Anzeige

Diesel-Affäre: "Eine echte Kommunikation von Seiten der Autokonzerne hat bislang schlicht nicht stattgefunden"

"Katharsis muss immer nachweislich wehtun": VW-Chef Matthias Müller

Die Diesel-Affäre hält die deutsche Autoindustrie und die Öffentlichkeit in Atem. Aktuell versuchen die Autokonzerne mit Rabatten die aufgebrachte Kundschaft zu besänftigen. MEEDIA sprach mit dem PR- und Kommunikationsexperten Hasso Mansfeld über das Kommunikationsverhalten der Autokonzerne im Allgemeinen und VW-Chef Matthias Müller im Speziellen.

Anzeige

Wie bewerten Sie aus kommunikativer Sich das Verhalten der Autokonzerne in der Diesel- und Kartellaffäre?

Zunächst einmal als äußerst defensiv. Wenn der eine oder andere seinen Kopf in der Öffentlichkeit herausgestreckt hat, wie VW-Chef Matthias Müller, dann mit einer Stellungnahme mit Personal- und Possesivpronomen wie „ich“ und „mein“. Das ist schlecht kommuniziert und zudem überhaupt nicht klug.

Warum nicht?

Damit unterstreicht er seine Exekutivgewalt in diesem Konzern, er weist auf seine direkte, persönliche Verantwortung hin: „Ich werde meine Ingenieure nicht rückwärtsgewandt einsetzen.“ An diesem Satz von Müller ist so ziemlich alles zu kritisieren: Inhalt, Form, Haltung, Duktus.

Dieser Satz drückt auch ein gewisses Verständnis von Herrschaft aus, oder?

Eben. Es ist das Grundproblem von VW, dass man im Konzern eine Atmosphäre geschaffen hat, in der Fehler nicht erlaubt sind, vor allem in der Ära Winterkorn. Lassen Sie mich einen Vergleich ziehen: In einem familiären Umfeld, in dem schlechte Noten mit Prügeln sanktioniert werden, ist das Kind geneigt, die Noten so lange wie möglich zu verschleiern, weil dann die Sanktionen später einsetzen. Genau so ist das im VW-Konzern. 

VW-Chef Müller gab nach dem so genannten Diesel-Gipfel vergangene Woche auch zu Protokoll: „Wir halten es im Grunde genommen für ausgeschlossen, Hardware-Nachrüstungen vorzunehmen.“ Was ist von so einer Aussage zu halten?

Eine solche Aussage zeigt, dass Müller meint, er wäre Herr des Verfahrens. Genau das ist das Problem in der öffentlichen Wahrnehmung, dass die Automobilindustrie sich augenscheinlich über gesetzliche Bestimmungen hinwegsetzen kann und selbst definiert, was die Sanktionen sind, wenn sie gegen Recht und Gesetz verstoßen hat. Eine echte Kommunikation von Seiten der Autokonzerne hat bislang schlicht nicht stattgefunden.

Wie hätte eine sinnvolle Kommunikation Ihrer Meinung nach aussehen können, bzw. sollen?

Man hätte öffentlich Abbitte leisten müssen. Bei VW im speziellen hätte man auch echte Aufklärung betreiben und auch mit personellen Konsequenzen reagieren müssen. Sowohl die Nachfolge von Winterkorn als auch die Nachfolge von Müller bei Porsche waren beides interne Lösungen. Wenn es ernst gemeint wäre mit der Aufklärung, hätte man zumindest die Nachfolge von Winterkorn mit jemandem von außerhalb besetzt.

Das bedeutet: Kommunikation und Management sind nicht getrennt zu betrachten?

Absolut. Und schon gar nicht im Falle von VW. Schon unter Piëch war dieser Konzern ein komplett hierarchisches Konstrukt. Da gibt es an der Spitze den Herrscher mit absoluter Macht. Da muss die Kommunikation auch von der Spitze erfolgen, um glaubwürdig zu sein. Wer soll denn sonst die Inhalte liefern? Die Pressestelle? Wenn es um kluges Kommunizieren in solchen Krisen geht, hält man sich ansonsten am besten an die katholische Kirche: beichten, bereuen, büßen und danach kommt die Absolution. Den Diesel-Skandal gibt es ja nun schon seit zwei Jahren. In dieser Zeit hätte man proaktiv nach technischen Lösungen suchen und diese von sich aus anbieten müssen. Man hätte die Zeit auch nutzen können, um eigene Aufklärung zu betreiben. Stattdessen kam der Umfang der Affäre scheibchenweise durch Recherchen der Medien heraus. 

Auto-Hersteller versuchen aktuell mit Rabatten gut Wetter bei Kunden zu machen, die alte Diesel gegen neuere Modelle „eintauschen“. Ist das eine kluge Maßnahme?

Das hat doch mit der Aufarbeitung nichts zu tun. Man kriegt jetzt ein neues Auto für einen verringerten Preis,  das ändert aber nichts an der Wahrnehmung der vorangegangenen Manipulation. Ich kann nicht erkennen wie man durch eine Rabattaktion wieder Vertrauen in die Ingenieursleistung herstellen kann. Veränderung erfolgt nur durch vorherige Akzeptanz des Fehlverhaltens. Man wird nicht drum herum kommen aufzuarbeiten wer was wann, an welcher Stelle verbockt hat.

Es gibt Stimmen, die verweisen auf den viel höheren Schadstoffausstoß von Frachtschiffen. Was halten Sie von solchen Argumenten?

Das ist doch eine ganz andere Debatte. Die Debatte hier ist, ob die deutsche Automobilindustrie in der Lage ist, technische Probleme ingenieursmäßig zu lösen oder nur durch irgendeine Betrugssoftware. Man muss sich doch als Verbraucher auf technische Angaben verlassen können. Dieser Punkt muss auch alle anderen Maschinenbauer in Deutschland beunruhigen. Ich glaube, dass das Image „Made in Germany“ durch die Diesel-Affäre ganz allgemein massiven Schaden genommen hat. Das geht doch an das Selbstverständnis der Deutschen. Wir sollten immer die beste Ingenieurs-Lösung suchen und nicht irgendwelche Schummel-Software einschleusen.

Wagen Sie eine Prognose, wie sich die Affäre weiter entwickelt?

Die Gegner der Autokonzerne werden immer weiter genüsslich in den Wundern stochern. Es tut in der Seele weh, dass die deutsche Automobilindustrie hier einem Abmahnverein, wie der Deutschen Umwelthilfe, das Treiben so einfach macht. Ich bin ja selbst ausgebildeter Ingenieur und einem fortschrittlichen Kapitalismus positiv zugewandt. Ich halte es für eine Frage der nationalen Ehre, dass dieser Skandal auch personell aufgearbeitet wird. Danach sieht es im Moment aber nicht aus. In den USA sitzt mittlerweile ein  VW-Manager in Untersuchungshaft aber auf Führungsebene drückt man sich vor der Verantwortung. Der Diesel-Gipfel wäre eine Gelegenheit gewesen, einen Cut zu machen. Aber wenn von einer solchen Veranstaltung hängen bleibt „Ich werde meine Ingenieure nicht rückwärtsgewandt einsetzen“, dann ist das sehr schlecht. Es geht in solch einem Fall nicht ohne schmerzhafte Opfer. Denn die Katharsis muss immer nachweislich wehtun. Nur dann kommt in der öffentlichen Wahrnehmung auch die Exkulpation zustande.

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Für MEEDIA ist er in unregelmäßigen Abständen als Gastautor tätig.

Anzeige