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Die Antisemitismus-Doku bei „Maischberger“ – ein Debakel für den WDR auf allen Ebenen

Vorwärtsverteidigung: Sandra Maischberger, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und der Historiker Michael Wolffsohn

Wie die ARD die umstrittene Antisemitismus-Doku des WDR gestern präsentierte und die anschließende Debatte in der Sendung „Maischberger“ waren ein wohl einmaliger Vorgang im Fernsehen. Der WDR gab sich alle Mühe die Doku mit einem „Faktencheck“ und zahlreichen Warnhinweisen zu diskreditieren. Es war eine Art betreutes Fernsehen mit Denkanleitung. Bei „Maischberger“ ging anschließend WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn im Zwiegespräch mich Michael Wolffsohn baden. Ein Debakel für den WDR.

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Zunächst einmal zur Doku selbst und dem vom WDR ins Internet gestellten Faktencheck. Wann gab es das schon einmal, dass ein Sender eine Dokumentation mit derartig vielen Warnhinweisen und Richtigstellungen versieht? Die Ausstrahlung begann mit einer Art Warntafel vor dem Film. Während der Doku gab es immer wieder Einblendungen, dass Betroffene hier nicht gefragt worden seien. Erst der WDR habe den Beschuldigten Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Und – so eine Überraschung – die nachträglich Befragten gaben alle sinngemäß zu Protokoll, dass sie ja gar nix gegen Juden haben. Entschuldigung für den Sarkasmus im vorangegangenen Satz, aber bei dieser Sache fällt es schwer, nicht sarkastisch zu werden.

Warnhinweise bei der Ausstrahlung der Antisemitismus-Doku (Screenshots von der Facebookseite von Daniel Bouhs)

Allein der Faktencheck, den der WDR ins Netz gestellt hat, kann einem das Blut in Wallung bringen. Inwieweit die vom Sender immer wieder ins Spiel gebrachten Persönlichkeitsrechtsverletzungen in der ursprünglichen Doku-Fassung zutreffen, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Sollte es solche Fälle geben, musste der Sender selbstverständlich eingreifen. Ebenso müssen falsche Faktenbehauptungen natürlich korrigiert werden. Man kann den Machern von „Auserwählt und ausgegrenzt“ auch durchaus vorwerfen, dass sie bei ihrem Film keine neutrale Position eingenommen haben, sondern eine dezidiert pro-jüdische und pro-israelische. Das versucht der Film aber auch gar nicht zu verschleiern. Vielleicht hätten sich die Macher manche sarkastische Bemerkung besser gespart („Dieser Holocaust-Vergleich wird ihnen präsentiert von Brot für die Welt.“). Aber auch hier gilt: Das hätte man alles im Vorfeld bequem ändern und klären können.

Stattdessen erweckt der nachträglich zusammengeschusterte Faktencheck nun selbst den Eindruck starker Voreingenommenheit. Er geht über das Korrigieren von Fakten weit hinaus. Das Ziel, den Film komplett zu diskreditieren, wird überdeutlich. Nehmen wir beispielhaft nur mal Punkt 1 aus dem Faktencheck. Der Film beginnt mit der berüchtigten Rede des Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament, in der dieser den uralten antisemtitischen Mythos der jüdischen Brunnenvergifter allen Ernstes aufwärmt. Abbas sagte: „Darüber hinaus möchte ich noch sagen, dass vor nur einer Woche einige Rabbiner in Israel ihre Regierung aufgefordert haben, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk?“ Eine infame Lüge, Abbas hat sich später nach Protesten von der Aussage distanziert. Dass er so etwas überhaupt sagte ist für sich genommen ein Skandal, dass er im EU-Parlament für diese Ungeheuerlichkeit Standing Ovations bekam und der damalige EU-Parlamentspräsident und heutige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schultz die Ansprache „inspirierend“ nannte, ein weiterer. Die Filmemacher verweisen zurecht auf den Gleichklang zwischen Abbas und Julius Streicher, einem der schlimmsten Hetzer der Nazi-Zeit. Und was meint der WDR-Faktencheck? Der meint das hier:

Der Kommentartext fügt dem Zitat von Abbas weitere Inhalte hinzu: „Rabbiner planen palästinensische Brunnen zu vergiften.“
Von „Brunnen“ spricht Abbas hier jedoch nicht, auch nicht von „Plänen“ der Rabbiner, das Wasser zu vergiften. Ebenso ist in den ausgestellten Zitaten keine Rede von „Landraub“. Aus dieser Interpretation wird die Behauptung abgeleitet, die Rede Abbas stünde in einer Tradition, die den Juden seit dem Mittelalter vorwirft, Brunnen zu vergiften, um sie dadurch „zu enteignen, zu vertreiben und zu ermorden“. Abbas spricht in seiner Rede, aus der die zuvor kommentierten Zitate isoliert wurden, zudem von dem Ziel einer friedlichen Koexistenz zweier Staaten Israel und Palästina.

