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Kritiker feiern, Zuschauer lästern: Verwirrung um Sibel Kekillis „Tatort“-Tod

Sibel Kekillis Abschieds-"Tatort" fällt bei den Zuschauern durch.

Am Sonntagabend lief der letzte Kieler „Tatort“ mit Sibel Kekilli in der Rolle als Kommissarin Sarah Brandt. Die Kritiker feierten ihren Abschied als „wuchtigen“ Film und als „brutales, brillantes Saisonende der Krimi-Reihe.“ Doch bei Twitter sah die Stimmung ab 20.15 Uhr grundlegend anders aus: So richtig verstanden hat den Streifen offensichtlich niemand.

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Verwirrend war er definitiv, der letzte Fall von Sarah Brandt. Verwirrend, schmerzhaft und aufwühlend: Der Zuschauer begleitet in „Borowski und das Fest des Nordens“ den Ex-Familienvater Roman Eggers (grandios gespielt von Misel Maticevic), wie er in eine Spirale brutalster Gewalt gerät und nicht nur seine Geliebte im Blutrausch mit einem Tischbein erschlägt, sondern auch einem Drogendealer ein Messer in den Bauch rammt und ihn stundenlang qualvoll verbluten lässt.

Männer kommen nicht gut weg in diesem Film, und Sarah Brandt schaut mit zunehmender Hilflosigkeit und Verzweiflung auf die männliche Verrohung und Eskalationen, bis es für sie am Ende keine andere Konsequenz mehr geben kann als ihren Abschied. „Vor dem Hintergrund der Kieler Woche zeigt dieser ‚Tatort‘ Männer im Zerstörungs- und Selbstzerstörungswahn“, schreibt Christian Buß bei Spiegel Online und urteilt: „Der Film treibt das männliche Gewaltpotenzial auf die Spitze. Er rechtfertigt nicht, er verharmlost nicht, er zeigt nur (…). Ein explosiver ‚Tatort‘, der die Zuschauer spalten wird. Ein starker Saisonabschluss.“ Bei Faz.net schreibt Matthias Hannemann: „Es wird ein brutaler Auftakt für einen Film, der wuchtig sein will und das auch schafft. Das Grundgerüst von „Borowski und das Fest des Nordens“ wurde noch vom Großmeister des skandinavischen Krimis, dem 2015 verstorbenen Henning Mankell, entworfen.“ Und Holger Gertz lobt bei der Süddeutschen: „Der gewöhnliche Tatort traut sich oft nichts, er verwitzelt und strengt nicht an. In dieser Folge wird nichts weichgespült.“

Auch Dominik Graf, der zu Deutschlands besten und erfolgreichsten Filmemachern gehört, überschlägt sich in einem Gastbeitrag für die ARD mit Lob: „Die verantwortlichen Redakteure und Jan Bonny und Markus Busch haben das begeisternd, inspirierend getan.’Borowski und das Fest des Nordens‘ ist kein ‚Stück‘ oder ‚Programm‘ oder ‚Format‘, wie sie bei den Sendern gerne sagen. Er ähnelt tatsächlich einem richtigen Film im alten Sinn.“

Doch bei den Zuschauern wollte der Funken offenbar nicht so recht überspringen – zumindest bei Twitter war das Urteil des Publikums vernichtend:

Nicht nur die Zuschauer üben zum Teil harsche Kritik am neuen Kieler „Tatort“, auch Hauptdarsteller Axel Milberg aka Klaus Borowksi zeigt sich mit einigen Details des Drehbuches unzufrieden. Im Interview mit dem Berliner Kurier erklärt er: „Schon beim Lesen mochte ich diese Täterfigur nicht.“

Und auch bezüglich der Einschaltquoten konnte „Borowski und das Fest des Nordens“ nicht überzeugen: 6,11 Mio. Krimi-Freunde sahen den Film. Diese deutlich unterdurchschnittliche Zuschauerzahl lässt sich noch mit dem sommerlichen Wetter erklären, das dafür gesorgt haben dürfte, dass viele Leute den Abend lieber draußen verbracht haben als vor dem Fernseher. Doch auch der Marktanteil lag unter den sonst erzielten Werten: Mit 22,2% verfehlte er das Normalniveau um etwa 4 Punkte und blieb auch unter den zuletzt von Borowski erzielten Werten. Noch deutlicher unter dem Normalniveau blieb der „Tatort“ bei den 14- bis 49-Jährigen: 1,52 Mio. reichten auch hier für den Tagessieg, aber nur für 16,3%.

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