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Machtmensch Mutti: Wie Kanzlerin Merkel den Medien diktiert, wie das TV-Duell zu laufen hat

Das Fragesteller-Team des aktuellen TV-Duells (v.l.): Claus Strunz (Sat.1), Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) Foto: ZDF/Thomas Kierok

Es ist ein seltsames und unwürdiges Spiel, das Bundeskanzlerin Angela Merkel im Vorfeld des einzigen TV-Duells mit ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz mit den Medien treibt. Die Kanzlerin sträubt sich gegen zwei Duell-Sendungen im TV und diktiert den Sendern sogar den Ablauf.

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Für die beteiligten TV-Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ist dieses TV-Duell vor der Bundestagswahl gleichzeitig Fluch und Segen. Es ist ein Segen, weil hier alle Sender besonders deutlich ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen und sich politisch profilieren können. Besonderes Augenmerk verdient dabei die Auswahl der Fragesteller. Sandra Maischberger fragt für die ARD, Maybrit Illner für das ZDF und Peter Kloeppel für RTL. Die ProSiebenSat.1-Gruppe schickte 2013 man in einer Mischung aus Mut und Verzweiflung den Entertainer Stefan Raab in den Ring. Der sagte zum damaligen Merkel-Herausforderer Peer Steinbrück: „Das ist doch keine Haltung, zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich ‚King of Kotelett‘ bin.“

Schon bezeichnend, wenn aus so einer Sendung vor allem dieser flapsige „King of Kotelett“-Spruch in Erinnerung bleibt. Raab wurde für seinen Auftritt später sogar für den Grimme-Preis nominiert, bekam ihn aber nicht.

In diesem Jahr macht sich das politische Vakuum bei der ProSiebenSat.1-Gruppe besonders stark bemerkbar. Weil man sich dann wohl doch nicht traute, Joko & Klaas zu schicken, muss Claus Strunz ran, der Frühstücks-Populist von Sat.1.

Aber das sind die ganz speziellen Probleme von ProSiebenSat.1 Ein Fluch ist dieses TV-Duell für die Sender vor allem deswegen, weil sich die Kanzlerin stets größtmögliche Mühe gibt, einer echten Debatte zu entziehen. Wahlkampf – so der Eindruck – ist für Angela Merkel ein alle vier Jahre wiederkehrender Störfaktor beim Regieren.

Ursprünglich wollten die beteiligten vier Sender(gruppen) zwei TV-Duelle haben – je eines im öffentlich-rechtlichen und eines im privaten TV. Ein sinnvoller Vorschlag, denn dann hätte es pro Duell nur je zwei Fragesteller gegeben und Zuschauer hätten sich zweimal ein Bild machen können. Als Gerhard Schröder als SPD-Kanzlerkandidat 2002 gegen Edmund Stoiber antrat, gab es zwei Duelle, die nach diesem Muster abliefen. Bei der nächsten Wahl 2005 wollte Schröder erneut zwei Duelle und schon hier bremste Merkel. Aus „terminlichen“ Gründen wollte die damalige Herausforderin nur einem einzigen Duell zustimmen. Schon damals war der Grund fadenscheinig. Merkel setzte aber ihren Willen durch.

Dabei blieb es dann 2009 (Merkel gegen Steinmeier) und 2013 (Merkel gegen Steinbrück) und so wird es auch 2017 sein. Dabei ist die Konstellation vier Fragesteller, zwei Kandidaten, 90 Minuten denkbar ungünstig. Die Frager müssen sich abwechseln, die Kandidaten müssen abwechselnd befragt werden. Auf diese Weise ist ein echter Schlagabtausch von Argument und Gegenargument fast unmöglich. Die Sender wollten darum das Duell entzerren, indem man die 90 Minuten auf zwei 45-Minuten-Blöcke aufteilt, die jeweils von zwei Fragestellern bestritten werden. Die Reihenfolge, in der die Paare drankommen, sollte ausgelost werden.

