgabe des aktuellen Spiegel erschienen. Und dessen Autoren Sven Röbel und Markus Dettmer haben nach gemeinsamer Recherche mit Stephan Lamby und Egmont R. Koch einen Artikel geschrieben, der zusammen mit der Dokumentation der beiden letztgenannten ein herausragendes bimediales, investigatives Journalismus-Paket darstellt – unklar nur, warum das dem Spiegel keinen Titel wert war; das Nachrichtenmagazin beschränkte sich auf einen Cover-Anriss und setzt in der aktuellen Ausgabe stattdessen auf die GroKo-„Verlierer“ Merkel und Schulz.
Ausgangspunkt für Text und Film ist eine Aussage von Helmut Kohls Intimfeind. Vor zwei Jahren sagte Wolfgang Schäuble in einer Dokumentation von Stephan Lamby, dass die angeblichen Millionenspender von Helmut Kohl gar nicht existieren. Woher das Geld stattdessen stamme? „Es gab aus der Zeit von Flick schwarze Kassen.“ Dass er einmalig von „vier bis fünf Personen“ insgesamt 2,1 Millionen bekommen hat, denen er mit seinem berühmten Ehrenwort die Anonymität zugesichert und deshalb das Geld nicht auf einem offiziellen Parteikonto eingezahlt habe, soll sich der Altkanzler also ausgedacht haben?
Offensichtlich ja. Nach eineinhalb Jahren gemeinsamer Recherche kommen die vier Journalisten zu dem Ergebnis, dass Schäubles Aussage stimmen muss. Eine endgültige Gewissheit werde es allerdings nie geben. „Weil man das Gegenteil nie beweisen kann: Denn wie soll man die Existenz von jemandem belegen, der nicht existiert?“, schreiben Dettmer und Röbel in ihrem Spiegel-Artikel mit dem Titel „Das Ehrenwort“.

Hat der Altkanzler die anonymen Spender erfunden, um ein mafiöses Konstrukt aus schwarzen Kassen zu tarnen?

Allem Anschein nach hat Helmut Kohl die anonymen Spender nur erfunden, um ein System zu tarnen. Denn unter Helmut Kohl etablierte die CDU über fast drei Jahrzehnte hinweg ein weit verzweigtes Netz aus schwarzen Kassen, das in seiner Offenlegung durch Film und Artikel wie ein hoch mafiöses Konstrukt wirkt. Dass vieles von dem, was die Journalisten berichten, schon lange bekannt ist, kann dabei nichts an der Einschätzung ändern, dass es sich um zwei herausragende Arbeiten handelt.
Die zentrale Erkenntnis ist deshalb auch keine kategoriale, sondern eine dimensionale: Mit wie viel krimineller Energie Helmut Kohl und seine Unterstützer im Konrad-Adenauer-Haus vorgingen, lässt einen mit offenem Mund dasitzen. Geldboten-Reisen in die Schweiz waren keine Ausnahme, sondern an der Tagesordnung, schwarze Konten existierten nicht vereinzelt, sondern als vernetztes System, und vom Flick-Konzern bei Bedarf ausgehändigtes Bargeld war ein ständiges Mittel, um eine bislang noch nicht bekannte Schwäche von Helmut Kohl auszugleichen: Der Altkanzler konnte überhaupt nicht mit Geld umgehen. Das berichtet Rüdiger May, ehemals Hauptabteilungsleiter im Konrad-Adenauer-Haus, der sich schon in der Parteispendenaffäre von seinem früheren Chef abwandte und nun genüsslich auspackt. Wenn Kohl mal wieder die offiziellen Parteikonten überzogen hatte, weil beispielsweise 800.000 D-Mark für persönliche Briefe des Kanzlers an alle CDU-Mitglieder ausgegeben worden waren, musste das Geld eben irgendwie beschafft werden. Und bei der Sicherstellung der Versorgung mit „Bimbes“, wie Helmut Kohl das Geld zu nennen pflegte, war die Schatzmeisterei der CDU ausgesprochen kreativ. Lange Jahre nutzte man die Scheinorganisation „Staatsbürgerliche Vereinigung“ als Schleusentor für illegale Spenden. Nachdem die „SV“ aufgeflogen war, gründete man eben in Liechtenstein die „Norfolk Stiftung“.
Als im Jahr 2000 der Bundestag einen Untersuchungsausschuss in der Parteispendenaffäre einsetzte, konnte sich Helmut Kohl auf seine früheren Mitarbeiter aus der Schatzmeisterei verlassen, denn die logen oder gaben riesige Erinnerungslücken vor, um den Altkanzler zu schützen. Die Dokumentation lässt als Beleg dafür das Protokoll eines Telefonats des ehemaligen Spiegel-Redakteurs Hartmut Palmer mit dem Schatzmeisterei-Mitarbeiter Uwe Lüthje vortragen. Gelesen wird der Dialog von dem großartigen Hanns Zischler. Es spricht eindeutig für Lamby und Koch, dass sie diese und weitere Aufzeichnungen eben nicht von irgendeinem deutschen Schauspieler vortragen lassen, sondern von einem der Allerbesten.
Auch die Auswahl der Gesprächspartner ist gelungen. Als Hauptankläger Helmut Kohls agiert Otto Schily, und das zurecht, schließlich hatte der damalige Grünen-Abgeordnete den Regierungschef im Zuge der Flick-Spendenaffäre wegen des Vorwurfs der Falschaussage angezeigt. Die 75-minütige Dokumentation ist absolut rund, Lamby und Koch gelingt es, das nicht gerade telegene Thema der Schwarzkonten so aufzubereiten, dass es für den Zuschauer gut zu konsumieren und gleichzeitig nie unterkomplex ist.
Wer das Thema allerdings vollständig durchdringen will, kommt nicht umhin, auch den Spiegel-Artikel zu lesen. Denn der widmet sich der Sache in einer Ausführlichkeit und Detailliertheit, wie es einem Film nicht möglich ist. Zudem erzählen Markus Dettmer und Sven Röbel die Geschichte von Helmut Kohls mutmaßlich erfundenem Ehrenwort und dem Schwarzgeldkonten-System der CDU absolut nachvollziehbar als eine Geschichte der alten Bundesrepublik, der Bonner Republik. Der größere Zusammenhang, das politsch-gesellschaftliche Klima, in dem all das erst möglich war, lässt sich nur durch den Text erfassen.
Nach der Lobeshymne auf die journalistische Gemeinschaftsleistung muss aber noch ein sehr kritisches Wort erlaubt sein, und das richtet sich mal wieder an die Programmverantwortlichen der ARD: Um 20.15 Uhr den „Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer“ zu senden und diese großartige Dokumentation über ein wirklich wichtiges Thema der bundesdeutschen Zeitgeschichte erst um 22.45 Uhr zu zeigen, ist ein Frevel.
 
Der Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und in dieser Funktion u.a. auch für Spiegel Online tätig.

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