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Weit unter Vorjahr, schwach wie seit 25 Jahren nicht: die Quotenkrise von ProSieben

ProSieben-Chef Daniel Rosemann (r.) und ProSiebenSat.1-Konzern-Boss Thomas Ebeling

In den vergangenen Jahren wurde viel über den Quoten-Niedergang von RTL berichtet. Doch in der jüngsten Vergangenheit heißt der große Verlierer ProSieben. Der November könnte nach aktuellem Stand der erste Monat seit März für den Sender werden, in dem er mal wieder einen Marktanteil von 10% oder mehr bei den 14- bis 49-Jährigen erreicht. Zuletzt gab es sieben Monate unter dieser Marke – zum ersten Mal seit über 25 Jahren.

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In den ersten 14 November-Tagen erreichte ProSieben bei den 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von 10,4%, liegt damit endlich mal wieder über der magischen 10%-Marke. Magisch war diese Marke auch Mitte der 1990er-Jahre schonmal für den Sender. Damals schrammte er im Gesamtpublikum des Öfteren in der Monats-Wertung knapp an 10% vorbei. Doch diese Zeiten sind lange vergangen, ProSieben erreichte in diesem Jahr noch in keinem Monat wenigstens 5% im Gesamtpublikum.
Bei den 14- bis 49-Jährigen fiel der Sender zuletzt in sieben aufeinander folgenden Monaten unter die 10%-Marke – von April bis Oktober. Zum Vergleich: In den Jahren 1993 bis 2016 gab es insgesamt nur sechs Monate mit weniger als 10% – fast ausschließlich in Monaten mit Fußball-WMs oder -EMs. Zahlen, die eindrucksvoll zeigen, wie es um ProSieben derzeit bestellt ist.
War RTL in den vergangenen Jahren der Sender, über dessen Quotenverluste viel diskutiert wurde, sieht es bei ProSieben längst dramatischer aus. Der bisherige Jahres-Durchschnitt liegt bei 9,6% und damit satte 0,8 Punkte unter dem aus 2016. RTL hingegen rutschte „nur“ noch von 12,8% auf 12,4% und Sat.1 von 8,7% auf 8,3%. Im August lag ProSieben plötzlich sogar hinter Sat.1, etwas das zuletzt im Juli 2009 passiert war.
Die bisherigen 10,4% aus dem November sind aber längst noch keine Entwarnung für Sender-Chef Daniel Rosemann und den Konzern-Boss Thomas Ebeling. Denn: Der positive Marktanteil hing vor allem von zwei Faktoren ab: den beiden „The Voice of Germany“-Ausgaben mit jeweils über 24% und den „Tribute von Panem“-Filmen, von denen zwei immerhin 14,2% und 17,0% erzielten. Der Rest des Programms lief auch im November recht blass.
Das ist auch kein Wunder, denn ProSieben setzt immer noch viel zu sehr auf US-Serien und -Filme, mit denen ein Sender sich in heutigen Zeiten überhaupt nicht mehr von Konkurrenten und Streaming-Diensten absetzen kann. Das Alleinstellungsmerkmal ist bei solchen Inhalten nicht mehr da. Wie weit es ProSieben dennoch damit treibt, zeigt exemplarisch ein Blick auf das Programm vom Dienstag (14. November): Zwischen 3 Uhr morgens und 3 Uhr nachts liefen bis auf fünf Minuten „ProSieben Spätnachrichten“ um 3.35 Uhr (!), „taff“, „Newstime“ und „Galileo“ ausschließlich US-Comedy-Serien. Über 21 von 24 Stunden lang. Darunter allein zehn Uralt-Folgen der längst beendeten Serie „Two and a half Men“.
Schaut man auf die Quoten-Charts der bisherigen TV-Saison 2017/18, also auf den Zeitraum 1. September bis 14. November, so schaffte es ProSieben nur fünfmal in die Top 50 der 14- bis 49-Jährigen. Viermal mit „The Voice“ und einmal mit „Fack ju Göhte“. Auch das ist ein Zeugnis dafür, dass es nicht läuft. Selten gewordene Neustarts wie „Schlag den Henssler“ funktionieren nicht, neue US-Serien-Hits sind nicht in Sicht und Hollywood-Filme erreichen im Free-TV immer seltener wirkliche Top-Quoten. Während zahlreiche andere Sender und Streaming-Dienste zudem verstärkt auf eigenproduzierte Serien und Filme setzen, hört man hier bei ProSieben nicht viel. Doch gerade mit solchen Eigenproduktionen und Events wird sich das lineare Fernsehen überhaupt noch im jungen Publikum halten können. US-Material gibt es im Netz an jeder Ecke.
Kein Wunder also, dass ProSieben auch im Werbemarkt der große Verlierer des bisherigen Jahres ist: 1,885 Mrd. Euro setzte der Sender in den ersten zehn Monaten des Jahres laut Nielsen brutto (also ohne Einberechnung von Rabatten, etc.) mit Reklame um, fast 100 Mio. weniger als noch 2016. Ein sattes Minus von 5%, während RTL sogar leicht über dem Vorjahr liegt.
Zusammenfassend lautet die bitte Wahrheit für ProSieben-Chef Daniel Rosemann und Konzern-Lenker Thomas Ebeling: Das „bisschen fettleibige, bisschen arme“ Publikum schaut immer weniger ProSieben.

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