Doch selbst diese nachvollziehbare Änderung wurde von der Merkel-Seite blockiert. Regierungssprecher Steffen Seibert grätschte dazwischen und bezeichnete es laut Spiegel Online als „sehr befremdlich“, dass die Sender ohne Erlaubnis Merkels solche Änderungen am Konzept vornehmen wollen. Dass Regierungssprecher Seibert und die Merkel-Vertraute aus dem Kanzleramt, Eva Christiansen, die Verhandlungen mit den Sendern in Sachen TV-Duell führten, wurde wiederum auf Seiten der SPD mit Befremden zur Kenntnis genommen. Beide gehören zum Regierungsapparat, der eigentlich aus dem Wahlkampf herauszuhalten ist. Aber offenbar sind Kanzlerschaft und Parteivorsitz nach zwölf Jahren nicht mehr so recht auseinander zu dividieren. Der frühere ZDF-Journalist Seibert wirkt oft wie ein Sprecher Merkels und nicht wie ein Regierungssprecher. Dass er bei Twitter darauf hinwies, dass diese Vermischung von Interessen Tradition hat, macht es nicht besser.

Die Merkel-Seite ließ die Sender jedenfalls unmissverständlich wissen, dass es ein TV-Duell nur zu den Bedingungen der Kanzlerin geben würde. Also so wie immer. Warum dies so sein muss, diese Frage bleibt unbeantwortet. Auf die entsprechende Nachfrage von Übermedien an den Regierungssprecher antwortete bezeichnenderweise die CDU-Parteizentrale:

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel begrüßt das Ergebnis der Gespräche mit den vier TV-Sendern. Sie steht gerne für ein TV-Duell am 3. September zu Verfügung. Das in den drei letzten Bundestagswahlkämpfen bewährte Format gewährleistet, dass die Zuschauer eine konzentrierte politische Debatte der beiden Spitzenkandidaten im direkten Austausch erleben können.

Ein gedrechseltes, fluffiges Nichts von einer Stellungnahme, das man auch als Kommunikationsverweigerung bezeichnen kann. Die Sender hatten also die Wahl friss oder stirb. Offensichtlich wäre es Merkel ziemlich egal, bzw. vielleicht sogar ganz recht, wenn es zu gar keinem TV-Duell kommen würde. Ihre Umfragewerte sind wieder gut, sie liegt stabil vor Schulz. Mit Zufall und politischem Instinkt wurde in der vergangenen Woche auch das potenzielle SPD-Thema Ehe für alle abgeräumt. Beim TV-Duell hat Merkel nach ihrer Lesart höchstens etwas zu verlieren aber nichts zu gewinnen.

Schriftliche Interviews kann sie autorisieren lassen. Wenn sie sich im TV erklären möchte, sucht sich Merkel die Bühne, die ihr am besten passt, nämlich die ARD-Talkshow von Anne Will. Eine Live-Konfrontation mit einem rhetorisch beschlagenen Herausforderer ist ganz offensichtlich keine Situation, die sie sich herbeisehnt. Darum nutzt sie alle zur Verfügung stehenden Mittel, um die für sie potenziell unangenehme Konfrontation möglichst zu entschärfen. Hier ist „Mutti“ ganz Machtmensch.

Dass Merkel damit so problemlos durchkommt, treibt manche zur Verzweiflung. Solche Durchmärsche, die immer wieder exekutierte Alternativlosigkeit sind es vielleicht auch, die einige an der Demokratie im Lande zweifeln lassen. Soweit muss man nicht gehen. Demokratie findet am Ende immer noch in der Wahlkabine statt. Aber der Debattenkultur, der Lebendigkeit und dem politischen Klima wäre es ganz bestimmt zuträglich, man könnte eine Kanzlerschaft – egal von wem – nach dem Vorbild der US-Präsidentschaft maximal einmal verlängern. Das aber fordert niemand.

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