Partner von:
Anzeige

Identifizierende Berichterstattung im Fall des “Westend-Mordes”: Landgericht Berlin weist Bild in die Schranken

“Westend-Mord”: Das Landgericht Berlin weist die Bild-Zeitung in ihre Schranken
"Westend-Mord": Das Landgericht Berlin weist die Bild-Zeitung in ihre Schranken

Familientragödien sind begehrte Mediengeschichten, nicht nur im Boulevard. So war es kein Wunder, dass der so genannte "Westend-Mord" im Jahr 2014, bei dem ein Sohn seinen Vater erschoss, bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Die Bild-Zeitung berichtete über den Mordprozess hinaus, thematisierte weitere zivilrechtliche Auseinandersetzungen. Dabei namentlich erwähnt wurden Verwandte des Täters. Dieser und sein Bruder klagen deshalb nun auf Unterlassung.

Anzeige
Anzeige

Der “Westend-Mord” war die Berliner Kriminalgeschichte im Jahr 2014. Ein 16-Jähriger suchte seinen Vater, ein Notar und Steuerberater, in seinem Büro auf und gab acht Schüsse ab. Fünf davon trafen Ingo W. und töteten ihn. In einem Aufsehen erregenden Prozess, der aus Persönlichkeitsschutz des damals noch minderjährigen Täters unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt worden war, erklärte das Landgericht Berlin den Sohn für schuldig. Das Strafgericht verurteilte ihn wegen Mordes aus Heimtücke zu acht Jahren Freiheitsstrafe.

Auch heute, fast vier Jahre später, beschäftigt der Fall noch immer die Justiz – beziehungsweise seine medialen Folgen. Vor der 27. Zivilkammer des Berliner Landgerichts sieht sich aktuell die Bild, deren Berlin-Ausgabe wie viele andere Lokal-Medien auch über den Westend-Mord berichtet hatte, mit einer Klage auf Unterlassung konfrontiert. Auf Seiten der Kläger befinden sich der Täter (Az. 27 O 286/17) sowie sein älterer Bruder (Az. 27 O 284/17), der zwischenzeitlich ebenfalls verdächtigt worden war. Der Vorwurf: Die Bild-Zeitung habe die Persönlichkeitsrechte der Brüder verletzt und in identifizierender Weise über sie berichtet – vor allem in Betracht des damals noch minderjährigen Täters ein heikles Unterfangen. Das besondere an dem Fall: Den Vorwurf erheben die Brüder, obwohl die Bild noch kein einziges Mal die Namen der Brüder geschrieben hat.

Anlass der Klage ist darüber hinaus nicht die Berichterstattung über den Mord beziehungsweise das anhängige Strafverfahren gegen den Täter und jüngeren Bruder, sondern eine Berichterstattung über einen in diesem Jahr erfolgten Zivilprozess. In diesem standen die Brüder sowie ihr Großvater, gleichzeitig Vater des Ermordeten, vor Gericht. In der Sache ging es um eine Schenkung des Großvaters, die dieser nach der Bluttat rückgängig machen wollte.

Die Lokalredaktion der Bild Berlin griff das öffentliche Verfahren auf, berichtete darüber in der Zeitung – als “Weiterdreh” der legendären Westend-Mordgeschichte. In der Berichterstattung blieben die Namen der beiden Söhne weiterhin anonymisiert. Namentlich genannt wurden aber Großvater wie auch die Anwältin, die in der Sache das Mandat seiner Enkel übernommen hatte. Das ist deshalb so kritisch, weil es sich dabei um die Mutter der Söhne handelt, also die Witwe des Ermordeten.

“Ungeheuerlicher” Vorgang
Anzeige

Die Söhne, im Verfahren gegen Bild nun von Medienanwälten der Kanzlei Schertz Bergmann vertreten, sehen genau darin ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Sie fürchten, durch die Nennung der Angehörigen identifizierbar geworden zu sein. Nach Ansicht der Pressekammer des Landgerichts Berlin wohl zurecht. In der am gestrigen Dienstag abgehaltenen mündlichen Verhandlung gab der Vorsitzende Richter, Holger Thiel, zu erkennen, die bereits erlassene einstweilige Verfügung zu bestätigen. Nach Ansicht der Kammer sei grundsätzlich kein Grund zu erkennen, “die private Angelegenheit an die Öffentlichkeit zu bringen”. Durch die Nennung der Namen sei zudem “ganz schön etwas am Kläger hängen geblieben”, kommentierte Thiel. Mit Kläger ist in diesem Fall der ältere Sohn gemeint, gegen den zwar ermittelt, dem aber nicht der Prozess gemacht wurde. Beide Angelegenheiten werden unter getrennten Aktenzeichen und damit in zwei Verfahren behandelt.

In der mündlichen Verhandlung bekamen die Anwälte der Parteien die Gelegenheit, ihre bereits schriftlich vorgebrachten Argumente noch einmal vorzutragen und zu untermauern. So verteidigte Bild-Anwalt Jan Hegemann die Berichterstattung und argumentierte mit der Besonderheit des Mordes. So handele es sich nicht nur um einen Vatermord, sondern es sei auch das Mileu der oberen Mittelschicht ungewöhnlich für ein derartiges Verbrechen. “Das bleibt im Gedächtnis der Bevölkerung.” Zudem sei sie nicht nur wegen des verbundenen Mordes gerechtfertigt, sondern auch wegen der außergewöhnlichen Mandatierung der Mutter des Täters, was Hegemann mehrfach als “ungeheuerlich” bezeichnete. Das Mandat der Mutter unterscheide das Verfahren von herkömmlichen, so Hegemann. Einer identifizierenden Berichterstattung widersprach er. “Man muss die Identifikation rekonstruieren”, so Hegemann. Dass die Namen von Mutter und Großvater genannt worden seien, ließe noch keine Rückschlüsse auf die Söhne zu, die schließlich auch andere Namen haben könnten, so die Argumentation.

Helge Reich, Anwalt der Kanzlei Schertz Bergmann, ist wenig überraschend ganz anderer Ansicht. Dass die Söhne heißen wie die Mutter, sei naheliegend. Das Verhalten von Bild sei darüber hinaus kaum nachvollziehbar, da man in den Prozessjahren auf die Identifikation verzichtet hätte. Bild nutze den Prozess nun, “um die Familie vollständig in die Öffentlichkeit zu ziehen”, so der Medienanwalt. Die Berichterstattung störe – zumindest im Fall des älteren – in der Phase der Resozialisierung.

Die Kammer stimmte Hegemann in Teilen zu. “Wir erkennen, dass es sich um einen nicht alltäglichen Prozess gehandelt hat”, so Thiel. “Wir sehen aber nicht, dass die Identifizierbarkeit von erheblichem Interesse ist.” Die Kammer schließt sich der Auffassung Reichs an, dass es sich um eine identifizierende Berichterstattung handelt. Die Richter um den Vorsitzenden sind dabei offensichtlich der Auffassung, dass die Identifikation auch für Menschen außerhalb des engeren Personenkreises möglich ist und somit die Persönlichkeitsrechte der Kläger verletzt.

Entsprechend gab die Kammer zunächst den Hinweis, die bereits erlassene einstweilige Verfügung aufrechtzuerhalten. Thiel signalisierte aber, sich noch einmal zu beraten. Für Hegemann und die Bild-Zeitung förderten die Gespräche hinter verschlossenen Türen keinen neues Ergebnis zutage: Die identifizierende Berichterstattung bleibt verboten. Eine abschließende, schriftliche Begründung liegt noch nicht vor.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia