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„Objektivität ist ein unrealistisches Ideal der Philosophie“: taz-Reporter Kaul über seinen G20-Livestream

"Niemanden beleidigen. Nicht zu hektisch werden": taz-Reporter Martin Kaul berichtet live von Hamburgs Straßen

Martin Kaul, Redakteur für soziale Bewegungen, begleitet für die taz die G20-Demonstrationen auf Hamburgs Straßen – mit dabei. Bis zu 4.000 Zuschauer gleichzeitig. Denn erstmals berichtet der Journalist mit zahlreichen Livestreams. Gegenüber MEEDIA schildert Kaul seine Erfahrungen mit der der Smartphone-Livestream-App Periscope und zieht eine G20-Zwischenbilanz.

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Du nutzt den G20-Gipfel zum ersten Mal, um regelmäßig live zu streamen. Wie ist es dazu gekommen?
Martin Kaul:
Ich stand in der Gegend rum und dachte, probier’s mal.

Hast Du eine Art „Programm“ für den G20? Wo wirst Du die nächsten beiden Tage vor Ort sein und streamen?
Immer der Nase nach.

Hast Du Dir vorab Tipps zum Streaming geholt oder ist es  learning by doing?
Keine Tipps eingeholt, aber man kann ja die Zuschauer fragen. Wenn alle sagen, geh‘ links rum, dann gehst du links rum. Wenn Sie sagen: Guck mal bei Russia Today – dann sagst du: Russia Today ist ein staatlicher Propagandakanal. Guckt lieber bei der taz. Wir sind wir.

Welche Regeln befolgst Du beim Streamen? Was sind absolute No Go’s?
Niemanden beleidigen. Nicht zu hektisch werden.

Du wirst von vielen Nutzern für deine Objektivität gelobt. Wie lauten Deine eigenen Regeln, um die diese Objektivität zu bewahren?
Objektivität ist ein unrealistisches Ideal der Philosophie. Ich betrachte die Situation subjektiv, das ist doch der Witz. Wichtig aber: Differenzieren, Kontext liefern. Wer taz-Kaul guckt, soll wissen, was er oder sie kriegt.

Du warst bei vielen Protesten dabei. Was ist Dein Zwischenfazit, was die Proteste und Demonstrationen in Hamburg angeht?
Die letzten wirklich großen Straßenschlachten zwischen Militanten und Polizei, die diese Namen verdienen, haben 2007 in Rostock stattgefunden – damals am Rande des G8-Gipfels von Heiligendamm. Seitdem kam es immer wieder mal zu vereinzelten Ausschreitungen – wie etwa bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt im März 2015. Allerdings nie in einem solchen Ausmaß. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die militante Szene in Deutschland verhältnismäßig schwach. Auch in linken Kreisen wird ihre Brachialrhetorik und Militanz viel kritisiert. Für Hamburg haben militante Gruppen allerdings Straßenschlachten wie einst in Rostock angekündigt. Sie wollen – in ihrer Sprache – “den G20-Gipfel zum Desaster” machen. Zur Stunde, Freitag 12 Uhr, sieht alles danach aus, dass dies auch passiert was. Während es Donnerstagabend nach der Erstürmung einer Demonstration durch die Polizei verhältnismäßig ruhig blieb, gibt es inzwischen schwere Ausschreitungen, zahlreiche brennende Autos und das, was sich als Barrikadenkampf bezeichnen lässt.

Martin Kaul, 35, ist Reporter der Berliner Tageszeitung taz und berichtet seit Jahren über soziale Bewegungen und Proteste

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde per Mail geführt.

Lesen Sie hier, wie Martin Kaul mit seinem Livestream zum Leitmedium der Krawallnacht wurde.

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