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Scharping-Effekt und „Möbel-Gate“: die Medien-Hysterie rund um die PR-Homestory von Heiko Maas und Natalia Wörner

Heiko Maas und Natalia Wörner: Wenn sich das "Glamour Paar" sein "Liebes-Nest" bezahlen lässt und hinterher eine "Löschaktion" durchführt haben wir ein "Möbel-Gate"

Die Zeitschrift Bunte veröffentlichte in ihrer jüngsten Ausgabe eine Art „Homestory“ über das „Glamourpaar“ Heiko Maas und Natalia Wörner. Die Bilder zeigten die Inneneinrichtung ihrer Wohnung in Berlin und stammten von der Onlineseite eines Möbelversenders. In sozialen und sonstigen Medien war schnell die Rede von einem „Möbel-Gate“ und dem berühmten Scharping-Effekt. Die Gereiztheit des Medienbetriebs ist nach wie vor hoch.

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Der Online-Möbelversender Westwing produziert für sein Online-Magazin schon seit längerem so genannte Homestories mit mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen. Diese Leutchen zeigen dann ihre Wohnungen her, die natürlich mit feschem Westwing-Mobiliar ausstaffiert sind. Stephanie Gräfin Bruges von Pfuel zum Beispiel (die hat vor Äonen mal Kaffeewerbung gemacht) oder die Möbel-Bloggerin Svenja Brücker oder irgendwelche „Interior Designer“. Bei dieser Promi-Preisklasse war die Schauspielerin Natalia Wörner, liiert mit Bundesjustizminister Heiko Maas, schon ein dicker Fisch.

Bei solchen Arrangements ist es üblich, dass die „Promis“ die abgeknipsten Möbel behalten dürfen. Und so ließ sich Frau Wörner offenbar die gemeinsame Wohnung mit ihrem Heiko von Westwing einrichten. Damit Westwing auch was davon hat, wurde die Homestory via Newsletter breitgetreten und Westwing bot die Möbel-Bilder zusätzlich Redaktionen an, so auch Burdas Bunte, die schnell zuschnappte.

Dort sah man die Gelegenheit, aus dem schalen PR-Arrangement eine Art Geister-Homestory zu basteln. Man nehme ein Bild von Wörner/Maas, dichte was von „Glamour Paar“ und „Liebes-Nest“, fertig ist die Laube. Die Bild am Sonntag hat daraufhin gemerkt (oder wurde von interessierten Kreisen darauf aufmerksam gemacht), dass die schnuckelige Westwing-Story schon wieder aus dem Netz verschwunden ist. „Löschaktion bei Natalia Wörner“, titelte das Springer-Blatt mit einem Hauch von Skandalisierung.

Im Internet-Cache-Speicher wühlten die BamS-Redakteure die eigentlich gelöschten Wohnungsfotos aus dem „Liebes-Nest“ dann nochmal raus und rechneten zusammen, dass die abgelichteten Möbel einen Gesamtwert von 9.104 Euro haben. Eine Sprecherin Wörners teilte dazu mit, es habe sich um eine „ganz normale“ Kooperation gehandelt. Die Vergütung in Form von Sachleistungen werde von Frau Wörner ordnungsgemäß versteuert.

Und warum wurden die Möbel des „Glamour-Paares“ dann wieder offline gestellt, wenn alles „ganz normal“ war? Wie Westwing gegenüber der BamS zusammenfabuliert, weil man „täglich neue und wechselnde Inspirationen“ bieten wolle. Das ist selbstverständlich ausgemachter Quark, denn die ollen Möbel-Stories der Kaffee-Gräfin und der Interior-Designer sind allesamt noch online.

Viel wahrscheinlicher und plausibler ist, dass Heiko Maas wegen der plötzlichen medialen Aufmerksamkeit in Verbindung mit bezahlter Möbelwerbung gedämmert sein mag, dass das vielleicht keine super Idee war von der Anvertrauten. Während er im Büro am Netzwerksdurchsetzungsgesetz herumfeilt, lässt sich die Dame des Hauses gratis Möbel liefern und kurz danach kann man das „Liebes-Nest“ in Bunte bestaunen. Bunte Medienrepublik Deutschland.

Da Heiko Maas und seine Politik nicht nur Freunde hat in der weiten Medienwelt (euphemistisch gesprochen) fand die Geschichte ein recht großes Echo. Der notorisch aufgekratzte Anwalt Joachim Steinhöfel witterte sogleich ein „Möbel-Gate“. Kleiner geht’s nicht in diesen Kreisen. Das nach rechts schielende Blogmagazin „Tichys Einblick“ dichtete was von Maas als „Posterboy im Möbelladen“ und brachte den unvermeidlichen Begriff von den Fake News ins Spiel. Und bei Facebook dauerte es nicht lange, bis ein Vergleich zur ollen Scharping-Swimmingpool-Story gezogen wurde.

Immer wenn Bunte etwas macht, das Politikern auf die Füße fällt (zuletzt das Interview mit dem abgewählten SPD-Ministerpräsidenten Thorsten Albig aus Schleswig-Holstein) kommt einer und ruft „Scharping!“. Zu Erinnerung: Anno 2001 zeigte Bunte den verliebt im Swimming-Pool planschenden Verteidigungsminister Rudolf Scharping, während sich die Bundeswehr gerade auf einen Auslandseinsatz vorbereitete. Die Scharping-Pool-Story gilt seither als Paradebeispiel dafür, wie die Boulevardpresse einen Politiker vorführt, bzw. wie sich ein Politiker vorführen lässt – und alles für den vermeintlichen Strahlemann kein gutes Ende nimmt.

Der Vergleich führt im aktuellen Fall aber in die Irre. Maas ist sich offenbar bewusst, dass die Möbel-PR ihn nicht gut aussehen lässt, darum wohl die Löschung. Dass er sich zu der Sache ansonsten bedeckt hält, ist verständlich. Jede neue Äußerung würde zu einer neuen Story hochgejazzt. Wenn das „Möbel-Gate“ überhaupt als Lehrstück für etwas taugt, dann dafür wie verzweifelt Teile der Medienlandschaft nach Geschichten gieren. Die einen, wie Bunte, weil sie eine Nähe zur Prominenz suggerieren wollen, die längst nicht mehr da ist. Die anderen, wie „Tichys Einblick“, weil ihnen jedes an den Haaren herbeigezogene Mittel recht ist, um Stimmung zu machen. Die Grenzen zwischen Stimmung machen und hetzen sind hier fließend. In beiden Fällen speist sich die Berichterstattung aus niederen Motiven.

Dass es auch etwas armselig und instinktlos ist, dass eine erfolgreiche Schauspielerin und Lebensgefährtin eines Spitzenpolitikers sich die Einrichtung von einem Online-Möbelladen bezahlen lässt, steht wieder auf einem anderen Blatt. Das ist eine jener Geschichten, bei denen niemand gut aussieht.

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