Es wird da im Ernst „korrigiert“, dass Abbas nicht „Brunnen“ gesagt hat, sondern nur „Wasser“. Und natürlich hat er Feigenblatt-mäßig auch von einer „friedlichen Koexistenz“ gesprochen. Aber das macht es doch nicht besser, dass er älteste antijüdische Zerrbilder serviert. Ansonsten finden sich viele Stellen im Faktencheck, die monieren, dass der Film historische Zusammenhänge zu stark verdichte, bzw. dass Interviewpartner und Organisationen nicht konfrontiert worden seien.

Ausschnitt aus dem WDR-Faktencheck zur Doku

Zu Teilen dieser Vorwürfe äußern sich die Autoren des Films in einem ausführlichen Fragebogen, den der WDR ihnen zugeschickt hat und der im Rahmen des Faktenchecks auch veröffentlicht wurde. Der Fragebogen ist deutlich erhellender als der Faktencheck selbst.

Nicht äußern konnten sich die Autoren des Films in der auf die Doku folgenden „Maischberger“-Sendung. Das ist interessant, denn immerhin kündigte die ARD an, dass in der Sendung die angeblichen „handwerklichen Fehler“ des Films thematisiert würden. Wäre es das nicht ratsam, im Sinne des vom WDR so hoch gehaltenen journalistischen Handwerks auch die Gegenseite, also die Autoren zu hören? Nö, meinen WDR und Sandra Maischberger. Denn, so die mehr als fadenscheinige Begründung:

Redaktionell liegt der Schwerpunkt der Diskussionsrunde nicht auf einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Film, sondern auf dem eigentlichen Thema der Dokumentation, dem Antisemitismus. Dazu haben wir mit Ahmad Mansour auch einen an dem Film beteiligten Gesprächspartner zu Gast.

In der Sendung stellte der Historiker Michael Wolffsohn die Frage, warum niemand der Autoren eingeladen wurde, an WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Moderatorin Sandra Maischberger antwortete für ihren Chef sinngemäß, dass die Gästeliste Sache der Redaktion sei und man manchmal besser ohne die direkt Beteiligten redet. Eine, sagen wir mal, ungewöhnliche Herangehensweise in so einem Fall. Außerdem, so Maischberger weiter, solle es ja schwerpunktmäßig gar nicht um den Film gehen, sondern allgemein um das Thema Judenhass. Was die Diskutanten dann freilich nicht davon abhielt, immer wieder doch sehr detailliert über den Film zu debattieren. Als MEEDIA am Vortag eine Anfrage an die Redaktion von „Maischberger“ stellte, warum die Autoren nicht eingeladen wurden, verwies man übrigens auf den WDR. Die oben zitierte Wischi-Waschi-Antwort kam dann später schriftlich von der WDR-Unternehmenskommunikation ohne Nennung, wer diese Aussage getätigt hat. Soviel dazu, dass die Gästeliste dieser Sendung alleinige Sache der Redaktion „Maischberger“ gewesen sei.

Wolffsohn wies absolut zu recht darauf hin, dass es doch wohl gute Gepflogenheit sei, Unstimmigkeiten im Vorfeld mit den Autoren eines Films zu klären. WDR und Arte hätten die Doku aber monatelang herumliegen gehabt und nichts getan. Erst auf Druck der Bild, die die Doku im Alleingang online zeigte, sei der WDR tätig geworden. So ist es wohl, eine andere Lesart fällt in der Tat schwer.

Wolffsohn pochte darauf, dass der Film bei allen möglicherweise vorhandenen Mängeln, exzellent aufzeige, welche verschiedenen Strömungen von Antisemitismus es gibt: rechten, linken und muslimischen Antisemitismus. Außerdem „strotzten“ auch andere WDR-Dokus nur so von Fehlern. Der Historiker nannte beispielhaft eine missratene Geert-Wilders-Doku oder eine überzogene Doku über Goldman-Sachs, die beide ohne Faktencheck-Klimbim gesendet wurden. Wolffsohn zum WDR-Fernsehdirektor Schönenborn: „Wenn sie diese Standards immer anwenden, senden Sie nur noch Testbilder.“

Schönenborn versuchte, sich mit Verweisen auf Qualität und die nicht näher bezeichneten Rechtsverstöße im Film zu rechtfertigen. Die wesentlichen Fragen umschiffte er aber stets. Im Anschluss an das hoch interessante „Duell“ zwischen Wolffsohn und Schönenborn diskutierten dann noch Ahmad Mansour, Norbert Blüm, Gemma Pörzgen und Rolf Verleger über die Doku und Antisemitismus.

Diese Sache mit der Antisemitismus-Doku hat der WDR auf wirklich spektakuläre Art und Weise vergeigt. Das Gute im Schlechten ist, dass der Film nun eine ungleich höhere Aufmerksamkeit und Zuschauerschaft bekommen hat, als er es bei einer Ausstrahlung nur bei Arte jemals gehabt hätte. So gratulierte Wolffsohn dem WDR-Mann Schönenborn auch höhnisch zu diesem „PR-Erfolg“. „Das war so nicht beabsichtigt“, sagte der darauf knapp. Das glaubt man sofort.

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