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„Die Unsichtbarkeit von Frauen ist eine subtile Form der Diskriminierung“: Maria Furtwängler über ihre Studie zu Frauen in Film und Fernsehen

Maria Furtwängler wünscht sich mehr Vielfalt bei der Darstellung von Frauenbildern

Frauen sind im deutschen Fernsehen und in heimischen Kinoproduktionen deutlich unterrepräsentiert. Zu diesem Ergebnis kam eine von Maria Furtwängler und ihrer Stiftung MaLisa initiierte Studie. Im MEEDIA-Interview spricht die Schauspielerin über Frauen als Stereotypen, die Macht des Geschichtenerzählens und fehlende weibliche Vorbilder im TV.

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Mit ihrer Stiftung MaLisa, die sie gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth gründete, setzt sich Maria Furtwängler für eine gleichberechtigte Gesellschaft ein. Am vergangenen Mittwoch wurde eine Studie vorgestellt, die die Stiftung in Auftrag gab. Unterstützt von ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1 untersuchte das Institut für Medienforschung der Universität Rostock die Geschlechterdarstellung von Frauen im deutschen TV und Kino – mit ernüchternden Ergebnissen: Auf zwei männliche Protagonisten kommt nur eine Frau in einer Hauptrolle vor, auch in Informationssendungen und bei Moderationen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Und Frauen ab einem Alter von 30 Jahren kommen sowieso immer seltener vor.

Frau Furtwängler, was war der Anlass für Sie, die Studie zur Geschlechterdarstellung in Film und Fernsehen mit ihrer Stiftung MaLisa zu initiieren? Gab es einen konkreten Auslöser?
Maria Furtwängler: Ein Aha-Erlebnis war ohne Frage mein Treffen mit der US-Schauspielerin und Filmproduzentin Geena Davis in London (Anm. der Red: Geena Davis zeigte 2014 mit einer Studie die Missverhältnisse der Geschlechter im Film auf). Ich war von den Zahlen ihrer Untersuchung sehr überrascht. Das war der Auslöser für mich, zu überprüfen, wie es diesbezüglich in Deutschland aussieht, zumal die letzte Erhebung zur Geschlechterdarstellung in den 1990er Jahren stattfand.

War es schwierig, die Fernsehsender und Filmförderungen als Partner für die Studie gewinnen?
Nein. Für mich war die große Bereitschaft und Offenheit der Fernsehmacher das Schönste an der Umsetzung. Es wirkte, als habe der Zeitgeist nach genau dieser Studie gerufen. Ich hatte das Gefühl, viele von ihnen waren erleichtert, dass das Thema endlich angepackt wurde.

Wie waren dann die Reaktionen auf die Ergebnisse?
Sicher wird sich der ein oder andere gefragt haben: „Warum haben wir da bloß mitgemacht? Die Zahlen werfen ja kein gutes Licht auf uns.“ Es ist jetzt nicht mein Job, ihnen zu sagen, welche Konsequenzen sie aus den Ergebnissen ziehen sollen. Aber ich habe schon gehört, dass das Thema durchaus bereits besprochen wird und darum geht es ja hauptsächlich: denjenigen, die etwas verändern wollen, Fakten an die Hand zu geben.

Es gibt einen Bereich, in dem sich in den letzten Jahren viel getan hat: Internationale Kinder- und Jugendfilme von Disney & Co. Die Prinzessinnen in „Die Eiskönigin“ oder „Merida“ sind starke, autonome Mädchen und im neuen „Star Wars“-Film wird eine Frau zum Jedi. In Deutschland hingegen konnten Sie zeigen, dass nur eine von vier Hauptfiguren im Kinderfilm überhaupt weiblich ist.
Ja, und sogar nur eine von neun im Fantasiebereich. Ich teile Ihren Eindruck, dass sich in Hollywood schon deutlich mehr bewegt. Aber auch hier bedeutet ein Schritt nach vorne immer zwei Schritte zurück. So wurden 2016 zum Beispiel wieder weniger Filme von Frauen realisiert als noch im Jahr davor.

Warum ist Ihnen das Thema Geschlechterdarstellung persönlich wichtig?
Ich glaube an die Macht der Bilder. Es ist wichtig, dass wir starke Frauen sehen, um selber starke Frauen werden zu können. Ich bin weit davon entfernt, zu fordern, es solle keine romantischen Filme á la Rosamunde Pilcher mit meist jungen, schönen Frauen geben. Aber das Bild, das von Frauen und von ihren Möglichkeiten aufgezeigt wird, ist verengend. Meist sind es Stereotype. Das setzt falsche Normen und an dieser Stelle beginnt die Ungerechtigkeit. Genauso ist es in der Publizistik: Wenn ich grundsätzlich keine Terrorismus- oder Kernkraftexpertinnen sehe, kann ich mir auch nicht vorstellen, selber eine zu werden. Diese Unsichtbarkeit von Frauen ist eine subtile Form der Diskriminierung.

Wir brauchen also mehr weibliche Vorbilder in Film und Fernsehen?
Ja, und die Diversität des Frauenbildes muss breiter werden. Warum gibt es nicht mal eine dicke, übellaunige, alte Kommissarin? Das kann man sich ja bislang im deutschen Fernsehen kaum vorstellen. Frauen werden oft wahlweise liebeshungrig oder übertough dargestellt. Ich möchte Geschichten über Frauen jenseits der 40 sehen, die etwas bewegen, Geschichten über richtige Macherinnen. Bislang ist es doch so: Wenn eine Frau im Film Karriere macht, tut sie das meist auf Kosten ihrer Beziehung oder ihrer Familie. Wie erleben Sie das denn in Ihrem persönlichen Umfeld?

Seit ich Mutter bin, muss ich ständig die Frage hören, ob ich sowohl meiner Arbeit als auch meinem Kind überhaupt gerecht werden kann. Interessanterweise kommen diese Fragen vor allem von anderen Frauen. Da wünsche ich mir durchaus Vorbilder in Film und Fernsehen, die beides völlig selbstverständlich meistern.
Wenn eine Mutter eine Karriere hinlegt, ist die Solidarität von uns Frauen bisweilen extrem dürftig. Ich ertappe mich tatsächlich immer wieder auch selber dabei, dass mir die Fragen „Wie machst du das, wer ist bei deinen Kindern?“ auf den Lippen liegen. Das zeigt, dass auch ich ein Produkt dieser Gesellschaft bin. Ich sage mir in solchen Momenten: „Die wird das schon genauso gut hinkriegen wie ein Mann.“ Wir müssen als Frauen lernen, Solidarität zu praktizieren, und aus unserem bestehenden Muster auszubrechen. Dafür brauchen wir aber Vorbilder. Geschichten können viel verändern.

Können diese Vorbilder durch eine Frauenquote in Film und Fernsehen erreicht werden?
Im fiktionalen Bereich würde eine Quote meiner Meinung jede Form von Kreativität und erzählerischer Freiheit zunichte machen. Hier muss es viel mehr um Aufklärung und Bewusstmachung gehen.

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